Monday, March 20, 2023

LYRIK-Taschenkalender 2015 39. KW 20.03.2023

 



Michael Braun hat den LYRIK-Taschenkalender 2015 herausgegeben und zusammen mit Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem Gedicht vorgestellt. Er ist mir jetzt wieder in die Hände gefallen. Auch dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne). Diese Annotationen stammen aus den Jahren 2014/2015 und 2020-2022.


39. KW
Katharina Schultens: unter der voraussetzung / man entfernte den Schutz


Welt am Draht (mit Löwitz [1]). Hängen wir auch an den Sternen wie an Strippen?
 
Es wäre schon gut, wenn der Himmel ans Bett gebunden wäre, damit er nicht wegfliegt.

Himmel
    mal im
Nebel
Dann
Hinter
Wolken
Mal
Hell
Mal
Dunkel
Dann
Wieder
VerBorgen
Hinter den
    Sternen
Na toll

Manchmal bin auch ich größenWahnsinnig und falte die Hände auf den Kopf, sodass die Arme eine Raute bilden. Dann wiege ich michim Stehen – etwas  nach rechts und etwas nach links –, bis das Universum wieder seine richtige Lage bekommen hat.

„Fadensonnen“ / „Schleifgeräusch der Schrift“. Paul Celan


39. KW
Kommentar: Carolin Callies


Der Regen als Schnüre, an denen Marionetten bewegt werden können. Aber die Menschen bewegen sich anders, wenn der Regen sie bewegt. Der Regen als Drahtzieher? Ich habe übrigens wirkliche Drahtzieher unter meinen Patienten gehabt (von Felten & Guillaume).

Köln oder sonstWo

    kein klassischer
Schwarzer
Tango
  Aus
Dem
Grau
Der
Wolken
Schnüre
Wie
SpinnenFäden
An
Denen
Wir Hängen
    Und
    Die
Wir beWegen

Natürlich ist man Gefangener des Regens, wenn man in einem kleinen Wartehäuschen steht und der Bus nicht kommt, weil der Verkehr auch vom Regen gefangen ist.

Spitzweg'scher Poet -: Ich war einmal mit Freunden in Mali in der Halbwüste [2] zelten und gerade dort regnete es. Ihr Zelt bestand nur aus einem Innenzelt und das war nicht regenDicht. Ihre Schlafsäcke waren es, so daß sie in ihnen schliefen und ihr über ihren Köpfen ihre Regenschirme aufgestellt hatten.



Links und Anmerkungen:

[1] „Welt am Draht ist ein zweiteiliger Fernsehfilm von Rainer Werner Fassbinder aus dem Jahr 1973.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Welt_am_Draht  Hauptrolle Klaus Löwitsch (1936-2002). https://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_L%C3%B6witsch  
[2] Irgendwo in der EinÖde zwischen Timbuktu und Honbori.


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Altargesteck am 19.03.2023 – Laetare

 



Der heutige Sonntag heißt Laetare [1] und wird eingedeutscht Lätare geschrieben. Laetare ist Lateinisch und bedeutet „freue dich“ oder auch „freuet euch“. Es geht zurück auf diese Stelle im Buch Jesaja: „Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.“ (laetare ierusalem. et conventum facite omnes qui diligitis eam. gaudete cum laetitia, qui in tristitia fuistis. ut exsultetis, et satiemini ab uberibus consolationis vestrae.) [2]

Dieser Gottesdienst hatte es in sich und war auch entsprechend gut besucht. Er stand unter dem Motto „Wie wollen wir streiten und versöhnen?“ der Predigtreihe „Wie wollen wir leben?“. Dazu war es noch der Vorstellungsgottesdienst der Konfirmandinnen. Und dann sang auch noch der Gospelchor „Voice TABS“ [3] – mitreißend!

Der Wochenspruch lautet: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“ [4] Laetare gilt als ein Hinweisen auf das nahe Osterfest. Deshalb wird in manchen lutherischen Gemeinden die liturgische Farbe Violett zu Rosa aufgehellt; da geschieht nur an zwei Sonntagen, nämlich Gaudete und Laetare [5]. Bei uns blieb es aber bei Violett. Um das Ganze für mich noch komplizierter zu machen, war der Predigttext die Parabel von Zachäus [6] und die grünen Paramente in der Versöhnungskirche zeichen Zachäus auf dem Maulbeerfeigenbaum. Das wird aber den wenigsten Gottesdienstteilnehmern aufgefallen sein, denn erstens waren wir in der Christuskirche und zweitens erzählen die Konfirmanden die Geschichte im modernen Stil, da war aus dem Steuereintreiber ein Taxi- oder Uber-Fahrer geworden, der den Fahrgäste zu viel Geld abknöpfte.

Jesus vergleicht seinen Kreuzestod mit einem Samenkorn, das ersterben muss, damit Neues wächst und vielfache Frucht bringen kann. Gottes Zusage steht bei Jesaja und war Teil der Lesung aus dem Alten Testament: „Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer.“ [7]

Das Altargesteck trat aktuell etwas in den Hintergrund. Das war vielleicht auch gut so, denn so schön es auch dasteht, liturgisch weist es auf Pfingsten oder das Reformationsfest. Und darauf einzugehen, wäre selbst für mich eine zu ferne Abschweifung.


Verwirrspiel mit Parament - Zachäus auf dem Maulbeerfeigenbaum


Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:
[1] https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/article.php#1100  
[2] https://rheumatologe.blogspot.com/2019/03/altargesteck-latare-2019-31032019.html Da hatte ich schon einmal drüber geschrieben.
[3] Der Gospelchor „Voice TABS“ bereichert das musikalische Spektrum der Gemeinde mit traditionellen Spirituals und Gospels und weiteren mehr inter Leitung der Kantorin Mechthild Brand. https://evangelisch-in-koeln-dellbrueck-holweide.de/gospelchor-voice-tabs/  
[4] Joh 12,24    
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Liturgische_Farben
[6] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/LUK.19/Lukas-19  Lk 19,1-10
[7] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/ISA.54/Jesaja-54 Jes 54,7–10



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Saturday, March 18, 2023

LYRIK-Taschenkalender 2015 38. KW 18.03.2023

 



Michael Braun hat den LYRIK-Taschenkalender 2015 herausgegeben und zusammen mit Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem Gedicht vorgestellt. Er ist mir jetzt wieder in die Hände gefallen. Auch dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne). Diese Annotationen stammen aus den Jahren 2014/2015 und 2020-2022.


38. KW
Christine Lavant: Mir ist es oft, ...


Vom Garten Eden bekommt jeder ein Stück, worauf Sarg oder Urne passen.

Die Sanftheit hat für mich nur der Tauwind.

Du beziehst dein neues Haus, hast die HausTür aufGeschlossen und innen sind alle Türen verSchlossen. Du fragst nach den Schlüsseln, doch die hat man verlegt.

Bilderschrift -: auch der Teppich von Bayeux ist eine Schrift aus Bildern mit über 50 Szenen.  In alten Hieroglyphen sind Bildern, die das Demotische verlassen hat. Auch die chinesischen Zeichen waren einst Bilder.

„Garten, den der Herr bewohnt“ -: ja, wenn er niemanden mehr hineinLßst. Eher baut er eine riesige Stadt als den einen oder anderen in seinen Garten zu lassen.

