Wednesday, January 25, 2017

Kann Arthritis geheilt werden?




Ich habe wieder einmal gelesen (1). Da wird behauptet: „Arthritis: Heilung ist möglich“. Ist das so? Jein. Es gibt Formen der Arthritis, die ausheilen und nie wieder kommen. Es gibt solche, die eine Weile bestehen, durch Medikamente in die Remission (mit Remission bezeichnet man in der Medizin ein zeitlich begrenztes oder dauerhaftes Nachlassen von Krankheitssymptomen) gebracht werden, und dann auch Jahre oder Jahrzehnte wegbleiben. Und es gibt Formen der Arthritis, die dauerhaft bestehen und auch dauerhaft behandelt werden müssen. Da gibt es auch keine Heilung.

„Man kennt weder die tatsächliche Ursache der rheumatischen Erkrankung noch eine nebenwirkungsfreie Therapie.“ Das stimmt! Es ist so wie beim Big Bang – wenn entzündlich-rheumatische Erkrankungen einmal angefangen haben, wissen wir sehr gut, was geschieht, aber wir wissen nicht, warum es überhaupt einen Anfang gegeben hat. Wir kennen Faktoren, die den Beginn dieser Erkrankungen begünstigen, aber über den Beginn gibt es nur unbewiesene Hypothesen.
Wer meint, dass es nebenwirkungsfreie Therapien gäbe, der könnte genauso gut an den Weihnachtsmann glauben. Die sogenannte Wirkung ist eine von vielen, die von uns erwünschte, die Nebenwirkungen sind nur von uns nicht erwünschten. Medikamente werden so ausgewählt, dass sie ein hohes Maß an Wirkung und ein niedriges Maß an Nebenwirkungen haben.

Ich lese weiter: „Betroffene werden mit zweifelhaften Schmerzmitteln, Entzündungshemmern und sogar Chemotherapeutika ruhig gestellt.“ Wieso zweifelhaft? Und ruhig stellen schon gar nicht. Die Verminderung von Schmerzen und Entzündung macht erst wieder Bewegung möglich. Und gerade die ist in der Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen erwünscht. Gelenke werden über die Gelenkschmiere (Synovialflüssigkeit) ernährt. Die Gelenkschmiere muss vom Knorpel zur Gelenkkapsel und wieder zurück transportiert werden, um Abbauprodukte des Stoffwechsels aus dem Gelenk zu schaffen und Nährstoffe und Sauerstoff zum Knorpel hin zu schaffen, was aber durch die Bewegung geschieht.

„Arthritis-Diagnose auch ohne Arthritis möglich“. Natürlich nicht. Was der Autor dieses Satzes meint sind Laborwerte wie Rheumafaktor oder CCP-Antikörper, die schon Jahre (oder sogar Jahrzehnte) nachweisbar sein können, bevor die Erkrankung überhaupt ausgebrochen ist. Und keiner weiß, ob sie überhaupt ausbrechen wird. Hier müsste man erst einmal fragen, warum denn diese Werte überhaupt bestimmt wurden. Das frage ich mich häufiger, wenn Personen mit positivem Rheumafaktor ohne Gelenkbeschwerden mit der Frage nach „Rheuma“ zu mir geschickt werden. Dann können wir Rheumatologen aber auch Entwarnung geben. Hier wäre aber Platz für eine verantwortungsbewusste Präventivmedizin – z.B. die Ernährung umstellen, auf Rauchen verzichten, für Bewegung sorgen.

„Schulmedizin noch in der Lernphase“. Nein, nicht noch. Die Schulmedizin lernt immer dazu, während die Alternativmedizin sich wenig bewegt. Welche Entwicklung hat es z.B. in der Homöopathie gegeben? Hat man das bizarre Lehrgebäude dem menschlichen Wissenszuwachs angepasst?

