Monday, October 8, 2012

Nahrungsergänzungsmittel bei Arthrose – was ist bewiesen?



Ob Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll in der Bekämpfung von Arthrosen und arthrosebedingten Beschwerden sind, ist eine Frage, die sich nur kritischen Geistern stellt. Die Hersteller diese Produkte schert es wenig, dass der entsprechende wissenschaftliche Beweis fehlt. Sie können sich auf die Verzweiflung der Betroffenen verlassen, um unsinnige Präparate für teures Geld zu verkaufen. Besonders reich ist das Internet an solchen Angeboten.

Hier nun sind gängige Nahrungsergänzungsmittel, alphabetisch geordnet:

Antioxidantien
Antioxidantien bekämpfen freie Radikale im Organismus. Zu ihnen zählen die Vitamine C und E, Betakarotin und die Spurenelemente Zink und Selen. Auch wenn Vitamin E immer wieder hervorgehoben wird, so ist eher seine Gefährlichkeit in hoher Dosierung zu beachten und deshalb auch eine Nahrungsergänzung abzulehnen. Zumal ein Nutzung weiterhin unbewiesen ist. In verschiedenen Studien wurde nachgewiesen, dass unter hochdosiertem Vitamin E mehr Krebserkrankungen auftraten (Long-term study finds vitamin E supplements raise the risk of prostate cancer. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22229225). Eine Metaanalyse scheint das zu wiederlegen: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21235492. Beim Thema Brustkrebs stellt es sich ganz anders dar. Vitamin E und C scheinen das Rezidiv zu behindern, während Betakarotin das Risiko erhöht, http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21953120. Insgesamt sollten Antioxidantien nicht über Nahrungsergänzungsmittel sondern über den vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse zugeführt werden. Dort können gleichzeitig andere Stoffe mit aufgenommen werden und Vitamin E und Betakarotin liegen in verschiedenen und nicht nur einer Form vor.

Chondroitin
Chondroitin wird bereits lange vermarktet, aber der Wirksamkeitsnachweis ist nicht vorhanden. Z.B. heißt es in der Studie: “Clinical efficacy and safety of glucosamine, chondroitin sulphate, their combination, celecoxib or placebo taken to treat osteoarthritis of the knee: 2-year results from GAIT” - Übersetzung: „Ergebnisse: Im Vergleich zu Placebo, die Quote von 20 % Verringerung WOMAC Schmerzen waren Celecoxib: 1.21, Glucosamin: 1.16, Kombination Glucosamin/CS: 0,83 und CS allein: 0,69, und waren nicht statistisch signifikant.
Fazit: Mehr als 2 Jahren keine Behandlung erreicht einen klinisch wichtigen Unterschied in der WOMAC Schmerz oder Funktion im Vergleich zu Plazebo. Glucosamin und Celecoxib zeigte allerdings vorteilhaft aber nicht bedeutende Trends. Nebenwirkungen waren ähnlich zwischen den Behandlungsgruppen und schwerwiegenden unerwünschten Ereignisse waren selten für alle Behandlungen.“ http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20525840  

Gelatine
Gelatine wird angepriesen: „Die Aminosäuren im Kollagen der Gelatine sind mit den Aminosäuren im Kollagen unserer Knorpelzellen identisch.“ Ja und? Gelatine bzw. Kollagen ist gar nichts Besonderes, etwa 30% des menschlichen Eiweißes besteht aus Kollagen. Es ist also ein hundsgemeines Feld-Wald-und-Wiesen-Protein. Kollagen setzt sich aus den Aminosäuren Prolin, Glycin und Hydroxyprolin zusammen, also nicht-essentiellen Aminosäuren. Die sind in jedem Eiweiß drin! http://de.wikipedia.org/wiki/Kollagen Vielleicht kennen Sie den Inhaltstoff aus Gummibärchen oder Lakritze, aus Sülze und Aspik. http://blaue-gummibaerchen.blogspot.de/2009/05/die-inhaltsstoffe-des-gummibarchens.html. „Gelatine ist in Apotheken, Drogerien und Reformhäusern erhältlich.“ Oder im Lebensmittelhandel. Oder Sie lassen es ganz sein, denn eine Wirksamkeit bei der Verhinderung von Arthrosen ist nicht nachgeweisen.
Gelatine wird außerdem als Kollagen-Hydrolysat verkauft. Gelatine wird aus Knochen, Häuten, Knorpel von Schweinen und Rindern gewonnen, entspricht also eher einer Abfallverwertung. Nick Fiddes zitierte einmal einen Schlafhofarbeiter: „Wir verarbeiten alles bis auf den Schrei des Schweines.“

