Sunday, April 11, 2021

LYRIK-Taschenkalender 2018 Kalenderwoche 32 11.04.2021


Michael Braun und Paul-Henri Campbell haben den LYRIK-Taschenkalender 2018 herausgegeben. Dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne).


32. KW
Karin Fellner: Schafe im Nebel / nach Sylvia Plath


Dein tiefster Schlaf

Aus Deinem Schlaf erfuhr ich Stille
So sanft wie eines Schäfchens Flaum
Es war jedoch nicht mehr dein Wille
Denn Deine Seele sah ich nicht im Raum

So flossen aus den Augen Tränen
Ohn Unterlaß und ohne Grenzen
Laß mich Dich doch im Leben wähnen
Noch einmal wie im letzten Lenzen

Die dunklen Wolken höher steigen
Sie nahmen mit der liebsten Leben
Denn immer muß der Tod doch siegen

Er kann nur nehmen, niemals geben
Wenn wir im Boden tief dann liegen
Woll'n wir nur noch von Gott den Segen


Zwischen den Sternen ist so viel Platz. Die Schwärze der Nacht ist nur die Leere, die doch das Licht durchLäßt.

Still sind die Knochen, solange sie nicht brechen; nur die Gelenke knacken.

Glocke
    der helle
Klang
Der
Glocke
Der
FriedHofsKapelle
Hoffnung
  Oder
Qual
Licht
  Oder
Dunkel
Die Toten
    Wissen
Es längst



32. KW
Kommentar: Karin Fellner


Apokalypse, maybe
    es naht der hagere Reiter
Auf seiner apokylyptischen
Rosinante
Und auch die anderen Reiter
Sie tun sich schwer mit
Armageddon
Da blitzt die MorgenSonne
Und kurz darauf erKlingt
    Das WidderHorn
Es bläst zum RückZug

„Das Weiß schluckt Schafe und Hügel“ -: bis auf die schwarzen Schafe, denn die sieht man nocht am längsten im Nebel.

„Daddy, I have had to kill you“ -: Blade Runner. „Vater, gib mir Leben“, und bringt ihn um. Beim Voight-Kampff-Test durchgefallen.

„Mit deinen Augen seh ich die Welt neu“ ~ Ted Hughes



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Saturday, April 10, 2021

LYRIK-Taschenkalender 2018 Kalenderwoche 31 10.04.2021


Michael Braun und Paul-Henri Campbell haben den LYRIK-Taschenkalender 2018 herausgegeben. Dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne).


31. KW
Eduard Mörike: Auf eine Lampe


Ich erinnere mich an Schalen von solchen Lampen, in denen sich die Opfer eines übertriebenen LichtGlauben fanden -: Insekten. Glaube soll zum Licht, zur Erleuchtung führen, aber verbrennen soll man nicht im Licht oder an der GlühBirne oder auf einem ScheiterHaufen.

„Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht,“ erinnert mich an das TreppenHaus bei den GroßEltern in Berlin, in dem die TreppenStufen knarrten und das Linoleum roch. Das Licht kam auch grün und golden und lag so auf den weißen Wänden. Und in der Erinnerung sehe ich EfeuRanken.

„Ihr habt eine sonnige Jugend“, sagte mir einmal mein GroßVater; ich war vielleicht 12-13 Jahre alt. „Fröhlich2 und „Kinderschar“ -: wie schön leuchtet die Vergangenheit ins Jetzt, denn alles Dunkel zogen die Eltern fort.


31. KW
Kommentar: Ilma Rakusa


Sanft
    sanft
Streicht
Der
Wind
Duch
Die
FrühlingsLandschaft
Um nicht
Einen
Duft
Oder
Die
Lieder
Der Hummeln
    Zu ver-
Passen

Leuchten
    ein Leuchten
Geht
Aus
Den
ErInnerungen
HerVor
Wird
Stärker
Und
Legt
Sich
Wohlig samtig
    Zur Seite
Ach!

Schönheit erleuchtet die Welt. Aber Design sollte nicht zu weit gehen. Bei GebrauchsGegenständen muß die Funktion erhalten bleiben.




