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Monday, February 17, 2025

Anmerkungen zu einem Artikel über das Fibromyalgiesyndrom in der Zeitschrift für Rheumatologie Ausgabe Februar 2025


Ich habe gerade meine Kopie der Zeitschrift für Rheumatologie Ausgabe Februar 2025 erhalten und las den Artikel „Effekte einer multimodalen stationären Behandlung bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom im Akut-Rheumazentrum Rheinland-Pfalz“ von PD Dr. Konstantinos Triantafyllias und weiteren [1]. Leider las ich etwas genauer und da komme ich nicht um einige Anmerkungen herum.

Ist das, was als multimodale Behandlung klassifiziert wird, nicht einfach nur Polypragmasie? Ich hoffe, daß ich mich einer Antwort auf diese Frage nähern kann.

Die TeilnehmerInnen waren wie erwartet über 90% Frauen und da frage ich mich, ob man die Männer nicht generell herauslassen sollte.

Das war CRP war im Median [A(ufnahme): 2,9 mg/dl, E(ntlassung) 2,5 mg/dl] erhöht – warum? Es wird nicht erläutert, welche Bedeutung dem zugemessen wurde.

Einleitung und Methoden
Die Diagnose wurde nach den Diagnosekriterien ACR 2010 gestellt [2]. „Ziel dieser Studie war es somit, die Wirkung einer kompakten 9- bis 10-tägigen stationär durchgeführten multimodalen Fibromyalgiebehandlung (MFB) anhand von „patient reported outcomes“ (PRO) in einer deutschen Kohorte zu untersuchen.“

Werkzeuge
Die Studie verwendete visuellen Analogskalen (VAS) [0-10] zur Einschätzung der  Schmerzstärke [VAS (S)] und subjektiver Krankheitsaktivität [VAS (KA)], Fragebögen zur Erfassung der alltäglichen Funktionskapazität [Health Assessment Questionnaire (HAQ)], Funktionsfragebogen Hannover [FFbH]) die Erfassung der „Pharmakotherapie zu drei Zeitpunkten (Visite 1: Beginn der MFB, Visite 2: Ende der MFB und Visite 3: 3 Monate nach Visite 2) beurteilt.“ [3] Die Tabelle zeigt wie im Text der Arbeit nur Erhebungen zu Beginn und Ende des stationären Aufenthaltes. Da im weiteren Verlauf eine Zwischenüberschrift mit einem längeren Text über „Pharmakologische Therapie als Teil eines multimodalen Konzeptes“ sowie die Etablierung einer Subgruppe „ohne intensivierte Schmerzmedikation“ erfolgte, prangere ich dies Versäumnis an. Wenn es so wichtig ist, warum wurden die Daten nicht erhoben bzw. nicht in Tabelle 4 mitgeteilt?
Bei der VAS (S) sind die Zeitpunkte über Tag nicht erfaßt worden; und überhaupt dreimal ein Kreuzchen auf einer Linie – da soll alles sein? Wie wäre es mit einem Schmerztagebuch?!
HAQ und FFbH muss man erheben, aber in der Regel sind sie wenig ergiebig bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom, wie sich auch in den Ergebnissen gezeigt hat – keine signifikaten Veränderungen.
Was wurde alles nicht erfaßt in dieser Studie? Was ist mit Erhebungen zu Lebensqualität, Depressivität, Somatisierung, Zwanghaftigkeit, Ängstlichkeit, Selbsteffizienz? Keine Angaben.
Die stationäre Therapie wurde 9-10 Tage durchgeführt und es erfolgten 22 Stunden Therapie, also ca. 2h12m/Tag, wenn man der Einfachheit mit zehn Tage rechnet. Dann entfallen 18 m/T auf eine nicht weiter erläuterte Bewegungstherapie. 24 m/T entfallen auf Ergometer, die Therapie wird alleine nach Einführung durchgeführt. 12 m/T Nordic Walking – alleine? Nach Einführung? 12 m/T Wärmeanwendung (halte ich für nicht indiziert, da es Erwartung nach Fremdheilung fördert könnte – aber die Diskussion wird eher vermieden). 36 m/T Rapsen, das alleine nach Einführung durchgeführt wird. Die PatientInnen konnten warm, zimmertemperierte oder kalte Rapssamen bekommen. Das aber ist die Therapie, die den größten Anteil hat und am ausführlichsten beschrieben wird. Was will man beim Fibromyalgiesyndrom damit errreichen? Will man „die Motorik und Gelenkbeweglichkeit fördern“? Ist man der Meinung, daß eine gestörte Motorik und Gelenkbeweglichkeit für die Schmerzen am ganzen Körper verantwortlich ist? Wenn das so wäre, warum hat man nicht gemessen, ob sich überhaupt etwas verändert hat? Und dann werden 30 m/T kognitive Verhaltenstherapie erwähnt. Das erscheint mir dürftig, besonders wenn man sich über das Rapsen zeilenweise ausläßt und hier nur eine Blackbox bleibt, über die man rätseln kann, wie über den Ausgang des Experiments von Schrödingers Katze.

