Tuesday, October 16, 2012

Vortrag Gicht und Hyperurikämie



Zusammenfassung des Vortrags für die Rheuma Akademie am Rheinischen Rheuma Zentrum in Meerbusch am 16.10.2012





Vielleicht kennt der eine oder andere die Gicht noch als Zipperlein – handelt es sich dabei nicht um die Verharmlosung einer schwerwiegenden Krankheit?



Die Bibel berichtet vom Gichtbrüchigen (jedenfalls in der Lutherübersetzung, andere Übersetzungen sprechen von dem Gelähmten). "

Und er stand auf, nahm sogleich das Bett auf und ging vor allen hinaus, ..." heißt es im zweiten Kapitel des Markusevangeliums.


Berichte über die Gicht werden gerne mit verharmlosenden Cartoons geschmückt, wie z.B. die Werbung "Lösung in Gicht" oder alten Cartoons aus dem 19. Jahrhundert. Mit keiner anderen Krankheit geht man meines Wissens so um. Link: Lösung in Gicht http://www.openpr.de/images/articles/2/e/2edf1ec0abf677ae2233baab5f70702e_g.jpg , Gicht Karikatur http://www.hsl.virginia.edu/historical/artifacts/caricatures/assets/punch_cures-big.jpg  

Bei der Gicht handelt sich um ein Stoffwechselerkrankung, die Gelenke zerstören kann.
Im Akutstadium kann auf Medikamente nicht verzichtet werden. Purinarme Kost, um die Harnsäure zu reduzieren, kann auf lange Sicht helfen.

Gicht ist die Folge einer Erhöhung der Harnsäure; das nennt man in der medizinischen Fachsprache Hyperurikämie. Die Gicht ist also eine Stoffwechselerkrankung.
Harnsäure kristallisiert als Salz (Natriumurat) aus. Harnsäurekristalle sehen aus wie scharfe Nadeln; man könnte sie mit Stecknadeln oder Tannennadeln vergleichen. Entzündungszellen werden durch diese langen, spitzen Kristallen zerstört und Enzyme werden freigesetzt. Dadurch schreitet die Enzündung fort.

Etwa 1% der Bevölkerung sind betroffen, dabei sind etwa doppelt so viele Männer wie Frauen betroffen. Damit ist Gicht eine Volkskrankheit.
Gicht ist eine Erkrankung des Überflusses. So führt die Hyperurikämie zu höherer Morbidität, Invalidität und fördert andere Erkrankungen als eigenständiger Risikofaktor.
Aus ihr resultieren mehr Herzinfakte, Nierenerkrankungen, Arthrose und weitere mehr.

Die Hyperurikämie ist durch einen Labortest einfach festzustellen.
Aber Vorsicht! Im Gichtanfall muss die Harnsäure nicht erhöht sein!
Im Gichtanfall erfolgt die Diagnose durch die Gelenkpunktion und den Nachweis von Harnsäurekristallen in der Gelenkflüssigkeit. Insbesondere da durch den Nachweis von Harnsäurekristallen in den Zellen. Die Untersuchung ist nicht überall verfügbar, denn man benötigt ein Polarisationsmikroskop dafür.


Gicht - Stadien
1. Stadium: Asymptomatische Gicht
Im ersten Stadium der Gicht hat noch kein Gichtanfall stattgefunden. Man findet eine Erhöhung der Harnsäure, die manchmal erblich, manchmal bei bösartigen Erkrankung, bei Nierenschwäche, meistens jedoch ernährungsbedingt ist. Zeichen für Gicht sind sonst nicht vorhanden. Die meisten Erkrankten wissen es gar nicht

Erbliche Gicht
Eine Überproduktion von Harnsäure tritt bei Mangel an der Hypoxanthin-guanin-phosphoribosyltransferase (Lesch-Nyhan Syndrom), Glucose-6-phosphatase (von Gierke Erkrankung), und Varianten der Fructose-1-phosphataldolase oder PP-ribose-P-synthetase.

