Sunday, July 5, 2026

Altargesteck zum Fünften Sonntag nach Trinitatis 2026


Du, der gesprochen: „Fürcht' dich nicht!“
So laß mich denn vertraun auf deine Hand
Und nicht ermüden!
Annette von Droste-Hülshoff [1]


Der Fünfte Sonntag nach Trinitatis … auch diese Woche halten erst einmal an. In der Woche vor dem Vierten Sonntag nach Trinitatis hatten wir zwei Gedenktage mit eigener Liturgie und diese Woche sind es sogar drei! Zunächst war da der Tag der Apostel Petrus und Paulus [2] mit dem Spruch: „Mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.“ [3] Die liturgische Farbe ist Rot. Danach kam der Tag des Besuchs Marias bei Elisabeth (Heimsuchung) [4] mit dem Spruch: „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan.“ [5] Die liturgische Farbe ist Weiß. Heimsuchung bedeutete  im Mittelhochdeutschen so etwas wie Hausfriedensbruch und wir meinen heute eher damit einen Schicksalsschlag, aber hier bedeutet es einfach nur die Begegnung von Maria und Elisabeth. Und dann war da noch der Tag des Apostels Thomas [6]  mit dem Spruch: „Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!“ [7] Die liturgische Farbe ist Rot.
Thomas ist eine der biblischen Personen, denen etwas Unrühmliches anhaftet. Bei Matthäus wird er nur als Jünger genannt [8], in der Apostelgeschichte als einer der Zwölf [9]. Im Johannesevangelium finden wir ihn dreimal: etwas vorlaut spricht er zu den anderen Jüngern vor dem Besuch in Bethanien [10], im 14.Kapitel gibt Thomas die Vorlage zu „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben“ [11], und dann die Stelle, die ihn als Zweifler brandmarkt. Als Thomas den Christus sieht, glaubt er, aber Jesus spricht zu Thomas: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ 
Huch, da ist es mit mir wieder einmal durchgegangen! Genug der Abschweifungen. Wir waren doch … noch nicht sehr weit gekommen. Es geht um den Fünften Sonntag nach Trinitatis [12]. Dieser Sonntag will uns anleiten, mit Gott neue Wege zu wagen. Das aber erfordert Mut und Vertrauen, auf das wir gleich zurückkommen werden. Der Wochenspruch lautet: „Aus Gnade seid ihr gerettet durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“ [13] Es geht um das Vertrauen, das wir Gott entgegen bringen sollen. So wie Abraham, der als alter Mann noch in ein fernes Land geschickt wird, um dort neu anzufangen [14]. Dieser Vertrauen bringt auch Petrus auf, als er die Netze nach ergebnislosem Fischzug noch einmal auf das Geheiß von Jesus auswirft – unser Evangeliums- und Predigttext [15].

In der Lesung aus dem Alten Testament geht es um „Abrams Berufung und Zug nach Kanaan“ geht: „Da zog Abram aus, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.“ Wie groß muß dieses Vertrauen gewesen sein! Und wie groß erst, als Abraham seinen Sohn Isaak opfern sollte, aber das ist nun eine andere Geschichte. 

Im Evangeliums- und Predigttext fährt Petrus sein Boot auf dem See Genezareth zunächst etwas vom Ufer weg und Jesus predigt der Menge. Petrus und die anderen Fischer hatten in der Nacht nichts gefangen, jetzt aber schickt Jesus am Tag zum Fischen: „Fahre hinaus, wo es tief ist, und werft eure Netze zum Fang aus!“ Die Aussichten auf einen Fang sind gering, aber Petrus sagt: „… auf dein Wort hin will ich die Netze auswerfen.“ Er fing so viele Fische, daß die Netze zu reißen drohten. Simon Petrus ist voller Angst. „Und Jesus sprach zu Simon: Fürchte dich nicht! Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Die Synoptiker Markus und Matthäus haben ähnliche Texte. Im Johannesevangelium finden wir eine ähnliche Begebenheit [16]. Sie findet sich am Ende. Mich hat die Zahl der 153 Fische fasziniert. Da, wo es tief ist, deutet auf Ängste hin, wovon Filme 2000 Jahre genügend Gebrauch gemacht haben [17]. Petrus ist ein ängstlicher Mensch und gerade er ist der Fels. Das soll uns Mut machen.