Ergebnisse
Handelt es sich um eine verkappte Pregabalin-Studie? Es erfolgte eine Zunahme von 9 auf 28 Pat. „(50%)“ mit Pregabalin; es ist mir unklar, wie die Angabe 50% in Tabelle 4 zustande gekommen ist. Aber so schnell gebe ich da nicht auf! Überall ist von 61 PatientInnen die Rede, aber wenn man die Tab. 4 heranzieht, wurde hier durchgehend mit 56 PatientInnen gerechnet. Wo sind die fünf PatientInnen geblieben? Und was heißt das für die Ergebnisse insgesamt?

Diskussion
Die Arbeit inszeniert sich als „eine der ersten Explorationen über möglich Auswirkungen eines multimodalen Therapiekonzeptes“ und bezeichnet sich als „eine der wenigen Arbeiten weltweit“, „die diese Effekte 3 Monate nach Entlassung erneut überprüft hat“. Was sind denn drei Monate? Was ist mit sechs oder 12 Monaten, oder einem noch längeren Zeitraum? Solche Untersuchungen gibt es [4]. Ich habe Leslie J. Crofford auf verschiedenen Kongressen befragt, wie es mit Langzeiteffekten von Pregabalin beim Fibromyalgiesyndrom aussähe und sie hatte jedesmal vorgegeben, da müsse sie in die Daten schauen. Leslie J. Crofford aber war eeine derjenigen, die Pregabalin propagiert hatten bzw. die Studien vorgestellt hatten [5]. Man vermeidet längere Zeiträume, da sich dann keine Effekte mehr nachweisen lassen.

Egal, was man gegen Fibromyalgie unternimmt, für kurze Zeit wird man signifikante Effekte nachweisen können. Die halten aber nicht an und deshalb wird zu kurz nach der Intervention erneut getestet. Ich behaupte, dann ist man auch nicht besser als ein Retreat von 9-10 Tagen Dauer oder so etwas wie eine Kegeltour.

Ich meine, daß die Arbeit auch sachliche Mängel aufweist, aber darüber sollten andere urteilen.



Links und Anmerkungen:

[1] Triantafyllias, K., Balaklytska, V., Sauer, C. et al. Effekte einer multimodalen stationären Behandlung bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom im Akut-Rheumazentrum Rheinland-Pfalz. Z Rheumatol 84, 10–18 (2025). https://doi.org/10.1007/s00393-024-01568-x 
https://www.springermedizin.de/fibromyalgiesyndrom/fibromyalgiesyndrom/effekte-einer-multimodalen-stationaeren-behandlung-bei-patientin/50015302  
[2] Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Katz RS, Mease P, Russell AS, Russell IJ, Winfield JB, Yunus MB. The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis Care Res (Hoboken). 2010 May;62(5):600-10. doi: 10.1002/acr.20140. PMID: 20461783.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20461783/
[3] So jedenfalls steht es in der Zusammenfassung. Im Text aber steht: „sowie der Medikationsplan zu Beginn und Ende der Behandlung“.
[4] Hier sind einige Veröffentlichungen und Vorstellungen auf nationalen und internationalen Kongressen von Dipl.-Psych. Thomas Valentin. https://www.praxis-valentin.de/ver%C3%B6ffentlichungen/
[4a] Valentin Th (2003): Cognitive behavioral therapy with fibromyalgia? The results of a study with a mean 1,8 years follow-up. 4th Congress of EFIC, Prag (book of abstracts): 435.
[4b] Valentin Th et al. (2002): Was taugt die Patientenschulung „Fibromyalgie“ in der Rheumatologie? Die Ergebnisse einer Langzeitstudie. Zeitschrift für Rheumatologie 61 (Suppl. 1): 123.
[4c] Valentin Th (2001): Verhaltenstherapie oder interdisziplinäre Polypragmasie? Die Langzeitergebnisse einer praxisnahen Untersuchung zur Wirksamkeit einer verhaltenstherapeutischen Gruppenbehandlung für Fibromyalgiepatienten. Der Schmerz 15 (Suppl. 1): 85.
[5] Crofford LJ, Rowbotham MC, Mease PJ, Russell IJ, Dworkin RH, Corbin AE, Young JP Jr, LaMoreaux LK, Martin SA, Sharma U; Pregabalin 1008-105 Study Group. Pregabalin for the treatment of fibromyalgia syndrome: results of a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Arthritis Rheum. 2005 Apr;52(4):1264-73. doi: 10.1002/art.20983. PMID: 15818684.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15818684/  

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Thursday, August 19, 2021

Akupunktur bei Fibromyalgie

 



Ich las im Wochenspiegel über Akupunktur und chronische Schmerzen, Fibromyalgie wurde explizit erwähnt [1]. Ich dachte so bei mir, daß ich Akupunktur bei Fibromyalgie schon längere Zeit nicht überprüft hätte. Das habe ich nun getan. Auf dem ACR Kongress 2020 (das Meeting des American College of Rheumatology) und dem EULAR Kongress 2021 (der europäische Kongress für die Rheumatologie) wurde dazu keine Studie veröffentlicht. Ich habe dann bei PubMed  nachgeschaut und eine Metaanalyse gefunden. Die Arbeit ist von Befürwortern der Akupunktur verfaßt worden.

 
Bai Yang und Kollegen veröffentlichten folgende Studie [2]: [Wirksamkeit der Akupunktur beim Fibromyalgie-Syndrom: eine Metaanalyse]. Die Autoren arbeiten an der Tianjin University of Traditional Chinese Medicine. Die Autoren hatten 523 Studien analysiert, aber nur neun Studien hatten die Eingangskriterien für dieses Meta-Analyse erfüllt. Die Autoren kam zu folgendem Ergebnis: [Im  Vergleich zur Scheinakupunktur (sham acupuncture) gab es nicht genügend Evidenz, um die Wirksamkeit der Akupunkturtherapie als Behandlung von Fibromyalgie zu belegen. Einige Evidenz bestand, daß die Wirksamkeit der Akupunkturtherapie bei Fibromyalgie Medikamenten überlegen war; die eingeschlossenen Studien waren jedoch nicht von hoher Qualität oder wiesen ein hohes Verzerrungsrisiko (bias) auf. Akupunktur in Kombination mit Medikamenten und Bewegung könnte kurzfristig die Schmerzschwellen erhöhen, aber es besteht Bedarf an höherwertigen randomisierten kontrollierten Studien, um dies weiter zu bestätigen.] 
 

 
Warum überrascht mich das Ergebnis nicht? Wir [3] hatten 2006 eine Gastärztin aus Qingdao. Ich hatte mit ihr diese Frage diskutiert und sie sagte, Akupunktur wäre bei Fibromyalgie nicht üblich. Aber da sie es nicht genau wußte, hat sie sicherheitshalber den Chef der Abteilung Akupunktur  bzw. Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in ihrem Krankenhaus angerufen und der bestätigte ihre Aussage. Man wird immer wieder positive Berichte finden, besonders in Zeitschriften, die nicht auf die Qualität der Studien achten. Der Standard für Studien aber erhöht sich kontinuierlich. Bei Methoden wie der Akupunktur kommt noch hinzu, daß es schwierig ist, eine Scheinbehandlung durchzuführen, ohne daß der Therapeut es weiß.
 