Atempause
    wie lange
Nur
Mag
Sie
Andauern
Diese
    Letzte
Atempause?  

Wolken
In deinen Gedanken
Bleiben die Wolken stehen
Der Wind aber weht weiter

Du nummerierst die Blätter
Die im verGangenen Jahr gefallen sind
Und ordnest sie neu an

Nur der Schnee in deinen Händen
Ist geStorben und VerFlossen
Wie unsere Jahre hier


38. KW
Kommentar: Nadja Küchenmeister


Das Tibetanische Totenbuch -: ich habe es kürzlich noch gesucht,; ich meinte, es verstaube auf dem Dachboden. Achim (Dhänn) hatte die gesamte Theosophische Bibliothek seines Vaters entsorgt. Ich dachte zunächst -: was für ein Verlust. Aber das Geschwurbel von Helena Petrovna Blavatsky [1] durfte  ruhig entsorgt werden. Harischandra Kaviratna in Sri Lanka hatte nur eine Bibliothek mit wenigen Büchern. Einige davon waren auch von der Theosophischen Gesellschaft. Aber für die hatte er das Buch Dhammapada ins Englische übersetzt. Er war damals schon erblindet und diktierte alle seine Werke seiner Tochter Savitri, die dann nach Dänemark ausgewandert ist.

Kranich
    du gehst
Fort
Wie
Ein
Kranich
Im
Herbst
Aber
Kehrst du
    Auch
Wieder zurück?

Wenn man etwas in den Raum stellen will, muss man ihn dann erst einmal leeren? Vielleicht reicht es aus, sich selbst bzw. sein Selbst zu leeren.   




Links und Anmerkungen:
[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Helena_Petrovna_Blavatsky
[2] https://www.theosophical.org.uk/theosophical-university-press/other-theosophical-authors/harischandra-kaviratna/  
„Kaviratna, the Sinhalese Director of the Oriental Institute, Batapola, states: "Some commentators have curious and artificial renderings, which are not akin to the streams of Buddhist and Vedio thought prevalent in India during the time of the Buddha. Most of the European and Indian translators have based their renditions upon these artificial commentaries without any deep penetration into the philosophic currents of that early period. // For this. . . volume, I have diligently compared the best European translations . . . with Sanskrit, Burmese and Chinese versions. Special care has been taken to bring out a faithful word-for-word rendition that is lucid, free of bias and, as far as possible, true to the wisdom and pristine grace of the original Fall texts" (p.xxviii).“ Ich kann garantieren, daß Harischandra Kaviratna so gesprochen hat.
https://archive.org/details/PaliBuddhistReview/Pbr6.21981-2/page/n24/mode/1up  S. 119 ff.


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Friday, March 17, 2023

FreitagsGedichte / #Kurzlyrik 17.03.2023

 




燕草如碧絲,秦桑低綠枝;
當君懷歸日,是妾斷腸時。
春風不相識,何事入羅幃?
春思
李白
Das Gras von Yan liegt mit seidigem Glanz,
Tief hängen die grünen MaulbeerZweige von Qin.
Wann wird der Gatte ins Heim zurückkehren,
Wenn schon das Herz der Gattin fast gebrochen.
Die FrühlingsBrise ist nur ein Fremder,
Und doch bewegt sie die BettVorhänge.
FrühlingsGedanken
Li Bo


Mond & Mensch
    der Mond
Scheint
Groß
Im
Auf- und
NiederGang
In
Der
Höhe
Wirkt
Er
Kleiner
Ganz anders
Ist
Der
Mensch
Denn oben
    Scheint
Er groß

Von Hühnern & Menschen
    wenn Hühnern
Der
Kopf
Abgerissen
Wird
Flattern
Sie
Noch
Ein
Wenig
Umher
So
Wie wir
Nach
Der Geburt

Worte
    wirf deine
Worte
In
Den
See
Und
Schaue
Den Wellen
Nach
Bis
Sie
VerSchwunden
Sind
Und
Erkenne den
    Einfluss
Deiner Worte

Weg
    wenn du
Immer
In
Der
      Mitte
Gehst
Bist
Du
Nicht
Auf
Dem
Weg
Denn
Den
Findest
Du nur
    Über
Die Seiten

Gott
    manchMal hat
Gott
Nichts
Anderes
Zu
Tun
Als
Dir
In deinen
    AlbTräumen
BeiZustehen


Mir gefällt die SchreibWeise AlbTraum besser als AlpTraum, aber dürfen die Alben in der Nähe Gottes sein?


Morgens
    die verKlebten
Lider
Öffnen
Sich
Und
Die
Augen
Wildern
In
Der
Dämmerung
Bis die
    MorgenRöte
Weiter zieht

Seele
    lichter Tag
Und
Die
Engel
Sind
Bei
Der
Entseelung
Apallisch
So schräg
    Weiter
Nach unten

LebensLang
    was wir
Ein
Leben
Lang
ZusammenGereimt
Haben
Wir
Haben
Nicht
Die
Zeit
Es wieder
    Zu
EntReimen

Schmerz
Wie Schmerz gewogen wird
In Einheiten von Angst und VerLassenheit
Im Pendel der EinSamkeit
Und der PinselStrich von LampenRuß
Der durch eine ZahlenKolonne geht

Am AnkerPlatz der Seele
Schaukelt dein Schiff
Schmerz trieft aus SpeiGatten
UnGewogen
Die Zahlen überpinselt

Im Winter
GedankenLos stehen
Die Bäume im Wald
Lassen sich im Wind
Schaukeln -:
        hin und
Her
Um sich zuZuRaunen
Den letzten Tratsch

Und Schnee liegt
Begräbt alles
UnSchuldig weiß





Li Bai (李白), ich bevorzuge die Aussprache Li Bo, ist neben Du Fu (杜甫) der beliebteste Dichter der Tang-Periode. 34 seiner Gedichte finden sich in der Kompilation der 300 Gedichte der Tang-Zeit (唐詩三百首). Er lebte von 701 bis 762. Sein Geburtsort liegt im heutigen Kirgisistan bzw. Kirgistan (ich weiß nicht woher im Deutschen das überflüssige si kommt) und zwar bei Tokmok, dem alten Suyab, also sehr weit im Westen. Die Gegend habe ich zweimal besuchen können. Er schrieb in einem unverwechselbaren, romantischen Stil mit jeder Menge Freiheit, Spontaneität und Missachtung von Konventionen.
Ich habe ein (ganzes) Gedicht ausgewählt, das schon sehr häufig übersetzt wurde. Jemand übersetzte
碧絲 mit jaded silk, das eher die Bedeutung von stumpfer oder ausgefranster Seide hat, während doch der seidige Glanz gemeint ist. Ausschlaggebend für mich aber war, daß Günther Debon das Gedicht nicht in seinem Band von Übersetzung aufgenommen hat.
燕草 – 燕 bedeutet Schwalbe, aber ist auch der Name eines Staates im heutigen Hebei (河北). und das nachfolgende haben beide das Radikal Gras, wobei anzumerken ist, daß die Schwalbe unter dem Radikal Feuer (die vier Striche unten) geführt wird.
秦桑 – 秦 (Qin) ist wieder der Name eines Staates, der im heutigen Shaanxi (陝西) liegt; hier muss künstlich in der Umschrift eine Unterscheidung zu Shanxi (山西) hergestellt werden. Auch die beiden Zeichen 秦桑 weisen eine ähnliche Struktur auf, allerdings bedeuten die unten stehenden Radikale Reis und Holz.
Günther Debon: Herbstlich helles Leuchten überm See. Chinesische Gedichte aus der Tang-Zeit. Piper, München Zürich 1989. ISBN: 3-492-11098-3.


