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Saturday, February 18, 2017

Superfood Brennnessel




Die Brennnessel wird ebenfalls als Superfood betrachtet. Ich gebe bereits hier zu, dass auch ich hin und wieder Brennnessel esse. Aber jeden Tag? Und dann als Heilmittel propagieren? So wie das Zentrum der Gesundheit, das da schreibt: „Auch bei der Therapie sowohl der Arthrose als auch ihrer akuten Form, der rheumatoiden Arthritis kann die Brennnessel aufgrund ihrer entzündungshemmenden und schmerzlindernden Eigenschaften höchst wirkungsvoll eingesetzt werden“ (1)? Eine Arthritis ist keine akute Form der Arthrose. Und schon gar nicht ist das die rheumatoide Arthritis (2).

Schauen wir uns doch besser einmal die Studie von S. Chrubasik und Kollegen an (3): „Evidence for antirheumatic effectiveness of Herba Urticae dioicae in acute arthritis: A pilot study.“ Man untersuchte 40 Patienten, die in zwei Gruppen aufgeteilt wurden: 50 mg Diclofenac plus gekochte Brennnesseln (Herba Urticae dioicae) mit 200 mg Diclofenac. Die Studie wurde 1997 veröffentlich. Seither sind die Ansprüche an Studien gestiegen. Aber immerhin hat man eine Gleichwertigkeit beider Therapien festgestellt. Danach ist aber keine Folgestudie aufgelegt worden, so dass eine Reihe von Fragen unbeantwortet bleiben. Dazu noch: Wie viele Personen hielten das aus, täglich Brennnessel zu essen? Wann hörte der letzte auf? Wo bekommt man im Winter frische Brennnesseln her?

Sorgen Sie sich um hohe Nitratwerte in Brennnesseln? Rucola, Spinat, Kohlrabi, Rote Beete und Rettich z.B. enthalten auch viel Nitrat. Der Nitratgehalt all dieser Gemüse, voran Brennnesseln, ist zwar hoch, aber das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht es so (4): „Die Vorteile einer gemüsereichen Ernährung überwiegen mögliche Risiken durch leicht erhöhte Nitrat- und Nitritgehalte. Verbraucherinnen und Verbraucher sollten den Gemüseverzehr daher keinesfalls einschränken, sondern auf eine abwechslungsreiche Gemüseauswahl achten.“

Brennnesseln enthalten viele Mikronährstoffe und auch Antioxidantien. Wenn Sie mir versprechen, nicht zu viel Aufhebens um die Gesundheitsvorteile zu machen, dann lassen Sie sich ab und zu frische Brennnesseln schmecken, z.B. kleingehackt wie Spinat. Und vergessen Sie den Blubb nicht.


Links:
(2) Mehr über die akute Arthritis der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie - http://dgrh.de/1639.html

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Wednesday, January 25, 2017

Kann Arthritis geheilt werden?




Ich habe wieder einmal gelesen (1). Da wird behauptet: „Arthritis: Heilung ist möglich“. Ist das so? Jein. Es gibt Formen der Arthritis, die ausheilen und nie wieder kommen. Es gibt solche, die eine Weile bestehen, durch Medikamente in die Remission (mit Remission bezeichnet man in der Medizin ein zeitlich begrenztes oder dauerhaftes Nachlassen von Krankheitssymptomen) gebracht werden, und dann auch Jahre oder Jahrzehnte wegbleiben. Und es gibt Formen der Arthritis, die dauerhaft bestehen und auch dauerhaft behandelt werden müssen. Da gibt es auch keine Heilung.

„Man kennt weder die tatsächliche Ursache der rheumatischen Erkrankung noch eine nebenwirkungsfreie Therapie.“ Das stimmt! Es ist so wie beim Big Bang – wenn entzündlich-rheumatische Erkrankungen einmal angefangen haben, wissen wir sehr gut, was geschieht, aber wir wissen nicht, warum es überhaupt einen Anfang gegeben hat. Wir kennen Faktoren, die den Beginn dieser Erkrankungen begünstigen, aber über den Beginn gibt es nur unbewiesene Hypothesen.
Wer meint, dass es nebenwirkungsfreie Therapien gäbe, der könnte genauso gut an den Weihnachtsmann glauben. Die sogenannte Wirkung ist eine von vielen, die von uns erwünschte, die Nebenwirkungen sind nur von uns nicht erwünschten. Medikamente werden so ausgewählt, dass sie ein hohes Maß an Wirkung und ein niedriges Maß an Nebenwirkungen haben.

