Thursday, December 6, 2012

Weihrauchbalsam



"Rheumabeschwerden verschwinden. Arthrose-Patienten jubeln: "Die Schmerzen sind weg". Gichtgelenke werden wieder beweglich. Rückenschmerzen gibt es nicht ..." werde ich beworben. Ja, es ist wieder ein Brief in meinem Briefkasten gelandet. Ich weiß gar nicht, in was für einem Verteiler ich gelandet bin.

Bevor ich dazu komme, warum dieses Balsam keine direkte Wirkung hat, bzw. eigentlich mehr eine Wirkung auf ihre Geldbörse entfalten, lassen Sie mich doch das Schreiben nach den bekannten Wörtern durchforsten, die uns stutzig machen sollten.

Und da sind sie auch schon, ich finde: verblüfft, verblüffender Bericht, unglaublich verblüffend, sensationelle Erfolge, Wunder, schier Unglaubliches, ... Alles Begriffe, die zur Vorsicht gemahnen. Gegen Ende des Schreiben, also vor dem Bestell-Koupon, wird noch eine "uneingeschränkte Zufriedenheitsgarantie" gegeben. "Doch egal, wie sie antworten, wichtig ist, dass Sie gleich antworten!" Diese Eile ist in solchen Schreiben immer anzutreffen, sie sorgt dafür, dass man nicht noch einmal drüber nachdenkt oder sich weitere Informationen besorgt.

Weihrauchharz enthält Boswellinsäure. Diese ist der wirksame Inhaltstoff in der Salbe. In Zellkulturen war eine Wirkung auf Leutriene, das sind Entzündung vermittelnde Botenstoffe, nachweisbar. Das Enzym Lipoxygenase wird gehindert, Arachidonsäure (eine Omega-6-Fettsäure) in Leukotriene umzuwandeln. Diese Stoffwechselweg ist aber nur für 10% der Entzündung zuständig. Der größere Teil wird durch das Enzym Zyklooxygenase bewerkstelligt; NSAR (nicht-steroidae Antirheumatika wie Diclofenac oder Ibuprofen) hindern dieser Enzym, Arachidonsäure in Prostaglandine umzuwandeln. So weit die Theorie, aber wie sieht es in der Praxis aus? Ein nennenswerter Nutzen außer einem Placeboeffekt ist bislang nicht nachweisbar gewesen. Bei den Studien handelt es sich um Untersuchungen mit Tabletten. Bei dem Weihrauch-Balsam geht es um eine äußerliche Anwendung, hier wird die Studienlage sehr dünn bis nicht-existent. Das werden Behauptungen aufgestellt, wie: "Es ist wirksamer als Cortison!" oder "Die schmerzlindernde Wirkung hält tagelang an!"Nebenbei bemerkt, auch in der Schulmedizin ist das so, wenn es medizinisch aussehen soll, dann werden Begriffen, die man korrekt mit K schreibt, wie z.B. Kortison, gerne falsch mit C geschrieben, also: Cortison, Cardiologie usw.

