Sunday, August 23, 2026

Altargesteck zum 12. Sonntag nach Trinitatis 2026


Und sprich Dein Hephata, dann ist's geschehn;
Ich bin gelöst, der Fluch, er hat ein Ende.“
Annette von Droste-Hülshoff [1]


Der heutige Sonntag ist der 12. Sonntag nach dem Trinitatis-Fest [2]. Der Wochenspruch lautet [3]: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen.“ Der heutige Sonntag beschäftigt sich einerseits damit, daß Gott Augen und Ohren öffnen kann, und andererseits damit, daß wir sie dann auch benutzen sollen. Das Leid anderer sehen oder auch das Wort Gottes verkünden. Der 23. August ist auch Tag zur Erinnerung an den Sklavenhandel und dessen Abschaffung. Der Gedenktag wurde im Jahr 1998 etabliert, die UNESCO will an die weltweite Tragödie des Sklavenhandels erinnern. Ach, es gibt keine Sklaven mehr?! Das halte ich für ein Gerücht [4] und da kann man noch weiter dran arbeiten. Ich erinnere mich an Ferien auf Texel als Kind. Da wurde abends auf der Wiese ein Film [5] projiziert und im Anschluß wurde auf den Sklavenhandel hingewiesen („Diese Frau ist eine Sklavin ...“), worauf die Mütter ihre Kinder schleunigst einsammelten. Wegschauen hat Tradition. 

Der Eingangspsalm steht unter der Überschrift: „Gottes Walten in Schöpfung und Geschichte“. Es ist ein Psalm, der übrigens nicht im Evangelischen Gesangbuch (EG) abgedruckt ist. Es handelt sich um Psalm 147 [6]. Der lyrischste Vers ist: „Er zählt die Sterne / und nennt sie alle mit Namen.“ Dazu paßt aber das Lied 511 im EG: „Weißt du wie viel Sternlein stehehen“. Der für den aktuellen Sonntag wichtigste Vers ist der 6. Vers: „Der Herr richtet die Elenden auf / und stößt die Frevler zu Boden.“ [7]

Die Epistel steht in der Apostelgeschichte [8] und trägt den Titel: „Die Bekehrung des Saulus“ [9]. Es handelt sich um einen längeren Text, den man besser selbst liest. Aber ich wage einmal eine Zusammenfassung: Saulus läßt sich eine Genehmigung zur Verfolgung der Anhänger von Jesus Christus ausstellen und ist auf dem Weg nach Damaskus. Er wird von gleißendem Licht umgeben und Jesus spricht zu ihm: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“ Er wird blind nach Damaskus geführt, wo Hananias Gottes Auftrag erfüllt, indem er ihm die Hände auflegt und spricht: „Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest.“ Er wird wieder sehend und „alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei“. Paulus wird seine Glaubensblindheit physisch vor Augen gebracht. Dann wird er sehend und verkündet das Wort. 

Der alttestamentliche Text für den heutigen Sonntag steht im Buch Jesaja und zwar im alten Teil [10], der auf die heutige Lesung hinweist, denn dort heißt es: „Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen; und die Elenden werden wieder Freude haben am Herrn, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.“

Das Lesung steht im Markusevangelium [11] unter dem Titel: „Die Heilung eines Tauben“ - sinnvoller wäre die Bezeichnung Taubstummer. Man brachte einen, „der taub war und stammelte“, vor Jesus und baten ihn, den Mann zu heilen. Dieses Wunder läßt Jesus Christus geschehen. Markus endet dieses Gleichnis so: „Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.“ In dieser Geschichte wird das Leiden von der Umgebung wahrgenommen und Jesus spricht: „Hefata!, das heißt: Tu dich auf!“ [12] Damit meint er sicherlich nicht nur den Taubstummen sondern auch uns.

Der Predigttext steht im 1. Brief an die Korinther [13]. Da Paulus weiter gezogen war, um zu missionieren, waren in der Gemeinde Korinth Fraktionen entstanden. Und so sah sich Paulus genötigt, diesen Brandbrief zu schreiben. Zwei Passagen aus dem heutigen Text haben mich bewegt. „Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Denn hier zeigt sich, daß nicht einzelne Personen aus der Gemeinde die Gemeinde auf sich ziehen sollten, sondern daß die Gemeinde auf der Grundlage Jesu Christi gedeihen kann. Und: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? Wenn jemand den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören, denn der Tempel Gottes ist heilig – der seid ihr.“ Man muss etwas für seinen Tempel tun, aber man sollte sich nicht mit der Physis eines Tempels vergleichen, sondern es geht um den Geist, der in ihm wohnt.

Das Altargesteck in Köln war genauso verwelkt wie vor zwei Jahren, aber es stand im Abseits, denn der Gottesdienst wurde am Taufbecken gefeiert, obwohl wir gar so wenig Teilnehmende waren. Der Küster hatte noch versucht, die schlimmsten Blüten zu entfernen – das zumindest war gelungen. In Kall gab es kein Gesteck, denn die Andacht wurde nach dem Format „Auf ein Wort“  gefeiert, trotzdem gab es ein hübsch konzipiertes Gesteck aus Blumen der Hochzeit vom Vortag neben dem Altar zu sehen.





Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:
[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 124-125. Am XII. Sonntage nach Pfingsten.
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/12-sonntag-nach-trinitatis/ 
[3] Jes 42,3
[4] Übrigens nicht nur ich. Da gibt es Untersuchungen zu:
https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/211147/internationaler-tag-der-erinnerung-an-sklavenhandel-und-dessen-abschaffung/ 
[5] Wahrscheinlich war es „Serengeti darf nicht sterben“ aus dem Jahr 1959; ich bin mir aber nicht sicher, ich war 9-11 Jahre alt.
https://de.wikipedia.org/wiki/Serengeti_darf_nicht_sterben 
[6] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/PSA.147 Ps 147,1–6.11
[7] Wehe, wenn jetzt jemand an „Chleudert den Purschen zu Poden!“ denkt!
[8] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ACT.9 Apg 9,1–20
[9] Erleben wir hiermit die Wendung von Saulus zu Paulus? Nein, denn Paulus hatte immer schon beide Namen: den jüdischen Saulus und den römischen Paulus. Ich erwähnte dies bereits in: 
Paulus und Barnabas in Lystra 
https://rheumatologe.blogspot.com/2024/02/paulus-und-barnabas-in-lystra.html 

[10] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/ISA.29 Jes 29,17–24 
[11] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MRK.7 Mk 7,31–37 
[12] Dieses Hefata! (אתפתח / ἐφφαθά) hat etwas Mystisches, wie „iftah ya simsim“ (إفتح يا سمسم) oder Sesam, öffne dich! Wer sich für die griechische Transliteration des aramäischen Begriffes interessiert, muss es sich auf Wikipedia ansehen:
https://en.wikipedia.org/wiki/Language_of_Jesus#Ephphatha 
[13] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/1CO.3 1. Kor 3,9–17 

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