Als Ergebnis bleibt festzuhalten, daß die Therapie mit Akupunktur bei Fibromyalgie [4] keinen sicheren Stellenwert hat. 
 
 
Akupunktur-Set [5]



Links und Anmerkungen:

[1] https://wi-paper.de/show/77f4e615a63a/epaper
[2] Yang B, Yi G, Hong W, Bo C, Wang Z, Liu Y, Xue Z, Li Y. Efficacy of acupuncture on fibromyalgia syndrome: a meta-analysis. J Tradit Chin Med. 2014 Aug;34(4):381-91. doi: 10.1016/s0254-6272(15)30037-6. PMID: 25185355. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25185355/
[3] Abteilung Innere Medizin / Rheumatologie am Rheinischen Rheuma Zentrum Meerbusch-Lank
[4] Die S3-Leitlinie stellt es etwas positiver dar: „Der zeitlich befristete Einsatz von Akupunktur kann erwogen werden.“ https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/145-004p_S3_Fibromyalgiesyndrom_2017-03.pdf Die nächste Überprüfung der Leitlinie ist für 03/2022 geplant.
[5] Das ist ein chinesisches Akupunktur-Set, das ich bei mir gefunden habe. Ich glaube kaum, daß heute noch jemand Nadeln zum mehrfachen Gebrauch benutzt. Einmal-Nadeln sind Standard. Verschiedene Nadeln ähneln mehr Lanzen und Hellebarden -
aber das würde jetzt zu weit führen.

 

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Wednesday, March 27, 2019

Erneut Radonstollen


Gestern hielt ich einen Vortrag über die ankylosierende Spondylitis (M. Bechterew) und im Diskussionsteil kam wieder einmal die Frage nach dem Radonstollen – jemand hatte in Bad Gastein Erfahrungen gesammelt und wollte diese weitergeben, da die Medikamente doch so gefährlich sind.

Radonstollen oder Heilstollen werden besonders in Österreich und Deutschland immer noch betrieben. Sie stammen aus einer Zeit, in denen die Medizin den entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht viel entgegenzusetzen hatten und solche Erkrankungen häufig in den Rollstuhl führten. Seit 1912 werden in Bad Kreuznach Patienten mit Radon behandelt. Dr. Hans Jöckel, der Nestor der Radonstollen-Therapie, vergleicht die radioaktive Belastung im Stollen mit der eines Aufenthaltes im Gebirge. Also warum nicht gleich in Gebirge fahren? Ist diese Therapieform noch zeitgemäß?

Und wie gefährlich könnte sie sein? Die Radonstollen-Therapie ist keine anerkannte Methode und wird auch nicht weltweit eingesetzt. Das Bundesamt für Strahlenschutz weist auf Risiken hin, die in bestimmten Häusern für eine Radon Exposition bestehen. Nach dem Rauchen birgt Radon das zweithöchste Risiko für die Entwicklung eines Lungenkrebses.

Osteoporose, Fibromyalgie, degenerative und entzündlich-rheumatische Erkrankungen des Bewegungsapparates, ja auch Gicht, alles soll besser werden; schlecht heilende Wunden, Sklerodermie, Heuschnupfen, Asthma usw. ebenso. Das zeigt, wie unspezifisch die Therapie mit Radon ist. Und - ist es überhaupt das Radon, das da wirkt?
Man geht davon aus, dass die Radioaktivität eine Wirksamkeit entfalten würde. Das ist aber ein Glaube an Magie, denn sonst müssten Tschernobyl oder Fukushima überlaufen sein. Und wenn es der Stollen an sich ist, warum dann nicht Einfahrten in stillgelegte Salzbergwerke oder Steinkohlebergwerke im Ruhrgebiet?