Gicht bei hohem Zellumsatz
Erkrankungen wie myeloproliferative und lymphoproliferative Krankheiten, Psoriasis, Chemotherapie durch Zellzerfall, hämolytische Anämien, und weitere führen zu einem erhöhtem Zellumsatz, bei dem als Endprodukt mehr Harnsäure anfällt.

2. Stadium: Akuter Gichtanfall
Der erste Gichtanfall markiert das zweite Stadium. Meistens kommt es zur Entzündung der Großzehe; der Fachausdruck lautet Podagra. Das betroffene Gelenk ist sehr schmerzhaft, geschwollen, rot, überwärmt. Eine geringe Berührung führt schon zu starkem Schmerz; oft kann noch nicht einmal die Bettdecke auf dem Gelenk vertragen werden.


3. Stadium: Intervallstadium der Gicht
Nach dem Anfall ist vor dem Anfall. Das Stadium zwischen überwundenem und dem nächsten Gichtanfall nennt man Intervallstadium. Wenn man nicht früher die erhöhte Harnsäure festgestellt hatte, jetzt ist der richtige Zeitpunkt für eine dauerhafte Senkung des Harnsäurespiegels.

4. Stadium: Chronisch tophöse Gicht
Das ist das Stadium, bei dem sich immer mehr Harnsäure ablagert (Tophus / Tophi). Die Erkrankten sind häufig im Daueranfall; ein solcher Patient sagte einmal bei einer Visite: "Ich möchte lieber in der Hölle sein, als diese Schmerzen weiter zu ertragen." Dies kommt aber heute seltener vor, da früher und erfolgreicher therapiert wird.



Extreme Form der Gicht mit Gelenkschwellungen und unter der Haut sichtbarer Harnsäure
 

Harnsäurekristalle im Polarisationsmikroskop
 

Punktat von Harnsäure auf dem Objektträger


Knöcherne Ausstanzung am Großzehengrundgelenk auf Grund vun Gicht im Röntgenbild
 

Ein aktueller Befund vom Vortragstag

Medikamentöse Therapie
NSAR [Nicht steroidale Antirheumatika (also ohne Kortison)] – wie z.B. Diclofenac, Ibuprofen oder Celebrex (Cox-2-Hemmer).
Colchizin – klassisches Mittel gegen den Gichtanfall – nicht zu hoch dosieren, da es sonst zu Durchfall führt.
Korikosteroide (Kortison) als Tablette oder direkt ins Gelenk injiziert.

Allopurinol – langsam einschleichen und steigern – leider wird das Gegenteil getan - "Clinicians often start allopurinol at doses that are too high but maintain allopurinol at doses that are too low." Dr. Terkeltaub.
Febuxostat – wie Allopurinol, aber häufig verträglicher, teurer, eingeschränkte Anwendung.

Benzbromaron zur Harnsäureausscheidung-
Probenicid – bei uns weniger in Gebrauch.
Uricase (nur bei Chemotherapie, jedoch sehr effektiv).
Weitere wie Vitamin C.

Bildmaterial: The modern management of gout Therapie des Anfalls
  
Purinarme Kost
Bei der purinarmen Kost werden dem Körper weniger Purine zugeführt, damit wieder mehr Harnsäure ausgeschieden werden kann. Harnsäure ist das Endprodukt des Purinabbaus. Bei einer solchen Diät versucht man, die Zufuhr an Purinen auf täglich 150 mg Purine abzusenken, während sonst 600-1000 mg in der Durchschnittkost zu finden sind.


Die Rolle von Alkohol
Alkohol erhöht den Harnsäurespiegel, denn er reduziert mengenabhängig die Ausscheidung von Harnsäure. Bier enthält überdies eine Menge Purine. Bier und harte alkoholische Getränke sind besonders ungünstig.

Die Rolle von Fett
Fettreiche Kost erhöht den Harnsäurespiegel. Fettreiche Kost hält ebenso Harnsäure zurück im Körper. Bei langsamer Gewichtsreduktion verbessert sich die Hyperurikämie.