Der Taizé-Gottesdienst in Köln-Holweide spielte sich abseits vom Altar ab. Diesmal bestand das Begleitorchester aus Flügel, Flöte, Saxophon und drei Violinen. Vier der MusikerInnen gehören den Dellbrücker Symphonikern [18] an. 

Das Gesteck in der Versöhnungskirche hatte mich erneut überrascht, vielseitig  und frisch. Die Lilien dufteten sogar sehr stark. In Kall stand ein Sommerstrauß auf dem Altar.




Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:
[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 109-110. Am VI. Sonntage nach Pfingsten.
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/tag-der-apostel-petrus-und-paulus/ 
[3] Apg 4,33
[4] https://kirchenjahr-evangelisch.de/tag-des-besuchs-marias-bei-elisabeth-heimsuchung/  
[5] Gal 4,4
[6] https://kirchenjahr-evangelisch.de/tag-des-apostels-thomas/ 
[7] Jes 52,7
[8] Mt 10,3 
[9] Apg 1,13
[10] Jesus will zum verstorbenen Lazarus gehen, übrigens von Bethanien am Jordan nach Bethanien bei Jerusalem, als Thomas spricht: „Laßt uns mit ihm gehen, daß wir mit ihm sterben!“ Joh 11,16b
[11] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JHN.14 Joh 14,5-6
[12] https://kirchenjahr-evangelisch.de/5-sonntag-nach-trinitatis/ 
[13] Eph 2,8     
[14] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/GEN.12 1. Mose 12,1–4a 
[15] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/LUK.5 Lk 5,1–11 
[16] https://www.bibleserver.com/LUT/Johannes21 Joh 21,6-11
[17] Etwa die folgenden Filme:
Die Tiefe (1977)
Im Rausch der Tiefe (1988)
Abyss – Abgrund des Todes (1989)
Sanctum (2011) – da wird in Höhlen getaucht; die Speläologie birgt neben der Tiefe auch noch die Enge.
[18] https://www.dellbrueckersymphoniker.de/ 

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Friday, July 3, 2026

FreitagsGedichte / #KurzLyrik 03.07.2026



Wenn du mir auf der Gitarre
zwei Volksweisen zupfst,
werd' ich die ganze Nacht wachen,
damit niemand deinen Namen auslöscht.
Jorge Luis Borges [1]


Weiße Birken 
Die gedrungenen Birken 
In der Tundra 
Träumen nicht von Größe 
Sie träumen 
Vom SonnenSchein
Der auf ihren Blättern glänzt 
Vom Wind 
Der mit ihren Blättern raschelt 
Vom Regen 
Der von ihren Blättern tropft 
Vom MondSchein 
Der den Schorf weiß bedeckt   

Die HeuWiese

    der Wind 
Wogt 
In 
Der 
HeuWiese 
Fängt 
Sich 
Wieder 
In 
Den
Fichten
Und raschelt 
    Weiter
In den Birken 

Amsterdam 
Du flüsterst am Rande der Gracht 
Ein HausBoot schaukelt
Radler kommen und fahren wieder
Wie das Licht des Tages schwankt 
Wie unsere Körper 
Amstel 
Kopje Koffie
Auch wenn die Nacht kommt 
Ich rufe am Rande der Gracht
Ein Bötchen tuckert vorbei
Die Tauben und die Möwen
Schreien und Gurren
Ein Rad rutscht auf dem KopfSteinPflaster
Und wir stoßen zusammen 
Lachen auf  

Beerdigung 
    sie hatten 
Die 
Taschen 
GeLeert
Denn 
Das 
Letzte 
Kleid 
Hat 
Doch 
Taschen
Nur leer 
    Sollten 
Sie sein

Voll
    Voll, nein
Voller 
Lärm 
Ist 
Der 
Raum
Ich 
Sehe 
Nicht 
Die 
Lärmenden
Aber 
Die 
Lüster 
Den 
Champagner
Und schließlich 
    Auch 
Die Leute 