An folgender Veröffentlichung kann man das gut erklären, was Stephen Bennett als "Quack Science" bezeichnet. Moder, A., Hufnagl, C., Lind-Albrecht, G., Hitzl, W., Hartl, A., Jakab, M. and Ritter, M. (2010) ‘Effect of combined Low-Dose Radon- and Hyperthermia Treatment (LDRnHT) of patients with ankylosing spondylitis on serum levels of cytokines and bone metabolism markers: a pilot study’, Int. J. Low Radiation, Vol. 7, No. 6, pp.423–435.
In der Zusammenfassung (Abstract) findet sich die folgende Passage:
"We therefore performed a study on 33 AS patients to investigate the effect of LDRnHT on serum levels of bone metabolism markers and cytokines involved in chronic inflammatory disorders. It is shown that TGF-β1, TNF-α, IL-6, OPG and RANKL levels significantly increased after LDRnHT and that the ratio of OPG over RANKL is significantly elevated."
Da wurden also Zytokine (bestimmte Botenstoffe) gemessen und die hatten sich verändert. Sehen wir einmal über die geringe Zahl von Patienten hinweg. Die Studie hat keine Kontrollgruppe. Sämtliche Veränderungen werden auf den Heilstollen zurückgeführt und nicht auf die z.B. gleichzeitig durchgeführt Rehabilitationsbehandlung. Es hätte sich leicht eine Kontrollgruppe finden lassen. Die Ergebnisse sind wohlgemerkt korrekt erhoben worden, aber sie sagen so überhaupt nichts über die Behandlung im Heilstollen aus.

Eine interessante Beobachtung ist die Zahl sogenannter Pilotstudien, denen dann keine weiteren Studien gefolgt sind. In einer Studie von A. Franke et al. wurde sieben Jahre lang gescreent, also ca. 25 Patienten pro Jahr (DOI 10.1007/s00296-006-293-6). Aber vielleicht müssen wir nur genügend lange warten.

Anlässlich der "Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation" am 24. und 25. November 2006 in Wien wurde eine Pilotstudie zu "Fibromyalgie – Schmerz und Erschöpfung / Verlauf nach Gasteiner Heilstollentherapie im Rahmen der Kurbehandlung" vorgestellt. 21 Patienten wurden im Rahmen eines multimodalen Therapiekonzepts untersucht, das neben den Stolleneinfahrten auch aktivierende Elemente und Schulungsmaßnahmen beinhalteten. "Der Rücklauf auf die Nachbefragung bei T3 (4 Monate nach der Kur) betrug 76 % (16 von 21 Patienten)." Zu diesem Zeitpunkt erfasst man einen Effekt, den ich den Kegeltoureffekt nenne. Da ist auf jeden Fall eine Besserung festzustellen.

Die Exposition einer Radonstollenkur wurde mit 1,8 mSv angegeben, wobei die mittlere natürliche Strahlenbelastung pro Jahr 2,4 mSv beträgt [G. Lind-Albrecht und S. Rotheimer-Hering in Journal für Mineralstoffwechsel 2005; 12 (4)]; das sind immerhin 75% der jährlichen natürlichen Exposition, die noch dazukommt. Nach Berechnungen der Betreiber besteht kein erhöhtes Risiko etwa für die Entwicklung von Krebs. Trotzdem wird vor Radon gewarnt.
Warum nicht in den Keller gehen, dort seine Radon-Dosis abbekommen und man ist geheilt? Nein! Ich halte die Therapie im Radonstollen für überholt. Es sind sicherlich Effekte vorhanden, die aber nicht unbedingt dem Radon und seiner Radioaktivität zuzuordnen sind. Deshalb sollte zugunsten von effektiveren Therapien, die mittlerweile existieren, und zur Reduktion der Strahlenexposition darauf verzichtet werden. Ich rate von der Heilstollentherapie ab.