Ich lese weiter: „Betroffene werden mit zweifelhaften Schmerzmitteln, Entzündungshemmern und sogar Chemotherapeutika ruhig gestellt.“ Wieso zweifelhaft? Und ruhig stellen schon gar nicht. Die Verminderung von Schmerzen und Entzündung macht erst wieder Bewegung möglich. Und gerade die ist in der Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen erwünscht. Gelenke werden über die Gelenkschmiere (Synovialflüssigkeit) ernährt. Die Gelenkschmiere muss vom Knorpel zur Gelenkkapsel und wieder zurück transportiert werden, um Abbauprodukte des Stoffwechsels aus dem Gelenk zu schaffen und Nährstoffe und Sauerstoff zum Knorpel hin zu schaffen, was aber durch die Bewegung geschieht.

„Arthritis-Diagnose auch ohne Arthritis möglich“. Natürlich nicht. Was der Autor dieses Satzes meint sind Laborwerte wie Rheumafaktor oder CCP-Antikörper, die schon Jahre (oder sogar Jahrzehnte) nachweisbar sein können, bevor die Erkrankung überhaupt ausgebrochen ist. Und keiner weiß, ob sie überhaupt ausbrechen wird. Hier müsste man erst einmal fragen, warum denn diese Werte überhaupt bestimmt wurden. Das frage ich mich häufiger, wenn Personen mit positivem Rheumafaktor ohne Gelenkbeschwerden mit der Frage nach „Rheuma“ zu mir geschickt werden. Dann können wir Rheumatologen aber auch Entwarnung geben. Hier wäre aber Platz für eine verantwortungsbewusste Präventivmedizin – z.B. die Ernährung umstellen, auf Rauchen verzichten, für Bewegung sorgen.

„Schulmedizin noch in der Lernphase“. Nein, nicht noch. Die Schulmedizin lernt immer dazu, während die Alternativmedizin sich wenig bewegt. Welche Entwicklung hat es z.B. in der Homöopathie gegeben? Hat man das bizarre Lehrgebäude dem menschlichen Wissenszuwachs angepasst?

Wohin geht die Reise therapeutisch? Natürlich ganzheitlich. Die wenigsten Menschen wissen, dass die Nazis im 3. Reich die ganzheitliche Medizin verinnerlichten (2) – „Diese Tendenz wurde von der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik bereitwillig in ihrer Kritik an der Schulmedizin aufgenommen, die als „jüdisch-marxistisch“ durchsetzt und zu stark sozialmedizinisch orientiert angesehen wurde. Mit Begriffen wie dem „großen Ganzen“, dem „Naturganzen“ oder dem „Volksganzen“ wurden Konzepte einer „biologischen Medizin“ mit Ärzten als „Gesundheitsführern der Nation“ formuliert.“ Aber was bietet man nun an? Andere Hypothesen, die auf eine Bestätigung warten. Ganzheitlichkeit kann allerdings nicht bedeuten, dass man den Nachweis für seine Hypothesen nicht erbringt.

„Man schätzt, dass eine solche Nahrungsmittelunverträglichkeit bei bis zu 10 Prozent der Betroffenen an der Ausprägung der Arthritis mitbeteiligt sein kann.“ Ach, man muss nur schätzen, und dann ist das so. Bitte genaue Zahlen liefern.

Dann geht es weiter mit übersäuertem Bindegewebe, aber dafür steht auch kein Nachweis bereit. Außerdem könnte man sich einmal mit der Physiologie des Menschen beschäftigen. Übersäuerung wird nämlich viel leichter über die Atmung ausgeglichen als durch basische Ernährung. Anderseits führt die Auswahl basischer Nahrungsmittel (nicht etwa von Pülverchen) zu einer gesünderen Ernährung; und dann ist es auch sinnvoll, diese Ernährungsform zu verbreiten.

„Ein für die Entstehung von Arthritis ebenfalls bedeutendes Problem könnte das sog.Leaky-Gut-Syndrom (zu Deutsch "Durchlässiger-Darm-Syndrom") darstellen“. Könnte sein, könnte aber auch nicht sein. Gibt es das Leaky-Gut.Syndrome eigentlich (3)? “Leaky gut syndrome is a hypothetical, medically unrecognized condition.” Nein, es handelt sich um eine Hypothese, die erst zu beweisen wäre.

