Wednesday, October 21, 2026

K. und die TheaterKritik


K. fand sich in einem altmodischen HotelZimmer wieder. Er wachte auf und blickte sich um. Kein Fernseher, sehr gut. Ein SchreibTisch, Stühle, ein EßTisch mit mehr Stühlen, ein Bett, die Wände mit Stoffen bespannt, schwere Gardinen. Er stand auf, ging zum Fenster und schaute auf eine Straße. Es waren einige Platanen zu sehen, die sich im Wind bewegten.
Er ging ins Bad, benutzte die Toilette, rasierte sich, putzte sich die Zähne, wusch sich und kehrte zum Anziehen in das Zimmer zurück. Ein Hemd mit plissierter Brust und Manschettenknöpfen sowie einer schwarzen Fliege, eine Weste mit einer TaschenUhr an einer Kette, eine altmodische schwarze Hose bis knapp unter die Brust mit HosenTrägern, schwarze, glänzende LackLederSchuhe lagen für ihn bereit und er zog alles an. Eine HausJacke vervollständigte sein Ausssehen. So hatte K. sich noch nie gekleidet.
Auf den Eßtisch stellte der ZimmerKellner gerade eine Mahlzeit. K. bediente sich selbst von den dampfenden Speisen, die er auf das exquisite Porzellan legte.
Dann wurde es Zeit für den Gang zum Theater, wie ihm durch ein Telefonat mitgeteilt worden war. Er zog die HausJacke aus und den Smoking an. Und … K. setzte einen Homburg auf. Auch ein erstes Mal.
K. ging vom ersten Stock über eine mit Teppich bespannte Treppe zum HotelEingang, denn auch eine Fahrt durch den frühen Abend zum Theater war ihm angekündigt worden. K. bestieg einen altmodischen Wagen mit Fahrer, der ihm den Schlag öffnete und schloß. Die Fahrt durch den leichten Verkehr ging ohne Halt, aber langsam. K. saht PferdeFuhrwerke und wenig Autos. Die Frauen trugen durchweg lange Röcke. Die Kleidung der Männer ähnelte seiner, es sah nur wenige Menschen in der Kleidung der unteren Schichten.
Sie kamen am Theater an. K. hatte sich die Glacé-Handschuhe noch im Auto angezogen. Der Fahrer öffnete den Schlag und K. steigt aus. Der Fahrer wies, die Mütze unter dem linken Arm, auf den TheaterEingang und K. ging die fünf TreppenStufen hinauf zum Eingang. Man spielte heute Abend das Stück „Die Dohle“ von Antonow Denissowitsch Tschechow, einem russischen Dichter des 19. Jahrhunderts. K. sieht im Publikum Männer, die ähnlich wie er gekleidet waren, aber es waren keine Frauen anwesend. K. sah sich das leidlich unterhaltsame Stück an. ÜberraschenderWeise gab es keine Pause zum HerumStehen mit einem Glas Champagner, wie er es erwartet hatte. Nach kurzem Applaus war der Abend zu Ende. Der Fahrer war bereits vorGefahren und es ging zügig zurück zum Hotel.
K. ging auf sein Zimmer im ersten stock zurück und fand eine Anweisung, eine Kritik von zwei Seiten Umfang zu der Inszenierung des Stückes „Die Dohle“ von Antonow Denissowitsch Tschechow zu schreiben. Nachdem er die Anweisung gelesen hatte, zog er den Smoking aus, die Schuhe und die Fliege, zog sich dafür die HausSchuhe und die HausJacke an.
Er fand jetzt auf dem SchreibTisch eine altmodische SchreibMaschine, Papier und KohlePapier. Ein Blatt und zwei DurchSchläge waren schon in die SchreibMaschine einGespannt worden. Er schrieb und kommt kaum voran, was sollte er nur schreiben?! Zunächst schreckte er bei jedem der lauten Anschläge der SchreibMaschine zusammen. Weckte er damit nicht andere Gäste des Hotels? Aber das schien nicht der Fall zu sein, wie es auch in seinem HotelZimmer mit den schweren Gardinen und den StoffTapeten nicht hallte. K. schrieb dann, ohne sich weiter um diese Geräusche zu kümmern bzw. sich durch sie ablenken zu lassen. Er schrieb einiges vom Programm ab, daß man ihm überlassen hatte. Schließlich war er fertig, trennte die einzelnen Exemplare, steckte sie in einen Umschlag ... und da klopfte es. Ein Bote war wie auf Bestellung gekommen und holte den Umschlag ab.
Wie mochte es nun weitergehen. K. suchte das Bad auf, aber kaum war er zurück im Zimmer, klopfte es wieder und der Bote brachte einen Umschlag. K. öffnete den Umschlag und sah einen der DurchSchläge seiner Kritik mit vielen roten Anmerkungen und der Anweisung, die Kritik nach diesen Hinweisen zu bearbeiten. K. schrieb eifrig und konnte auf nicht beanstandete TextStücke zurückGreifen und so dauerte die zweite Fassung nicht gar so lange. Schließlich war er fertig, trennte die einzelnen Exemplare, steckte sie in einen Umschlag ... und da klopfte es. Der Bote war erneut da und holte den Umschlag. Dieses Spiel wiederholte sich einige Male und die roten Anmerkungen wurden weniger. Nach langer Zeit schien man zufrieden zu sein und der Morgen war angebrochen. K. war völlig ausgelaugt und müde. Kaum schaffte er es, das FrühStück, das ein HausDiener hereinGerollt hatte, zu essen. Er trank weder Kaffee noch Tee. Auf dem Bett lag ein Pyjama, den er entgegen seiner GePflogenheiten anzog. Er ging ins Bad, putzte sich die Zähne, kam zurück in den Raum, die schweren Gardinen waren zugezogen. Er ging zu Bett und schlief augenBlicklich ein.