Zur Gefahr von Radon:

Umgearbeitet von:

PS. Ich erinnerte mich gerade, dass wir hier im Rheinischen Rheuma Zentrum noch sehr alte Literatur besitzen. In der Zeitschrift für Rheumaforschung (übrigens Ex libris Dr. Fritz Hartmann) wurde im Band 20 (1961) auf S. 319 ein Artikel von R. Günther aus Bad Gastein zitiert: Klinische Erfahrungen mit Radonthermen. Er berichtete über die Beobachtungen an 1500 Patienten: „Eine spezifische Radonwirkung konnte an dem genannten Krankengut nicht sicher nachgewiesen werden, da die verschiedenen am Kurort einwirkenden Einflüsse zu zahlreich sind.“ Berichtet von G.A. Schoger (Bad Münster am Stein)

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Sunday, January 28, 2018

Mysterium Nervenschmerzen




Eine Anzeige für ein homöopathisches Präparat ist groß übertitelt mit „Mysterium Nervenschmerzen“. Das Mysterium wurde ursprünglich für eine kultische Feier mit einem geheimen Kern für Eingeweihte benutzt. Heute benutzt man es für Geheimnis oder einen Sachverhalt, der „sich der eindeutigen Aussagbarkeit und Erklärbarkeit prinzipiell entzieht“ [1]. Warum sollten nun Nervenschmerzen ein Mysterium sein? In der Schulmedizin ist es jedenfalls kein Mysterium.

„Im Gegensatz zu anderen Schmerzarten ist bei Nervenschmerzen das für die Schmerzleitung zuständige System selbst durch Infektionen, Verletzungen oder Stoffwechselerkrankungen geschädigt.“ [2] Diese Erklärung ist von der deutschen Schmerzliga. Man nennt diesen Schmerz auch neuropathisch. Fibromyalgie gehört übrigens entgegen der Meinung der Schreiber der Anzeige („Ratgeber Nervenschmerzen Teil 1“) nicht dazu; diese Sorte Schmerz nennt man zentralen Schmerz oder auch nicht-nozizeptiven Schmerz [3].

„Das Geheimnis hinter RESTAXIL? In den Arzneitropfen steckt die geballte Kraft aus fünf ausgewählten Arzneipflanzen: Spigelia anthelmia, Iris versicolor, Gelsemium sempervirens, Cimicifuga racemosa und Cyclamen purpurascens.“ [4] Geballte Kraft?

Stellen Sie sich einmal vor, auf der Liter-Packung stände nicht Soja Drink [auf dem Bild eine meiner bevorzugten Sorten] sondern Nektar mit der geballten Kraft von sonnenverwöhnten Früchten. Und stellen Sie sich weiter vor, nur 10 ml sind Fruchtsaft von sonnenverwöhnten Früchten und der Rest ist Wasser und Zucker. Würden Sie sich nicht vergackeiert fühlen, wenn Ihnen die geballte Kraft von sonnenverwöhnten Früchten versprochen wird? Und würden Sie das kaufen?



Gibt es eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift, die in PubMed gelistet wird? Nein.


Was kostet Restaxil? Die Dosierungsempfehlung lautet 3x5-10 Tropfen in der chronischen Phase, bei akuten Beschwerden bis 12x5-10 Tropfen. 100 ml werden für etwa 60 € angeboten; manchen gehen aber bis über 90 €! Bei der geringsten Dosis zahlen Sie 0,45 € pro Tag, bei der höchsten Dosierung zahlen Sie aber 3,00 € pro Tag. Ich nenne das Abzocke, aber Sie werden es vermutlich kaufen, denn Sie trinken ja auch das Zuckerwasser mit der geballten Kraft von sonnenverwöhnten Früchten.


Links: 

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Thursday, August 3, 2017

Fibromyalgie und Lidocain Infusionen






Gerne werden bei Fibromyalgie und anderen chronischen Schmerzen Lidocain Infusionen eingesetzt. Wie komme ich jetzt darauf? Ich hatte natürlich wieder einmal eine Patientin, die mir berichtete, dass sie nach einer solchen Infusion mit Verdacht auf Schlaganfall in eine Klinik eingeliefert wurde, wo allerdings die Diagnose nicht gestellt werden konnte. Gott sei Dank! Aber wenn dies in einer Studie passiert wäre, ginge man von einer schweren unerwünschten Arzneimittelwirkung (SAE – severe adverse event) aus (Krankenhausaufenthalt), von der sofort (!) alle Zentren, die an der Studie beteiligt sind, informiert werden müssten. So aber wird wahrscheinlich niemand informiert worden sein.