FriedHof 
    der FriedHof
Mit 
Den 
VerWitterten 
GrabSteinen 
Endlich Friede
Endlich unter sich 
Unten
Endlich unter sich 
Genießen die 
    Toten 
Die Ewigkeit 

Où est la plume de ma tante ?
    das leere 
Vogel-
Haus 
Mit 
Der 
Offenen 
Tür 
Aber 
Selbst 
Die 
Katze 
Rechnet nicht 
    Mit 
Einer RückKehr [2]

Hitze
Mittags ist der Tag einGeschlafen 
Und döst vor sich hin 
Die HeuBallen liegen 
In der brütenden Hitze 
Und warten geDuldig 
Auf ihren Transport 
Im Schatten taucht die Frage auf:
Was brütet so geDuldig?

Farben
Laß dich vom ruhigen Blau des Himmels 
In die Höhe heben
Und sieh das gleißende Licht 
Das aus der Dunkelheit 
In Myriaden von Farben zerFließt 
Jede der BeGinn einer eigenen Welt 
Und jede nur ein MosaikSteinchen 
Siehe und höre die Stimmen am blauen UrGrund  

GeFangen

    in GeDanken 
BeTrittst 
Du 
Die 
Zelle
Die 
Du 
Niemals 
Mehr
Verläßt
Denn 
In 
GeDanken
Sind wir am 
    UnErbittlichsten 
GeFangenen 





Links und Anmerkungen:

[1] Aus: Jorge Luis Borges [1a]: Kinderlieder V. In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. 8. Jahrgang 1961. Carl Hanser Verlag, München 1954-1973. Nachdruck Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1975. S. 169. Übersetzung von H.L. Davi.
[1a] Jorge Luis Borges (1899-1986) war ein argentinischer Schriftsteller und Bibliothekar. 
https://de.wikipedia.org/wiki/Jorge_Luis_Borges 
[2] Als Antwort auf: John Ashbury [2a]: Le livre est sur la table. In: Joachim Sartorius (Hrsg.): Atlas der neuen Poesie. Rowohlt, Reinbeck bei Hamburg 1995. ISBN: 3498063065. S. 317.
[2a] John Ashbery (1927-2017) war ein US-amerikanischer Dichter und Pulitzer-Preisträger.
https://de.wikipedia.org/wiki/John_Ashbery 

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Tuesday, June 30, 2026

Haiku for National Haiku Writing Month – May 2026 Second Half


National Haiku Writing Month has been founded by the well known haiku poet Michael Dylan Welch. The goal is to write at least one haiku a day. National Haiku Writing Month is in its 14th year. [1] I enjoy writing to the prompts on Facebook. Here are some interesting links: [2]. Our prompter this month has been Rick Daddario [3]. Rick has done so before in October 2023, April 2024, and November 2025. Thanks a lot for prompting, Rick! It has been a pleasure to write haiku to your prompts.


the lights go down 
night soothing day's wounds 
but the willow weeps 
~ Light

last embers 
in their own ash 
sparks of hope 
~ Ash

wild hooves across 
camargue's salt marshes 
egrets flying up 
~ Marsh 

no crash 
just shivering 
on the hudson 
~ Crash

no crash 
before nirvana 
just darkness 
~ Crash

the squirrel 
jumps on a branch 
carpet of blossoms 
~ Branch

endlessly empty 
since you have gone 
your fragrance lingers

no fire 
no one around 
driftwood in peace 
~ Drift

sailing
through dublin 
Lá Bloom  
~ Bloom

stones thrown 
ripples on the lake 
two embrace and part 
~ Stone

in the twilight 
even the cherry blossoms 
are silhouettes 
~ Twilight



calligraphy 
with a brush 
and my tongue 
~ Brush [4]

the wind 
in the sturdy canvas 
recalling a melody 
~ Canvas

the wind 
in the sturdy canvas 
recalling a tune 
~ Canvas (Alternative) 

down the corniche 
still breathing 
still … 
~ Breathing [5]