Glucosamin
Glucosamin ist ein Bestandteil des Knorpels. Es ist schon richtig, dass der Mensch im Alter die Fähigkeit verliert, ausreichend Glucosamin herzustellen und dies ein Faktor bei der Degeneration des Knorpels ist. Aber bislang hat keine Studie sicher zeigen können, dass sich durch die Gabe von Glucosamin Knorpel wieder aufbauen lässt. Es ließ sich nicht nachweisen, ob die eingenommene Substanz überhaupt am Ort, wo es im Knorpel benötigt wird, ankommt. Wenn Sie Glucosamin zu sich nehmen wollen, wie wäre es mit Pilzen? Glucosamin ist Bestandteil der Stützsubstanz von Pilzen.

Grünlippmuschel
Die Grünlippmuschel soll wahre Wunder wirken. Sie kommt in Neuseeland vor. Ich lese zur Grünlippmuschel: „Seit Jahrhunderten steht die Grünlippmuschel auf dem Speiseplan der Maoris, der Ureinwohner Neuseelands. Bei diesen Menschen sind Gelenkerkrankungen nahezu unbekannt.“ Was sind denn das für Allgemeinplätze?! Wer weiß denn, wie viel Grünlippmuscheln auf dem Speiseplan der Maori (Plural ohne s!) steht. Ich habe besonders viele Maori beim Betreten von Fastfood Restaurants gesehen. Ich habe nirgendwo einen Grünlippmuschel-Burger entdecken können. Und woher stammt die Information, Maori litten weniger an Gelenkerkrankungen?
„Wertvollster Bestandteil dieser neuseeländischen Muschel sind die Glykosaminglykane (GAG).“ Nein, denn der größere Teil der 60.000 Tonnen Grünlippmuscheln, der in den Handel kommt, wird einfach verzehrt, denn die Muschel gilt als Delikatesse und wird deshalb in großen Aquakulturen gezüchtet. Die Grünlippmuschel wird interessanterweise die Miesmuschel Neuseelands genannt. Unter Glykosaminglykanen fasst man z.B. Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat und weitere zusammen. Hyaluronsäure, Chondroitinsulfat, Kollagen, Glukosamin und weitere werden in immer neuen Mischungen vermarktet. Ein Studie untersuchte Chondroitinsulfat und Glucosamin : N. Kanzaki et al.: Effect of a dietary supplement containing glucosamine hydrochloride, chondroitin sulfate and quercetin glycosides on symptomatic knee osteoarthritis: a randomized, double-blind, placebo-controlled study. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21969261; der Zeitraum von 16 Wochen ist deutlich zu kurz gewählt worden. Es müsste nach Jahren festgestellt werden, ob es zu weniger ausgeprägten Arthrosen oder weniger Implantationen von künstlichen Gelenken gekommen ist. Die Studien, die es gibt, sind fast immer von den Erzeugern der Produkte gesponsert und kommen auf eine Verbesserung von Surrogatparametern. Und das ist noch nicht einmal völlig unwissenschaftlich. In der Verwendung der Teilergebnisse liegt der Fehler.

Hyaluronsäure
Hyaluronsäure ist ein Stoff hoher Viskosität, der in der Gelenkschmiere vorhanden ist. Hyaluronsäure wird häufig aus Hühnerbrustbeinen oder Hahnenkämmen gewonnen. Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Hyalurons%C3%A4ure. Bei der Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt kommen nur wenige Bruchstücke der großen Moleküle im Blut an. Dies konnte in einer experimentellen Tierstudie gezeigt werden: http://pubs.acs.org/doi/pdf/10.1021/jf8017029. Eine Studie über die Aufnahme von Hyluronsäure bei Ratten und Hunden bedeutet allerdings noch nicht, dass dies auch beim Menschen so ist und damit ist auch überhaupt nicht die Frage eines Nutzens bei Arthrose beantwortet worden. „Beweglicher mit Hyaluronsäure-Kapseln“ und ähnliche Versprechen mehr werden Nahrungsergänzungsmittel als Werbung zugewiesen. Die Versprechen basieren aber nicht auf entsprechenden Studien, da dies auch nur für Medikamente nach dem Arzneimittelgesetz vorgesehen ist. Das Nahrungsergänzungsmittel wird aber wie ein Arzneimittel beworben. Wahrscheinlich wird es weder Wirkung noch Nebenwirkung haben, außer natürlich der Wirkung auf den Geldbeutel des Käufers, denn der wird leerer.

