Sinnt jeder lang und viel,
Wie er sich Lust erhasche.
Was nicht den Herrn mag loben
Und was den Sinn betört.
Annette von Droste-Hülshoff [1]
Der heutige Sonntag ist der 17. Sonntag nach dem Trinitatis-Fest [2]. Der Wochenspruch lautet: „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ [3] Als Kernaussage kann man weiter anführen: „Bei Gott spielen Grenzen von Ländern, Völkern und Kulturen keine Rolle. Was zählt, ist der Glaube.“
Der Predigttext behandelt die Geschichte „Die Kundschafter in Jericho“ und es ist ein sehr langer Text [4]. Das Buch Josua handelt von der Landnahme des gelobten Landes, also der Eroberung des Westjordanlandes vor über 3000 Jahren. Was mit den Kundschaftern beginnt, endet mit der Vernichtung der Bevölkerung Jerichos (die Bibel benutzt den Euphemismus „den Bann vollstrecken“). Nur die Dirne (Hure, Prostituierte) Rahab und ihre Familie überleben, denn sie hatte die Kundschafter, beherbergt, sie versteckt und ihnen zur Flucht verholfen. Der Name Rahab (hebräisch רָחָב, rāḥāb) gilt nicht als geklärt, trotzdem gibt es interessante Hypothese; eine davon überlegt, ob es vom jüdisch-aramäischen רַהֲבָא, rahabā, „Ungestüm, Toben“ oder auch „wild“ komme [5]. Sie ist aber die erste nicht-jüdische Gläubige, die an Jahwe, an den Gott Israels glaubt; im Neuen Testament sind es auch Frauen aus nicht-jüdischen Gemeinschaften, die als erste zu Christus kommen. Bei „wild“ denke ich an „Ronja Räubertochter“ – ich habe weder das Buch gelesen noch den Film gesehen – vielleicht weil ich dieser Tage an Bullerbü dachte. Ich verliere nicht der roten Faden! Rahab wird auch im ersten Kapitel des Matthäusevangeliums erwähnt (Genealogie) und zwar als Mutter des Boas, der Ruth heiratete und der Vorfahre von Jesus Christus war. War Rahab eine Dirne? Das ist gut möglich, aber irrelevant, es könnte sich auch um eine ausgestoßene Frau handeln, die in die Peripherie der Stadt gedrängt war (ihr Haus war Teil der Stadtmauer), da sie unkonventionell war [6]. In diesem Augenblick schweifen meine Gedanken ab auf Rosie, die Protagonistin in dem Lied „Skandal im Sperrbezirk“ der bayerischen Rock-'n'-Roll-Band „Spider Murphy Gang“ [7]; wie in Jericho müssen die Freudenhäuser raus aus der Stadt, an die Peripherie, aber Rosie inseriert täglich. Und bevor Ihnen/Euch der Geduldsfaden reißt … zurück zum Thema. Zunächst versteckt Rahab die Kundschafter auf dem Dach unter Flachsstängeln, aus denen man neben Textilien auch Seile herstellte. Zwischen Rahab und den Kundschaftern wird ein detaillierter Vertrag geschlossen, da scheint alles an einem seidenen Faden zu hängen. Aber sie wurden sich einig und sie ließ die Kundschafter an einem Seil an der Mauer herab und hat später dort, wie verabredet, ein karmesinrot gefärbtes Seil hingehängt, als Zeichen, daß dieses Haus geschont werden sollte. Rot bedeutet liturgisch Feuer und Liebe. Blut wurde im Alten Testament zur Heiligung und rituellen Reinigung benutzt. Vor dem Auszug der Israeliten aus Ägypten schützte die rote Färbung der Türpfosten mit dem Blut des Passahlammes vor der Vernichtung der Erstgeburt. Man kann dieses rote Seil auch einen roten Faden deuten, der sich durch beide Testamente bis ans Kreuz zieht. Und wer hält alle Fäden in der Hand? Natürlich Gott! Da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich hoffe, niemandem reißt jetzt der Geduldsfaden. Im Text heißt es: „Die [Kundschafter] gingen hin und kamen in das Haus einer Hure, die hieß Rahab, und kehrten dort ein.“ Das könnte man jetzt völlig falsch lesen: das werden sie zum Kundschaften ausgeschickt und als erstes gehen sie zum Vergnügen ins Freudenhaus. Natürlich gehen sie ins Freudenhaus, denn da fallen sie am wenigsten auf und können leicht an Informationen, auch sehr geheime, gelangen. Dieser Absatz ist ein regelrechtes Labyrinth geworden, der Ariadnefaden hat uns aber hierher, zum Ausgang, geleitet.