Am NachMittag lärmten die ZimmerMädchen, die er jedoch nie zu sehen bekam. K. wachte auf. Verschlafen blickte er sich um. Das Zimmer ähnelte dem anderen Zimmer, aber es war definitiv ein anderes Zimmer. Er nahm es so hin. Er ging ins Bad, rasierte sich und aß schließlich, wieder hochHerrschaftlich gekleidet bis auf die HausJacke sein spätes MittagsMahl.
Wieder erwartete ihn ein Wagen mit Chauffeur. Ein anderes Hotel, eine andere Stadt, ein anderer Wagen, ein anderer Chauffeur, ein anderes Theater, eine andere Inszenierung, andere SchauSpieler, doch wieder „Die Dohle“ von Antonow Denissowitsch Tschechow.
K. sah im Publikum erneut nur Männer und keine Frauen. Keiner erwiderte seinen Blick oder reagierte auf Zurufe, die K. aus seiner Loge heraus versuchte. K. sah sich das Stück nun zum zweiten Mal an. Es interessierte ihn noch weniger. Und wieder keine Pause, keine Brause, kein Champagner. Der Applaus war kräftig, wie auch der am Vorabend, aber kurz. Man verließ schnell das Theater.
K. saugte sich wieder eine Kritik aus den Fingern, schrieb über eine gewagte Inszenierung, hämmerte in die Tasten, überGab den UmSchlag, beKam Korrekturen über Korrekturen und erLedigte diese. Nach dem FrühStück schaffte er es gerade noch in Pyjama und Bett.
So gig das eine Weile, jeden Tag eine neue Stadt, ein neues Hotel, frische Garderobe, bisweilen auch Frack und weiße Fliege. Jeden Tag eine neue Inszenierung, eine neue Kritik, die solange bekrittelt wurde, bis die Nacht herum war. Schrieb er nicht, verging die Zeit langsamer. Die WandUhr bewegte ihre Zeiger dann nicht. HauptSache er schrieb zwei Seiten. Immer wieder versuchet K. Kontakt zu anderen herzustellen. Die Boten, HausDiener, Rezeptionisten schwiegen, wenn er Fragen stellte, die nicht zu ihrer Aufgabe gehörten. Und so schweigen auch die Herren im Theater beharrlich. Die ZimmerMädchen hatte er bisher nie zu Gesicht bekommen; vielleicht waren ihre Stimmen auch nur eine BandAufnahme.
Eines Abends nun überlegte K. einige Strategien, weil er alle Zeit der Welt hatte, denn während er nicht schrieb, bewegte sich auch die WandUhr nicht.
Als erste Strategie wollte er nun nur noch Lobhudeleien schreiben. Erstens, um den Effekt auf die kritischen Anmerkungen, das Rot in seinen Manuskripten, herauszufinden und zweitens, ob sich irgendetwas an den Inszenierungen oder am Stück ändern würde.
Als zweite Strategie wollte er nach einiger Zeit genau das Gegenteil ausprobieren, nämlich, ob negative Kritik, also Verriss auf Verriss, etwas ändern würde.
Natürlich änderte sich überhaupt nichts.
Stadt um Stadt, manchmal erkannte er eine Stadt, ein Theater wieder, aber nicht das Hotel. Die Namen der Regisseure und SchauSpieler waren immer neu. Seine Schreibmaschine war jeden Tag anders. K. besaß kein Archiv. Er sah seine Kritiken nie im Druck. Er sah überhaupt nie eine Zeitung. Dann erkannte er ein Hotel wieder, aber nicht den Rezeptionisten und auch nicht das Zimmer. Aber das brachte ihn auf den Gedanken, die Zimmer heimlich zu markieren.
Aber wo sollte er eine Markierung anbringen? Er überlegte sich, hinter dem Spiegel im Bad ein winziges Stück Papier zu klemmen. Er hatte schon zuvor aus Wut abgelehnte Manuskripte zerrissen, er würde sich jetzt ein winziges Stück sichern und beschriften. Er schrieb: "K. Tag 1", denn ab nun würde er wieder beginnen, Zeit zu markieren, ja in seiner Zeit zu leben.
Eine weitere Idee kam ihm, denn mit den Glacé-Handschuhen konnte er auch arbeiten. Er vergaß sie im Auto, im Hotel, in der Loge, wo er sie auch schon einmal versteckte. Immer kamen sie wieder zu ihm zurück, nie kam er im HotelZimmer ohne sie an.
Was machten all diese theaterBesessenen Männer jeden Abend bei der Aufführung von Tschechows „Dohle“? Oder schrieben auch sie in anderen HotelZimmern Kritik um Kritik.
Irgendwann beherrschte K. das Stück "Die Dohle" von Anton Denissowitsch Tschechow auswendig. Auch die anderen Männer schienen das Stück auswendig zu kennen, denn als einer der Schauspieler stockte, soufflierten hunderte Stimmen ihm den Text. 
Am nächsten Tag fand er seinen Zettel "K. Tag 1", aber da war es ihm schon egal, denn er war zum Kritiker mutiert.


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