Gehen wir etwas ins Detail. Weihrauch wird schon seit langer Zeit nicht nur sakral sondern auch auch profan genutzt, wobei in der Heilkunde die beiden vor bis zu 5000 Jahren sicherlich nicht sauber zu tennen gewesen sind. Die Anwendung bei rheumatischen Beschwerden stammt aus der ayurvedischen Medizin. In der europäischen Naturheilkunde ist eine Anwendung für Mitte des 19. Jahrhunderts belegt; siehe auch Wikipedia http://de.wikipedia.org/wiki/Weihrauch. Das belegt allerdings keinen Nutzen! 1994 hatte man noch für das Weihrauchpräparat H15 einen Nutzen vermutet, aber in der 1998 veröffentlichten Studien von O. Sander (der arbeitete damals in der Nachbarklinik in Ratingen und ist jetzt in der Universitätsklinik Düsseldorf tätig) konnte ein Nutzen gegenüber Placebo nicht nachgewiesen werden [Sander, O. et al.: Ist H15 (Harzextrakt von Boswellia serrata, „Weihrauch“), eine sinnvolle Ergänzung zur etablierten medikamentösen Therapie der chronischen Polyarthritis? - Ergebnisse einer doppelblinden Pilotstudie. Z Rheumatol. 1998;57:11-6.]. Bei dem H15 Präparat handelt es sich um ein Arzneimittel, das eingenommen wird. Aber schon hier ist die Aufnahme in den Körper gering (Bioverfügbarbeit – siehe Dissertation von P. Krüger [2008] http://d-nb.info/992453739/34). Beim Weihrauchbalsam wird aber der Wirkstoff nur äußerlich aufgetragen. Dabei ist völlig unklar, wie viel vom Wirkstoff denn wirklich aufgenommen wird. Eine Datenbankabfrage - ("Boswellia"[Mesh]) AND "Osteoarthritis"[Mesh] - U.S. National Library of Medicine/PubMed – erbrachte nur neun Studien, aber keine davon zu einem extern anzuwendenden Arzneimittel wie Creme oder Salbe.

Was soll der Wunder-, nein das Weihrauchbalsam nun kosten? Schlappe 89 Euro, wenn Sie drei Dosen zu 250 ml abkaufen. Wieviel kostet eigentlich die berühmte Pferdesalbe? Ich könnte mir vorstellen, dass die den direkten Vergleich in der Wirksamkeit nicht scheuen muss, aber deutlich preiswerter ist. Ich habe gerade nachgeschaut, die Pferdesalbe bekommen Sie für 4 Euro bzw. 12 Euro für 3x250 ml. Entscheiden Sie bitte selbst, wohin Ihr Geld geht.

Nachtrag am 15.05.2013:
Gestern erreichte mich die Zuschrift von Herrn Professor K. Sesemann, die ich hier gerne veröffentliche. Er zeigt auf, wie leicht man die Werbung mit handfester Information verwechseln kann.

Der Brief von Herrn Professor K. Sesemann 

Auszug aus dem Anschreiben an Herrn Professor Sesemann



Nachtrag 17.09.2013:
Gerade habe ich eine Email zugespielt bekommen, in der Weihrauchbalsam beworben wird. Und so fängt das (ohne Bilder) an:

Sehr geehrte Frau Müller,
keins Ihrer Gelenke braucht mehr zu schmerzen!

Möglich macht es eine schon seit 4.000 Jahren bekannte
Naturmedizin, die jetzt wiederentdeckt worden ist.

Gelenkschmerzen machen Ihnen das Leben schwer? Entzündungen lassen Ihre Gelenke knirschen? Noch nie konnten Sie so herrlich einfach dagegen etwas tun! Mit hochkonzentriertem Weihrauch-Balsam! Einfach auftragen und erleben, wie hochwirksam die "Medizin der Götter" wirkt. Denn so wurde Weihrauch-Balsam im alten Ägypten genannt!

Da sind sie wieder einmal, die 4000 Jahre. Die alt-ägyptische Kultur kannte Weihrauch als Weihrauch, nämlich als kultische Verglimmung, um Tempel oder andere Räume mit dem Rauch zu säubern. Dies geschieht im Christentum bis heute. Auch hat man Weihrauch zum Mumifizieren benutzt. Man nannte Weihrauch „Schweiß der Götter“ und nicht „Medizin der Götter“, aber Schweiß der Götter lässt sich schlechter vermarkten. Weihrauch (Harz) wurde im Altertum und bis ins Mittelalter als Medizin benutzt, aber zu ganz anderen Zwecken als Weihrauchbalsam. Mehr dazu im Artikel Weihrauch bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Weihrauch.