blackcurrants 
even written in blue ink 
recalling the taste 
~ Ink

pouring rain 
kindling the delicate flame 
shivering 
~ Flame




Links and Annotations:
[1] National Haiku Writing Month https://www.facebook.com/NaHaiWriMo  
[2] „To help with haiku fundamentals, please have a look at "Becoming a Haiku Poet" at https://www.graceguts.com/essays/becoming-a-haiku-poet. Please review the "Haiku Checklist" at https://www.graceguts.com/essays/haiku-checklist. I also recommend to read: https://www.nahaiwrimo.com/why-no-5-7-5
[3] https://www.nahaiwrimo.com/meet-the-prompters/rick-daddario 
[4] The large characters mean: "Talking about is easy" - I've written these characters at the inauguration party of a friend's doctoral degree (Dr. phil.) in sinology, which is what the small characters on the right side say. Not to be seen are all the names, all written in Chinese characters by the participants of the party.
[5] I know, the Princess of Monaco (Grace Kelly) didn't die directly of her injuries, when her car crashed at the Corniche, but the accident inspired me. You might, however, like her more driving in "To Catch a Thief". 

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Monday, June 29, 2026

LYRIK-Taschenkalender 2013 37. KW 29.06.2026


Michael Braun hat den LYRIK-Taschenkalender 2013 herausgegeben. 17 Dichterinnen und Dichter stellten jeweils zwei Lieblingsgedichte mit Kommentar vor. Von diesen AutorInnen wählte der Herausgeber je ein exemplarisches Gedicht aus und kommentierte es. In diesen Taschenkalender habe ich nun wieder Annotierungen und Assoziationen geschrieben. Vielleicht so ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne). Diese Annotationen stammen aus den Jahren 2023-2026.


37. KW
Jan Wagner: paul gerhardt: „der mann wird einem baume gleich“


„... und die wände / der schlafenden beschreiben ...“ -: ein SchattenBanksy
 
HerbstBaum 
    der Baum 
Wartet 
Im 
Regen 
Auf 
Den 
Sturm
Der 
Ihm 
Die 
Blätter 
Raubt
Nachts 
Steht 
Er 
Da
Bis der 
    Schnee 
Ihn kleidet 

„bevor er ausschlägt“ -: sehr konservativ; ich meine: bevor der Same keimt,  „... hat er schon das rauschen / von laub im ohr“.

Während der Regen die letzten grünen Blätter poliert, wird einer dunklen Gestalt von anderen DunkelMännern die Fresse poliert und kein Polier ist mit dabei. 

Paul Gerhardt: Wie schön ist's doch, Herr Jesus Christ -: ein KirchenLied, das nicht im Evangelischen Gesangbuch steht.

Jan Wagner -: Sonett – aabb cddc efe gfg  
 

37. KW
Kommentar: Michael Braun


Metamorphose -: ich denke laufend, im Garten würde nichts wachsen oder sich ändern, aber wenn nicht zwei bis drei Jahre alte Bilder betrachte, dann sehe selbst ich, wie Änderung im Garten arbeitet. 

„ hände – wände“ -: ich ließe rauschen – raschen, schreit – Schritt, Laterne – Schwärme, Kinder – Rinde, klettern – Blätter, Regen – entgegen als unsaubere Reime zu. 

Den Baum Gerhardts mit den Ents vergleichen?  

Nacht
    nun ziehen
Wir 
Uns
In
Die 
Toten
Winkel
Der
Nacht
ZuRück
In
Denen
Auch
SternenGlanz
Nur matt
    Noch
Uns erscheint

Ulmen
    von den 
Ulmen 
Her 
Weht 
Wind 
In die Nacht
Und 
Die 
Echos
Deiner Schritte 
    ErSchrecken
Nur dich 





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Sunday, June 28, 2026

Altargesteck zum Vierten Sonntag nach Trinitatis 2026


Wenn meine Sünden ohne Zahl
Gespenstig auf mich drangen:
Es ist doch wahr und ist kein Traum,
Mein Leben war nur Dunst und Schaum.
Annette von Droste-Hülshoff [1]


