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Monday, February 17, 2025

Anmerkungen zu einem Artikel über das Fibromyalgiesyndrom in der Zeitschrift für Rheumatologie Ausgabe Februar 2025


Ich habe gerade meine Kopie der Zeitschrift für Rheumatologie Ausgabe Februar 2025 erhalten und las den Artikel „Effekte einer multimodalen stationären Behandlung bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom im Akut-Rheumazentrum Rheinland-Pfalz“ von PD Dr. Konstantinos Triantafyllias und weiteren [1]. Leider las ich etwas genauer und da komme ich nicht um einige Anmerkungen herum.

Ist das, was als multimodale Behandlung klassifiziert wird, nicht einfach nur Polypragmasie? Ich hoffe, daß ich mich einer Antwort auf diese Frage nähern kann.

Die TeilnehmerInnen waren wie erwartet über 90% Frauen und da frage ich mich, ob man die Männer nicht generell herauslassen sollte.

Das war CRP war im Median [A(ufnahme): 2,9 mg/dl, E(ntlassung) 2,5 mg/dl] erhöht – warum? Es wird nicht erläutert, welche Bedeutung dem zugemessen wurde.

Einleitung und Methoden
Die Diagnose wurde nach den Diagnosekriterien ACR 2010 gestellt [2]. „Ziel dieser Studie war es somit, die Wirkung einer kompakten 9- bis 10-tägigen stationär durchgeführten multimodalen Fibromyalgiebehandlung (MFB) anhand von „patient reported outcomes“ (PRO) in einer deutschen Kohorte zu untersuchen.“

Werkzeuge
Die Studie verwendete visuellen Analogskalen (VAS) [0-10] zur Einschätzung der  Schmerzstärke [VAS (S)] und subjektiver Krankheitsaktivität [VAS (KA)], Fragebögen zur Erfassung der alltäglichen Funktionskapazität [Health Assessment Questionnaire (HAQ)], Funktionsfragebogen Hannover [FFbH]) die Erfassung der „Pharmakotherapie zu drei Zeitpunkten (Visite 1: Beginn der MFB, Visite 2: Ende der MFB und Visite 3: 3 Monate nach Visite 2) beurteilt.“ [3] Die Tabelle zeigt wie im Text der Arbeit nur Erhebungen zu Beginn und Ende des stationären Aufenthaltes. Da im weiteren Verlauf eine Zwischenüberschrift mit einem längeren Text über „Pharmakologische Therapie als Teil eines multimodalen Konzeptes“ sowie die Etablierung einer Subgruppe „ohne intensivierte Schmerzmedikation“ erfolgte, prangere ich dies Versäumnis an. Wenn es so wichtig ist, warum wurden die Daten nicht erhoben bzw. nicht in Tabelle 4 mitgeteilt?
Bei der VAS (S) sind die Zeitpunkte über Tag nicht erfaßt worden; und überhaupt dreimal ein Kreuzchen auf einer Linie – da soll alles sein? Wie wäre es mit einem Schmerztagebuch?!
HAQ und FFbH muss man erheben, aber in der Regel sind sie wenig ergiebig bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom, wie sich auch in den Ergebnissen gezeigt hat – keine signifikaten Veränderungen.
Was wurde alles nicht erfaßt in dieser Studie? Was ist mit Erhebungen zu Lebensqualität, Depressivität, Somatisierung, Zwanghaftigkeit, Ängstlichkeit, Selbsteffizienz? Keine Angaben.
Die stationäre Therapie wurde 9-10 Tage durchgeführt und es erfolgten 22 Stunden Therapie, also ca. 2h12m/Tag, wenn man der Einfachheit mit zehn Tage rechnet. Dann entfallen 18 m/T auf eine nicht weiter erläuterte Bewegungstherapie. 24 m/T entfallen auf Ergometer, die Therapie wird alleine nach Einführung durchgeführt. 12 m/T Nordic Walking – alleine? Nach Einführung? 12 m/T Wärmeanwendung (halte ich für nicht indiziert, da es Erwartung nach Fremdheilung fördert könnte – aber die Diskussion wird eher vermieden). 36 m/T Rapsen, das alleine nach Einführung durchgeführt wird. Die PatientInnen konnten warm, zimmertemperierte oder kalte Rapssamen bekommen. Das aber ist die Therapie, die den größten Anteil hat und am ausführlichsten beschrieben wird. Was will man beim Fibromyalgiesyndrom damit errreichen? Will man „die Motorik und Gelenkbeweglichkeit fördern“? Ist man der Meinung, daß eine gestörte Motorik und Gelenkbeweglichkeit für die Schmerzen am ganzen Körper verantwortlich ist? Wenn das so wäre, warum hat man nicht gemessen, ob sich überhaupt etwas verändert hat? Und dann werden 30 m/T kognitive Verhaltenstherapie erwähnt. Das erscheint mir dürftig, besonders wenn man sich über das Rapsen zeilenweise ausläßt und hier nur eine Blackbox bleibt, über die man rätseln kann, wie über den Ausgang des Experiments von Schrödingers Katze.