Neue Studien belegen:

Die schmerzlindernde Wirkung der hochwertigen Boswellia-Säuren des reinen Weihrauchs hält tagelang an! Mehr noch: Bei regelmäßiger Anwendung können Sie vollkommen schmerzfrei werden. Egal, wie lange Sie schon leiden! Denn heute weiß die moderne Gesundheitsforschung: Weihrauch ist dank seiner Boswellia-Säure der wirkungsvollste, natürliche Entzündungshemmer aller Zeiten.

Gehen wir dem „Neue Studien belegen“ nach – hier wird keine benannt. PubMed listet 158 Studien zu Boswellia, darunter sind aber keine Studien, die am Menschen durchgeführt wurden. Eine Mischung von Cammiphora myrrha und Boswellia carteri an Mäusen wurde 2012 von S. Su und Kollegen vorgelegt (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22178177). Eine ähnliche Studie kommt aus Saudi Arabien (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/22178177). Welche neuen Studien belegen also etwas? Weiter als fünf Jahre zurück bin ich bei dieser Suche nicht gegangen.



Immer wo wir „Fantastische Wirkungen“ aufgetischt bekommen, ist Vorsicht angebracht. Die fantastischen Wirkungen sind ohne Nachweis zusammengestellt worden. Der „Autor“ dieser Aufstellung weiß nicht, dass rheumatoide und Arthritis zusammengehören, und auch nicht, dass Osteoarthritis und Arthrose ein und dasselbe sind.
Eine Studie zu Weihrauchbalsam sucht man vergebens.

Es wird weiter mit einem 15 € Gutschein geworben. Seien Sie kein Fisch, der sich ködern lässt und dann an der Angel hängt!

8 comments:

  1. Meine Mutter wollte sich drei Tuben mit diesem Wunderzeug bestellen. Mich machte stutzig, dass die Firma nur eine Postfachadresse hat und die Muttergesellschaft ihren Sitz offensichtlich in den USA. Nachdem ich eine bekannte Suchmaschine befragt habe, landete ich bei Ihnen. Vielen Dank! Ich konnte meine Mutter dazu bringen, das Zeug nicht zu bestellen, jetzt kann sie ihre sauer verdiente Rente sinnvoller anlegen. Mit freundlichen Grüßen Jutta Hoffmann, Raesfeld

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    1. Herzlichen Dank für Ihre Rückmeldung! Ich habe bis vor 5 Minuten einen Vortrag zum Thema gehalten und es sind ähnliche Dinge in der nachfolgenden Diskussion berichtet worden.

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    2. Danke für den Bericht auf den ich zufällig gestossen bin.
      Wer glaubt den so ein Schwachsinn und gibt auch noch Geld aus.
      Erst Hirn einschalten und dann entscheiden.

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    3. Moin,
      Menschen die Schmerzen haben, glauben leichter an solche "Wundermittel".
      Ich habe seit 25 Jahren Schmerzen im linken Knie, da nach einem Sportunfall beide Minisken stark beschädigt sind. Nun brauche ich ein künstliches Knie, aber bin erst 50 J. alt. Die Ärzte wollen nicht, ich sei zu jung.
      Da wird man schon stutzig wenn solche Werbemail kommt.
      Doch es ist auch richtig sich erst einmal zu informieren.
      Denn 1. bekommt man Weihrauch-Balsam deutlich günstiger und 2. gibt es das Internet mit genügend Informationen zu dem Thema.
      Danke auch an diese Seite und Dr. Kirsch.
      MfG
      Micha R.

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  2. Vielen Dank für ihren Blog. Fast wäre ich auch auf diese Werbung hereingefallen.
    beste Grüße aus Wien
    Thomas

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  3. Wundervolle Sache! ^^
    Ich bekomme auch seit etlichen Monaten mindestens einmal am Tag das tolle Angebot, mir doch mal diesen Weihrauchbalsam zu gönnen. Geöffnet hab diese Mails noch nie, weil's ja eh bloß Spam ist.