Die Rolle von Übergewicht
Bei Übergewicht läßt sich die Harnsäure langfristig durch Gewichtsreduktion senken. Drastische Gewichtsreduktion (z.B. Fasten) ist jedoch zu vermeiden, da dann wieder besionders viel Harnsäure anfällt und es zum Gichtanfall kommen kann. Komplexe Kohlenhydrate können dabei helfen


Die Rolle von Zucker
Zucker erhöht ebenso den Harnsäurespiegel. Besonders ungünstig ist Fruchtzucker, der industriell zum Süßen benutzt wird. Deshalb sollte man industriell verabeitete Speisen meiden. Es gibt auch noch einen weiteren Grund, denn industriell verarbeitete Speisen enthalten häufig Bierhefe als Geschmacksverstärker.

Medikamentöse Therapie
NSAR – wie Diclofenac, Ibuprofen oder Celebrex (Cox-2-Hemmer)-
Colchizin – klassisches Mittel gegen den Gichtanfall – nicht zu hoch dosieren-
Korikosteroide (Kortison) als Tablette oder direkt ins Gelenk injiziert.

Allopurinol – langsam einschleichen und steigern – leider wird das Gegenteil getan. Dr. Terkeltaub: "Clinicians often start allopurinol at doses that are too high but maintain allopurinol at doses that are too low."
Febuxostat – wie Allopurinol, aber häufig verträglicher, teurer, eingeschränkt

Benzbromaron zur Förderung der Harnsäureausscheidung.
Ebenso Probenicid, bei uns aber weniger in Gebrauch.
Uricase (nur bei Chemotherapie – sehr effektiv).
Weitere Medikamente, wie z.B. bestimmte Cholesterin- und/oder Fettsenker, aber auch Vitamin C senken den Harnsäurespiegel.

Therapie des Gichtanfalls 
Schmerzen und Entzündung müssen gelindert werden. Zunächst hilft Kühlen, dabei gibt man Eiswürfen mit etwas kaltem Wasser in einen Plastikbeutel und verknotet die Öffnung; man legt den Beutel in einen Kopfkissenbezug und dann auf das betroffene Gelenk. Diese Methode ist der Kältepackung (Kühlakku) deutlich überlegen, denn es kommt nicht zu Erfrierungen und das kalte Wasser schmiegt sich besser an das Gelenk an.

Medikamentös werden NSAR, Colchizin und ggf. sogar Prednisolon ("Kortison") eingesetzt. Ggf. Gelenkpunktion zur Sicherung der Diagnose und Therapie mit Injektion von Triamcinolon. Vorsichtiges Bewegen ist schon im Anfall notwendig.



Diätetische Möglichkeiten 
Komplexe Kohlenhydrate über Kartoffeln, Reis / Zerealien. Vermeiden: Zucker, Fruchtzucker.

Fettreduktion über Magermilch, Sauermilchkäse, Fettreduzierte Produkte (?). Vermeiden: fettreiche Kost, insbesondere fettes Fleisch.

Pflanzeneiweiß über Bohnen, Erbsen, Tofu – in Maßen, Blattspinat, Pilze. Vermeiden: tierisches Eiweiß, Fisch, Sprotten, Sardinen, Hummer.

Flüssigkeit zum Durchspülen über Tee / Wasser, verdünnte Fruchtsäfte. Vermeiden: Wodka, Whiskey, Weizenkorn & Co., Bier & nochmals Bier.






In der Diskussion wurde der Wunsch nach einem Buchtitel geäußert, in dem Speisen und Diätvorschriften aufgeführt werden. Mein eigenes Buch ist zu alt. Sollte ich ein empfehlenswertes Buch finden, werde ich den Titel nachreichen.
Veganer und Vegetarier sind besser dran, aber aus gesundheitlichen Gründen muss man nicht Vegetarier werden. Eine adaptierte Vollkost ist dafür ausreichend. Der Schritt über die Grenze zum Vegetarier ist ein ethischer Schritt. Als Vegetarier wünsche ich mir natürlich, dass viele diesen Schritt tun.