Wohin geht die Reise therapeutisch? Natürlich ganzheitlich. Die wenigsten Menschen wissen, dass die Nazis im 3. Reich die ganzheitliche Medizin verinnerlichten (2) – „Diese Tendenz wurde von der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik bereitwillig in ihrer Kritik an der Schulmedizin aufgenommen, die als „jüdisch-marxistisch“ durchsetzt und zu stark sozialmedizinisch orientiert angesehen wurde. Mit Begriffen wie dem „großen Ganzen“, dem „Naturganzen“ oder dem „Volksganzen“ wurden Konzepte einer „biologischen Medizin“ mit Ärzten als „Gesundheitsführern der Nation“ formuliert.“ Aber was bietet man nun an? Andere Hypothesen, die auf eine Bestätigung warten. Ganzheitlichkeit kann allerdings nicht bedeuten, dass man den Nachweis für seine Hypothesen nicht erbringt.

„Man schätzt, dass eine solche Nahrungsmittelunverträglichkeit bei bis zu 10 Prozent der Betroffenen an der Ausprägung der Arthritis mitbeteiligt sein kann.“ Ach, man muss nur schätzen, und dann ist das so. Bitte genaue Zahlen liefern.

Dann geht es weiter mit übersäuertem Bindegewebe, aber dafür steht auch kein Nachweis bereit. Außerdem könnte man sich einmal mit der Physiologie des Menschen beschäftigen. Übersäuerung wird nämlich viel leichter über die Atmung ausgeglichen als durch basische Ernährung. Anderseits führt die Auswahl basischer Nahrungsmittel (nicht etwa von Pülverchen) zu einer gesünderen Ernährung; und dann ist es auch sinnvoll, diese Ernährungsform zu verbreiten.

„Ein für die Entstehung von Arthritis ebenfalls bedeutendes Problem könnte das sog.Leaky-Gut-Syndrom (zu Deutsch "Durchlässiger-Darm-Syndrom") darstellen“. Könnte sein, könnte aber auch nicht sein. Gibt es das Leaky-Gut.Syndrome eigentlich (3)? “Leaky gut syndrome is a hypothetical, medically unrecognized condition.” Nein, es handelt sich um eine Hypothese, die erst zu beweisen wäre.

Zucker aus der Ernährung halten. Gerne! Aber dass die Arthritis dann verschwindet, das ist nicht nachgewiesen.

Ja, es werden zu hohe Mengen an Omega-6-Fettsäuren und wenig Omega-3-Fettsäuren verzehrt. Die als gesund geltenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind fast immer Omega-6-Fettsäuren aus Sonnenblumenöl, Distelöl und weiteren. Die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren sind über Leinsaat oder Leinöl gut verfügbar (geringer Anteil auch in Walnüssen, Hanfsaat und Raps).

„Antioxidantien-Mangel in der Ernährung“. Ja, die moderne Ernährung kann zu einem Mangel führen. Dann ist auch richtig, diesen durch gesündere Ernährung auszugleichen. Unklar aber ist, ob dies auch Grund für die Entwicklung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ist.

„Immer wieder zeigen Studien, dass Vitamine, Spurenelemente, Enzyme, spezielle Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe zu einer Linderung der Arthritis bzw. zu deren Vorbeugung beitragen können.“ Bitte diese Studien vorlegen. Insbesondere für die Vorbeugung. Ich habe nichts gefunden.

„Bei chronischen Schmerzbeschwerden wie die Arthritis zeigte sich beispielsweise, dass Menschen, die optimale Vitamin-D-Werte aufwiesen, deutlich weniger Schmerzmittel brauchen.“ Auch ich kümmere mich um die unzureichende Versorgung mit Vitamin D3. Anders als in den USA wird bei uns die Milch nicht mit Vitamin D3 angereichert (auch noch ein Erbe aus der Nazi-Zeit!). Außerdem muss in den USA jedes Getränk, dass so aussieht wie Milch, also Soja-, Mandel-, Hafer-, Reis-„Milch“ auch mit Vitamin D3 angereichert sein. Die USA haben den Vorteil, dass sie südlicher liegen, also Washington auf etwa gleichem Breitengrad wie Madrid oder Rom. Da ist die Versorgung mit Vitamin D3 über Sonnenlicht weitaus besser. Der Rückschluss, dass der Ausgleich eines Vitamin D3 Mangels auch vorbeugend wirksam wäre, ist nicht statthaft. Es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Aber dann muss man das auch nachweisen.