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Thursday, March 16, 2023

Die Sankt-Salvator-Basilika in Prüm

 



Bei Prüm denken wahrscheinlich viele Menschen noch an einen alten Witz mit Bundeskanzler Helmut Kohl [1]. Manfred Lang hat in seiner Rubrik „Manni kallt Platt“ des WochenSpiegels [2] gerade auch eine Anekdote zu Prüm veröffentlicht. Aber mich hatten nicht Witze nach Prüm geführt, sondern ich wollte die Sankt Salvator Basilika besuchen und in ihr wollte ich mir insbesondere das Hochgrab von Lothar I. ansehen. Hier werde ich mich neben der Sankt-Salvator-Basilika also auch mit Lothar I. etwas beschäftigen, denn immerhin heiße auch ich Lothar [3].

Prüm ist eine hübsche Kleinstadt im Eifelkreis Bitburg Prüm. Mit etwa 5500 Einwohnern. Die Prüm ist ein Nebenfluss der Sauer am Fuße des Schneifel-Höhenzuges [18]. 720 wurde Prüm erstmals als villa prumia erwähnt. 721 gründeten Bertrada und Charibert mit Mönchen aus dem Kloster Echternach ein Kloster in Prüm. 799 erfolgte die Weihe der Klosterkirche St. Salvator. „Etwa in den Jahren 891–919 entstand hier das Liber aureus von Prüm, die bedeutendste Urkundensammlung aus der Karolingerzeit.“ [4]


 


Gehen wir kurz auf die Gründung des Klosters ein. Die fränkische Adlige Bertrada hatte 721 da Kloster gegründet, aber es erfolgte eine zweite Gründung im Jahr 752 durch Pippin III., einem Sohn von Karl Martell, der mit Bertrada verheiratet war, wobei diese Bertrada die Enkelin der erstgenannten Bertrada war. Zu diesem Zeitpunkt kamen Benediktiner aus Meaux bei Paris in das Kloster [5]. Lothar I. gehörte zum Geschlecht der Karolinger und war u.a. römischer Kaiser und König des Mittelreiches, das später Lothringen genannt wurde. Er dankte 855 ab und teilte das Reich unter seinen Söhnen auf, zog sich als Mönch in das Kloster Prüm zurück, wo er nur sechs Tage später verstarb [6]. Das klingt überraschender und dramatischer, als es war. Lothar I. war bereits schwer erkrankt, als er abdankte, das Reich teilte und sich ins Kloster zurückzog.

 


Kommen wir zur Geschichte des heutigen, barocken Sankt-Salvator-Basilika; sämtliche Daten wurden aus [5] extrahiert. Bei Ausgrabungen im Jahr 2017 entdeckte man nördlich der Basilika Fundamente der alten Abteikirche (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts). Der heutige Nordturm war der Südturm der alten Kirche. Die Klosterkirche wurde 1721 gebaut. 1794 wurde das Kloster im Rahmen der Säkularisation aufgelöst, aber bereits 1802 wurde aus der Abteikirche eine Pfarrkirche. „Im Jahr 1860 entdeckte man beim Abbau des alten Hochaltars die Gebeine Kaiser Lothars und die Reliquien der Märtyrer Primus und Felicianus.“  Beschleunigen wir diesen Exkurs. Die Basilika litt schwer unter Bombenangriffen während des 2. Weltkrieges; „Heiligabend 1945 kurz vor der Christmette stürzte jedoch plötzlich das Gewölbe des rechten Seitenschiffes und des gesamten Langschiffes ein“. Der Wiederaufbau erfolgte originalgetreu und war 1950 vollendet.

Für die Gebeine Lothars und die Reliquien der Märtyrer wurde ein Hochgrab errichtet, das von Kaiser Wilhelm I. finanziell unterstützt wurde. Der Barockaltar stammt aus der Karmeliterkirche St. Nikolaus in Bad Kreuznach und wurde erst im Jahr 1927 in die Basilika gebracht. Das Grabmal liegt auf der rechten Seite. Da es im Altarraum liegt und man es auch aus der Entfernung gut sehen kann, muss der Altarraum für eine Besichtigung nicht betreten werden.



Die Klais-Orgel aus dem Jahr 1973 ist in das Gehäuse der Nollet-Orgel von 1786  gearbeitet worden [7]. Im Zuge dieses Umbaus erhöhte sich die Zahl der Register von 31 auf 43. Ein Beispiel kann hier abgerufen werden [8].


Die Glasmalerei in der Basilika ist unspektakulär. Ich habe im Verzeichnis der Forschungsstelle Glasmalerei des 20. Jh. e.V. gesucht, aber keinen Eintrag gefunden. Ein Fenster hat mir doch gefallen, aber ich weiß nicht, wer darauf abgebildet ist, vielleicht doch Lothar I.?

In der Basilika ist ein Teppich zur Apokalypse aus dem Jahr 1918 zu sehen, der von Frauen des Paramentenvereins in zehnjähriger Arbeit hergestellt wurde, wahrscheinlich nach Plänen des Aachener Künstlers Franz Wirth. Es werden Motive aus der Antik mit Elementen des Jugendstils verbunden. Ein näherer Text  dazu steht hier [10].



Wir kommen nicht umhin, Reliquien zu erwähnen. Die sind zunächst die Reliquien der Heiligen Drei Ärzte – Marius, seine Gattin Martha, sowie die Söhne Abachum und Audifax [11]. Das sind zwar vier Personen und wahrscheinlich sind noch mehr Gefährten von Marius im Jahr 268 zu Märtyrern geworden, aber drei klingt einfach besser. Sie waren Ärzte aus Persien.

Als weitere Reliquien sind die Sandalen Christi zu erwähnen. Stehe ich jetzt alleine – vor ein paar Jahrhunderten stünde ich jetzt auf dem Scheiterhaufen –, wenn mich die Sandalen an die Sandale im Film „Das Leben des Brian“ [12] erinnert? Ganz so einfach ist es mit dem Ablehnen von Reliquien nicht, denn: „Die Sandalen Christi zählen zu den bedeutendsten Reliquien des Mittelalters.“ [13] Solche Reliquien hatten im Mittelalter nicht nur eine religiöse Funktion, sondern in der damaligen Zeit konnten die weltlichen Herrscher so ihre Legitimation durch die Kirche erfahren. Diese politische Bedeutung besteht nicht mehr, aber wie ist es um die religiöse Bedeutung bestellt? Vielleicht denkt jetzt jemand an das Turiner Grabtuch [14], an dessen Echtheit viele Gläubige nicht zweifeln. Das Grabtuch ist übrigens keine Reliquie, sondern wird von der römisch-katholischen Kirche als Ikone eingestuft. Die als Reliquie geltenden Stoffschuhe stammen aus der Merowingerzeit, aber in sie seien Reste der Sandalen Christi eingearbeitet worden. Verehre sie, wer sie verehren will, aber wenn Sie mich fragen: warum denn nicht gleich zu Gott beten?



