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Saturday, July 29, 2017

Flexinol - das Gel, das dem Geldbeutel den Inhalt entzieht




Flexinol – „das Gel, das zum Wirksamsten zählt, was die Natur hervorgebracht hat.“ Ja, schon der Anfang ist beschämend. Die Natur produziert keine Gele in Tuben! Flexinol ist ein Name, der an ein Medikament erinnert, das Beweglich und schmerzfrei machen soll. Aber der Vertreiber sagt selbst: „Flexinol ist kein Medikament, …“. Sie merken schon, mir ist wieder einmal ein Flyer unter die Hände gekommen.

Ich könnte mir auch den folgenden Text sparen, denn Flexinol wurde früher als NovoSilica und davor als ArtroSilium Plus verhökert. Über ArtroSilium hatte ich aber schon berichtet [1]. Flexinol® ist übrigens ein besonders dünner Spezialraht aus einer Nickel-Titan-Legierung von Dynalloy, Inc. – vielleicht handelt es sich bei dem Gel Flexinol um den unrechten Gebrauch eines geschützten Produktnamens, aber das habe ich Dynalloy, Inc. empfohlen zu prüfen.

In dem Faltblatt heiß es: „Der natürliche Reparatur-Komplex dringt zielgenau durch das Gewebe in die betroffenen Gelenke ein.“ Wie soll das nur geschehen, denn zunächst einmal ist da die Haut, und dann wird das, was durchgekommen ist von Blut und auch Lymphflüssigkeit abtransportiert.

Wir werden dann mit sieben „medizinischen Fakten“ eingelullt.

1. „Flexinol liefert Ihren Gelenken die 3 wichtigsten Gelenknährstoffe Chondroitin, Glucosamin und Grünlippmuschelextrakt,…“. Chondroitin und Glucosamin werden schon lange vermarktet, schauen Sie einmal hier: [2]. Zu Grünlippmuschelmusschel ist am besten der Blogpost zu Pernadol [3].

2. Extrakte aus Wiesenkönigin, schwarzer Johannisbeere und Teufelskralle sollen „Entzündungen, Rheuma und Gelenkverformungen“ stoppen, denn „Flexinol bekämpft Entzündungen ganzheitlich“. So ist die Werbung, wenn man sie nicht mittels Gesetzgebung reglementiert, sie behauptet einfach, ohne den Nachweis zu erbringen.

3. „Lässt Schmerzen verschwinden, von Arthrose über Muskelkater bis Hexenschuss!“ Das soll durch „organisches Silizium“ und Weihrauch-Öl bewirkt werden. Den blöden Übersetzungsfehler aus dem englischen hat man immer noch nicht korrigiert. Mit organic bezeichnet man im Englischen, wofür wir bio nehmen. Völlig idiotisch in Zusammenhang mit Silizium. Weihrauch soll entzündungshemmend wirken. Diese Wirkung findet aber nur im Reagenzglas statt [4].

4. Verstauchungen, Prellungen, Verletzungen soll man behandeln können. Kein Nachweis über eine Studie, die in PubMed gelistet wäre.

5., 6., 7. Lymphstau, Krampfadern, Juckreiz, Hautgeschwüre, Altersflecken … sollen behandelt werden können. Dafür gibt es keine Belege, wie auch?

Dann wird mit dem Bild von einem Bergkristall geworben: „Ein Bergkristall aus Silizium, Symbol für Festigkeit und Stabilität!“ Ein Bergkristall ist aus Quarz, also der Siliziumverbindung Siliziumdioxid. Bei Flexinol geht es aber um Kieselsäure.

Dann fällt mein Blick auf die Gesundheitsberaterin Margarethe Kaiser. Das ist mir eine Beraterin, die keine Spuren im Internet hinterlassen hat! Dafür hat das Solinger Tageblatt aber über eine Margarethe Kaiser berichtet [5]; ob die beiden eine Person darstellen oder ob es so eine Person überhaupt gibt, kann ich nicht sicher sagen. Die Gesundheitsberaterin Margarethe Kaiser wird in dem Faltblatt mit einem Bild gezeigt. Da trägt sie einen Kittel über einem grünen Rollkragenpullover und hat sich ein Stethoskop umgehängt. Wenn Sie hier auf meinem Blog schon ein wenig gelesen haben, dann deutet so ein Stethoskop an, dass Sie über den Tisch gezogen werden sollen.

Wenn Sie jetzt brav und schnell bestellen, dann erlässt man Ihnen gnädig das Porto. Aber Sie bezahlen für die „1-Monats-Kur Flexinol“ 39,50 €. Wieso Monatskur? Es wird eine Tube geschickt. Monatskur klingt einfach besser.

Würde ich so bescheuert sein und mir von der Gesundheitsberaterin Margarethe Kaiser Flexinol andrehen lassen? Nein! Niemals!