„Auch Vitamin C gilt als schützender Faktor gegen rheumatoide Arthritis.“ Ich habe mir einmal diese Studie angesehen (4). Die Autoren fanden heraus, dass Patienten sich mit Polyarthritis weniger Früchten und Vitamin C ernährt hatten. Sie regten weitere Studien an. Conclusion: “Patients with IP (cases) consumed less fruit and vitamin C than matched controls, which appeared to increase their risk of developing IP. The mechanism for this effect is uncertain. Thus similar studies are necessary to confirm these results.”

„Das Enzym Bromelain aus der Ananas ist für seine entzündungs­hemmende Wirkung bekannt …“ wird hinausposaunt. Aber entfaltet sich diese Wirkung auch am Gelenk? Da ist wenig geforscht worden. Es wird bei Arthrosen eingesetzt. Aber die letzte Studie (5) kam zu dem Ergebnis, dass Bromelain nicht effektiv ist [„This study suggests that bromelain is not efficacious as an adjunctive treatment of moderate to severe OA, …“].

Das Enyzm Superoxid-Dismutase (SOD) wird angeführt, aber die Quelleangabe liefert keine Studie. Ich habe dann aber doch eine Studie gefunden, die der Frage nach geht (6). Die hat zum Ergebnis, dass die SOD in roten Blutkörperchen von Patienten mit rheumatoider Arthritis verändert sind, aber dass andere nicht verändert sind und Kontroversen zu Ergebnissen mit anderen Studien bestehen. “There are some reports on erythrocyte SOD, CAT and GSH-Px activities in patients with RA, but the results are controversial.” Die isolierte Betrachtung eines Enzymsystems kann nicht zu einer Therapieempfehlung führen. Außerdem liegen für die SOD auch keine Befunde einer Besserung der rheumatoiden Arthritis vor.
Dauerstress und emotionale Belastungen mindern halte ich auch für eine gute Idee. Für Einflüsse auf eine rheumatoide Arthritis liegen genügend Befunde bzw. Studien vor.

Das hormonelle Ungleichgewicht bei Frauen in der Menopause wird angeführt, allerdings wird nur der Abfall von Progesteron und nicht der von Östrogen erwähnt. „Des Weiteren gilt eine Hormon-Ersatz-Therapie als Risikofaktor für die Entstehung einer Arthritis.“ Das wird Herrn Kollegen Klareskog wundern, denn er hatte mit anderen Forschern zusammen das gerade nicht gefunden (7). „No association between PMH use and ACPA-negative RA was found. PMH use might reduce the risk of ACPA-positive RA in post-menopausal women over 50 years of age, but not of ACPA-negative RA.” Die Hormonersatztherapie könnte sogar in CCP-Antikörper positive Frauen über 50 Jahre das Risiko mindern. Aber das nachzuweisen, war nicht Aufgabe der Studie, so dass deshalb der Konjunktiv gewählt wurde.

Ein Jodüberschuss durch jodierte Speisen wird als Ursache für Arthritis von den Autoren der betreffenden Internet-Seite vermutet. Nun ist es aber so, dass in Deutschland immer noch Menschen mit Jod unterversorgt sind. Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde eine Studie durchgeführt, die das zum Ergebnis hatte (8): „In der aktuellen DEGS-Studie liegt die geschätzte Jodzufuhr bei Männern im Median (25. bzw. 75. Perzentile) bei 125,9 Mikrogramm/ Tag (84,5; 184,0) und bei Frauen bei 125,3 Mikrogramm/Tag (81,8; 192,6). Demnach erreichen im Mittel 70 Prozent den geschätzten mittleren Jodbedarf (EAR).“

Magnesiummangel ist weit verbreitet. Aber für die Wirksamkeit einer Nahrungsmittelergänzung auf die Entwicklung oder den Verlauf einer rheumatoiden Arthritis liegen keine belastbaren Befunde vor.