Lidocain (z..B. Xylocain) ist ein örtlich wirksames Betäubungsmittel (Lokalanästhetikum), wirkt aber auch Antiarrhythmikum, also bei bestimmten Herzrhythmus-störungen [1]. Während Lidocain früher häufig gegen Extra-schläge des Herzens eingesetzt worden ist, hat man es später ersetzt, da es selbst Herzrhythmusstörungen aus- lösen und die Kontraktionskraft des Herzens ver- mindern kann. Weitere Nebenwirkungen sind Unruhe, Krampfanfälle, Blutdruckabfall und allergische Reaktionen [1].
Deshalb erstaunt es mich, dass es beim Fibromyalgie-syndrom eingesetzt wird. Wie sieht dazu die Studienlage aus?

M.D. Schafranski und Kollegen veröffentlichten 2009 eine Studie [2]: “ Intravenous lidocaine for fibromyalgia syndrome: an open trial.“ Die Autoren schlossen: „Intravenöse Lidocain-Infusionen sind sicher und wirksam bei der Behandlung von Fibromyalgie.“ Wut oder Lachen wären jetzt zwei angesagte Verhaltensmuster. Die Autoren untersuchten 23 Patienten, die jeweils 5 Tage mit 2%iger Lidocain-Lösung behandelt worden sind. Sie versäumten eine Kontrollgruppe mit Placebo zu etablieren. Eine Infusion hat nämlich einen tollen Placeboeffekt, egal, was in der Flasche ist. Wenn Sie die Flasche mit Alufolie umhüllen, ist z.B. der Effekt noch stärker. Also ist diese Studie überhaupt nichts wert. Die Autoren (Schafranski MD, Malucelli T, Machado F, Takeshi H, Kaiber F, Schmidt C, Harth F) sollten sich schämen.

Im Jahr 2011 haben R. Vlainich und Kollegen eine Placebo kotrollierte Studie vorgelegt [3]: „Effect of intravenous lidocaine associated with amitriptyline on pain relief and plasma serotonin, norepinephrine, and dopamine concentrations in fibromyalgia.” Eine prospektive, randomisierte, doppelblinde Vergleichsstudie wurde bei 30 Patienten durchgeführt. Die Autoren fassten zusammen: „Die kombinierte Verabreichung von 240 mg Lidocain intravenös (einmal wöchentlich) und 25 mg Amitriptylin für 4 Wochen veränderte weder Schmerzintensität noch Plasma Serotonin-, Norepinephrin- oder Dopamin-Konzentrationen bei Fibromyalgie-Patienten.“ Die Studie konnte also keinen sinnvollen Effekt nachweisen.

A.L. Albertoni Giraldes und Kollegen legten 2016 folgen Studie vor [4]: “ Effect of intravenous lidocaine combined with amitriptyline on pain intensity, clinical manifestations and the concentrations of IL-1, IL-6 and IL-8 in patients with fibromyalgia: A randomized double-blind study.” Die Autoren schlossen: “Die Kombination von 240 mg intravenösem Lidocain (einmal wöchentlich für 4 Wochen) mit 25 mg Amitriptylin für 8 Wochen hatte keine sinnvolle Wirkung bei Fibromyalgie-Patienten.“ Leider ist im Abstract die Anzahl der Patienten nicht erwähnt worden.

Ich finde keine sinnvolle Begründung für die Verabreichung von Lidocain-Infusionen bei Fibromyalgie-Patienten. Mögliche Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle, Blutdruckabfall und allergische Reaktionen sollten unter dem Gebot, nicht zu schaden, Anlass genug sein, solche Infusionen nicht durchzuführen.

Ich rate allen Patienten, kritische Fragen zu stellen, wenn solche Infusionen mit Lidocain durchgeführt werden sollen – und Sie können das auch ablehnen!


Links:


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