Man kann sich die Votivtafeln anschauen. Ich kenne sie sonst aus Kapellen, besonders Marienkapellen. Vielleicht kennt man sie aus Altötting. Ich habe sie in Rom (Trastavere) auf der Straße gesehen oder aber in der Waldkapelle von Erkensruhr [15]. Man findet in Kirchen oder Autobahnkapellen Bücher, in die Menschen ihren Dank schreiben. Das Schreiben dieser Mitteilungen oder das Aufhängen einer Tafel ist nur die äußere Handlung eines inneren Gefühls von Dankbarkeit. Mittlerweile gibt es wissenschaftliche Belege, daß sich Dankbarkeit positiv auf die Gesundheit auswirkt [16].

Wer nicht beten will, der kann sich mit Sankt-Salvator-Basilika und Prüm [17] ein sehr schönes Besichtigungsprogramm zusammenstellen.


So wird das allerdings nichts mit dem UNESCO-Weltkulturerbe.


Links und Anmerkungen:
[1] Bundeskanzler Kohl ist auf Staatsbesuch in Großbritannien und trifft die damalige Premierministerin Margaret Thatcher. Neben dem offiziellen Teil geht es bei Thatchers Zuhause weiter. Thatcher Hund springt ihn an und er ruft: „ Prüm! Prüm!“ Alle gucken ganz verwundert und der Hund springt weiter an ihm hoch. Da befiehlt Margaret Thatcher und befiehlt dem Hund: „Down! Down!“ und sofort lässt der Hund von Helmut Kohl ab, der daraufhin sagt: „Ich wußte doch, es hatte etwas mit der Eifel zu tun.“
[2] Manni kallt Platt: „Böss du och us Prüm?“ (Manfred Lang) in WochenSpiegel Scheiden, 11. Woche | 15.03.2023, S. 1 und 2. https://wi-paper.de/show/4325b8e7bffb/epaper
[3] Ich bin übrigens nicht nach Lothar I. benannt, sondern nach meinen beiden Onkeln, die selbst nach Manfred und Lothar von Richthofen ihre Namen bekommen hatten. Aber gerade erfahre ich, daß Lothar früher auch Hlothar oder Chlothar geschrieben wurde und sich der Name aus althochdeutsch hlut ‚laut, Lärm‘ und heri ‚das Heer, der Krieger‘ zusammensetzt. https://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_(Vorname)  
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%BCm  
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Sankt-Salvator-Basilika_(Pr%C3%BCm)
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Lothar_I._(Frankenreich)  
[7] https://organindex.de/index.php?title=Pr%C3%BCm,_St._Salvator
[8] BWV 547, Präludium C-Dur https://youtu.be/ABr_54hiRLc via @YouTube
[9] https://www.glasmalerei-ev.net/pages/de_ueber.shtml
[10] https://himmlischesjerusalem.de/2021/06/12/franz-wirth-apokalypse-tapisserie-in-pruem-1918/
[11] https://de.wikipedia.org/wiki/Heilige_Drei_%C3%84rzte  sowie  
https://www.heiligenlexikon.de/Stadler/Marius.html
[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Leben_des_Brian und https://dosenfischer.de/folgt-der-sandale/  
[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Sandalen_Christi  
[14] https://rheumatologe.blogspot.com/2022/07/die-pfarrkirche-st-michael-in-losheim.html
[15] https://rheumatologe.blogspot.com/2022/04/kapelle-st-hubertus-in-und-waldkapelle.html
[16] https://www.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/act.2013.19609?journalCode=act und
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27786519/ und https://www.heart.org/en/healthy-living/healthy-lifestyle/mental-health-and-wellbeing/thankfulness-how-gratitude-can-help-your-health
[17] https://www.stadtpruem.de/tourismus-und-freizeit/sehenswertes
[18] Gibt es immer noch Menschen, die meinen Schneifel wäre eigentlich Schnee-Eifel? Nein, Schneifel kommt von Schneise.

 

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Wednesday, March 15, 2023

Sammelsurium (222) 15.03.2023

 



D-Mark
Ich wollte ausrechnen, wie viel eine Busfahrt mit einem StudentenTicket 1978 in Taiwan gekostet hat. Das ging nicht so ohne weiteres. Denn allenfalls wüßte ich noch, wie viel DM ein NT hatte. Wann haben wir aufgehört, Euro in DM umzurechnen?

KreuzWort
Ich hätte KreuzWortRätsel als ÜberSchrift nehmen sollen, aber dann hätte ich nicht zu „KreuzWort“, dem Magazin der Katholische Kirche Köln-Dellbrück und Holweide [1], abschweifen können. KreuzWortRätsel sollen gegen den geistigen Abbau helfen und die kognitive Leistungsfähigkeit verbessern, also ein Form von Gehirnjogging darstellen; und ja, dazu gibt es sogar eine Studie, die hier erwähnt wird [2]. Ich mache das sogar, wenn das Live-Magazin [3] bei mir eingetroffen ist. Stadt in Nordgrönland? Nein, nicht Thule, das wäre zu einfach, es ist Etah. Oder Kfz-Z. Rendsburg? Ich gebe zu, daß dies nicht so einfach ist, denn die Antwort lautet Spin.

Fidele Sandhasen
Gestern fuhr ich von Weißenbrunnen/Roggendorf nach Mechernich und im KreisVerkehr mußte ich dem übergroßen TourBus der Fidelen Sandhasen Vorfahrt gewähren. Ich dachte zunächst, ich hätte mich verlesen und wunderte mich, daß der Bus in die GärtnerStraße paßte, er wirkte dort wie ein KreuzFahrSchiff in Venedig. Was ist das denn für ein aus der Zeit gefallener Name, dachte ich so für mich (för misch) [4]. Ich habe mit Karneval nichts am Hut [5] und so könnte ich jetzt fröhlich spotten. Mache ich aber nicht, denn die Fidelen Sandhasen machen nicht nur BreitenSport, denn wenn man eine Pyramide aus Menschen bauen will, dann wird es schon LeistungsSport.

Erster
Was bedeutet es Dir, erster zu sein? Wenn es Dir wichtig ist, dann brauchst Du keine hohen Berge besteigen. Wenn der Schnee auf den Weg gefallen ist oder nach der Flut, kannst Du in Sand oder Schnee als erster Deine Spuren setzen. Und es ist, wie William Shatner es sagte [6]: „To boldly go where no man has gone before!“

FernReise
Nach all meinen Reisen aber mußte ich erkennen, daß die weiteste Reise  ins Innere führt.

Zu Übersetzungen:
Haiku
To a tree cling
lonely
bird and leaf

Go bird and leaf:
shake
the sad treetree.

(Hone Tuwhare)

Haiku
Am Baum hängen
einsam
Vogel und Blatt

Geht Vogel und Blatt:
schüttelt
den traurigen Baum

(meine Übersetzung)

Haiku
Nur
Vogel und Blatt
klammern sich noch
an den Baum

Fliegt weg:
bewegt ihn

(Übersetzung von Irmela Brender [7])

Ich habe mir das einige Male durchGelesen und weiß immer noch nicht, wieso Frau Brender hier die ZerSchlagung des Haiku und ZerStörung des OriginalSinns übt. Vielleicht hat sie only anstatt lonely gelesen; only the lonely.