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Cashews und Meilen

 


… I have promises to keep, / And miles to go …
aus: Stopping by Woods on a Snowy Evening
von: Robert Frost


In Schrot&Korn lese ich den Artikel Cashews – fair und gesund? Von Ina Hiester [1]. Der Artikel ist informativ und ich habe viel daraus gelernt. Aber …

„... sondern auch schlecht für die Klimabilanz der Kerne: Von der Elfenbeinküste bis nach Vietnam legen sie knapp 11.000 Seemeilen zurück. ... Insgesamt 23.000 Meilen später landet also unter Umständen eine Nuss in unseren Regalen, die nur 4500 Meilen entfernt angebaut wurde.“

Warum legen die Cashews Seemeilen zurück? Ich laufe und fahre Meter und Kilometer, nicht Seemeilen und auch nicht englische oder amerikanische Meilen. Ich kann mir Kilometerangaben besser vorstellen. 11.000 Seemeilen sind 20.372 km, also etwa 20.000 km – der halbe Erdumfang. 23.000 Seemeilen entsprechen 42.596 km, also etwas mehr als einmal um die Erde. 4500 Seemeilen sind 8334 km – das entspricht etwa einem Direktflug von Köln nach Colombo.

Aber vielleicht ein kleines Stück zurück zur Klimabilanz. Den Handel stört das bislang nicht, denn auch Nordseekrabben reisen, nämlich nach Nordafrika. Sie werden in Marokko gepult – das ist billiger inklusive der Frachtkosten. Deshalb ist die CO2-Emissionsabgabe so wichtig. Und so lange sie nur 25 € beträgt, wird sich auch nichts ändern.

Colombo vor etwa 45 Jahren



Links und Literaturhinweise:
[1] Ina Hiester: Cashews – fair und gesund? In: Schrot&Korn 04/2021, S. 43-47. Oder: https://schrotundkorn.de/essen/cashews-fair-und-gesund

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FreitagsGedichte / #KurzLyrik 09.04.2021

 



誰知林棲者,聞風坐相悅。
感遇
Wer weiß um die Einsiedler im Wald,
die dem Wind lauschen und über die Schönheit meditieren.
Orchidee und Orange
von Zhang Jiuling*


VorFrühling
    am Hang
Liegt
Noch
Schnee
Im
Schatten
Der Bäume
Der
Bach
MäAn-
Dert und
Gluckst
Und
Wenig
Ganz wenig
    Frisches
Grün

Worte
    besser als
Leere
Floskeln
Sind
Worte
Die
AnRadiert
ÜberSchrieben
VerBessert
Und
Dann
Ins Reine
    GeSchrieben
Wurden

SandRosen
    das Bouquet
Von
SandRosen
War
Kein
Geschenk
Sondern
Eine
OpferGabe
    An
Das Meer

BuchStabieren
    wir buch-
Stabieren
Wörter
Und
Ihre Echos
Wörter
        Wörter
      Örter
    Örterer
  Ererr
Err
5

Dein Zug
    weißer Rauch
Stieg
Auf
Am
Kiewer
BahnHof
  In
Moskau
Aber
Dein
Zug
Würde
Nie
Kommen
Und
Schon gar
    Nicht
AbFahren

Nuancen
    sind die
Schatten
Der
Kleinen
GeHeimnisse
Dunkler
Als
Die GeHeimnisse
Selbst?
Oder
Tragen
Nur
Schwarze GeHeimisse
    Dunkle
Schatten?

Ceterum censeo
    mittlerWeile
Kannst
Du
Karthager
Und
Katharer
AusEinAnder-
Halten
Aber beide
    Wurden
ZerStört

WinterWörter
    die Silben
Der
WinterWörter
Sind
Hart
Wie
Der
Frost
Und doch
Haben
Sie
Die
Eigenschaft
Leicht
    Zu
ZerBrechen

Namen
    unter der
AstGabel
ErKenne
Ich
Deinen
Namen
In
Dunkler
Rinde
Wieder
Aber
Dich
ErKenne ich
    Nicht
Mehr wieder



* Zhang Jiuling (張九齡) war Minister und unter Kaiser Xuanzong (玄宗) Kanzler, aber auch ein berühmter Dichter der Tang-Zeit, von dem einige Gedichte in der Sammlung 300 Gedichte der Tang-Zeit stehen. Er lebte von 678 oder auch 673 bis 740 (er starb am 6. Mai).