Zucker aus der Ernährung halten. Gerne! Aber dass die Arthritis dann verschwindet, das ist nicht nachgewiesen.

Ja, es werden zu hohe Mengen an Omega-6-Fettsäuren und wenig Omega-3-Fettsäuren verzehrt. Die als gesund geltenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind fast immer Omega-6-Fettsäuren aus Sonnenblumenöl, Distelöl und weiteren. Die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren sind über Leinsaat oder Leinöl gut verfügbar (geringer Anteil auch in Walnüssen, Hanfsaat und Raps).

„Antioxidantien-Mangel in der Ernährung“. Ja, die moderne Ernährung kann zu einem Mangel führen. Dann ist auch richtig, diesen durch gesündere Ernährung auszugleichen. Unklar aber ist, ob dies auch Grund für die Entwicklung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ist.

„Immer wieder zeigen Studien, dass Vitamine, Spurenelemente, Enzyme, spezielle Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe zu einer Linderung der Arthritis bzw. zu deren Vorbeugung beitragen können.“ Bitte diese Studien vorlegen. Insbesondere für die Vorbeugung. Ich habe nichts gefunden.

„Bei chronischen Schmerzbeschwerden wie die Arthritis zeigte sich beispielsweise, dass Menschen, die optimale Vitamin-D-Werte aufwiesen, deutlich weniger Schmerzmittel brauchen.“ Auch ich kümmere mich um die unzureichende Versorgung mit Vitamin D3. Anders als in den USA wird bei uns die Milch nicht mit Vitamin D3 angereichert (auch noch ein Erbe aus der Nazi-Zeit!). Außerdem muss in den USA jedes Getränk, dass so aussieht wie Milch, also Soja-, Mandel-, Hafer-, Reis-„Milch“ auch mit Vitamin D3 angereichert sein. Die USA haben den Vorteil, dass sie südlicher liegen, also Washington auf etwa gleichem Breitengrad wie Madrid oder Rom. Da ist die Versorgung mit Vitamin D3 über Sonnenlicht weitaus besser. Der Rückschluss, dass der Ausgleich eines Vitamin D3 Mangels auch vorbeugend wirksam wäre, ist nicht statthaft. Es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Aber dann muss man das auch nachweisen.

„Auch Vitamin C gilt als schützender Faktor gegen rheumatoide Arthritis.“ Ich habe mir einmal diese Studie angesehen (4). Die Autoren fanden heraus, dass Patienten sich mit Polyarthritis weniger Früchten und Vitamin C ernährt hatten. Sie regten weitere Studien an. Conclusion: “Patients with IP (cases) consumed less fruit and vitamin C than matched controls, which appeared to increase their risk of developing IP. The mechanism for this effect is uncertain. Thus similar studies are necessary to confirm these results.”

„Das Enzym Bromelain aus der Ananas ist für seine entzündungs­hemmende Wirkung bekannt …“ wird hinausposaunt. Aber entfaltet sich diese Wirkung auch am Gelenk? Da ist wenig geforscht worden. Es wird bei Arthrosen eingesetzt. Aber die letzte Studie (5) kam zu dem Ergebnis, dass Bromelain nicht effektiv ist [„This study suggests that bromelain is not efficacious as an adjunctive treatment of moderate to severe OA, …“].

Das Enyzm Superoxid-Dismutase (SOD) wird angeführt, aber die Quelleangabe liefert keine Studie. Ich habe dann aber doch eine Studie gefunden, die der Frage nach geht (6). Die hat zum Ergebnis, dass die SOD in roten Blutkörperchen von Patienten mit rheumatoider Arthritis verändert sind, aber dass andere nicht verändert sind und Kontroversen zu Ergebnissen mit anderen Studien bestehen. “There are some reports on erythrocyte SOD, CAT and GSH-Px activities in patients with RA, but the results are controversial.” Die isolierte Betrachtung eines Enzymsystems kann nicht zu einer Therapieempfehlung führen. Außerdem liegen für die SOD auch keine Befunde einer Besserung der rheumatoiden Arthritis vor.
Dauerstress und emotionale Belastungen mindern halte ich auch für eine gute Idee. Für Einflüsse auf eine rheumatoide Arthritis liegen genügend Befunde bzw. Studien vor.