Freude an Büchern
Vor einigen Tagen kaufte ich Bücher in Köln, aber die Freude ist nicht so groß wie bei Büchern, die ich geschenkt bekommen habe oder die ich zufällig fand – in Antiquariaten oder in einem Bücherschrank.  

Weiß
So weiß wie der frisch gefallene Schnee sind die Wolken nicht. Auf der Seite sind sie weiß, aber unten sind sie etwas grau. Altern Wolken?

Wolke
Wenn die Wolke durch die Pfütze zieht, dann gleicht sie einem Schiff mit voll gesetzten Segeln und wenn sie über den blauen Himmel gleitet, dann ist sie andächtig wie das Gebet eines kleinen Kindes. 




Links und Anmerkungen:
[1] https://gemeinden.erzbistum-koeln.de/dellbrueck-holweide/publikationen/  
[2] https://www.scinexx.de/news/biowissen/halten-kreuzwortraetsel-das-gehirn-fit/
[3] Live magazin, Ausgabe Kreis Euskirchen, März 2023
[4] Gewollte kölsche Form für bei mir.
[5] Da bin ich d'accord mit BAP / Wolfgang Niedecken: „Oh, nit für Kooche, Lück, / Bliev ich Karneval he. / Nä, ich verpiss mich hück, / Ich maach nit met dobei.“ https://www.bap.de/songtext/nit-fuer-kooche/
[6] https://en.wikipedia.org/wiki/Where_no_man_has_gone_before
[7] Straelener Manuskripte 1-10: Erstveröffentlichungen zeitgenössischer Poesie des Auslands 1984-1990. Herzberg, Judith / Csoori, Sandor / Tuwhare, Hone uvm. Straelener Manuskripte Verlags - GmbH, Straelen 2000. ISBN: 3891070462. Heft 4.


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Haiku for National Haiku Writing Month March 2023 Part 1

 



National Haiku Writing Month has been founded by the well known haiku poet Michael Dylan Welch. The goal is to write at least one haiku a day. National Haiku Writing Month is in its 13th year. [1]
I enjoy writing to the prompts on Facebook. These are haiku of the second half of March 2023 [2].


muddy road
walking barefoot
not in anyone's shoes
~ shoes

maybe π
is a hub
into eternity
~ pi

your pie
not calculated with pi
tastes so good
~ pie

opening eyes
after a short nap
suddenly spring
~ napping

sipping kir royal
and working on her tan
no, not my mom
~ mother

the towel failed
to save Ford Perfect
from Vogon poetry
~ towel

in between
tedious presentations
lunch in the lounge
~ lunch

snow covering
the chessboard in the park
both players checkmated
~ chess

still unsure
calling it lent or diet
eat something first
~ diet

ring-a-ding-ding
not my telephone
it's Anita Ward
~ telephone [3]

steam from the tea bowl
mingling with the mist
squirrels breakfast, too
~ breakfast

women of Taiwan
and the world day of prayer
constructing peace
~ construction

march ahead
blow your horns and pipes
I drum elsewhere
~ march

duck paddling
through the duckweed
oh, no, no soup today
~ soup

they don't write books
as they used to -
get used to it
~ book

the book at the station
full of dreams
placed, not forgotten
~ book

applause, applause
you walk the earth
and she doesn't notice
~ compliment




Links and Annotations:

[1] https://www.facebook.com/NaHaiWriMo  National Haiku Writing Month / „Our prompter this month is MARK FARRAR.“ „To help with haiku fundamentals, please have a look at "Becoming a Haiku Poet" at https://www.graceguts.com/essays/becoming-a-haiku-poet. And please review the "Haiku Checklist" at https://www.graceguts.com/essays/haiku-checklist.
[2] February 2023: https://rheumatologe.blogspot.com/2023/02/haiku-for-national-haiku-writing-month.html and https://rheumatologe.blogspot.com/2023/03/haiku-for-national-haiku-writing-month.html
[3] https://www.youtube.com/watch?v=URAqnM1PP5E


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Tuesday, March 14, 2023

K. und die Backsteinkirche

K. war ohne ein festes Ziel losgelaufen. Unvermittelt fand sich in einer der Vorstädte wieder und überblickte einen Platz, auf dem zweimal in der Woche Markt gehalten wurde, wie er auf einem Parkverbotsschild ablesen konnte. Auf der rechten Seiten lagen eine Metzgerei, die Bäckerei und ein Kiosk mit Lotto- und Toto-Annahme. Auf der gegenüber liegenden Seite war aus einem Lebensmittelgeschäft ein kleiner Supermarkt geworden, jedenfalls dachte er sich das. An der Kopfseite erblickte er eine große Backsteinkirche; roter Backstein, nicht gelber Klinker. Die Häuser waren alle nur zwei oder drei Stockwerke hoch; sie stammten offensichtlich aus verschiedenen Phasen eines längst vergessenes Baubooms. Und alle waren sie grau. K. fiel es erst jetzt auf, daß auch die Backsteinkirche nicht mehr rot sondern angegraut war.

K. ging weiter in Richtung Eingang, langsamer und die Bilder stärker in sich aufnehmend als zuvor. Auch nachdenklicher. Er sah einige Mahonien-Sträucher an den Seiten des Kircheneingangs. Da erinnerte er sich an die Anlagen zwischen Kirche und Schule in dem Viertel, in dem er aufgewachsen war. Die beiden Anlagen maßen jeweils vielleicht 12x30 Meter, und zwischen Häusern und Anlagen war ein festgestampfter Weg, in den die Kinder Kuhlen mit Stöcken eingegraben hatten, damit sie mit Murmeln und Klickern spielen konnten. Aber deswegen dachte er gar nicht daran. Er konnte sich gerade daran erinnern, wie sie als Kinder auf einer der Flächen zwischen den Mahonien so lange Fußball gespielt hatten, bis dort kaum mehr Sträucher wuchsen. Der Unterschied zwischen den beiden Anlagen war ihm auch noch einige Jahre später aufgefallen; schon als er noch auf der Realschule war, aber auch noch später als Erwachsener, wenn er eben bei Besuchen der Eltern dort parken mußte. Er fand nur noch den von Jungenfüßen fest gestampften Boden und ganz wundersam war Gras gewachsen. Die Spuren des Fußballspiels waren getilgt. Mehr als einmal hatte er sich über zwei Dinge gewundert. Zum einen wunderte es ihn, daß Gras wachsen konnte. Und zum anderen, daß man keine neuen Mahonien angepflanzt hatte, wenn doch die Jungs nicht mehr Fußball spielten. Wahrscheinlich war es die Phase, in der Jungs nicht mehr Fußball spielten und die Mädchen noch nicht angefangen hatten, Fußball zu spielen. Mittlerweile war es bestimmt so uncool, daß weder Mädchen noch Jungs Fußball spielen wollten, jedenfalls nicht in den Anlagen. Man hätte man wieder Mahonien-Sträucher pflanzen können, stattdessen wuchsen Gras und Unkraut auf dem festgetretenen Boden. Der Boden vor der Kirche wirkte ebenso festgetreten. Es lagen Zeitungen, Einwickelpapierchen, Mund-Nase-Masken, eine Coladose und Hundekot neben den Sträuchern. Das wenig Grün vor dem Eingang der Backsteinkirche wirkte ungepflegt – so ungepflegt wie er selbst, vergaß K. sich einzugestehen.