Ergebnisse
Handelt es sich um eine verkappte Pregabalin-Studie? Es erfolgte eine Zunahme von 9 auf 28 Pat. „(50%)“ mit Pregabalin; es ist mir unklar, wie die Angabe 50% in Tabelle 4 zustande gekommen ist. Aber so schnell gebe ich da nicht auf! Überall ist von 61 PatientInnen die Rede, aber wenn man die Tab. 4 heranzieht, wurde hier durchgehend mit 56 PatientInnen gerechnet. Wo sind die fünf PatientInnen geblieben? Und was heißt das für die Ergebnisse insgesamt?

Diskussion
Die Arbeit inszeniert sich als „eine der ersten Explorationen über möglich Auswirkungen eines multimodalen Therapiekonzeptes“ und bezeichnet sich als „eine der wenigen Arbeiten weltweit“, „die diese Effekte 3 Monate nach Entlassung erneut überprüft hat“. Was sind denn drei Monate? Was ist mit sechs oder 12 Monaten, oder einem noch längeren Zeitraum? Solche Untersuchungen gibt es [4]. Ich habe Leslie J. Crofford auf verschiedenen Kongressen befragt, wie es mit Langzeiteffekten von Pregabalin beim Fibromyalgiesyndrom aussähe und sie hatte jedesmal vorgegeben, da müsse sie in die Daten schauen. Leslie J. Crofford aber war eeine derjenigen, die Pregabalin propagiert hatten bzw. die Studien vorgestellt hatten [5]. Man vermeidet längere Zeiträume, da sich dann keine Effekte mehr nachweisen lassen.

Egal, was man gegen Fibromyalgie unternimmt, für kurze Zeit wird man signifikante Effekte nachweisen können. Die halten aber nicht an und deshalb wird zu kurz nach der Intervention erneut getestet. Ich behaupte, dann ist man auch nicht besser als ein Retreat von 9-10 Tagen Dauer oder so etwas wie eine Kegeltour.

Ich meine, daß die Arbeit auch sachliche Mängel aufweist, aber darüber sollten andere urteilen.



Links und Anmerkungen:

[1] Triantafyllias, K., Balaklytska, V., Sauer, C. et al. Effekte einer multimodalen stationären Behandlung bei PatientInnen mit Fibromyalgiesyndrom im Akut-Rheumazentrum Rheinland-Pfalz. Z Rheumatol 84, 10–18 (2025). https://doi.org/10.1007/s00393-024-01568-x 
https://www.springermedizin.de/fibromyalgiesyndrom/fibromyalgiesyndrom/effekte-einer-multimodalen-stationaeren-behandlung-bei-patientin/50015302  
[2] Wolfe F, Clauw DJ, Fitzcharles MA, Goldenberg DL, Katz RS, Mease P, Russell AS, Russell IJ, Winfield JB, Yunus MB. The American College of Rheumatology preliminary diagnostic criteria for fibromyalgia and measurement of symptom severity. Arthritis Care Res (Hoboken). 2010 May;62(5):600-10. doi: 10.1002/acr.20140. PMID: 20461783.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20461783/
[3] So jedenfalls steht es in der Zusammenfassung. Im Text aber steht: „sowie der Medikationsplan zu Beginn und Ende der Behandlung“.
[4] Hier sind einige Veröffentlichungen und Vorstellungen auf nationalen und internationalen Kongressen von Dipl.-Psych. Thomas Valentin. https://www.praxis-valentin.de/ver%C3%B6ffentlichungen/
[4a] Valentin Th (2003): Cognitive behavioral therapy with fibromyalgia? The results of a study with a mean 1,8 years follow-up. 4th Congress of EFIC, Prag (book of abstracts): 435.
[4b] Valentin Th et al. (2002): Was taugt die Patientenschulung „Fibromyalgie“ in der Rheumatologie? Die Ergebnisse einer Langzeitstudie. Zeitschrift für Rheumatologie 61 (Suppl. 1): 123.
[4c] Valentin Th (2001): Verhaltenstherapie oder interdisziplinäre Polypragmasie? Die Langzeitergebnisse einer praxisnahen Untersuchung zur Wirksamkeit einer verhaltenstherapeutischen Gruppenbehandlung für Fibromyalgiepatienten. Der Schmerz 15 (Suppl. 1): 85.
[5] Crofford LJ, Rowbotham MC, Mease PJ, Russell IJ, Dworkin RH, Corbin AE, Young JP Jr, LaMoreaux LK, Martin SA, Sharma U; Pregabalin 1008-105 Study Group. Pregabalin for the treatment of fibromyalgia syndrome: results of a randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Arthritis Rheum. 2005 Apr;52(4):1264-73. doi: 10.1002/art.20983. PMID: 15818684.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15818684/  