Das hormonelle Ungleichgewicht bei Frauen in der Menopause wird angeführt, allerdings wird nur der Abfall von Progesteron und nicht der von Östrogen erwähnt. „Des Weiteren gilt eine Hormon-Ersatz-Therapie als Risikofaktor für die Entstehung einer Arthritis.“ Das wird Herrn Kollegen Klareskog wundern, denn er hatte mit anderen Forschern zusammen das gerade nicht gefunden (7). „No association between PMH use and ACPA-negative RA was found. PMH use might reduce the risk of ACPA-positive RA in post-menopausal women over 50 years of age, but not of ACPA-negative RA.” Die Hormonersatztherapie könnte sogar in CCP-Antikörper positive Frauen über 50 Jahre das Risiko mindern. Aber das nachzuweisen, war nicht Aufgabe der Studie, so dass deshalb der Konjunktiv gewählt wurde.

Ein Jodüberschuss durch jodierte Speisen wird als Ursache für Arthritis von den Autoren der betreffenden Internet-Seite vermutet. Nun ist es aber so, dass in Deutschland immer noch Menschen mit Jod unterversorgt sind. Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde eine Studie durchgeführt, die das zum Ergebnis hatte (8): „In der aktuellen DEGS-Studie liegt die geschätzte Jodzufuhr bei Männern im Median (25. bzw. 75. Perzentile) bei 125,9 Mikrogramm/ Tag (84,5; 184,0) und bei Frauen bei 125,3 Mikrogramm/Tag (81,8; 192,6). Demnach erreichen im Mittel 70 Prozent den geschätzten mittleren Jodbedarf (EAR).“

Magnesiummangel ist weit verbreitet. Aber für die Wirksamkeit einer Nahrungsmittelergänzung auf die Entwicklung oder den Verlauf einer rheumatoiden Arthritis liegen keine belastbaren Befunde vor.

„Schwermetalle (z.B. Quecksilber aus Zahnfüllungen) können sich in den Gelenken ablagern und dort zu einer Arthritis führen.“ Es gibt sehr viele Arbeiten zu Schwermetallen, aber nur wenige, die sich mit der Arthritis beschäftigen. Ich habe eine gefunden (9), die sich aber mit der Schwermetallaufnahme über Zigarettenrauch und der Aufnahme von Schwermetallen sowie der Auswirkung auf Arthritis beschäftigt. Ausleitungsverfahren haben bislang keine Nachweis erbracht. Aber ich meine, dass die Schwermetallexposition zu reduzieren ist und insbesondere das Rauchen eingestellt werden sollte.

Eine Parodontitis (chronische Zahnfleischentzündung) wird als Risikofaktor für die Entstehung von Arthritis beschrieben. Das stimmt auch so, denn man hat vermehrt Porphyromonas gingivalis Antikörper bei Patienten mit rheumatoider Arthritis nachgewiesen. Allerdings besteht auch eine Assoziation zum Rauchen. Trotzdem: Zahnhygiene ist eine gute Idee.

„Die Toxine von Pilzen lagern sich gerne in wenig durchbluteten Körperbereichen (wie z.B. den Gelenken) ab.“ Schauen Sie einmal mit folgender Suchanfrage bei PubMed nach: ("Mycotoxins"[Mesh]) AND "Arthritis, Rheumatoid"[Mesh].

„Parasitenbefall in ganz anderen Organen (Milz, Leber etc.) kann sich irritierend auf das Immunsystem auswirken und so zu dessen Fehlleitung mit Arthritisfolge führen.“ Andereseits ist eine Hypothese, dass unsere Vorfahren durch Parasitenbefall einen gewissen Schutz vor Arthritiden hatten. Da läuft die Forschung gerade, nämlich mit den Eiern des Schweine Peitschenwurms (Trichiuris suis) (10). Die TSORA Studie wurde abgebrochen, die vorhandenen Daten werden aber aktuell ausgewertet, so dass wir für dieses Jahr eine Vorstellung der Ergebnisse erwarten.