K. überlegte nun, was, wenn er nun Beichten wollte. Interessanterweise dachte er gerade an das Beichten, obwohl er doch evangelisch aufgewachsen war. Ja, er war getauft worden, ging zur Konfirmation, hatte sich aber später entfremdet. Vor fast 30 Jahren, als junger Mann war er aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Aber er fühlte sich immer noch evangelisch. Die Eltern waren bis in den Tod evangelisch. Sie waren regelmäßig zum Gottesdienst gegangen, obwohl sie darüber nicht gesprochen hatten. Ob es ihnen peinlich gewesen war? Aber weder ihm noch seiner älteren Schwester hatten sie Vorschriften gemacht. K's ältere Schwester ging immer noch in die Kirche, sie war sogar sehr engagiert. Aber sie sprachen nicht darüber. Er hatte mit der Kirche nichts am Hut. Dachte er immer. Jetzt aber, jetzt fühlte er sich aber doch wieder evangelisch. Sollte K. wirklich in die Kirche hineingehen? Oder sollte er es sein lassen?

Nach diesem Zögern ging er doch in die Kirche hinein. K.griff die Frage, wenn er jetzt beichten wolle, wieder auf. Wer soll denn eigentlich die Beichte abnehmen? Wahrscheinlich ist nur alle 14 Tage von 11:30 Uhr bis 11:45 Uhr Beichte, weil der Pfarrer sonst zum Beispiel in einer 30 Kilometer entfernten Kirche zu einem Arbeitsausschuß muß. K. überlegte weiter, was er in der Kirche machen sollte. Er hatte ja noch nie gebeichtet und gebetet schon lange nicht mehr. Was hatte er im Leben erreicht? Wollte er jetzt eine Lebensbeichte ablegen? Er hatte zehnmal die Encyclopedia Britannica verkauft. Aber das lief schon lange nicht mehr. Davor hatte er Staubsauger verkauft. Noch schlimmer. Vorsichtig ging er durch die Kirche. Er könnte sich wenigstens die Kirche anschauen. Er schaute hoch auf die Glasfenster, die sogar figürlich gestaltet waren, den Altar, die Orgel, die Bänke und dann auch noch auf den Beichtstuhl. Eigentlich müsste man es Beichtkammer nennen. Das kam ihm vor wie ein früher Datenschutz, aber man nannte es wohl Diskretion.

Und wie er so weiter in die Kirche hinein ging, kam plötzlich hinter dem Altar der Pfarrer hervor. Was K. nicht wusste: der Pfarrer war ein leidenschaftlicher Marienverehrer. Hinter dem Altar hatte er sich einen kleinen abgeschlossenen Teil hergerichtet, wo er nur Maria verehrte. Wie er sich so wunderte, daß plötzlich der Pfarrer da war, da ging es ihm durch den Kopf, daß der schon immer da war. Der Pfarrer sprach ihn an. Was er denn hier suche? Und er sagte: „Ich sehe doch, daß Sie etwas bedrückt, mein Sohn.“ Und K. antwortete: „Ich weiß nicht, ob mein Sohn in die richtige Anrede ist; sie ist weder zeitgemäß, noch bin ich in der katholischen Kirche. Ich war in einer unschuldigen Zeit einmal evangelisch.“

Daraufhin schwiegen beide. K. überlegte, ob er es ihm sagen sollte? Daß war einen Menschen tot gefahren und Fahrerflucht begangen hatte? K. dachte: „Vielleicht finde ich hier einen Menschen, den das interessiert.“ An Vergebung dachte er dabei überhaupt nicht. 

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Monday, March 13, 2023

LYRIK-Taschenkalender 2015 37. KW 13.03.2023


 

Michael Braun hat den LYRIK-Taschenkalender 2015 herausgegeben und zusammen mit Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem Gedicht vorgestellt. Er ist mir jetzt wieder in die Hände gefallen. Auch dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne). Diese Annotationen stammen aus den Jahren 2014/2015 und 2020-2022.


37. KW
Ralph Dutli: Herz-Derwisch


„pampte“ -: Einmal kam eine Patientin zu einer Erstuntersuchung ins Sprechzimmer und sagte: „Und sie können mir auch nicht helfen!“ Ja, wie auch? Sie meinte, ich wäre pampig, als ich ihr dies versuchte zu vermitteln. Aber ich habe immerhin einen Brief zustande gebracht, in dem stand, wie man ihr helfen könnte, wenn sie es denn zuließe.

Weiß der Tod nicht, daß er das Universum zerstört, wenn er mich daraus entfernt?

„Farne und Fasane“ -: Fanale des Fatalen

Sein Lachen

    der Tod
Braucht
Nicht
Zu
Sprechen
Sein
Schweigen
Hört
Ein
Jedes
Ohr
Immer
Ist er
    Der
Schweigende Dritte

Wirbel
    im Meer
Von
Nichts
Und
Möglichkeit
Sind
Es
Die
Wirbel
Die unsere
    Welt
Beginnen lassen.   

Vielleicht ist der Farn (wie auch der Romanesco) als fraktales Objekt aufzufassen.


37. KW
Kommentar: Michael Braun


Die Zeit wird zähFlüssig wie Honig, daß ein dysfunktionales Herz nicht mehr weiter pumpen kann. Der AugenBlick wird unEndlich, wird zur Ewigkeit.

Luzidität
    die Luzidität
Der
WahrNehmung
In
TodesNähe
Endet bei  
    Goethes
Mehr Licht

Ossip Mandelstam -: „Aber kein Atmen mehr. Das Firmament - voll Maden. /  Verstummt die Sterne, keiner glüht.“ Bleibt auch in der Übersetzung von Paul Celan doch ziemlich gut.

Schamane
    der Schamane
Fliegt
Wenn
Er
Genügend
Punkte vom
    FliegenPilz
Geleckt hat

Warum hieße der FliegenPilz sonst FliegenPilz, wenn er einen nicht zum Fliegen brächte. Das stimmt zwar nicht, paßt aber irgendWie. 

 



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Sunday, March 12, 2023

Altargesteck am 11./12.03.2023 – Okuli

 


Der dritte Sonntag der Passionszeit wird auch Okuli [1] genannt. Die Bezeichnung geht auf die lateinische Fassung eines Psalm-Verses zurück: „Oculi mei semper ad Dominum“[2].   (Ps 25,15) [wörtlich: meines Augen immer zum Herrn; oder: Meine Augen schauen stets auf den Herrn]. „Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.“ [3]

Ich denke zurück an Okuli im Jahr 2020. Es gab ein Altargesteck. Die Lieder waren angeschlagen. Die Klingelbeutel blieben leer. Denn der Gottesdienst fand nicht statt. Die Pfarrerin und Pfarrer sowie drei Presbyter trafen sich in großem Abstand zueinander, um noch einige Absprachen zu treffen, bevor das Gemeindeleben sich in den virtuellen Bereich zurückzog: „Aufgrund der Corona-Pandemie finden bis 19. April keine Gottesdienste statt!“ [4] Nun aber wurden wieder Gottesdienste gefeiert, in der Versöhnungskirche in Köln-Holweide und in Hellenthal in der Eifel [5].