 

7 comments:

  1. "Das" Buch über Gicht und Ernährung bei Gicht habe ich immer noch nicht gefunden.
    LMK 21.03.2013

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  2. Hallo Lothar,

    hast du denn mal bei Amazon nachgesehen?

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    1. Es geht mehr darum, dass es ein Buch sein sollte, mit dessen Inhalt ich auch übereinstimme und das habe ich noch nicht gefunden.

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  3. Guten Tag
    Ich habe in der Schuhle einen Vortag und habe die webseite gelesen und es hat mich insperiert. Da hatte ich gedacht ich könnte den PP übernehmen und für mich abstimmen so das es auch für Ihnen stimmt. Das wäre seht nett und auch super.
    Gruss

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  4. Es ist schön, wenn der Text inspiriert hat. In der Schule darf mit Quellenangabe zitiert werden.

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  5. Vielen Dank für die Informationen, die sich in vielen Punkten mit meinen Erfahrungen als Patient decken. Fragezeichen scheinen bei mir aber auf in folgenden Punkten:

    "Diätetische Möglichkeiten: (...) Pflanzeneiweiß über Bohnen, Erbsen, Tofu – in Maßen, Blattspinat, Pilze."
    Ich lebe seit 2/3 meines Lebens vegetarisch, vielleicht ist das ein seltenerer Fall, aber nach meinen Informationen (und "gefühlten" Erfahrungen) enthalten Hülsenfrüchte sehr viel Purin, weshalb ich eben Bohnen, Erbsen, Linsen, Erdnüsse meide (tierisches Eiweiss mag aber noch schlimmer sein). Ich versuche über sehr vielseitige, ausgewogene Ernährung genug Eiweiss abzubekommen (u.a. viel Vollkorn und Gemüse).
    Pilze: Auch wenn es (für mich als Laien) sehr schwierig ist verlässliche Daten zu bekommen (ich bin in vielen Fachpublikationen auf eindeutig falsche oder unklar vergleichbare gestossen), deutet die Mehrzahl der von mir gefundenen Informationen darauf hin, dass Champignons ausnahmsweise hohe Purinkonzentrationen aufweisen, die bei anderen Pilzen nicht gemessen wird (hier würde ich mich über Informationen freuen: Kann dies an Zucht- vs. Wald-Pilz liegen? Oder ist der Champignon wirklich eine Ausnahme?).
    Auf jeden Fall würde ich nach meinen Erfahrungen eher Blattspinat als Hülsenfrüchten essen (obwohl möglicherweise die Eiweisskonzentration in Relation zum Purin bei Hülsenfrüchten günstiger ist).

    Mit den oben genannten Einschränkungen der diffusen Datenlage würde ich darauf hinweisen, dass Nüsse relativ unkritische und nährstoffreiche Nahrungsmittel zu sein scheinen - mit der wichtigen Ausnahme, dass eben Erdnüsse KEINE Nüsse, sondern Hülsenfrüchte sind, die man als Gicht-PatientIn eher meiden sollte.

    Freundliche Grüße!

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    1. Ich hatte auch lange Zeit gedacht, dass man von pflanzlichen Nahrungsmitteln mit Purinen abraten sollte. Ich hatte aber von einigen Jahren an einem Expertentreffen für die Erstellung internationaler Richtlinien der Diagnostik und Therapie von Gicht teilgenommen und dort legte jemand Daten vor, die den Effekt der pflanzlichen Purine sehr geringer erscheinen ließ als die aus tierischen Produkten. Das soll nun nicht heißen, dass man sich jetzt mit Bohnen vollstopfen soll. Aber man darf auf Bohnen zurückgreifen. Häufig wird zu viel Eiweiß zu sich genommen.

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