Ach, ihr mag ich wohl lassen
Der lichten Stunden Blitzen,
Der Träume Dämmertau.
Annette von Droste-Hülshoff [1]
Der lichten Stunden Blitzen,
Der Träume Dämmertau.
Annette von Droste-Hülshoff [1]
Der Erste Sonntag nach Trinitatis ist dem Nächsten gewidmet: „Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder [und seine Schwester] liebe“. [2] Im ersten Brief des Johannes sind „die Liebe Gottes und die Liebe untereinander“ Kernthemen [3]. Die Textstelle ist nach der Perikopen Ordnung als Epistellesung ausgewählt. Im 18. Vers werden Furcht und Liebe gegen einander gestellt: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus. Denn die Furcht rechnet mit Strafe; wer sich aber fürchtet, der ist nicht vollkommen in der Liebe.“ Kann es sein, daß wir selbst Gottes Liebe fürchten, denn immer wieder muß bekräftigt werden: „Fürchtet Euch nicht!“ [4] Interessanterweise ist Furcht / Angst häufig Thema in Gedichten, so las ich zufällig heute von Stéphane Mallarmé das Gedicht „Angoisse“, in dem es heißt [5]:
„Je fuis, pâle, défait, hanté par mon linceul,
Ayant peur de mourir lorsque je couche seul.“
Und noch ein zweites Gedicht von Tuvia Rübner [6]:
„Nicht Angst,
nicht in Angst. Angst legt Hand
aufs Gesicht. Nicht böses Hirngewind, Wind,
sich dranhängen. Nicht niedersinken in Sand ...“
In der Lesung aus dem Evangelium hören wir die Parabel „Vom reichen Mann und armen Lazarus“ [7]. Im 23. Vers wird über den Reichen gesagt: „Als er nun in der Hölle war ...“. Im Christentum gibt es sehr verschiedene Ansichten zur Hölle, so daß die Originalübertragung Luthers von „descendit ad inferos“ im Glaubensbekenntnis, nämlich „niedergefahren zur Hölle“ [6] in den 1970iger Jahren durch „hinabgestiegen in das Reich des Todes“ ersetzt wurde, wie es im Evangelischen Gesangbuch steht. Die Hölle kommt im Alten Testament nur einmal im Buch Hiob vor. Je einmal wird die Hölle im 1. Korintherbrief, im Brief des Jakobus und in der Offenbarung erwähnt. Eine Häufung des Begriffes „Hölle“ finden wir im Matthäusevangelium, denn den Evangelisten scheint das Thema fasziniert zu haben, immerhin lassen sich fünf Stellen nachweisen und die stehen in verschiedenen Kapiteln [8].
Im Predigttext geht es um die Gütergemeinschaft der ersten Christen, wie sie in der Apostelgeschichte [9] beschrieben wird. Unsere Textstelle beginnt so: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.“ Das klingt schon fast wie Kommunismus. Aber schauen wir genauer hin. In der sich anschließenden Erzählung über das Ehepaar Hananias und Sapphira zeigt sich, daß es sich hier um eine Idealvorstellung und nicht um historische Wirklichkeit handelt; die hatte Lukas wahrscheinlich auch nicht im Sinn. Man erlebt sich nicht als Eigentümer sondern mehr als Verwalter. Die aktuelle Textstelle berichtet über einen Barnabas, „der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld“. Man verkauft also das, was benötigt wird und nicht den gesamten Besitz. Die Freiwilligkeit aber ist der entscheidende Faktor.
Im Text der Epistel stand aktuell ein Stück aus dem ersten Brief des Johannes [10] an, in dem es um den Geist der Wahrheit und des Geist des Irrtums geht. Darin stehen: „Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.“ Und: „Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“
Beschäftigen wir uns einmal mit der liturgischen Farbe. Wir betreten die grüne Zone, denn nun beginnt die lange Phase mit Grün. Grün ist fast in allen Gestecken enthalten, aber man muß im Gesteck der Versöhnungskirche schon suchen, einerseits sind die Hortensien kein Gesteck sondern ein Blumentopf und andererseits sind die Blüte blau. Der Altar selbst bleib ohne Gesteck und ich ich befürworte das. Ob es aber ein Blumentopf auf dem kleinen Altar auf dem Taufbecken sein muß, ist eine andere Frage. In Kall hat die Küsterin wieder für ein ansprechendes Altargesteck gesorgt. Sie hat dafür Blüten mit Grün gefunden. Und so steigt aus dem Weiß von Trinitatis das Grün der Zeit nach Trinitatis. Herzlichen Dank dafür!
Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).
Links und Anmerkungen:
[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 100-101. Am II. Sonntage nach Pfingsten.
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/1-sonntag-nach-trinitatis/
[3] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/1JN.4 1. Joh 4,(13–16a)16b–21
[4] Eine Auswahl:
„Fürchte dich nicht, Abram!“ 1 Mose 15,1
„Fürchte dich nicht, mein Volk, ...“ Jes 10,24
„Fürchte dich nicht vor ihnen; ...“ Jer 1,8
„Fürchte euch nicht!“ Mt 28,5
„Fürchte dich nicht, glaube nur!“ Mk 5,36
„Fürchte dich nicht, du kleine Herde!“ Lk 12,32
„Fürchte dich nicht!“ Offb 1,17
[5] „Flieh ich mein Leichentuch erblaßt, erschreckt in Not,
und habe Angst allein zu schlafen, Angst vor dem Tod.“
Stéphane Mallarmé: Sämtliche Dichtung. DTV, München 2000. ISBN: 3-423-12878-x. S. 26/27.
[6] Aus: „Nicht Angst, nicht in Angst.“ In: Tuvia Rübner: Zypressenlicht. Ausgewählte Gedichte II, 1957-1999. Rimbaud, Aachen 2000. ISBN: 3-89086-753-7. S. 35.
[7] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/LUK.16 Lk 16,19–31
[8] Mt 5,29 / Mt 10,28 / Mt 11,23 / Mt 16,18 / Mt 23,15
Darüber hinaus kommt „höllisch“ dreimal im Matthäusevangelium vor und sonst nirgendwo.
[9] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ACT.4 Apg 4,32–37
[10] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/1JN.4 1. Joh 4,(13–16a)16b–21; insbesondere Vers 10 und Vers 16b
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