„Für wen ist die ganzheitliche Arthritis-Therapie geeignet?“ Da fallen dann schon sehr viele durchs Sieb. Ein befreundeter irischer Rheumatologe schilderte mir einmal die Schwierigkeiten, die er bei einer sehr einfachen Diätstudie in den 90iger Jahren hatte (11). Die Schwierigkeit bestand darin, genügend Interessenten zu finden, die auch bereits waren die Ernährung lange genug zu verändern. Also könnte es durchaus sein, dass die Ideen einer ganzheitlichen Arthritis-Therapie nicht alle falsch zu sein brauchen, aber sie in der Praxis gar nicht durchführbar ist.
Ich stimme mit Teilen überein, würde darin aber nicht mehr als eine Unterstützung einer bestehenden Therapie sehen. Das wären z.B.:
·         Sinnvolle Ernährung (mehr omega-3-Fettsäuren, mehr Vitamin D3, mehr Antioxidantien, weniger Arachidonsäure, weniger omega-6-Fettsäuren überhaupt, weniger Fleisch – am besten ganz drauf verzichten)
·         Rauchen aufgeben
·         Bessere Zahnhygiene
·         Mehr Bewegung
·         Keine Nahrungsergänzungsmittel mit Ausnahme bei nachgewiesenem Mangel gezielt


Links:

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Thursday, August 27, 2015

Pernadol


Ein schweizer Leser machte mich auf Pernadol aufmerksam. Ich kannte es nicht, aber beim näheren Hinschauen sah ich sofort, dass ich schon über ähnliche Präparate geschrieben hatte.
Ich kenne mich mit der schweizer Rechtsprechung noch weniger aus als mit der deutschen, aber auf der Internetseite werden eindeutig Heilsversprechungen abgegeben, wie z.B.:
    - Förderung von Knorpelqualität
    - Schmerzreduktion
    - Weniger Knacken in den Gelenken
Aber für all das gibt es keine durch Fachleute geprüfte Studien (kein Fund in allen NCBI Datenbanken).

„Vor ungefähr 20 Jahren haben Forscher festgestellt, dass das Volk der Maori keine Gelenkprobleme kennt.“ Was mögen das für Forscher gewesen sein? Das ist ein Mythos, der schnell zerschlagen werden kann. Man schaue hier nach: The Health of New Zealand Adults 2011/12: Key findings of the New Zealand Health Survey – es handelt sich um eine Erhebung des neuseeländischen Gesundheitsministeriums. Die Erhebung fasst zwar auch die Arthrose (Osteoarthritis) mit anderen Formen von Arthritis zusammen, aber so ist es auch für Pernadol gemeint. Hier das wichtige Zitat aus dem offiziellen Text: „Adjusting for age and sex differences, Māori men were 1.4 times as likely to have been diagnosed with arthritis as non-Māori men. By contrast, Asian adults were less likely to have arthritis than non-Asian adults, after adjustment.” Mit anderen Worten, Maori Männer haben sogar ein höheres Risiko, an Arthritis/Arthrose zu erkranken!


Interessanterweise hat man sich entschlossen, die Muschel bei ihrem lateinischen Namen zu benennen: Perna caniculis. Es handelt sich dabei um die Grünschalmuschel, bei uns besser als Grünlippmuschel bekannt. Diese Muschel wird in großen Aquakulturen gezüchtet und auch exportiert. Sie werden wie bei uns die Miesmuscheln verzehrt. Nach Wikipedia werden jährlich 60.000 Tonnen geerntet (ehrlich, ich scheue dieses Wort). Etwa 10% werden zu Nahrungs-ergänzungsmitteln verarbeitet. Es handelt sich also um einen gar nicht so geheimnisvollen Bestandteil von Pernadol. Wie sieht es mit Studien aus? Es sind Studien zu Extrakten aus der Grünlippmuschel publiziert worden. Eine Metaanalyse (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/18222988) führte aber aus: „No RCTs comparing GLM to conventional treatment were identified.“ Und: „All four studies assessed GLM as an adjunctive treatment to conventional medication for a clinically relevant time in mild to moderate OA.” Also nicht überzeugend. An dieser Studienlage hat sich auch nichts geändert. Die jüngste Studie von 2013 beschäftigt sich mit Hunden!

Was soll es nun kosten? Die 60 Tage Kur kostet nach der Internetseite 219 CHF. Also mir wäre das zu teuer.


P.S. Vielleicht noch eine Spekulation zum Namen Pernadol: 
Tramadol und Tapentadol sind zentral wirksame Schmerzmittel. Vielleicht versucht der Hersteller, über den Namen so ähnlich wie eines dieser Schmerzmittel zu klingen. 