Der vierte Sonntag nach Trinitatis … Stopp! Nach dem dritten Sonntag nach Trinitatis hatten wir noch Tag der Geburt Johannes des Täufers (Johannis) [2] mit der liturgischen Farbe Weiß. Wir erinnern uns an seine Taufe als Zeichen der Umkehr. Und dann war da noch der Gedenktag des Augsburger Bekenntnisses [3] mit Rot als liturgischer Farbe. Philipp Melanchthon hatte 1530 die reformatorische Position vor dem Reichstag zusammengefaßt. Dieses Bekenntnis ist eine wichtige Grundlage für ökumenische Gespräche mit der katholischen Kirche. Der vierte Sonntag nach Trinitatis hat die Kernaussage [4]:  „Seid barmherzig!“ Der Wochenspruch lautet: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ [5]


Die Epistel steht im Römerbrief und mahnt uns: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem.“ Und: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ [6] Paulus zitiert in der kurzen Stelle gleich zweimal das Alte Testament, einmal aus dem Buch der Sprüche und einmal aus dem 5. Buch Mose: „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Das war schon vor ca. 3000 Jahren sehr tröstlich, daß wir uns nicht um Rache zu kümmern brauchen; Gott hält uns den Rücken frei für Versöhnung und Vergebung. Mich fasziniert: „Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.“ Ich empfinde dieses Wort als sehr tröstlich und voller Hoffnung, denn es wird nur verlangt, daß wir so viel tun, wie wir vermögen.

Das Evangelium steht bei Lukas und es geht um den Umgang mit dem Nächsten. Es ist die berühmte Stelle: „Was siehst du den Splitter in deines Bruders Auge, aber den Balken im eigenen Auge nimmst du nicht wahr?“ [7]

In Kall fand der Gottesdienst nach dem Format „Auf ein Wort“ statt; wir feierten eine Andacht um den kleinen Altartisch mit der liturgischen Eröffnung nach der Iona Kommunität [8]. Der Kern waren die aktuelle Jahreslosung: „Siehe, ich mache alles neu!“ [9] und der bereits angesprochene Text aus dem Römerbrief und zwar die Jahreslosung 2011: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Auch in der Versöhnungskirche in Köln-Holweide fand ein anderes Format statt und zwar „Gottesdienst im Augenblick“, der viel Spielraum für spontane Ideen bietet, z.B. welches Lied gesungen werden soll oder ich hatte mir den Psalm 136 gewünscht, in dem es um Gottes Wunder in Schöpfung und Geschichte geht und in dem sehr viel gedankt wird und 26 Mal wird gesagt: „denn seine Güte währet ewiglich.“ [10] Der Psalm schließt so: „Danket dem Gott des Himmels, denn seine Güte währet ewiglich.“ Das hat schon etwas von einem Mantra oder einer Litanei.

Eine Dame wollte mehr zur Trinität wissen und da hatte ich schon einmal zum Fest Trinitatis vorgearbeitet [11] und konnte dies in die Diskussion einbringen. Die Dreieinigkeit Gottes – ein Gott in drei Personen – ist eine schwierige  theologischen Idee, die der christlichen Kirche Kritik von anderen Religionen eingebracht hat, für uns selbst schwer verständlich bleibt, aber uns mehr über das Wesen Gottes vermitteln kann. In den Wissenschaften haben wir mit den drei Aggregatzuständen eines Stoffes – fest, flüssig, gasförmig – überhaupt kein Problem. Während Wasser und Eis gut erkennbar sind, ist der reine Wasserdampf unsichtbar, wir können nur Wassertröpfchen sehen, also Nebel, und nicht den Dampf.


Das Gesteck in der Versöhnungskirche hatte mich erneut überrascht, wieder sehr bunt und frisch. Meine erste Assoziation war: „alles so schön bunt hier!“ [12] Und dabei wollen wir es belassen.




Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:
[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 106-108. Am V. Sonntage nach Pfingsten.
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/tag-der-geburt-johannes-des-taeufers-johannis/ 
[3] https://kirchenjahr-evangelisch.de/gedenktag-des-augsburger-bekenntnisses/ 
[4] https://kirchenjahr-evangelisch.de/4-sonntag-nach-trinitatis/  
[5] Gal 6,2
[6] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ROM.12 Röm 12,17–21 
[7] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/LUK.6 Lk 6,36–42 
[8] „Die Iona Community (auch Gemeinschaft von Iona oder Iona-Kommunität genannt) ist eine auf der schottischen Insel Iona lebende ökumenische Gemeinschaft (Kommunität), die 1938 von George MacLeod gegründet wurde.“ 
https://de.wikipedia.org/wiki/Iona_Community   
Eigentlich müßte ich hier mehr zitieren, aber dann wäre das Zitat zu lang geworden, bitte selbst nachschauen, falls noch nicht getan, denn es lohnt sich. 
[9] Offb. 21,5
[10] https://www.bibleserver.com/LUT/Psalm136 
[11] Altargesteck zu Trinitatis 2026
https://rheumatologe.blogspot.com/2026/05/altargesteck-zu-trinitatis-2026.html 
[12] Aus dem Lied TV Glotzer von Nina Hagen aus dem Jahr 2001.

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Saturday, June 27, 2026

Die Hitze und das Ankern zur Nacht bei der Ahornbrücke - With an English translation below


Es war heiß -: heiß, heiß, heiß. Und zwar ging es rauf bis 41° C, jedenfalls auf meinem Thermometer, das im Schatten platziert ist. Und ich habe einen Fächer hervorgesucht. Dann schaute ich auf den Fächer und fand darauf ein Gedicht aus der Tang-Zeit und zwar ein sehr bekanntes, das ich vor etwa fünf Jahren hier auf dem Blog in Übersetzung und im Original vorgestellt hatte [1]. Und dann schaute ich mir noch einen zweiten Fächer an und auch auf dem zweiten Fächer war dieses Gedicht von jemand anderem ebenso mit dem Pinsel geschrieben. Es handelt sich also um zwei Unikate, nicht um Drucke. Auch die Bilder sind Originale. Die Bilder davon stelle ich ebenfalls hier ins Netz. Dazu habe ich das Rollbild in meiner Kölner Wohnung extra noch einmal abfotografiert; das Original von diesem Bild kann man sich auf Wikipedia ansehen [2]. Das hat ein Gelehrter der Qing-Dynastie (
清代) mit Namen Yu Yue (俞樾) geschrieben. Die Stele steht im Han Shan Tempel (寒山寺) in Suzhou (蘇州). Dieser Tempel stammt aus der Liang Dynastie, also 502-519 n. Chr. Das wichtigste Merkmal dieses Tempels ist eigentlich das Gedicht von Zhang Ji, das ich jetzt noch einmal zeigen werde. Hanshan (寒山) heißt kalter Berg und Hanshan ist natürlich auch eine Persönlichkeit und zwar der Zenmönch Hanshan [3]. Aber ob es sich wirklich um eine historische Persönlichkeit des 7. oder 8. Jahrhunderts gehandelt hat, bleibt fraglich. Mir ist er als erstmals während meines Studiums in Taiwan begegnet, also in den 1970er Jahren, und zwar in einem Nachdruck der Übersetzung der Hanshan Gedichte von Gary Snyder. Diese Übersetzung war auch ausschlaggebend für die Beat Generation (z.B. Jack Kerouac oder Allen Ginsberg). Dieser Hanshan hat direkt mit dem Tempel nichts zu tun, es handelt sich um eine Namensgleichheit, die aber zu Assoziationen verleitet.

Aber nun zum Gedicht:
楓橋夜泊
張繼
月落烏啼霜滿天
江楓漁火對愁眠
姑蘇城外寒山寺
夜半鐘聲到客船

Ankern zur Nacht bei der Ahornbrücke
von Zhang Ji
Der Mond geht unter, Krähen krächzen und der Himmel ist voll von Frost
Dahindämmernd blicke ich auf Fluss und Ahornbäume im Schein der Angelfeuer
Aus dem Hanshan-Tempel außerhalb von Suzhou
Klingt die Mitternachtsglocke herüber zum Passagierboot 