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Thursday, August 19, 2021

Akupunktur bei Fibromyalgie

 



Ich las im Wochenspiegel über Akupunktur und chronische Schmerzen, Fibromyalgie wurde explizit erwähnt [1]. Ich dachte so bei mir, daß ich Akupunktur bei Fibromyalgie schon längere Zeit nicht überprüft hätte. Das habe ich nun getan. Auf dem ACR Kongress 2020 (das Meeting des American College of Rheumatology) und dem EULAR Kongress 2021 (der europäische Kongress für die Rheumatologie) wurde dazu keine Studie veröffentlicht. Ich habe dann bei PubMed  nachgeschaut und eine Metaanalyse gefunden. Die Arbeit ist von Befürwortern der Akupunktur verfaßt worden.

 
Bai Yang und Kollegen veröffentlichten folgende Studie [2]: [Wirksamkeit der Akupunktur beim Fibromyalgie-Syndrom: eine Metaanalyse]. Die Autoren arbeiten an der Tianjin University of Traditional Chinese Medicine. Die Autoren hatten 523 Studien analysiert, aber nur neun Studien hatten die Eingangskriterien für dieses Meta-Analyse erfüllt. Die Autoren kam zu folgendem Ergebnis: [Im  Vergleich zur Scheinakupunktur (sham acupuncture) gab es nicht genügend Evidenz, um die Wirksamkeit der Akupunkturtherapie als Behandlung von Fibromyalgie zu belegen. Einige Evidenz bestand, daß die Wirksamkeit der Akupunkturtherapie bei Fibromyalgie Medikamenten überlegen war; die eingeschlossenen Studien waren jedoch nicht von hoher Qualität oder wiesen ein hohes Verzerrungsrisiko (bias) auf. Akupunktur in Kombination mit Medikamenten und Bewegung könnte kurzfristig die Schmerzschwellen erhöhen, aber es besteht Bedarf an höherwertigen randomisierten kontrollierten Studien, um dies weiter zu bestätigen.] 
 

 
Warum überrascht mich das Ergebnis nicht? Wir [3] hatten 2006 eine Gastärztin aus Qingdao. Ich hatte mit ihr diese Frage diskutiert und sie sagte, Akupunktur wäre bei Fibromyalgie nicht üblich. Aber da sie es nicht genau wußte, hat sie sicherheitshalber den Chef der Abteilung Akupunktur  bzw. Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) in ihrem Krankenhaus angerufen und der bestätigte ihre Aussage. Man wird immer wieder positive Berichte finden, besonders in Zeitschriften, die nicht auf die Qualität der Studien achten. Der Standard für Studien aber erhöht sich kontinuierlich. Bei Methoden wie der Akupunktur kommt noch hinzu, daß es schwierig ist, eine Scheinbehandlung durchzuführen, ohne daß der Therapeut es weiß.
 
Als Ergebnis bleibt festzuhalten, daß die Therapie mit Akupunktur bei Fibromyalgie [4] keinen sicheren Stellenwert hat. 
 