Kollagen-Hydrolysat
Kollagen-Hydrolysat wird aus Gelatine gwonnen. Kollagen ist ein Struktureiweiß, ein Feld-, Wald- und Wieseneiweiß, das 30% aller Eiweiße des menschlichen Körpers ausmacht. Die Aminosäuren, aus denen Kollagen gebildet wird, sind auch nicht essentielle Aminosäuren. Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Kollagen. „Auch hat Kollagen Typ II eine günstige Wirkung auf die Erhaltung starker Knochen.“ Frei erfundene Behauptung! Ich habe keine Studie gefunden, die sich der Zufuhr von Kollagen Typ II und der Knochenmasse oder Knochenarchitektur gewidmet hätte.

MSM / Methylsulfonylmethan / Dimethylsulfon
Wikipedia hat einen kurzen Artikel und darin steht, dass die „höchsten, natürlichen Konzentrationen in Kuhmilch (3,3 ppm) und in Kaffee (1,6 ppm) gemessen“ wurden; Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Dimethylsulfon. Die englische Fassung von Wikipedia geht viel weiter und erwähnt folgenden Umstand: „In October 2000, the United States Food and Drug Administration warned one MSM promoter, Karl Loren, to cease and desist from making therapeutic claims for MSM, as the marketing of drugs without the approval of the FDA is illegal.” Link: http://en.wikipedia.org/wiki/Methylsulfonylmethane. In einer neuen Studie hat man herausgefunden, dass MSM auch in der Verbindung mit Boswellinsäure (Weihrauch) nur keinen besseren Effekt als Placebo in den klinischen oder funktionellen Parametern aufwies. Allerdings wurden andere Stoffe weniger eingenommen (NSAR). „The "MESACA" study: methylsulfonylmethane and boswellic acids in the treatment of gonarthrosis” von A. Notarnicola und Kollegen, Link: http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21986780. Andere Studien wie http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16309928 aus dem Jahr 2005 oder http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21708034 aus dem Jahr 2011 können minimale, unsichere Effekte sehen und fordern größere Studien ein. In diesen Studien wurde MSM in höherer Dosierung als Tablette eingenommen, so dass der Effekt deutlich über der örtlichen Anwendung mit einer Creme liegt. Zusammenfassend haben es die Hersteller und Vertreiber von MSM seit 1982 nicht geschafft, einen Nachweis für einen Nutzen zu erbringen.

Teufelskralle
Die Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) gilt seit langer Zeit schon als effektiv, aber es geht auch darum, diese Wirksamkeit nachweisen zu können. Die Teufelskralle wird in Südafrika auf Wüstenböden angebaut, sie stammt aus der Familie der Sesamgewächse. Die Präparate sind bereits lange im Handel und dann geschieht als Folge: man macht sich gar nicht mehr die Mühe, nachzuschauen, was denn nun hinter den Heilaussagen steht.
In der Zusammenfassung einer Metaanalyse sagen die Autoren, dass definitive Aussagen zur Wirksamkeit und der Sicherheit weiterhin offen bleiben [„(1) Does it work? And (2) is it safe? A definitive high-quality trial that addresses the necessary methodologic improvements noted is needed to answer these important clinical questions.” http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/17212570].
Öko-Test hat solche Produkte getestet, siehe hier: http://www.oekotest.de/cgi/index.cgi?artnr=97295;bernr=06;co=. Die Produkte schneiden schlecht ab! Auch FOCUS berichtete darüber: „Rausgeschmissenes Geld ist die Einnahme von frei verkäuflichen Gelenkkapseln bei leichter bis mittelschwerer Arthrose des Kniegelenks. Zu diesem Schluss gelangt die Zeitschrift „Öko-Test“ in einer Untersuchung.“ http://www.focus.de/gesundheit/ticker/test-gelenkkapseln-gegen-arthrose-helfen-nicht_aid_392514.html