Nur dieses Gedichte von Zhang Ji wurde in die Anthologie 300 Gedichte der Tang-Zeit (
唐詩三百首) aufgenommen. Sun Zhu (孫洙), ein Gelehrter zur Zeit der Qing-Dynastie, hatte diese im Jahr 1763 kompiliert. Insgesamt 48 Gedichte von Zhang Ji finden sich in der riesigen Kompilation Komplette Tang-Gedichte (全唐詩) aus dem Jahr 1705. Diese Kompilation geht wie das bekannte Wörterbuch (康熙字典) auf den Kaiser Kangxi (康熙帝) zurück, der von 1654 bis 1722 lebte. 

Über Zhang Ji (
張繼) ist nicht viel bekannt, sein Geburtsjahr ist unklar, vielleicht 712-715, 753 hat er die Prüfung zum Jinshi (進士) bestanden und 779 ist er verstorben [4]. Das Gedicht Ankern zur Nacht bei der Ahornbrücke (楓橋夜泊) ist sein bekanntestes Gedicht.




Links und Anmerkungen:
[1] FreitagsGedichte / #KurzLyrik 01.01.2021 
https://rheumatologe.blogspot.com/2021/01/freitagsgedichte-kurzlyrik-01012021.html 
[2] Es handelt sich um eine Stele.
寒山寺楓橋夜泊詩碑 
https://zh.wikipedia.org/zh-cn/File:%E4%BF%9E%E6%A8%BE%E6%A5%93%E6%A9%8B%E5%A4%9C%E6%B3%8A%E8%A9%A9%E7%A2%91.jpg 
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Han-Shan  
https://zh.wikipedia.org/wiki/%E5%AF%92%E5%B1%B1 
[4] https://en.wikipedia.org/wiki/Zhang_Ji_(poet_from_Hubei) 
https://zh.wikipedia.org/wiki/%E5%BC%B5%E7%B9%BC_(%E5%94%90%E6%9C%9D) 



The Heat and A Night Mooring near Maple Bridge

It was hot—hot, hot, hot. Temperatures climbed as high as 41°C—at least on my thermometer, which is placed in the shade. I dug out a fan. Looking at it, I found a poem from the Tang Dynasty—a very famous one, in fact—which I had posted here on the blog about five years ago, featuring both the translation and the original text [1]. Then I examined a second fan, and found the same poem on that one too, written by someone else with a brush; these are unique pieces, not prints. The images on them are originals as well. I am posting photos of them here. For this purpose, I took a new photograph of the hanging scroll in my Cologne apartment; the original of this image can be viewed on Wikipedia [2]. The calligraphy was executed by a Qing Dynasty (
清代) scholar named Yu Yue (俞樾). The stele stands in the Hanshan Temple (寒山寺) in Suzhou (蘇州). This temple dates back to the Liang Dynasty—specifically, 502–519 AD. The temple's most significant feature is arguably the poem by Zhang Ji, which I am showing here once again. Hanshan (寒山) means "Cold Mountain," but Hanshan is also the name of a historical figure—the Zen monk Hanshan [3]. However, whether he was truly a historical figure from the 7th or 8th century remains open to discussion. I first encountered him during my studies in Taiwan in the 1970s, specifically in a reprint of Gary Snyder’s translation of the Hanshan poems. That translation was also of pivotal influence on the Beat Generation (e.g., Jack Kerouac or Allen Ginsberg). This Hanshan has no direct connection to the temple; it is merely a case of the same name, though it naturally invites associations. 

But now, to the poem:
楓橋夜泊
張繼
月落烏啼霜滿天
江楓漁火對愁眠
姑蘇城外寒山寺
夜半鐘聲到客船
A Night Mooring at Maple Bridge
Zhang Ji
The moon sets, crows cry, and the sky is filled with frost
Drowsily, I gaze at the river and maple trees in the glow of fishing fires
From the Hanshan Temple outside Suzhou
The sound of the midnight bell drifts over to the passenger boat

This is the only poem by him included in the anthology Three Hundred Tang Poems (
唐詩三百首). Sun Zhu (孫洙), a Qing Dynasty scholar, compiled this collection in 1763. A total of 48 poems by Zhang Ji appear in the massive compilation Complete Tang Poems (全唐詩) from 1705. Like the famous Kangxi Dictionary (康熙字典), this compilation was commissioned by the Kangxi Emperor (康熙帝), who lived from 1654 to 1722.