    Heut hab ich dann auch mal das Wort gegoogelt - und bin prompt auf diesen herrlichen Eintrag hier gestoßen. Und siehe da... Es verhält sich kaum anders, als ich mir das alles auch bereits dachte. Auch die Darstellungen der realen Post/der Briefumschläge, mit den tollen Aussagen - meist schön fett in rot und einen geradezu anschreiend - sprechen Bände.
    Früher hatte ich sowas Vergleichbares für anderen Fuppes auch oft im Briefkasten, aber nach meinem Umzug hat sich das Gottlob gelegt.

    Es bestand zwar keine Gefahr, daß ich dann doch mal auf diesen Quacksalberkram hereinfalle... Aber erheiternd und informativ ist dieser Blog allemal! Und ich hoffe sehr, sehr, sehr, daß noch viele ihn lesen!

    Mit besten Grüßen
    J.R.

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  4. Hallo: Nach einer schwierigen Gallenblase Operation setzten bei mir starke Rheuma Schmerzen in beiden Schultern ein. Mit den üblichen Pilen und Salben, die den Wirkstoff DIclofenac enthalten (Voltaren, Ibuprofen) wird zwar vorübergehende Schmerzfreiheit erzielt, ist aber keine Dauerlösung. Auf natürlicher Basis (Beinwellwurzel Extrakt) beruht die KYTTA Salbe, die ich auch weiterhin benutze. - Wichtig: die warme Dusche am Morgen.
    Ein Arzt verschrieb mir Prednison Streuli Tabletten, mit dem Wirkstoff Prednison, ein synthetisch hergestelltes Hormon, das zu den sogenannten Kortikosteroiden gehört. Kortikosteroide sind Hormone, die im Körper von der Nebenniere produziert werden. Unabhängig von der zugrundeliegenden Erkrankung hemmt Prednison Streuli überdies, wie alle Kortikosteroide, entzündliche und allergische Reaktionen. Dazu zählen:rheumatische Erkrankungen (z.B. chronische Polyarthritis, Arthrosen, rheumatische Sehnenscheiden, Tennisellenbogen) als kurzzeitige Zusatzbehandlung. Das waren sehr effektiv wirkende Tabletten, hatten bei der Dosierung (1 x pro Tag) bei mir jedoch dermatologische Nebenwirkungen.
    Ich bestellte versuchsweise Weihrauchsalbe (in Deutschland (bei www.hf-promotion.de), die erstaunlich schnell eine schmerz-lindernde Wirkung entfaltete. Von Quacksalberei kann wohl keine Rede sein, aber die Preise sind natürlich überhöht (siehe oben) und Wunder d.h. schnelle engültige Schmerzfreiheit darf keiner erwarten. Ich werde die Behandlung zusammen mit Kytta Salbe fortsetzen und auch 1-2x pro Woche eine Prednison Tablette nehmen. - Kombinierte Methoden haben bei so komplexen Erkrankungen wie Rheuma wohl die besten Aussichten auf Erfolg.
    Dr. KDB / Genf

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    1. Sehr geehrter Herr Dr. KDB aus Genf,
      ich hatte gezögert, Ihren Kommentar zu veröffentlichen, da es sich um einen Erfahrungsbericht Ihrer Krankheitsgeschichte handelt und solche Schilderungen sind nicht geeignet wissenschaftliche Untersuchungen zu ersetzen. Sie setzen sich auch nicht mit meinem Text auseinander. Sie bieten mir Erklärungen zur Wirksamkeit von Kortikosteroiden an.
      Dann erzählen Sie über eine Wirksamkeit einer Weihrauchsalbe bei Ihnen. Wie können Sie so sicher sein, dass es die Salbe ist und nicht die anderen Maßnahmen, die Sie geschildert haben?
      Einen Wirksamkeitsnachweis kann man so nicht erbringen. Geeignete Studien liegen nicht vor. Ich rate nach wie vor von diesen Salben ab.

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