In der Versöhnungskirche stand der Gottesdienst am  Samstagabend zum Thema Glauben der Gottesdienstreihe zu den Themen Leben – Teilen – Glauben – Streiten – Bewahren statt [6]. Dazu paßte der Krimi am 09.03.2023 „Tod am Rennsteig – Auge um Auge“ [7], denn da fielen die Worte: „Gehen Sie eigentlich in die Kirche, weil Sie glauben oder weil Sie nachdenken?“ Wir reichten das Mikrofon herum und so wurde geantwortet:

  • Nachdenken
  • Glauben
  • Impulse bekommen
  • Stille / Ruhe
  • Neue Gedanken
  • Gemeinschaft erleben
  • Gott nahe zu sein [8]
  • Gottes Nähe könnte auch an anderen heiligen Orten erfahren werden
  • Weg aus der Einsamkeit

Die Antwort im Krimi lautete übrigens: „Beides.“
Der Text für Predigt bzw. Evangeliumslesung steht im Markusevangelium [9]. Darin werden die Heilung der blutflüssigen Frau und die Auferweckung der Tochter des Jaïrus behandelt (bitte nachlesen). Das Bindeglied ist der Glauben. Man hätte auch andere Parabeln zum Glauben nehmen können, wie die Erzählung vom Hauptmann von Kapernaum [10].  



In Hellenthal wurde der Gottesdienst von den Konfirmanden gestaltet und war zur Vorstellung gedacht. Sie haben den Gottesdienst gestaltet und nicht nur mitgestaltet. Alle Achtung – das war gut gelungen. Der Evangeliumstext stammt aus der Bergpredigt [11]. „Niemand kann zwei Herren dienen.“ Darin stehen auch diese beiden Verse: „Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel kostbarer als sie? Wer ist aber unter euch, der seiner Länge eine Elle zusetzen könnte, wie sehr er sich auch darum sorgt?“

Nach der Perikopenordnung [12] wären andere Texte dran gewesen – na und? Die Perikopenordnung wurde überarbeitet. Die neuen Regeln „wollen zu einer abwechslungsreicheren liturgischen Kultur einladen und dafür Anhalts- und Orientierungspunkte geben, aber keine Vorschriften machen.“

Welche Text hätte denn die Perikopenordnung vorgeschlagen? Einmal Vom Ernst der Nachfolge und dann Jesu Gefangennahme, beide Texte stammen  aus dem aus dem Lukasevangelium [13]. Die hätten zu den beiden Gottesdiensten schlechter gepaßt, obwohl sie doch genauso gut sind. Deshalb gefällt es mir, daß Perikopenordnung für eine  abwechslungsreichere liturgische Kultur sorgen, aber nicht Texte vorschreiben will. Abwechslungsreich ist dieses Wochenende bestimmt gewesen.

Die Altargestecke treten heute etwas in den Hintergrund, aber schön sind beide auch. Sie gehören zum Altar. Karfreitag fehlen von Altargesteck und Kerzen, so daß man daraus schließen darf, daß ihren festen Platz haben und nicht auf sie verzichtet werden sollte.



Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:

[1] https://www.kirchenjahr-evangelisch.de/article.php#1099  
[2] Ps 25,15 Wörtlich: meines Augen immer zum Herrn; oder: meine Augen schauen stets auf den Herrn. https://rheumatologe.blogspot.com/2022/03/altargesteck-am-20032022-3-sonntag-der.html und
https://rheumatologe.blogspot.com/2020/03/altargesteck-am-sonntag-okuli-2020.html
[3] Lk 9,62
[4] https://rheumatologe.blogspot.com/2020/03/altargesteck-am-sonntag-okuli-2020.html    
[5] Die Kirche in Hellenthal gehört zur EiVelkirche bzw. der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal (meine Schätzung der Ausdehnung: etwa die Hälfte der Fläche von Köln). https://eivelkirche.ekir.de/
[6] GOTTESDIENSTREIHE zu den Themen LEBEN – TEILEN – GLAUBEN – STREITEN – BEWAHREN
https://evangelisch-in-koeln-dellbrueck-holweide.de/gotetsdienstreihe-leben-teilen-glauben-streiten/  
[7] http://www.tittelbach.tv/programm/reihe/artikel-6275.html    https://www.evangelisch.de/inhalte/213302/09-03-2023/9-maerz-ard-2015-uhr-tv-tipp-tod-am-rennsteig-auge-um-auge   https://www.swp.de/unterhaltung/tv/tod-am-rennsteig-auge-um-auge-ard-sendetermine-mediathek-handlung-darsteller-drehort-09-02-2023-69291061.html Ein Kühlschrank stand wie der Monolith in Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“.
[8] Dazu paßte ein Lied, das später gesungen wurde: Da wohnt ein Sehnen tief in uns. https://www.ocv.ch/wp-content/uploads/2022/03/Da-wohnt-ein-Sehnen-tief-in-uns.pdf
[9] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/MRK.5/Markus-5 Mk 5,21-43
[10] Mt 8,5–13 oder Lk 7,1–10
[11] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/MAT.6/Matth%C3%A4us-6 Mt 6,24-27
[12] Folgende sind vorgesehen:
I. Jeremia 20,7–11a (11b–13) LUT
II. Lukas 9,57–62 LUT (Evangelium)
III. Epheser 5,1–2 (3–7) 8–9 LUT (Epistel)
IV. 1. Könige 19,1–8 (9–13a) LUT (Alttestamentliche Lesung)
V. Lukas 22,47–53 LUT
VI. 1. Petrus 1,(13–17) 18–21 LUT
https://de.wikipedia.org/wiki/Perikopenordnung
[13] https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/LUK.9/Lukas-9 Lk 9,57–62
https://www.die-bibel.de/bibeln/online-bibeln/lesen/LU17/LUK.22/Lukas-22 Lk 22,47–53


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Friday, March 10, 2023

Abtei Mariawald


Ich hatte die Abtei Mariawald schon früher besucht und auch interessante Erlebnisse dort gehabt. Einmal zum Beispiel bin ich in eine Messe gekommen, die auf Lateinisch gefeiert wurde. Das war schon ein Erlebnis für sich, viel Weihrauch und irgendwie erinnerte mich die Stimmung an das erstmalige Hören der Elektric Prunes mit Kyrie Eleison [1] im Film Easy Rider (also zusammen mit der psychedelischen Bilderflut). Aber nun war es ja anders. Die Trappisten haben das Kloster aufgegeben [2]. Die Kirche machte auf mich einen erschreckend toten Eindruck. Es war noch nicht einmal etwas Museales an ihr. Verlassen ist das richtige Wort. Man kann weiterhin die Architektur bewundern und auch die Fenster, das ist alles richtig, aber irgendwie fehlte mir doch der Geist einer Kirche. Das fand ich sehr schade, von außen sieht man das nicht, das ist etwas, was einem sich nur eröffnet, wenn man dann doch hineingeht. Ein Ort für Gebete ist vorhanden und es werden auch Messen gefeiert.