Not much is known about Zhang Ji (
張繼); his birth year is uncertain—possibly between 712 and 715. He passed the Jinshi (進士) examination in 753 and died in 779 [4]. The poem A Night Mooring at Maple Bridge (楓橋夜泊) is his most famous work.




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Friday, June 26, 2026

FreitagsGedichte / #KurzLyrik 26.06.2026


Mond schmilzt jedes Lächeln ein,
wenn es zur Maske verwandelt
groß über uns nachts
nach Vergänglichkeit schreit.
Peter Jokostra [1]

 
Angewandte Stille 
Der HeuWender scheppert im falben Licht der NachMittagsSonne

Morgen
    so ein 
Morgen
An 
Dem 
Die 
Sonne
Durch 
Die schüttere 
    WolkenDecke 
Wartschelt

Schnee
    ich hinter-
Lasse 
Matschige 
Spuren 
Im 
Schnee -: 
Ja
GroßVater
Der 
Schnee 
Ist 
Auch nicht 
    Mehr 
Wie früher

Wie lange?
    wie lange 
Kannst 
Du 
Das 
Meer 
DurchSchwimmen
Wenn 
Hinter 
Dir 
Das Wasser 
    Kocht -:
Ein Leben lang 

Kalt 
    auf der 
Wiese 
Der 
EisBlumen 
Hält 
Auch 
Der 
Mond 
Kurz 
Inne
Bevor 
Feine Kristalle 
    Aus dem 
Himmel fallen 

Namen 
    wir geben 
Den 
Meeren 
Und 
Dem 
Land 
Namen 
Auch 
Wenn 
Sie 
Nie 
Ein 
Mensch 
GeSehen 
Hat
Du
Aber
Bleibst
Ohne Namen 
    Für 
Alle Ewigkeit

Amsel 
    die Amsel 
Ist 
Ein 
Schwarzes 
Prisma 
Das 
Laute 
Bricht 
In die 
    Farben 
Des RegenBogens 

Liegen
    erst lagen 
Wir 
Vor 
Madagaskar
Dann 
Vor 
Troja
Und 
Nun 
Liegt 
Unser HandTuch
    Auf Malle 
Am Strand 

Weg 
    Wind weht 
Und 
Schatten 
Streifen 
Über 
Den 
Weg 
Schwankend 
Dein 
Gang 
Während der 
    Weg 
Sich aufLöst

Mit dem Finger 
    du malst 
Mit 
Dem 
Finger 
Auf 
Die 
WasserOberfläche 
Denn 
Du malst 
    Für 
Die Ewigkeit 

Lesbos 
    das blendende 
Licht 
Zwischen 
Den 
Weißen 
Häusern 
Und 
Das 
Silber
Auf dem 
    Blau 
Des Meeres 

Schreib 
    schreib Ge-
Dichte 
Bar 
Eines 
Verses 
Mit 
Buntstiften
Füller 
Kugel- 
Und FilzSchreibern 
    Oder 
BleistiftStummeln 

Gebete 
    Die ge-
Stammelten 
Gebete
ManchMal 
An 
Gott 
Den Herrn
Den Vater
Vielleicht 
An
Die Mutter 
Gerichtet 
Bestimmt sind 
    Sie 
Die ehrlichsten  





Links und Anmerkungen:
[1] Aus: Peter Jokostra [1a]: Last der Ewigkeit. In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. 8. Jahrgang 1961. Carl Hanser Verlag, München 1954-1973. Nachdruck Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1975. S. 78.
[1a] Peter Jokostra, eigentlich Heinrich Ernst Knolle, (1912-2007) war ein Schriftsteller und Literaturkritiker.
https://de.wikipedia.org/wiki/Peter_Jokostra 
[2] This footnote is intentionally left blank. 
https://www.youtube.com/watch?v=sGb4lAiVxRk