 
Akupunktur-Set [5]



Links und Anmerkungen:

[1] https://wi-paper.de/show/77f4e615a63a/epaper
[2] Yang B, Yi G, Hong W, Bo C, Wang Z, Liu Y, Xue Z, Li Y. Efficacy of acupuncture on fibromyalgia syndrome: a meta-analysis. J Tradit Chin Med. 2014 Aug;34(4):381-91. doi: 10.1016/s0254-6272(15)30037-6. PMID: 25185355. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25185355/
[3] Abteilung Innere Medizin / Rheumatologie am Rheinischen Rheuma Zentrum Meerbusch-Lank
[4] Die S3-Leitlinie stellt es etwas positiver dar: „Der zeitlich befristete Einsatz von Akupunktur kann erwogen werden.“ https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/145-004p_S3_Fibromyalgiesyndrom_2017-03.pdf Die nächste Überprüfung der Leitlinie ist für 03/2022 geplant.
[5] Das ist ein chinesisches Akupunktur-Set, das ich bei mir gefunden habe. Ich glaube kaum, daß heute noch jemand Nadeln zum mehrfachen Gebrauch benutzt. Einmal-Nadeln sind Standard. Verschiedene Nadeln ähneln mehr Lanzen und Hellebarden -
aber das würde jetzt zu weit führen.

 

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Tuesday, September 25, 2018

Leitsymptom Schmerz auf dem Kongress der DGRh 2018 in Mannheim




In einer Session zum Thema Leitsymptom Schmerz sprach Prof. Dr. med. W. Eich zum Fibromyalgiesyndrom (FMS). Er unterschied zwischen lokalen und generalisierten Schmerzen.
Es gibt kaum Medikamente, die nach der S3 Leitlinie einsetzbar wären; Amitriptylin, Duloxetin und Pregabalin sind zeitlich befristet einsetzbar. SSRI können bei komorbiden Angststörungen und Depressionen eingesetzt werden. Für alle anderen Medikamente gilt eine negative Empfehlung.
Kognitive Verhaltenstherapie in Kombination mit aerobem Training soll eingesetzt werden [1]. Auch Entspannungsverfahren in Kombination mit aerobem Training soll eingesetzt werden.
Meditative Bewegungstherapien wie Tai-Chi oder Qigong werden empfohlen. Zeitlich befristete Empfehlung für Akupunktur [2]. Negative Empfehlung für achtsamkeitsbasierte Stressreduktion als Monotherapie, Homöopathie, Nahrungsergänzungsprodukte, Reiki, Tanztherapie.
Die Pathogenese somatoformer Störungen wurde mit Disposition, Auslösung und Aufrechterhaltung als bio-psycho-soziales Modell vorgestellt.
Überflüssig sind Pregabalin nach vier Wochen ohne Wirknachweis, Oriate, Cannabis, Benzodiazepine, Antipsychotika. Man soll das Entweder-Oder-Modell oder hierarchische Modelle zur Erklärung vermeiden.
Aktuell werden nach ICD-10 das Fibromyalgiesyndrom mit M79.70 und die somatoforme Schmerzstörung mit F45.41 verschlüsselt. Der ICD-11 wurde vorgestellt, bei dem dann das Fibromyalgiesyndrom mit MG30 also als chronischer Schmerz und die somatoforme Schmerzstörung mit 6C20 als „bodily distress disorder“ verschlüsselt werden sollen.

In seinem Vortrag Joints for joints berichtete Prof. Dr. med G. Pongratz über die Datenlage zu Cannabis in der Rheumatologie.
Cannabis hatte eine unkonventionelle Zulassung im medizinischen Bereich ohne Zulassungsstudien für spezielle Indikationen im Bereich z.B. des Bewegungsapparates. Kosten und Nutzen sind für viele Indikationen mangels Evidenz unklar.
Cannabis sativa wirkt anregend, jedoch wirkt Cannabis indica beruhigend. Es sind bis zu 545 Komponenten nachweisbar, z.B. Terpene, Phenole, Steroide, Fettsäuren etc. Salben, Tees, Zigaretten und Verdampfungsflüssigkeiten („liquids“) werden angeboten. Delta-9-THC (Tetrahydrocannabiol) wirkt psychotrop, CBD (Cannabidiol) wirkt nicht psychotrop und kann damit die THC-Wirkung modulieren.
Eine kontrollierte Studie (N=31 Cannabis, N=27 Placebo) zur rheumatoiden Arthritis zeigte zwar Effekte, aber auch eine hohe Nebenwirkungsrate (bis achtmal so hoch wie Placebo).
Zusammenfassend is Cannabis bei rheumatologische Indikationen unzureichend untersucht. Das Endocannabinoidsystem zu beeinflussen hat jedoch „großes Potential“. Als Drittlinientherapie bei neuropathischen Schmerzen einsetzbar.