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Friday, April 9, 2021

Geldwäsche und CO2-Emissionspreis


Ich erhielt ein Schreiben von der Commerzbank: „Wichtig: Ergänzung Ihrer persönlichen Daten notwendig“. Nach dem Geldwäschegesetz benötige man eine Legitimierung. Also ich hatte vor über 30 Jahren mein Apartment in Köln in dem Komplex einer Versicherung gemietet: teilweise wohnten damals noch die Erstmieter, alles Mitarbeiter dieser Versicherung, dort. Der Komplex wechselte mehrfach den Eigentümer. Aber damals legte der Erstvermieter ein Mietkautionskonto an, über das ich jährlich informiert werde, aber von dem ich kein Geld abheben kann. Das wäre doch eine merkwürdige Strategie als Geldwäscher.

Auf einem zweiten Blatt schreibt die Commerzbank: „Bitte legitimieren Sie sich ganz einfach mit einer der folgenden Möglichkeiten: ...“
Legitimation per Smartphone oder Tablet – geht nicht, da ich weder das eine noch das andere besitze. Also doch nicht soo einfach.

Legitimation in einer Filiale der Commerzbank. Mein erster Wohnsitz ist in der Eifel, so dass ich dafür über 30 km eine Strecke fahren müßte – wenn ich die nächste Filiale hier aufsuchen würde. Ich dachte aber, verbinde es doch mit einem Besuch im Kölner Apartment, obwohl ich gerade sonst nichts in Köln vorhatte. Ich kam an der Filiale in Köln an, vor der Filiale eine Schlange und der Kassenraum schloß gerade – Mittagspause. Es sah düster aus im Vorraum. So muß sich Dante die Vorhölle, auch Limbo genannt (aha, deshalb hieß es so im Film Inception), vorgestellt haben. Oder war die Vorhölle schon die Schlange, in der eine übel launige Stimmung herrschte? Ich beschloss, nicht in diese Filiale zu gehen.

Aller guten Dinge sind drei. Und richtig es gibt auch die Legitimation in einer Filiale der Deutschen Post. Ich sah beim Einkaufszentrum ein Schild der Post. Aber es handelt sich nur um eine kleine Poststelle: „nein, das machen wir nicht“ –  aber Glücksspiel und Tabakwaren.

Ein dritter Anlauf führte mich zur Post in Holweide. Dort war auch eine Schlange, allerdings nur aus drei Personen, denn auch die Post machte Mittagspause. Dann wurde geöffnet und es ging ohne große Warterei weiter. Die beiden Postbediensteten waren angenehm freundlich und effizient. Ich bin also legitimiert. Die Bundesregierung kann mich von der Liste potentieller Geldwäscher streichen.

Aber was ist mit der Deutschen Post los? Jetzt verstehen Sie auch, warum das Foto oben die Post und nicht die Commerzbank zeigt. Schauen Sie noch einmal auf das Foto: es sind die Logos der Deutschen Post, DHL und der Postbank zu sehen; und darunter steht: Schreibwaren, Grußkarten, Fax & Kopien – dreimal O.K., was aber ist mit den Kohlensäureflaschen? Ich dachte, eine Ligitimation sei schon exotisch genug. Man geht also zur Post, um Kohlensäure für sein Sprudelwassergerät zu kaufen? Ich benötige demnächst Sommerreifen, mal sehen, welche Reifen die Bäckerei im Angebot hat.

In Schrot&Korn [1] lese ich, daß Stefan Rahmstorf 195 € als CO2-Emissionspreis für eine Tonne CO2 realistisch hält, wenn man Anreize zur Reduktion von CO2-Emission schaffen will. Die Bundesregierung beschloss 25 € – vielleicht, weil Kleinvieh auch Mist macht. Oder vielleicht, weil die Bundesregierung Mist gebaut hat. Ich weiß nicht, was die Kohlensäure in der Post kostet, aber ich habe 4x425 g für 23 € im Internet gefunden. Das wären dann ja … 13.529 € für eine Tonne CO2. Da kann ich gut verstehen, daß Jugendliche für Fridays for Future auf die Straße gehen und protestieren.

Klar? Von der Geldwäsche geht es gerade zu auf den CO2-Emissionspreis.



Links und Literaturhinweise:
[1] Stefan Rahmstorf: „Das ist einfache Physik“. In: Schrot&Korn 04/2021, S. 69. Oder: https://schrotundkorn.de/umwelt/stefan-rahmstorf-das-ist-einfache-physik – ist auch sonst ein interessantes, lesenswertes Interview.