9 comments:

  1. Habe alles mit Interesse gelesen. Wie kann ich meine Arthrose(Halswirbel) aufhalten? Gar nicht? Nur noch Schmerzmittel einnehmen, die andere Organe belasten? Für einen Hinweis wäre ich sehr dankbar. Mit freundliochen Grüßen

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    1. Bitte schauen Sie einmal unter http://rheumatologe.blogspot.de/2012/10/arthrose-definition-diagnose-und-dilemma.html nach. Eine Einzelberatung kann und darf ich nicht machen. Das müssen Sie mit Ihren behandelnden Ärzten absprechen.

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  2. Ich habe Arthrose schon seid 2006 habe schon so viele Sachen
    ausprobiert aber alles ohne Erfolg.
    Jetzt nehme ich seid 10 Tagen diese Antarktis Grill - Kapseln
    ich kann nur sagen Finger weg von diesen Kapseln!!
    Grund : meine schmerzen sind noch viel schlimmer geworden .
    Schmerzmittel helfen bei mir auch nicht,weil mein Nervenkostym
    Schmerzmittel nicht annimmt. Ich bin Herztransplantiert und habe
    auch noch Polineuropathy.

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  3. Lieber Herr Dr. Kirsch,
    mit großem Interesse und aufgrund Ihrer pointierten Formulierungen sehr großem Vergnügen habe ich Ihre Beiträge gelesen.

    Bin selbst Arthrose-Patientin (Heberden, Bouchard, Rhiz-Arthrose, Arthrose im Ilio-Sakral-Gelenk) und Tochter eines Schulmediziners - die Hoffnung auf Linderung von Beschwerden hält sich in meinem Hirn immer schön die Waage mit der vom Vater mitbekommenen und aus gesundem Menschenverstand weiter gewachsenen Skepsis vor Wunderheilungs-Versprechen. Nun ist die Waage deutlich weiter in Richtung Skepsis beladen worden ... außerordentlich bedauerlich für die Patientin, gut für die sparsame Hausfrau und ganz, ganz schlecht für die Hersteller der Wundermittelchen.

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  4. Guten Tag Herr Dr. Kirsch,
    ich habe Arthrose in den Schultern und suche ständig nach Hilfe (meist im Internet). Nun bin ich auf ein Nahrungsergänzungsmittel gestoßen, bei dem Kieselsäure aus Ackerschachtelhalm angepriesen wird. Können Sie dazu etwas sagen?
    Mit freundlichen Grüßen

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    1. Silikate/Kieselsäure/Kieselerde werden immer wieder angepriesen. Ein Mangel an Siliziumoxiden ist nicht bekannt. Vollkorn, Hirse, Kartoffeln sind reich daran, so dass eine ausgewogene Ernährung ausreichend sind. Schachtelhalm und Brennnessel sind übrigens auch reich an Kieselerde, werden aber in der Ernährung üblicherweise nicht genutzt. Wissenschaftlich ist ein Nutzen dieser Präparate nicht bewiesen. PlusMinus berichtet 2007 über diese Präparate: http://www.presseportal.de/pm/6561/1078968/ard-magazin-plusminus-und-ndr-info-schoenheitsmittel-kieselerde-unter-verdacht. Man zitierte W. Becker-Brüsen, den Herausgeber des unabhängigen ArzneimitteTelegramms: "Kieselerde ist ein überflüssiges Produkt. Es wird mit vielen Versprechungen auf den Markt gebracht, die nicht gehalten werden können. Es kann potentiell bei langer Anwendung die Niere schädigen. Insofern gibt es gar keine Veranlassung, Kieselsäure zu schlucken und dafür auch noch viel Geld auszugeben."

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    2. Lieber Herr Dr. Kirsch, vielen Dank für Ihre schnelle Antwort und den Link-Hinweis.
      Mit freundlichen Grüßen,

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  5. Es kam eine Zuschrift: "Was wirklich hilft……….
    Ich habe fast 10 Jahre lang unter schlimmen Gelenkschmerzen gelitten, insbesondere die Kniegelenke waren betroffen.
    ..." und dann kam Werbung. Das gilt als Spam.

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