Keiner weiß wohin – und das ist unsere Rettung!
Christian Lehnert [1]
Christian Lehnert [1]
Mittlerweile wird in Eifel wie auch Köln Halloween gefeiert; und da ich sehr spät in die Eifel zurückkehrte, hatte ich natürlich die kleinen Hexen etc. verpaßt, aber der Gottesdienst in der Versöhnungskirche in Köln-Holweide war mir wichtiger. Der Gottesdienst zum Reformationsfest 2026 stand unter dem Motto „Reset / Hoffnung“. Der Wochenspruch lautet: „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ [2] Das ist natürlich die Grundlage, auf der Paulus die Rechtfertigung allein durch den Glauben aufbaut. „Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.“ Und: „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.“ [3] Der 31. Oktober ist als Gedenktag der Reformation gedacht. Er erinnert daran, daß Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen oder vielleicht richtiger, aber weniger griffig, seine Kritik an der Praxis der Bußtheologie der Kirche, insbesondere dem Verkauf von Ablässen, „an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben soll“ [4]. Ob das Annageln der 95 Thesen an die Tür der Schloßkirche zu Wittenberg historisch ist, darf bezweifelt werden, denn erst 1540 wird dies erstmalig erwähnt [5]. Man nimmt an, daß die Thesen am 31.10.1517 unter dem Titel „disputatio pro declaratione virtutis indulgentiarum“ [Disputation zur Klärung der Kraft der Ablässe] an mehreren Wittenberger Kirchen durch Anschlag veröffentlicht worden sind; ein Anschlag auf eine kritikwürdige Glaubenspraxis! Die 95 Thesen Martin Luthers [6] behandeln Einzelheiten zum Verkauf von Sündenablässen, so z.B. „36. Jeder Christ, der wirklich bereut, hat Anspruch auf völligen Erlass von Strafe und Schuld, auch ohne Ablassbrief.“ Oder, wer erinnerte sich nicht bei „86. Oder: Warum baut der Papst, der heute reicher ist als der reichste Crassus, nicht wenigstens die eine Kirche St. Peter lieber von seinem eigenen Geld als dem der armen Gläubigen?“ an Franz-Peter Tebartz-van Elst [7], der die Bischofsresidenz prunkvoll renovieren lassen wollte. Allerdings muss man vorsichtig sein, denn die „freistehende Badewanne (15.000 Euro)“ [Duravit-Badewanne von Philippe Starck] hat sicherlich nicht 15.000€ gekostet (wahrscheinlich das gesamte Badezimmer), aber Schreinerarbeiten für 350.000€ lassen sich auch sehen. Insgesamt sind die Thesen von Luther selbst als Hinweis auf Reformen verstanden worden, ein Schisma war nicht geplant, allerdings unausweichlich. Philipp Melanchthon, Huldrych Zwingli und Jean Calvin sollte ich in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Jean Calvin und Huldrych Zwingli haben übrigens weitaus stärker eine Konfrontation in Kauf genommen; übrigens auch mit Luther.
Als Evangeliumslesung hörten wir die Seligpreisungen aus der Bergpredigt [8] – wenn ich die auswendig hersagen sollte, würde ich so herumdrucksen, wie Mark Twain es im Buch Tom Sawyer beschrieben hat, darum habe ich es nachgelesen, was ich hiermit nur empfehlen kann.
Vor der Predigt sangen wir „Ein neuer Angang liegt bei Gott“ [9]. Darin heißt es „Gott nimmt Dir das ab, / gießt Gold in Deine Narb' - / und Du kannst einfach leben.“ Das erinnerte mich an Kintsugi. Bei dem japanischen Kintsugi (金継ぎ) flickt man mit goldhaltigem Lack zerbrochene Keramik [10]. Das Teil wird nicht nur wieder funktionsfähig, es gewinnt auch an Wert. Wenn Gott also Gold in narben gießt, dann führt das nach meinem Verständnis zu mehr als „einfach leben“, das zeigt Gott, wie sehr er uns liebt und wertschätzt. Und das sagt auch der Predigttext [11]: „Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.“ In dem Text geht es um „Menschenfurcht und Gottesfurcht“.
Das Altargesteck war einmal frisch gewesen, aber immer noch künstlerisch konzipiert, wobei violette Töne überwogen, obwohl die liturgische Farbe von Grün auf Rot gewechselt hatte.
Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).
Links und Anmerkungen:
[1] Christian Lehnert: Cherubinischer Staub. Gedichte. Suhrkamp, Berlin 2018. ISBN: 978-3-518-42819-1. S. 61.
[1a] Annette von Droste-Hülshoff hat natürlich kein Gedicht zum ReformationsTag geschrieben.
[2] 1. Kor 3,11
[3] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ROM.3 Röm 3,21–28
[4] https://kirchenjahr-evangelisch.de/reformationsfest/
[5] Der Thesenanschlag wird erstmals in einer Bearbeitungsnotiz zum Neuen Testament Luthers Sekretär Georg Rörer ca. 1540 verschriftlicht; diese Notiz wurde allerdings erst 2006 gefunden.
https://de.wikipedia.org/wiki/95_Thesen
[6] Die 95 Thesen Martin Luthers kann man sich auch herunterladen:
https://www.ekiba.de/media/download/variant/55130/95_thesen.pdf
[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Franz-Peter_Tebartz-van_Elst
[8] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.5 Mt 5,1–10(11–12)
[9] „Ein neuer Angang liegt bei Gott“, ein Text von Elisabeth Rabe-Winnen zur Melodie von „Ein feste Burg“.
[10] Kintsugi 金継ぎ von 金 Gold und 継ぎ flicken; also diese mit goldhaltigem Lack geflickte Keramik.
https://de.wikipedia.org/wiki/Kintsugi
[11] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MAT.10 Mt 10,26b–33 insbesondere Vers 31
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