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Füller und Durchschläge





Ich habe auf der Schiefertafel schreiben gelernt. Das hatte den Effekt, daß ich später auch mehrere Durchschläge problemlos schreiben konnte. Nach der Schiefertafel – wer kennt eigentlich noch das Wort, oder Griffel? Vielleicht noch aus „nimm deine Griffel da weg“ –  kam der Füllfederhalter, nicht der Federhalter,  mit dem lernten wir später noch Schreiben, auch mit Tusche. Die Konrektorin Missoulis, unsere Lehrerin, bestand auf einem Füllfederhalter. Das Argument war: falls die Schüler vergessen sollten, den Füller aufzufüllen, können sie es in der Klasse tun. Es ist ganz anders mit Kugelschreiber oder Filzstift zu schreiben, die es damals bereits gab, aber die nach meiner Erinnerug nicht so verbreitet waren, als mit einem Füllfederhalter. Und Patronenfüllfederhalter wollte Frau Missoulis auch nicht. Nach dem Originalargument hätte man auch ein paar Patronen der damals üblichen Füllfederhalter von Geha und Pelikan bereithalten können. Aber man läd Patronen in einen Füller wie Munition in ein Gewehr. Das Aufziehen aus dem Tintenfäßchen hat andere Qualitäten. Es erfordert Geschicklichkeit und man übt sich auch in Geduld.

Mit dem Durchschlag ist es Ähnlich wie mit dem Füllfederhalter, er ist aus der Mode gekommen. Wer benutzt denn heute noch Durchschläge? Wer benutzt noch das Wort? Wer hat noch Kohle- bzw. Durchschlagspapier? In der Medizin (ist sehr traditionsverbunden) hat man es noch lange benutzt, z.B. bei der Dokumentation von Aufklärungsgesprächen. Der Durchschlag kommt von der Schreibmaschine. Man legte früher ein Blatt Kohlepapier zwischen zwei weiße Blätter und spannte den Stapel in die Schreibmaschine ein. Heute kann man so viele Originale oder Kopien ausdrucken, wie man will. Deshalb haben die Typoskripte von Arno Schmidt ihr eigenes Flair, das nicht völlig auf ein gesetztes Buch übergeht, auch wenn man etwa das gesetzte Werk (Zettel's Traum [1]) in der Zusammenarbeit von Susanne Fischer (Korrekturlesen) und Friedrich Forssman (nur in den höchsten Tönen loben kann.
Ich habe noch eine Schreibmaschine und auch noch Kohlepapier – falls der Strom wegbleiben sollte. Oder wenn ich schreiben will, ohne daß der Inhalt sich ins Netz ergießt.



Links und Literaturhinweise:
[1] https://www.arno-schmidt-stiftung.de/content/Archiv/ZettelsTraum/ZT-Beispielheft.pdf

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Wednesday, April 7, 2021

LYRIK-Taschenkalender 2018 Kalenderwoche 30 07.04.2021

 



Michael Braun und Paul-Henri Campbell haben den LYRIK-Taschenkalender 2018 herausgegeben. Dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne).


30. KW
Michail Jerjomin: * * *


Die Tundra ist nur unBerührt von Menschen, aber die Tiere durchQueren sie, hinterLassen HufAbdrücke, KotBallen, Urin und abGenagtes Gras.
Die Barsche und Karauschen, die rauschen durch die Luft.
Der Knabe ist häßlich, denn er steht gelangWeilt im Fenster herum.
Mit dem Lämpchen auf der Stirn sieht er sowieso wie ein NachtJogger aus. Er wird so oder so über die Schwelle stolpern.
Die Findlinge habe ich verPaßt.

Und an der ÖlLampe muß man reiben.

Die Tundra, das ist Alexandra; ach nein, das war die Taiga. Die Tundra ist  baumlos, während Taiga einen borealen NadelWald bezeichnet – ist damit den Deutschen viel näher als die Tundra, die ursprünglich aus dem Finnischen stammt.


30. KW
Kommentar: Oleg Jurjew


War also Arno Schmidt ein Hermetiker. Der hermetische Solipsist, der solipsistische Hermetiker der Heide? Nur Erika darf ihn dechiffrieren.Mit Jerjomin hätte er dann die Utopie des AlleinSeins in der Welt gemein.

Es wird ein Fenster getragen -: verStändigen wir uns darauf, daß nicht Windows gemeint ist.

„Der Dichter hat einfach keine Ahnung von unserer Existenz.“ -: oder er schert sich nicht darum.




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