Friday, July 3, 2026

FreitagsGedichte / #KurzLyrik 03.07.2026



Wenn du mir auf der Gitarre
zwei Volksweisen zupfst,
werd' ich die ganze Nacht wachen,
damit niemand deinen Namen auslöscht.
Jorge Luis Borges [1]


Weiße Birken 
Die gedrungenen Birken 
In der Tundra 
Träumen nicht von Größe 
Sie träumen 
Vom SonnenSchein
Der auf ihren Blättern glänzt 
Vom Wind 
Der mit ihren Blättern raschelt 
Vom Regen 
Der von ihren Blättern tropft 
Vom MondSchein 
Der den Schorf weiß bedeckt   

Die HeuWiese

    der Wind 
Wogt 
In 
Der 
HeuWiese 
Fängt 
Sich 
Wieder 
In 
Den
Fichten
Und raschelt 
    Weiter
In den Birken 

Amsterdam 
Du flüsterst am Rande der Gracht 
Ein HausBoot schaukelt
Radler kommen und fahren wieder
Wie das Licht des Tages schwankt 
Wie unsere Körper 
Amstel 
Kopje Koffie
Auch wenn die Nacht kommt 
Ich rufe am Rande der Gracht
Ein Bötchen tuckert vorbei
Die Tauben und die Möwen
Schreien und Gurren
Ein Rad rutscht auf dem KopfSteinPflaster
Und wir stoßen zusammen 
Lachen auf  

Beerdigung 
    sie hatten 
Die 
Taschen 
GeLeert
Denn 
Das 
Letzte 
Kleid 
Hat 
Doch 
Taschen
Nur leer 
    Sollten 
Sie sein

Voll
    Voll, nein
Voller 
Lärm 
Ist 
Der 
Raum
Ich 
Sehe 
Nicht 
Die 
Lärmenden
Aber 
Die 
Lüster 
Den 
Champagner
Und schließlich 
    Auch 
Die Leute 

FriedHof 
    der FriedHof
Mit 
Den 
VerWitterten 
GrabSteinen 
Endlich Friede
Endlich unter sich 
Unten
Endlich unter sich 
Genießen die 
    Toten 
Die Ewigkeit 

Où est la plume de ma tante ?
    das leere 
Vogel-
Haus 
Mit 
Der 
Offenen 
Tür 
Aber 
Selbst 
Die 
Katze 
Rechnet nicht 
    Mit 
Einer RückKehr [2]

Hitze
Mittags ist der Tag einGeschlafen 
Und döst vor sich hin 
Die HeuBallen liegen 
In der brütenden Hitze 
Und warten geDuldig 
Auf ihren Transport 
Im Schatten taucht die Frage auf:
Was brütet so geDuldig?

Farben
Laß dich vom ruhigen Blau des Himmels 
In die Höhe heben
Und sieh das gleißende Licht 
Das aus der Dunkelheit 
In Myriaden von Farben zerFließt 
Jede der BeGinn einer eigenen Welt 
Und jede nur ein MosaikSteinchen 
Siehe und höre die Stimmen am blauen UrGrund  

GeFangen

    in GeDanken 
BeTrittst 
Du 
Die 
Zelle
Die 
Du 
Niemals 
Mehr
Verläßt
Denn 
In 
GeDanken
Sind wir am 
    UnErbittlichsten 
GeFangenen 





Links und Anmerkungen:

[1] Aus: Jorge Luis Borges [1a]: Kinderlieder V. In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. 8. Jahrgang 1961. Carl Hanser Verlag, München 1954-1973. Nachdruck Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1975. S. 169. Übersetzung von H.L. Davi.
[1a] Jorge Luis Borges (1899-1986) war ein argentinischer Schriftsteller und Bibliothekar. 
https://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges 
[2] Als Antwort auf: John Ashbury [2a]: Le livre est sur la table. In: Joachim Sartorius (Hrsg.): Atlas der neuen Poesie. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1995. ISBN: 3498063065. S. 317.
[2a] John Ashbery (1927-2017) war ein US-amerikanischer Dichter und Pulitzer-Preisträger.
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Ashbery 

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