Das Motto der Trappisten ist: luceat lux vestra (Euer Licht soll leuchten | Mt 5,16 EU). Und das leuchtet nun nicht mehr. Im September 2018 verließen die Mönche mit einem Durchschnittsalter von 84 Jahren das Kloster. Der Verein „Kloster Mariawald“ führte als Eigentümer die Klosterbetriebe weiter. „Zum 1. Januar 2021 hat die „Kloster Mariawald GmbH & Co. KG“ in Nachfolge des Vereins die Trägerschaft übernommen und Gastronomie, Buchhandlung, Likörproduktion und Online-Versand weitergeführt.“ [2]


Wie man im Wikipedia-Artikel nachlesen kann, waren die Mönche 2011 „zur Liturgie und Observanz im Usus des Ordens von Monte Cistello in der Fassung von 1963/64“ [3] zurückgekehrt. Die Erlaubnis zur alten vorkonziliaren Liturgie und zur traditionellen Regel des Trappistenordens erteilte Papst Benedikt XVI. bereits im Jahr 2008. Das erklärt die Messe, an der ich teilnehmen konnte – als Besucher, Betrachter, Besonnener, Berichterstatter. Der Verein „Kloster Mariawald“ hatte vertraglich festgehalten, „dass weiterhin versucht wird, wieder einen Orden oder eine geistliche Gemeinschaft in Mariawald zu beheimaten, dann jedoch als 'Mieter' der neuen GmbH“ [4]. Shumë fat! [5] Nein, es muss heißen: Viel Glück! Wo soll der Orden denn herkommen? Ich denke gerade an die Dominikaner in Köln. Im August 2022 feierten die Dominikaner den letzten   Gottesdienst in der Klosterkirche Heilig Kreuz in der Lindenstraße. Der Konvent wurde von der  Lindenstraße in das Seniorenhaus der Cellitinnen in die Schwalbengasse verlegt [6]. Seit 2012 ist die romanische Kirche St. Andreas der pastorale Schwerpunkt der Kölner Dominikaner sein soll. In ihrer Krypta befindet sich das Grab des heiligen Dominikaners Albertus Magnus.


Vielleicht tut sich doch etwas, denn der  Rektor der Klosterkirche Mariawald, Pfarrer Prof. Dr. Christian Blumenthal, wird am Sonntag eine Messe zelebrieren [7]. Und wer nur Interesse an Architektur hat? Der kann sich die Kirche auf jeden Fall von außen ansehen.


Links und Anmerkungen:

[1] The Electric Prunes: „Kyrie Eleison“. „Kyrie Eleison / Kyrie Eleison / Christe / Christe“.  https://www.youtube.com/watch?v=tzkK3wUjuHw  
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Abtei_Mariawald  
[3] "Die Liturgie des Römischen Ritus kann in zwei Formen gefeiert werden: Der "moderne Gebrauch" (usus modernus) verwendet das Missale Pauls VI. von 1969, und der "ältere Gebrauch" (usus antiquior) das Missale und die anderen Bücher, die im Jahr 1962 zugelassen waren."
http://www.summorum-pontificum.de/texte/cistello
[4] So der Aachener Dompropst Rolf-Peter Cremer. https://www.katholisch.de/artikel/27760-ehemaliges-trappistenkloster-mariawald-hat-neuen-traeger
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/96_Hours Ein unverzeihlicher Fauxpas und eine unnötige Abschweifung ins Albanische, aber Shumë fat! bedeutet: Viel Glück!
[6] http://www.dominikanerkloster-koeln.de/10n40/Klosterkirche-Heilig-Kreuz-dauerhaft-geschlossen.htm und https://dominikaner.de/wo-wir-sind/koeln-st-andreas/  
[7] https://kloster-mariawald.de/ueber-uns/aktuelles/veranstaltungen/a-event/Heilige-Messe-in-der-Klosterkirche-00001/?instancedate=1678611600000


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FreitagsGedichte / #Kurzlyrik 10.03.2023

 



Diese Gefühle leben in Träumen noch,
So traurig und vergangen wie schon zuvor.
Die schöne Zither
Li Shangyin
此情可待成追憶,
只是當時已惘然。
錦瑟
李商隱

 

Laternenpfähle
    einst wurden
Die
LaternenPfähle
Vor
El Alto
UmGelegt
Jetzt hängen
    Diebe
An ihnen

Veränderung
    in einer
Welt
Die
Sich
Stetig
Ändert
VerSuchen
Wir
Alte Pfade
    Weiter
Zu benutzen

Grau
    liegt die
Graue
Welt
Im
Starken
SchneeFall
Oder liegt
    Sie
Weit dahinter?

Rauch
    aller Rauch
Aus
Den
Schloten
Und
FreudenFeuern
ScheiterHaufen
Barbecues
Streben
Nach
Oben
Und fallen
    Zurück
Auf uns

SchneeGlöckchen
    SchneeGlöckchen
Sollten
Fröhlich
Sein
Aber
Sie
Stehen
Traurig wie
    Die
Trauerweiden

Pollen
    Pollen er-
Obern
Die
Stadt
Zurück
Denn
Sie
Finden
Die Häufchen
    Staub
Zum wachsen

Pappeln
    wenn der
Wind
Durch
Die
Pappeln
Streicht
Und
Sie
Sich
Bewegen
Wie
Beim
Tanz
Dann tanze
    Doch
Mit ihnen

Sterben
    wenn wir
Jemanden
Sterben
Sehen
Schweigen
Wir betreten
Wohingegen
Wir
Doch
Besser
Ein
Lied mit
    Ihm
Singen sollten

Menschen
    die Beine
In
Hosen
In
Rücken
Unter
Mänteln
Unter
Fällen
Sie
Eilen
Vorbei
An mir
    Wie
Die Zeiten

TraumLand
Der Morgen verWehrt mir
Die EinReise ins TraumLand
Gut
Bleibe ich noch
Eine Weile im NiemandsLand
Da kann mir niemand was
Wenn ich zurück fahre ins
TraumLand
Wo die Macht der Dämonen endet






Li Shangyin (李商隱) lebte von ca. 813 bis 858 und war der letzte bedeutende Dichter der Tang-Zeit. Er ist mit 24 Gedichten in der Kompilation 300 Gedichte der Tang-Zeit vertreten.  Martin Gimm, mein alter Professor am Ostasiatischen Seminar der Universität zu Köln, hat einmal etwas über ihn veröffentlicht: "Li Shangyin (812-858): Vermischte Epigramme. Eine Auswahl aus dem Zazuan." [In: Wolf Baus, Volker Klöpsch, Otto Putz, Peter Pörtner (Hg.): Hefte für ostasiatische Literatur, Nr. 24/Mai 1998, S. 13–21.]
Ich habe mich an dieser Übersetzung schwer getan. Normalerweise finde ich die Übersetzungen von Günther Debon nicht so gut, aber diese hier finde ich bemerkenswert.
"Der Dinge Form, sie müßte bleiben,
einst in Erinnerung gefaßt.
Allein, im nächsten Augenblick
ist jedes Ding verblaßt."
Günther Debon: Herbstlich helles Leuchten überm See. Chinesische Gedichte aus der Tang- Zeit.
Piper, München Zürich 1989. ISBN: 3-492-11098-3. S. 68.


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