Thursday, July 21, 2022

Homöopathie – eine Buchbesprechung

 


 

Es sollte bekannt sein, daß ich ein Gegner der Homöopathie bin, jedenfalls hat sie in der Medizin nichts zu suchen. Als Glaubenssystem außerhalb der Medizin kann sie agieren wie die Astrologie,  Theosophie, Anthroposophie und weitere esoterische Richtungen mehr. Ich bin jetzt einmal gemein: gemein ist diesen esoterischen Richtungen, daß man Shakespeare zitiert, wenn man nicht mehr weiter weiß [1]. Man kann jetzt einwenden: warum liest Du denn überhaupt so ein Buch? Zumal es auch noch über 20 Jahre alt ist. Ach ja, um welches Buch handelt es sich eigentlich? Homöopathie von Sven Sommer [2]. Ich habe erst jetzt das Buch zufällig in einem Bücherschrank entdeckt und es dann auch gelesen. Mein Leben verläuft so ruhig, daß man sich auch zwischendurch ein wenig Ärger gönnen kann.

Der erweiterte Titel lautet: „Sanfte Medizin für Körper, Geist & Seele“. Was meint Herr Sommer mit Geist und Seele? Entweder ist es eine Tautologie oder er meint eine theologisch aufzufassende Seele, aber meint er dann nefesch oder Psyche (ψυχή) oder etwas ganz anderes? Körper, Geist & Seele – ich nehme an, daß der Grund nicht im Inhalt sondern im gemeinsamen Wohlklang der drei Wörter zu suchen ist.

Die Doppelseite 14/15 trägt die Überschrift: „Wie wirkt Homöopathie?“ Etwa 75% des Textes beschäftigt sich mit Medizin und nicht mit Homöopathie. Sommer vergleicht die Homöopathie mit Impfungen. Da hat er etwas falsch verstanden, denn Impfungen führen zu Antikörpern, die man nachweisen kann. Und was er über die Pockenimpfung schreibt, sollte man gleich vergessen und lieber den Wikipedia-Artikel lesen [3].

Es folgen in einem Kasten „Grundsätze des homöopathischen Wirkprinzips“. Als erstes wird das Simileprinzip in einem Satz erwähnt.
Mit einem Schlüsselexperiment meinte Hahnemann, die Grundlage für die Homöopathie entdeckt zu haben. Hahnemann hatte Chinarinde eingenommen und meinte, daß es Fiebe auslöse, wobei er allerdings gar kein Fieber mittels Thermometer gemessen hatte, denn Fieberthermometer gibt es erst seit den 1860iger Jahren. Das Experiment konnte schon Hahnemann nicht wiederholen. Aber man hatte diesen Versuch an der Universität Gießen im Rahmen einer Vorlesung wiederholt und das Ergebnis ist im Deutschen Ärzteblatt [4] veröffentlicht worden. „Die Körpertemperatur hatte sich nicht verändert (35,8 Celsius vor der Vorlesung, 36,15 danach); der Puls blieb unauffällig.“ Also zusammenfassend ist der Schlüsselversuch nicht reproduzierbar.
„Die Potenzierung […] verstärkt die Heilwirkung und vermeidet ungewollte Nebenwirkung.“ Wieso sollte das so sein? Wo wäre ein Nachweis für diese Hypothese – über 200 Jahre wären doch Zeit genug.
Auch der dritte Grundsatz, daß Selbstheilungskräfte angeregt werden, ist nie nachgewiesen worden.

Hahnemann verbot u.a. Kaffee, Zucker, Kochsalz und „das Lesen schlüpfriger Schriften“ während der Einnahme von Homöopathika. „Es ist amüsant und interessant, daß von allen diesen Empfehlungen nur die zur Vermeidung von Kaffee und Pfefferminzprodukten überlebt hat.“ Schreibt Sven Sommer selbst. Auf Seite 33. Amüsant – ja wirklich!

Bei Impfungen (S. 168 ff.) steht: „Der Heilpraktiker darf übrigens diese Infektionskrankheiten nicht behandeln und muss Sie an den Arzt verweisen.“ Das hindert ihn allerdings nicht, Mittel zu empfehlen mit dem Hinweis: „Der Krankheitsverlauf wird abgemildert, verkürzt eventuell sogar verhindert.“ Dafür gibt es allerdings keine wissenschaftliche Bestätigung.

Im Service-Teil (S.181) beantwortet Sven Sommer die Frage: „Kann mir ein nicht richtig gewähltes Mittel schaden?“ Sie ahnen die Antwort: „Nein, die Einnahme eines falschen Mittels kann Ihnen  (…) nicht schaden.“ Und: „Das falsche Mittel wird aber auch nicht helfen!“ Im Vertrauen, das richtige Mittel auch nicht. Sie möchten Ihr Haus blau angestrichen haben. Nach dem homöopathischen Prinzip schadet die falsche Farbe nicht, oder verklagen sie den Maler doch, der das Haus rot angestrichen hat?

Das Buch ist bebildert. Da ist die Kamille zu sehen oder die Herbstzeitlose. Schöne Bilder. Aber die Homöopathie ist keine Naturheilkunde, keine Phytotherapie und deshalb empfinde ich diese Bilder als unangebracht.

Muß ich jetzt die Homöopathie widerlegen? Nein. Die Homöopathie ist über 200 Jahre ihrer Pflicht nicht nachgekommen, einen Beleg für ihre Wirksamkeit zu erbringen [5].

Sollte das Buch von Sven Sommer in jedem Haushalt stehen? Nein. Schade um das bedruckte Papier.



Links und Anmerkungen:
[1] „There are more things in heaven and earth, Horatio, / Than are dreamt of in your philosophy.“ Hamlet, 1. Akt, 5. Szene. Wenn ich mich recht erinnere, schrieb William Shakespeare „our philosophy“ in der Urfassung. August Wilhelm von Schlegel übersetzte: „Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt“. Was wäre wohl, wenn Schlegel philosophy nicht mit Schulweisheit übersetzt hätte?
[2] Sven Sommer: Homöopathie. Sanfte Medizin für Körper, Geist & Seele. Weltbild, Augsburg 2009 (Lizenzausgabe des Buches von 1999 im Gräfe und Unzer Verlag in München).
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Pockenimpfstoff Die erste gesicherte Dokumentation einer Pockenimpfung stammt aus China – steht im „Needham“ und mein Exmplar steht in Köln. Das werde ich allerdings noch nachträglich lesen. Joseph Needham: Science and Civilization in China. Volume 6: Biology and Biological Technology. Teil 6: Medicine. Cambridge University Press, Cambridge 1999.
[4] Hans-Joachim Krämer und Ernst Habermann: Ein Vorlesungsversuch zur Homöopathie.
Dtsch Arztebl 1997; 94(26): A-1811 / B-1556 / C-1442. https://www.aerzteblatt.de/archiv/6926/Ein-Vorlesungsversuch-zur-Homoeopathie
[5] https://scilogs.spektrum.de/detritus/gesamtschau-der-studien-zur-hom-opathie/


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