Tuesday, July 14, 2015

Gelenkschmerzen und Rheuma sind nicht austauschbar




Der Reformhaus Kurier (Ausgabe Juli 2015) schreibt: „Ist es Rheuma? / Der Begriff hat sich als Oberbezeichnung für alle Schmerzen im Gelenkbereich eingebürgert.“ Dann sollten wir ihn schnellstens wieder ausbürgern, denn die Bezeichnung Rheuma ist für die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen, also bestimmte Autoimmunerkrankungen reserviert. Hauptverursacher ist dann auch nicht die Arthrose, die man besser als Verschleiß bezeichnen sollte. Die rheumatoide Arthritis ist keine „chronisch entzündliche Form der Arthrose“ – hier verbreitet der Reformhaus Kurier Unsinn. An dieser Stelle habe ich mich entschlossen, den Artikel näher unter die Lupe zu nehmen.
„Die Treppe statt den Aufzug nehmen,“ wird empfohlen. Bei Kniegelenksarthrose sollte man gerade das Treppensteigen vermeiden, da es zu einer Überlastung der Kniegelenke führt. Hausarbeit ist mittelschwere Arbeit und nicht: „Tai-Chi im Alltag“.



„Wohltuende Wärme“ – richtig, die kann Arthroseschmerzen lindern und die Versorgung der Gelenke mit Nährstoffen fördern.
„Bei Entzündung ist Kälte besser“ – richtig, allerdings rate ich von starren Kühlkissen ab. Am besten füllt man Eis mit Wasser in einen Plastikbeutel und legt den auf das entzündete Gelenk.
Fango. „Heilschlamm ist bei Rheuma immer eine sehr gute Wahl.“ Wenn Sie eine heiße Fangopackung auf ein entzündetes Gelenk packen, dann kann es erst richtig schlimm werden.


Naturbelassene Kost – richtig, die kann weiterhelfen.
Omega-3-Fettsäuren – richtig, die können auf Dauer die Entzündung reduzieren und Schmerzen vermindern. Leinöl hat den höchsten Anteil an Omega-3-Fettsäuren.
Vitamin D – richtig, Deutschland ist Mangelgebiet. Eine Substitution ist fast immer sinnvoll.
Vitamin B und C werden erwähnt. Das ist teilweise richtig. Gegen das Fortschreiten der Arthrosen kann man die Kost (nicht Nahrungsergänzungsmittel!) reich an Karotinoiden, Vitamin C und E gestalten.
Störungen im Säure-Basen-Haushalt. Jein, denn die werden rasch über die Atmung reguliert. Allerdings kann die Ernährungsumstellung auf mehr basische Lebensmittel sinnvoll sein, denn je weiter man dies treibt desto eher landet man bei einer vegetarischen Ernährung.


Sanfte Bewegung. Richtig, ich bezeichne sie als belastungsarme Bewegung. Joggen zähle ich allerdings nicht dazu. Walking, Radfahren, Bewegungsbad/Schwimmen/Aquajogging sind besser geeignet.

Unter „Ganzheitlich heilen“ wird zunächst einmal der Gelenkersatz als Schreckgespenst aufgezeigt; aber da hat auch die Schulmedizin noch viel zuvor zu bieten. Der TCM Experte rät zum Balancieren auf einem Baumstamm, denn „Geh-Werkzeuge brauchen kleine Abenteuer“. Von solchen Abenteuern rate ich ab, denn sonst landet der Abenteurer nach Sturz schnell in der Klinik.


Fassen wir zusammen:
  • Rheuma sollte als Bezeichnung nur für die entzündlich-rheumatischen Erkrankungen benutzt werden
  • die rheumatoide Arthritis ist keine „chronisch entzündliche Form der Arthrose“
  • Wärme hilft bei Arthrose
  • Kälte hilft bei Entzündung
  • Ernährung kann ebenfalls nützlich sein
  • richtige Bewegung hilft
  • von „kleinen Abenteuern“ wird abgeraten

Links:


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Tuesday, March 5, 2013

Irrtümer zur Lyme-Borreliose



Gerade lese ich in Rahmen einer großen Kampagne der amerikanischen Gesellschaft für Rheumatologie (ACR) zur Borreliose: „Do not test for Lyme disease as a cause of musculoskeletal symptoms without an exposure history and appropriate exam findings.“ Und dann erreicht mich noch der Artikel von Halperin JJ et al. : “Common Misconceptions About Lyme Disease”.
In der Rheumatologie werden uns häufig Patienten vorgestellt, bei denen überflüssigerweise auf Borreliose getestet wurde. Gelenkschmerzen allein sind kein hinreichender Grund für eine Testung auf Borrelien, denn nur etwa 3% der Fälle zeigen eine Arthritis. Andererseits gibt es genügend Berichte, dass man den Test unterlassen hat oder gar nicht an eine Borreliose gedacht hat, als dies notwendig war.