Links:

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Thursday, January 5, 2017

Agilon wird als Rheumamittel angepriesen


Ich stolperte über den Namen Agilon, denn ich assoziierte etwas ganz anderes mit diesem Begriff, nämlich die Agilon invers, eine Schultergelenksprothese. Aber um Probleme der Namensrechte geht es hier nicht. 

Agilon wird als natürliches Rheumamittel angepriesen, das Teufelskralle und Grünlippmuschel enthält. „Die Teufelskralle bekämpft die Entzündung, lindert den Schmerz und hemmt den Eiweißabbau in der Matrix des Gelenkknorpels“, lese ich in der Beschreibung des Nahrungsergänzungsmittels. Stimmt das wirklich? „Agilon ist ein rein biologisch-natürliches Naturheilmittelpräparat.“ Natürlich – ein natürliches Naturheilmittel. Warum nicht gleich biologisch-natürliches Naturheilbiopräparat? Und die Grünlippmuschel, gemeint ist ein Extrakt, soll der Austrocknung des Gelenks entgegenwirken. Es gibt natürlich keine Studien, die so etwas belegen.   

Teufelskralle  
Zur Teufelskralle (Harpagophytum procumbens) gibt es Studien, die aber ein schlechtes Design aufweisen und z.B. gegen Medikamente geprüft wurden, die bereits aus dem Handel sind (1). Die Autoren dieser Metaanalyse weisen darauf hin, dass die Studien nicht sehr aussagekräftig sind und besser geplante Studien notwendig sind („Additional well-designed large trials are needed to test these herbal medicines against standard treatments. In general, the completeness of reporting in these trials was poor.” Eine andere Metaanalyse ging der Frage von Nebenwirkungen nach und fand hauptsächlich Magenbeschwerden (2). Die Autoren sehen keinen Nutzen, aber können einen möglichen Schaden nachweisen. Deshalb kommen sie zu dem Schluss: Es [Harpagophytum procumbens] wird am besten vermieden („It is best avoided.“). 

Der Werbetext von Agilon sagt: „Agilon zeichnet sich durch seine besonders gute Verträglichkeit aus und kann nebenwirkungsfrei, unbesorgt über einen langen Zeitraum eingenommen werden und …“. Ich lese da „nebenwirkungsfrei“. Was denken Sie? Hat das Nahrungsergänzungsmittel keine Nebenwirkungen? Das steht geschickter Weise nicht da. Gemeint ist: wenn Sie keine Nebenwirkungen haben, können Sie es lange einnehmen. Gemein, nicht wahr?   

Eine Studie beschäftigt sich mit Wirkung einzelner Fraktionen eines Extraktes aus Teufelskralle u.a. auf die Cyclooxygenase 1 und 2 (COX-1 und COX-2). Die Cyclooxygenase wird von Nicht-Steroidalen Antirheumatika (NSAR) geblockt; NSAR sind z.B. Aspirin, Ibuprofen, Diclofenac. Die Autoren fassen zusammen: „Our results demonstrated that the harpagoside fraction is the main responsible for the effect of devils claw on these enzyme activities. However, other components from devil's claw crude extract could antagonize or increase the synthesis of inflammatory mediators.” Das heißt aber, dass Stoffe in der Teufelskralle die Entzündung fördern können.   

Grünlippmuschelextrakt  
Über Grünlippmuschelextrakt habe ich schon mehrfach berichtet (5). Grünlippmuscheln werden in großen Aquakulturen gezüchtet und auch exportiert. Sie werden in Neuseeland verzehrt, wie man bei uns Miesmuscheln ißt. Nach Wikipedia werden jährlich 60.000 Tonnen geerntet (ehrlich, ich scheue dieses Wort). Etwa 10% werden zu Nahrungsergänzungsmitteln verarbeitet. Wie sieht es mit Studien aus? Es sind Studien zu Extrakten aus der Grünlippmuschel publiziert worden. Eine Metaanalyse (6) führte aber aus: „No RCTs comparing GLM to conventional treatment were identified.“ Und: „All four studies assessed GLM as an adjunctive treatment to conventional medication for a clinically relevant time in mild to moderate OA.” Also nicht überzeugend. An dieser Studienlage hat sich auch nichts geändert.   

Agilon 
Zurück zu Agilon. Die Verzehrsempfehlung lautet: „3 mal 3 Tabletten pro Tag vor den Mahlzeiten mit einem großen Glas Wasser.“ Das sind 9 Tabletten pro Tag, also 90 in 10 Tagen. Das entspricht bei 38,90 € für 90 Tabletten schlappen 118,21 € im Monat. Wenn Sie 270 Tabletten auf einmal kaufen, dann reduziert sich das auf 107,80 € im Jahr. Wenn man mir ein Nahrungsergänzungsmittel mit äußerst fraglichem Nutzen und möglichen Nebenwirkungen zu einem solchen anbieten würde, da hätte ich nur eine Antwort: „Nein, danke!“   