 
Links:
[1] Das hatten wir am Rheinischen Rheuma Zentrum bereits in den späten 90iger Jahren etabliert: http://rheumatologe.blogspot.com/2010/11/fibromyalgia-multimodal-therapy-at.html
[2] Ich hatte die Möglichkeit chinesische Akupunkteure zu befragen, die aber Akupunktur bei FMS (纤维肌痛综合征) nicht einsetzten.






INTERDISZIPLINÄRE RHEUMATOLOGIE 2.1 Johann
Wenzel Stamitz
14:45 - 16:15 16 | Leitsymptom Schmerz
Vorsitz: Klaus Schmidt, Dortmund
Christoph G. O. Baerwald, Leipzig
14:45 16.01 | Fibromyalgie-Syndrom und somatoforme Schmerzstörungen
– Was gibt es Neues?
Wolfgang Eich, Heidelberg
15:05 16.02 | Joints for Joints? Datenlage zu Cannabis in der Rheumatologie
Georg Pongratz, Düsseldorf
15:25 16.03 | Evidenz-basierte Physikalische Therapie - Was wann einsetzen?
Joachim-Michael Engel, Bad Liebenwerda
15:45 16.04 | Rückenschmerz bei axialer Spondyloarthritis – Was tut weh
und wie behandeln?
Uwe Schwokowski, Ratzeburg

Monday, September 4, 2017

Transdermales Magnesium





Ich dachte, ich höre nicht richtig, aber einer meiner Fibromyalgie-Patienten berichtete, dass Teilnehmer in seiner Physio-/Sportgruppe Magnesium Sprays, also transdermales Magnesium, benutzen.

Ja, viele Menschen in Deutschland leiden unter Magnesiummangel. Aber transdermal? Manchmal wird so ein Spray im Internet auch als Magnesium Öl bezeichnet, was sachlich falsch ist. Das wird aber selbst von Herstellern bestätigt, z.B. [1]: „Magnesiumöl wird so bezeichnet, weil die Konsistenz an ein weiches, pflegendes Öl erinnert. Es ist jedoch kein Öl und verursacht keine öligen Flecken.“ Allerdings [2]: „In dieser [konzentrierten Magnesiumchlorid-Lösung] liegt Magnesium in ionisierter Form vor und ist nicht in der Lage, eine lipophile Schicht, wie die Haut sie darstellt, zu durchdringen.“

Prof. Dr. Roderick MacKinnon bekam im Jahr 2003 den Nobelpreis für Medizin und Physiologie dafür, „dass er nachwies, wie Ionen in den Körper gelangen. Diese Erkenntnisse belegen eindeutig: Magnesiumionen gelangen nicht über die Haut in den Körper.“ [3] Über 50 % der Ionen im Toten Meer sind Magnesiumionen. Würden die über die Haut aufgenommen, dann würde ein Bad im Toten Meer tödlich enden. Aber man kann gefahrlos im Toten Meer baden.

Was heißt das nun? Magnesium Öl oder Magnesium Spray oder transdermales Magnesium ist Humbug. Man macht sich einen Mangel an Wissen der Allgemeinheit zunutze, um ein „Kosmetikum“ besser vermarkten zu können. Für 100 ml Magnesium Öl Spray bezahlen Sie locker 15 €. Das läuft bei mir unter Abzocke. Wenn Sie unter Magnesiummangel leiden, geht eine Substitution nur über den Magen-Darm-Trakt, d.h. Sie müssen es schlucken. Aber leiden Sie überhaupt an Magnesiummangel?


