Friday, August 21, 2026

FreitagsGedichte / #KurzLyrik 21.08.2026


Die rote Sandsteinbrücke packt
Staubig die andere Seite vom schwärzlichen Tümpel.
Laternen. Das verirrte Mondlicht zackt
Über Sträucher und Wellen und träges Gerümpel.
Jacob van Hoddies [1]



Rauch 
    Rauch wehte 
Vom 
Venn 
Her 
Und 
Den 
Smoke-on-the-water [2] 
Roch man 
    Wie 
Ein LagerFeuer 

BahnHof
    der Bahn-
Hof 
Liegt 
VerLassen 
Kein 
Mensch
Keine 
MenschenSeele 
Der SEV [3]
    Fährt 
AndersWo vorBei

Stein ∙ Bein ∙ MagenPein
Gertrude Stein 
Der Stein der Weisen
Der Stein des Anstoßes 
Der Anstoß 
Schach ohne Würfel 
Schwierig ist's 
Ohne Reis ein Gericht zu kochen
Die Seele kocht
Die Gerichte verTagen sich 
Stein Bein 
Und nun der Magen
Der alles verDauen muß

SeitenSchiffe 
In den SeitenSchiffen 
Werden noch die Gebete erHört 
Die inbrünstig [4] geMurmelt werden
Meist von Frauen 
Von sehr jungen oder sehr alten 

Die Raben von Babel 
    oben auf 
Dem 
Turm 
Von 
Babel 
ErRichteten 
Die 
Raben 
Ihr 
Nest 
Und 
Krächzen 
Heute noch 
    UnVerändert 
Ihre RabenSprache 

Ab hier 
Ab hier nur noch -: AbGrund AbGesang AbSatz
Von hier nur noch -: VorWand VorTrag VorSatz  

Wald
    wie man 
In 
Den 
Wald 
HinEin
Ruft
So 
Schweigt sich 
    Das 
Echo aus 

Toilette 
Wir erFahren allerlei über Gott
Aber geht er zur Toilette? 
O.K., Schwamm drüber 
Aber gehen nicht wenigstens 
die Engel auf die Toilette [5]? 

FlederMäuse 
Nach und nach 
VerLassen die Fledermäuse 
Das große Dach 
Durch eine winzige Öffnung 
Sie kommen zurück nach der Jagd
Aber ich sehe sie nicht 
In der Dunkelheit

Im Tal 
    im Tal 
Steht 
BodenNebel 
Aber 
Der 
Himmel 
Ist 
Klar 
Dort 
Spiegelt 
Sich
Der Nebel 
    In 
Der MilchStraße 

Ende
            Für Helmut Krausser [6]
    Ente gut
Alles 
Gut 
Schreibt 
Das 
SchwanenKüken
Mit 
Der SchwanzFeder 
    Auf 
Den See

Dürre 
Die Wiesen verGilben
Die Landschaft steht öde 
Wie auf alten Bildern
SepiaFarben 
Da jubeln die Wiesen 
Der Regen kommt 
Und mit ihm ein GeWitter 
Die Dürre aber findet kein VerSteck

AbendEssen 
    da wird 
All-you-can-eat 
In 
Sich 
HineinGeschaufelt 
Zu 
Musik
Die 
Auch 
Im 
Ein-Euro-Laden 
    Laufen 
Könnte -: paßt 

Dunkelheit
    ein glatter 
Schnitt 
In 
Die 
Dunkelheit
Und 
Das 
Jetzt 
Wird 
Von ver-
    Gangen 
AbGetrennt  



Links und Anmerkungen:
[1] Aus: Jacob van Hoddies [1a]: Am Lietzensee. In: Akzente. Zeitschrift für Dichtung. Herausgegeben von Walter Höllerer und Hans Bender. 8. Jahrgang 1961. Carl Hanser Verlag, München 1954-1973. Nachdruck Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1975. S. 389. 
[1a] Woher das e im Namen Hoddies kommt, sei dahingestellt, aber so wurde das Gedicht in Akzente abgedruckt. Dazu noch mit der Widmung: „Meinem Freunde Geord Heym“. 
„Jakob van Hoddis (geboren als Hans Davidsohn 16. Mai 1887 in Berlin; gestorben 1942 vermutlich im Vernichtungslager Sobibor) war ein deutscher Dichter des literarischen Expressionismus. Er ist besonders bekannt für das Gedicht Weltende.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Jakob_van_Hoddis 
„Weltende“ ist das erste Gedicht in: Kurt Pinthus: Menschheitsdämmerung: Ein Dokument des Expressionismus. Rowohlt, Reinbek 1996. ISBN: 3-499-45055-0. S. 39. 
[2] Deep Purple - Smoke On the Water 
https://www.youtube.com/watch?v=Q2FzZSBD5LE 
[3] SEV – SchienenErsatzVerkehr, manchmal funktioniert er, manchmal nicht.
[4] In inbrünstig ist brünstig, aber nicht gemeint, deshalb nicht inBrünstig.
[5] Stichwort Angelismus. Ich hörte einmal von einem Seminaristen, der wie die Engel werden wollte und daher auch nicht mehr zur Toilette ging. Da bekam er einen Ileus [DarmVerschluß]. Nach dem Krankenhaus ließ man ihn nicht zurück ins Kloster. Blaise Pascal: „Qui veut faire l’ange, fait la bête.“ [Wer sich als Engel zeigen will, macht sich zum Tier.]
[6] [Narr, wer noch Gedichte schreibt]. In: Helmut Krausser: Strom. Rowohlt, Reinbek 2003. ISBN: 3-498-03512-6, S. 78.  

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