Welche Teste sollte man einsetzen?
Das spezifische Immunglobulin M (IgM) ist nur in der Frühphase sinnvoll. Vielfach wird es positiv getestet bei Menschen ohne Borreliose, weil es nach langer Erkrankung aus Hilflosigkeit bestimmt wurde; es handelt sich dabei um fast immer um eine falsch positive Bestimmung. Bei längerem Verlauf ist das spezifische IgG (Immunglobulin G) positiv. Das tritt allerdings erst nach einigen Wochen auf, so dass man es nach Zeckenstich einige Wochen nach der Erstbestimmung wiederholt bestimmen lassen muss. Man kann auch Gelenkflüssigkeit von einem entzündeten Gelenk auf Borrelien untersuchen (PCR).

Was ist mit Antikörpern, die nach Antibiotikatherapie bestehen bleiben?
Fälschlicherweise wird angenommen, dass ein Fortbestehen der Antikörper ein Therapieversagen anzeigen würde. Nein, das Fortbestehen ist natürlich, denn es ist der Schutz des Körpers gegen eine erneute Infektion. Nach einer Infektion werden Antikörper zum Schutz gebildet; das geschieht auch nach einer Impfung. Eine Antibiotikatherapie hat überhaupt keinen Einfluss darauf.
Die Richtigkeit der Diagnose wird übrigens bei negativer Serologie nicht etwa durch eine Besserung nach Antibiotikatherapie bewiesen.

Wann soll man testen?
Man sollte testen, wenn man Hinweise auf eine Infektion hat. Beim Erythema migrans kann man zwar auf den Test verzichten, weil es so typisch für die Borreliose ist, ich persönlich würde der Vollständigkeit halber aber testen. Bei der Oligoarthritis oder Lähmung des Gesichtsnervs oder Wurzelreizsymptome ohne mechanische Ursache ist der Test auf Borrelien-Antikörper notwendig. Die Diagnosestellung bei unspezifischen Symptomen, dazu gehören Kopfschmerzen, Fatigue oder kognitive Probleme, ist untragbar.

Wie lange soll man behandeln?
Es bestehen Empfehlungen für die verschiedenen Befallsmuster der Borreliose (Haut, Nervensystem, Gelenke) und zwar für die Wahl des Präparates wie auch Dosierung und Dauer der Therapie. Nach der ersten Antibiotikatherapie ist nur selten eine Nachbehandlung notwendig. Ein zusätzlicher Nutzen konnte in kontrollierten Studien nicht belegt werden.

PS. Dies spiegelt, hoffentlich allgemein verständlich, den wissenschaftlichen Stand zur Borreliose in der Rheumatologie bzw. zu unsinnigen Untersuchungen wider. Es handelt sich nicht um ein Forum, in dem Krankengeschichten oder Einwände der Glaubensmedizin erwünscht wären.



Wednesday, December 5, 2012

Gicht und Hyperurikämie


Hyperurikämie nennt man die erhöhte Harnsäurekonzentration im Blut. Die Hyperurikämie ist nicht gleichzusetzen mit Gicht, aber sie verursacht sie. Eine Hyperurikämie entsteht durch Überproduktion von Harnsäure oder einer verminderter Ausscheidung durch die Nieren; die Mehrzahl ist aber auf eine verminderte Ausscheidung zurückzuführen. Von einer erhöhten Harnsäurekonzentration spricht man bei Werten von über 6 mg/dl, wobei ich der Meinung bin, dass dieser Wert viel zu hoch angesetzt ist. Diuretika, insbesondere Thiazide, erhöhen die Harnsäure im Blut. Bei hohen Harnsäurekonzentrationen lagern sich Harnsäurekristalle im Gewebe ab, z.B. Gelenken, im Weichteilgewebe oder lebenswichtigen Organen. In Gelenken lösen diese Kristalle sehr schmerzhafte Entzündungsreaktionen aus (Arthritis / Gichtanfall), im Weichteil tauchen sie als Tophi auf und in Organen führen sie zur Uratnephropathie (Nierenschädigung). Risikofaktoren für die Gicht sind genetische Faktoren, Bluthochdruck. Fettleibigkeit und Insulinresistenz. Die Gicht tritt häufiger bei Männern auf. Die Prävalenz der Gichtarthritis beträgt in Deutschland um 1,4 % und liegt damit höher als die rheumatoide Arthritis.