In der Erzählung von der Heilung der Tochter einer kanaanäischen Frau [8] nimmt Jesus die Frau zunächst nicht wahr und will sie dann abwimmeln: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Wäre hier Ende des Stelle, wäre man ziemlich vor den Kopf geschlagen. Zwei Ideen kommen mir in den Sinn; natürlich nicht so wie bei Dr. Walter Bishop. Verzweiflung ist kein Ersatz für Glauben und die flehende Frau geht über sich hinaus, so daß Jesus die Tochter heilt: „Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst!“ Und zum anderen kann man auch eine Entwicklung bei Jesus sehen. Im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums schickt er die Jünger in die Diaspora zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel, nicht aber zu den Heiden und Samaritern. Nun heilt er die Tochter der Syrophönizierin. Das Matthäusevangelium endet mit der Missionsbefehl: „Darum gehe hin und lehrte alle Völker“ [9].
Das Altargesteck war in Köln wie in Kall schön gestaltet. In Köln stand es sehr abseits, in Kall war es immerhin zu sehen, auch wenn wir nach dem Format „Auf ein Wort“ feierten [10].
Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).
Links und Anmerkungen:
[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 135-137. Am XVIII. Sonntage nach Pfingsten.
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/17-sonntag-nach-trinitatis/
[3] 1. Joh 5,4c
[4] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/JOS.2 Jos 2,1–21
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Rahab
Ich muß gestehen, daß es mir dieser Satz angetan hat:
„Es ist vermutet worden, dass der Name ein Eponym der Keniter sei oder mit anderen nichtisraelitischen Stammes- oder Sippenbezeichnung der Form בֵית רָחָב (bēt rāḥāb, „Dirnenhaus“) oder (Martin Noth) mit dem Ortsnamen Bet-Rehob (בֵית־רְחֹב, „Haus am öffentlichen Platz“, vgl.: Ri 18,28 EU, 2 Sam 10,6 EU u. a.) in Zusammenhang stehe.“ Man hätte auch Eigenname anstatt eponym schreiben können, aber dann hätte ich den Satz nicht zitiert.
[6] Die Bibel in gerechter Sprache in einer Anmerkung (Nr. 115) auf Seite 2287: „Das hebräische Wort lautet zona und wird meist mit »Hure/Prostituierte« wiedergegeben. Diese inhaltliche Füllung ist jedoch aus den Texten nicht eindeutig zu belegen. Fest steht, dass es sich um Frauen handelt, die nicht verheiratet und auch sonst keinem Mann unterstellt waren.“
Ulrike Bail et al. (Hrsg.): Bibel in gerechter Sprache. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008. ISBN: 9783579054636.
[7] Spider Murphy Gang - Skandal im Sperrbezirk 1987 HQ (der Song stammt aus dem Jahr 1981)
https://www.youtube.com/watch?v=RdKg6PRWaEg
[8] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.15 Mt 15,21-28
[9] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.28 Mt 28,16-20
[10]„Die Iona Community (auch Gemeinschaft von Iona oder Iona-Kommunität genannt) ist eine auf der schottischen Insel Iona lebende ökumenische Gemeinschaft (Kommunität), die 1938 von George MacLeod gegründet wurde.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Iona_Community
Eigentlich müßte ich hier mehr zitieren, aber dann wäre das Zitat zu lang geworden, bitte selbst nachschauen, falls noch nicht getan, denn es lohnt sich.
.