Links: 
(1) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25536022 
(2) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24600731 
(3) https://www.biofitt.com/produkte/Bewegungsapparat/Schmerzen-Bewegungsapparat/Agilon-Arthritis-Reuma-Arthrose.html?gclid=CKTT9N_Lp9ACFRMUGwodJDkISQ 
(4) https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/20812280 
(5) http://rheumatologe.blogspot.de/2015/08/pernadol.html 
(6) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18222988
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Thursday, August 27, 2015

Pernadol


Ein schweizer Leser machte mich auf Pernadol aufmerksam. Ich kannte es nicht, aber beim näheren Hinschauen sah ich sofort, dass ich schon über ähnliche Präparate geschrieben hatte.
Ich kenne mich mit der schweizer Rechtsprechung noch weniger aus als mit der deutschen, aber auf der Internetseite werden eindeutig Heilsversprechungen abgegeben, wie z.B.:
    - Förderung von Knorpelqualität
    - Schmerzreduktion
    - Weniger Knacken in den Gelenken
Aber für all das gibt es keine durch Fachleute geprüfte Studien (kein Fund in allen NCBI Datenbanken).

„Vor ungefähr 20 Jahren haben Forscher festgestellt, dass das Volk der Maori keine Gelenkprobleme kennt.“ Was mögen das für Forscher gewesen sein? Das ist ein Mythos, der schnell zerschlagen werden kann. Man schaue hier nach: The Health of New Zealand Adults 2011/12: Key findings of the New Zealand Health Survey – es handelt sich um eine Erhebung des neuseeländischen Gesundheitsministeriums. Die Erhebung fasst zwar auch die Arthrose (Osteoarthritis) mit anderen Formen von Arthritis zusammen, aber so ist es auch für Pernadol gemeint. Hier das wichtige Zitat aus dem offiziellen Text: „Adjusting for age and sex differences, Māori men were 1.4 times as likely to have been diagnosed with arthritis as non-Māori men. By contrast, Asian adults were less likely to have arthritis than non-Asian adults, after adjustment.” Mit anderen Worten, Maori Männer haben sogar ein höheres Risiko, an Arthritis/Arthrose zu erkranken!


Interessanterweise hat man sich entschlossen, die Muschel bei ihrem lateinischen Namen zu benennen: Perna caniculis. Es handelt sich dabei um die Grünschalmuschel, bei uns besser als Grünlippmuschel bekannt. Diese Muschel wird in großen Aquakulturen gezüchtet und auch exportiert. Sie werden wie bei uns die Miesmuscheln verzehrt. Nach Wikipedia werden jährlich 60.000 Tonnen geerntet (ehrlich, ich scheue dieses Wort). Etwa 10% werden zu Nahrungs-ergänzungsmitteln verarbeitet. Es handelt sich also um einen gar nicht so geheimnisvollen Bestandteil von Pernadol. Wie sieht es mit Studien aus? Es sind Studien zu Extrakten aus der Grünlippmuschel publiziert worden. Eine Metaanalyse (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18222988) führte aber aus: „No RCTs comparing GLM to conventional treatment were identified.“ Und: „All four studies assessed GLM as an adjunctive treatment to conventional medication for a clinically relevant time in mild to moderate OA.” Also nicht überzeugend. An dieser Studienlage hat sich auch nichts geändert. Die jüngste Studie von 2013 beschäftigt sich mit Hunden!

Was soll es nun kosten? Die 60 Tage Kur kostet nach der Internetseite 219 CHF. Also mir wäre das zu teuer.


P.S. Vielleicht noch eine Spekulation zum Namen Pernadol: 
Tramadol und Tapentadol sind zentral wirksame Schmerzmittel. Vielleicht versucht der Hersteller, über den Namen so ähnlich wie eines dieser Schmerzmittel zu klingen. 

Thursday, October 4, 2012

Grünlippmuschelpulver als Tiernahrung


Für unsere vierbeinigen Lieblinge ist uns nichts zu teuer. Da darf es dann auch Grünlippmuschelpulver sein. Interessanterweise werden nicht Tierversuche als Argument angeführt sondern ein zweifelhafter Befund bei Menschen. Auf http://www.gruenlippmuschel.info/ wird ein Effekt beim Menschen als Argument für Nahrungsergänzung beim Tier angeführt: „Seit Jahrhunderten steht die Grünlippmuschel auf dem Speiseplan der Maoris, der Ureinwohner Neuseelands. Bei diesen Menschen sind Gelenkerkrankungen nahezu unbekannt.“ Was sind denn das für Allgemeinplätze?! Wer weiß denn, wie viel Grünlippmuscheln auf dem Speiseplan der Maori (Plural ohne s!) steht. Ich habe besonders viele Maori beim Fastfood gesehen. Woher kommt die Information, Maori litten weniger an Gelenkerkrankungen?

Was kostet es nun? Im Moment wird bei Ebay angeboten: „Lunderland - Grünlippmuschel / Grünlippmuschelextrakt 500 g (1kg entsp. 84,50 €)“. Für unsere vierbeinigen Lieblinge ist uns nichts zu teuer.