„Schwermetalle (z.B. Quecksilber aus Zahnfüllungen) können sich in den Gelenken ablagern und dort zu einer Arthritis führen.“ Es gibt sehr viele Arbeiten zu Schwermetallen, aber nur wenige, die sich mit der Arthritis beschäftigen. Ich habe eine gefunden (9), die sich aber mit der Schwermetallaufnahme über Zigarettenrauch und der Aufnahme von Schwermetallen sowie der Auswirkung auf Arthritis beschäftigt. Ausleitungsverfahren haben bislang keine Nachweis erbracht. Aber ich meine, dass die Schwermetallexposition zu reduzieren ist und insbesondere das Rauchen eingestellt werden sollte.

Eine Parodontitis (chronische Zahnfleischentzündung) wird als Risikofaktor für die Entstehung von Arthritis beschrieben. Das stimmt auch so, denn man hat vermehrt Porphyromonas gingivalis Antikörper bei Patienten mit rheumatoider Arthritis nachgewiesen. Allerdings besteht auch eine Assoziation zum Rauchen. Trotzdem: Zahnhygiene ist eine gute Idee.

„Die Toxine von Pilzen lagern sich gerne in wenig durchbluteten Körperbereichen (wie z.B. den Gelenken) ab.“ Schauen Sie einmal mit folgender Suchanfrage bei PubMed nach: ("Mycotoxins"[Mesh]) AND "Arthritis, Rheumatoid"[Mesh].

„Parasitenbefall in ganz anderen Organen (Milz, Leber etc.) kann sich irritierend auf das Immunsystem auswirken und so zu dessen Fehlleitung mit Arthritisfolge führen.“ Andereseits ist eine Hypothese, dass unsere Vorfahren durch Parasitenbefall einen gewissen Schutz vor Arthritiden hatten. Da läuft die Forschung gerade, nämlich mit den Eiern des Schweine Peitschenwurms (Trichiuris suis) (10). Die TSORA Studie wurde abgebrochen, die vorhandenen Daten werden aber aktuell ausgewertet, so dass wir für dieses Jahr eine Vorstellung der Ergebnisse erwarten.

„Für wen ist die ganzheitliche Arthritis-Therapie geeignet?“ Da fallen dann schon sehr viele durchs Sieb. Ein befreundeter irischer Rheumatologe schilderte mir einmal die Schwierigkeiten, die er bei einer sehr einfachen Diätstudie in den 90iger Jahren hatte (11). Die Schwierigkeit bestand darin, genügend Interessenten zu finden, die auch bereits waren die Ernährung lange genug zu verändern. Also könnte es durchaus sein, dass die Ideen einer ganzheitlichen Arthritis-Therapie nicht alle falsch zu sein brauchen, aber sie in der Praxis gar nicht durchführbar ist.
Ich stimme mit Teilen überein, würde darin aber nicht mehr als eine Unterstützung einer bestehenden Therapie sehen. Das wären z.B.:
·         Sinnvolle Ernährung (mehr omega-3-Fettsäuren, mehr Vitamin D3, mehr Antioxidantien, weniger Arachidonsäure, weniger omega-6-Fettsäuren überhaupt, weniger Fleisch – am besten ganz drauf verzichten)
·         Rauchen aufgeben
·         Bessere Zahnhygiene
·         Mehr Bewegung
·         Keine Nahrungsergänzungsmittel mit Ausnahme bei nachgewiesenem Mangel gezielt


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