Die Behandlung der erhöhten Harnsäure, d.h. ohne Gichtanfall, ist umstritten, aber es könnte sein, dass im Rahmen von Risikominimierung eine Behandlung sinnvoll ist (Arthrose, Herzinfarkt, Niereninsuffizienz).

Bei einem Gichtanfall ist eine Akutbehandlung, aber auch eine Dauerbehandlung notwendig. Die Akutbehandlung erfolgt mit NSAR (nicht-steroidale Antirheumatika wie Diclofenac oder Ibuprofen), Colchicin und/oder Kortikosteroiden (z. B. Prednisonolon); es werden gleichzeitig Entzündung und Schmerzen behandelt.

Bei der Dauerbehandlung wird der Serum-Harnsäurespiegel unter 5 bis 6 mg/l höchstens angestrebt, denn dadurch werden Harnsäureablagerungen im Gewebe verhindert und sogar rückgängig gemacht. Es sollen überdies zukünftige Gichtanfälle verhindert werden. Dafür stehen Urikostatika zur Verfügung. Diese arbeiten nach dem Prinzip der Xanthinoxidase-Hemmung. Purine werden durch das Enzym Xanthinoxidase über Xanthin und Hypoxanthin zur Harnsäure abgebaut; Link: http://de.wikipedia.org/wiki/Harns%C3%A4ure. Das etablierte Medikament zur Xanthinoxidase-Hemmung ist das Allopurinol, aber es steht noch ein neuerer Wirkstoff, nämlich Febuxostat, zur Verfügung. Falls diese nicht ausreichen oder wegen Nebenwirkung oder Begleiterkrankungen nicht möglich sind, können Urikosurika, wie zum Beispiel Benzbromaron, eingesetzt werden (sie bewirken eine bessere Ausscheidung von Harnsäure). Da Harnsäure das Endprodukt des Purinstoffwechselsist, können auch diätetische Maßnahmen eingesetzt werden; man kann in der Ernährung die Zufuhr von Purinen beschränken. Für Patienten, die nicht mit Urikostatika oder Urikousika behandelbar sind, gibt es kaum Alternativen; z. B. ist die Pegloticase in Deutschland nicht zugelassen.

Was löst aber Gichtanfälle aus? Meistens steckt ein plötzlicher Anstieg des Harnsäurespiegels dahinter. Aber auch durch das genaue Gegenteil, nämlich einen raschen Abfall des Harnsäurespiegels, kann ein Gichtanfall ausgelöst werden. Als Erstmanifestation einer Gichterkrankung ist die sehr schmerzhafte Gelenkentzündung (Arthritis) des Großzehengrundgelenkes (Podagra) häufig zu sehen.

Was kann man tun? Nun, es können die Lebensgewohnheiten geändert werden. Die harnsäuresenkende Therapie muss auch lange genug, unter Umständen unter Schutz von NSAR durchgeführt werden. Nicht nur die purinreiche Kost (z.B. Innereien und Meeresfrüchte) sollte reduziert werden, sondern auch der Genuss von fruktosehaltigen Getränken (also Colagetränke und Limonaden), sollte eingeschränkt werden; Fruktose vermindert die Harnsäureausscheidung. Wichtig ist die Einschränkung des Alkoholkonsums, insbesondere von hochprozentigen Alkoholika und natürlich Bier, das man wegen seines hohen Puringehaltes meiden sollte. Eine Reduktion von Übergewicht ist sinnvoll, aber Vorsicht! Durch eine zu schnelle Gewichtsabnahme kann ein Gichtanfall ausgelöst werden.

Hier steht mehr über Gicht:
http://rheumatologe.blogspot.de/2012/04/ein-streifzug-in-die-welt-der-gicht.html
und auch noch hier:
http://rheumatologe.blogspot.de/2012/05/einige-ideen-zur-gicht.html
und natürlich in meinem Vortrag über Gicht vom 16.10.2012:
http://rheumatologe.blogspot.de/2012/10/vortrag-gicht-und-hyperurikamie.html