Links:

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Thursday, August 3, 2017

Fibromyalgie und Lidocain Infusionen






Gerne werden bei Fibromyalgie und anderen chronischen Schmerzen Lidocain Infusionen eingesetzt. Wie komme ich jetzt darauf? Ich hatte natürlich wieder einmal eine Patientin, die mir berichtete, dass sie nach einer solchen Infusion mit Verdacht auf Schlaganfall in eine Klinik eingeliefert wurde, wo allerdings die Diagnose nicht gestellt werden konnte. Gott sei Dank! Aber wenn dies in einer Studie passiert wäre, ginge man von einer schweren unerwünschten Arzneimittelwirkung (SAE – severe adverse event) aus (Krankenhausaufenthalt), von der sofort (!) alle Zentren, die an der Studie beteiligt sind, informiert werden müssten. So aber wird wahrscheinlich niemand informiert worden sein.

Lidocain (z..B. Xylocain) ist ein örtlich wirksames Betäubungsmittel (Lokalanästhetikum), wirkt aber auch Antiarrhythmikum, also bei bestimmten Herzrhythmus-störungen [1]. Während Lidocain früher häufig gegen Extra-schläge des Herzens eingesetzt worden ist, hat man es später ersetzt, da es selbst Herzrhythmusstörungen aus- lösen und die Kontraktionskraft des Herzens ver- mindern kann. Weitere Nebenwirkungen sind Unruhe, Krampfanfälle, Blutdruckabfall und allergische Reaktionen [1].
Deshalb erstaunt es mich, dass es beim Fibromyalgie-syndrom eingesetzt wird. Wie sieht dazu die Studienlage aus?

M.D. Schafranski und Kollegen veröffentlichten 2009 eine Studie [2]: “ Intravenous lidocaine for fibromyalgia syndrome: an open trial.“ Die Autoren schlossen: „Intravenöse Lidocain-Infusionen sind sicher und wirksam bei der Behandlung von Fibromyalgie.“ Wut oder Lachen wären jetzt zwei angesagte Verhaltensmuster. Die Autoren untersuchten 23 Patienten, die jeweils 5 Tage mit 2%iger Lidocain-Lösung behandelt worden sind. Sie versäumten eine Kontrollgruppe mit Placebo zu etablieren. Eine Infusion hat nämlich einen tollen Placeboeffekt, egal, was in der Flasche ist. Wenn Sie die Flasche mit Alufolie umhüllen, ist z.B. der Effekt noch stärker. Also ist diese Studie überhaupt nichts wert. Die Autoren (Schafranski MD, Malucelli T, Machado F, Takeshi H, Kaiber F, Schmidt C, Harth F) sollten sich schämen.

Im Jahr 2011 haben R. Vlainich und Kollegen eine Placebo kotrollierte Studie vorgelegt [3]: „Effect of intravenous lidocaine associated with amitriptyline on pain relief and plasma serotonin, norepinephrine, and dopamine concentrations in fibromyalgia.” Eine prospektive, randomisierte, doppelblinde Vergleichsstudie wurde bei 30 Patienten durchgeführt. Die Autoren fassten zusammen: „Die kombinierte Verabreichung von 240 mg Lidocain intravenös (einmal wöchentlich) und 25 mg Amitriptylin für 4 Wochen veränderte weder Schmerzintensität noch Plasma Serotonin-, Norepinephrin- oder Dopamin-Konzentrationen bei Fibromyalgie-Patienten.“ Die Studie konnte also keinen sinnvollen Effekt nachweisen.

A.L. Albertoni Giraldes und Kollegen legten 2016 folgen Studie vor [4]: “ Effect of intravenous lidocaine combined with amitriptyline on pain intensity, clinical manifestations and the concentrations of IL-1, IL-6 and IL-8 in patients with fibromyalgia: A randomized double-blind study.” Die Autoren schlossen: “Die Kombination von 240 mg intravenösem Lidocain (einmal wöchentlich für 4 Wochen) mit 25 mg Amitriptylin für 8 Wochen hatte keine sinnvolle Wirkung bei Fibromyalgie-Patienten.“ Leider ist im Abstract die Anzahl der Patienten nicht erwähnt worden.

Ich finde keine sinnvolle Begründung für die Verabreichung von Lidocain-Infusionen bei Fibromyalgie-Patienten. Mögliche Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen, Krampfanfälle, Blutdruckabfall und allergische Reaktionen sollten unter dem Gebot, nicht zu schaden, Anlass genug sein, solche Infusionen nicht durchzuführen.

Ich rate allen Patienten, kritische Fragen zu stellen, wenn solche Infusionen mit Lidocain durchgeführt werden sollen – und Sie können das auch ablehnen!


Links:


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