Sunday, October 18, 2026

Altargesteck zum 20. Sonntag nach Trinitatis 2026

 


An manchem Tag mein Haupt, wie wüst und öde
Wie eingesargt mein Herz zu manchen Zeiten!
Vor übergroßer Schwäche schein' ich blöde
Bewußtlos starrt mein Auge durch die Weiten.
Annette von Droste-Hülshoff [1]


Der heutige Sonntag ist der 20. Sonntag nach dem Trinitatis-Fest [2]. Der Wochenspruch lautet: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ [3] Der 20. Sonntag nach Trinitatis geht der Frage nach der Ordnung für ein gutes Leben nach, wie man einen würde- und respektvollen Umgang miteinander pflegt, aber viel wichtiger noch, daß wir im täglichen Leben nach Gott fragen, der Treue hält in seinem Bund mit den Menschen. Er verlangt nicht nicht, Regeln sklavisch auszulegen, denn die Ordnungen sind für uns gemacht und nicht der Mensch für die Ordnungen. So hatte Jesus darlegt, daß der Sabbat für den Menschen geschaffen wurde und nicht umgekehrt, aber darauf werden wir noch kommen. Das heißt für unser tägliches Leben, Regeln nicht um der Regeln willen einzuhalten, sondern in Liebe und Freiheit zueinander zu stehen; übrigens sagte Saint-Exupéry einmal, daß Liebe nicht bedeutet, sich anzuschauen, sondern in die gleiche Richtung zu schauen [4]. 

Für die Lesung aus dem Alten Testament war vorgesehen, als Noah aus der Arche tritt [5]. Noah ist am Berg Ararat oder den armenischen Bergen gelandet, Luther, wie auch andere Übersetzungen, schreiben Berg Ararat [6]. Das ursprünglich hebräische Wort ist später über das assyrische Wort Urartu: Armenisch Արարատ Ararat übernommen worden. Die Übersetzung aus der aramäischen Bibel (Peschitta-Bibelübersetzung) besagt jedoch: „Und die Arche kam im siebten Monat, am siebzehnten Tag des Monats, auf den Bergen von Qardu – Kurdistan – zur Ruhe.“ Dies bezieht sich auf den Berg Judi (heutiger Name!), der in der Türkei liegt [7]. „Die Identifizierung des biblischen Ararat mit dem Berg Judi als Anlandeplatz der Arche hielt sich in der syrischen und armenischen Tradition während der gesamten Spätantike.“ Der Berg liegt etwa auf halber Strecke zwischen Van und Mosul mitten in Kurdistan; im wilden Kurdistan will man mit Karl May sagen und hat damit so unrecht nicht [8]. 
Der Text im Alten Testament kommt nun zu der poetischen Aussage, daß der Regenbogen das Zeichen des Bundes sei, den Gott aufgerichtet hat zwischen ihm und allem Fleisch auf Erden. Ich finde diese Stelle so schön wie: „Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, ...“ [9].  

Für den heutigen Tag steht der Text der Epistel im 2. Korintherbrief, und da schreibt Paulus: „... nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ [10] 
Für den zweiten Brief an die Korinther überblicke ich selbstverständlich nicht die Spitzfindigkeit der textkritischen Forschung. Wahrscheinlich setzt sich der heutige Text aus den Fragmenten mehrerer Briefe zusammen, die Paulus zu verschiedenen Zeiten geschrieben hatte, dann aber nicht aus Gründen, etwa, daß ein weiterer Besuch in Korinth anstand, der dann doch nicht ausgeführt wurde, sondern aus anderen Gründen abschickte. Diese Texte hat später  jemand versucht, in eine sinnvolle Abfolge zu ordnen, was aber zu abrupten Themenwechseln führen mußte, z.B. von der Kollekte für Jerusalem oder auch seiner Verteidigungsrede im 10. Kapitel. Ähnliches führt auch Hans Frör in „Ach Ihr Korinther!“ [11] aus.

Die Lesung aus dem Evangelium behandelt Ehe und Ehescheidung sowie „Die Segnung der Kinder“ [12]. „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ ist für mich eine klare Aussage, aber noch interessanter ist die Antwort Jesu Christi auf den Hinweis, daß Mose einen Scheidebrief zugelassen hatte: „Um eures Herzens Härte willen hat er euch dieses Gebot geschrieben; aber von Anfang der Schöpfung an hat Gott sie geschaffen als Mann und Frau.“ Also ich hätte hier abgeschlossen, aber die Lesung greift – „and now to something completely different“ – ein neues Thema, nämlich „Die Segnung der Kinder“ auf. Bei „Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie“ frage ich mich, ob wir das noch so unschuldig lesen können, wie es daher kommt und sicherlich vor 2000 Jahren auch so war. Aber mir drängen sich Bilder von Stalin und Hitler sowie natürlich Donald Trump mit Kindern auf, so daß ich diese aktiv dem richtigen Kontingent zuordnen muss.

Im Predigttext geht es um „Das Ährenraufen am Sabbat“ [13]. Beim Gang durch die Kornfelder rauften die Jünger Ähren aus. Interessanterweise liegen die synoptischen Evangelisten nicht ganz richtig [14]: „Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren?“ David traf den Priester Ahimelech in Nob ohne seine Leute. Er bat den Priester um Brot, der aber hatte nur die Schaubrote. Er gab diese Brote David unter der Bedingung, dass sich die Männer der Frauen enthalten haben, was aber der Fall war [15]. Es war also eine genehmigte, überlegte Ausnahme von der Regel. Ich frage mich überhaupt, ob man der Auslegung der Pharisäer folgen muss, denn nur das Sicheln des Weizens aber nicht das Abreißen der Ähren zählt als Arbeit [16]. Insofern treffen sich hier begründete Abweichungen von der Regel, also: „Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.“ Und: „So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.“

Das Altargesteck war in Köln wie bereits bekannt. Violette Töne mit orangen und roten Tupfern überwiegen. Die liturgische Farbe mag vorhanden sein, aber doch nur sehr versteckt. In der Natur auf dem Weg zur Versöhnungskirche sah es auch bunt aus. Das Grün schwindet und so auch die Zeit nach Trinitatis.





Inspiriert vom täglichen Blumenstrauß
auf einem Fahrrad von Ai Weiwei (艾未未).

Links und Anmerkungen:

[1] Annette von Droste-Hülshoff: Das geistliche Jahr. Union Verlag, Berlin 1952. S. 144-146. Am XXI. Sonntage nach Pfingsten. 
[2] https://kirchenjahr-evangelisch.de/20-sonntag-nach-trinitatis/ 
[3] Micha 6,8
[4] Antoine de Saint-Exupéry: Wind, Sand und Sterne (Originaltitel: Terre des Hommes). Karl Rauch Verlag, Düsseldorf 2002. ISBN: 9783792000304. Da ich das Buch vor fünf Jahren gelesen habe, weiß ich die Seitenzahl nicht mehr.
[5] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/GEN.8 1. Mose 8,18–22 und dazu gehört noch ein Teil aus dem 9. Kapitel
https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/GEN.9 1. Mose 9,12–17 
[6] https://www.bibleserver.com/EU.LUT/1.Mose8%2C4 1.Mose 8,4 und wenn man in https://biblehub.com/genesis/8-4.htm in den Bereich des hebräischen Textes geht, findet man dort „Berge von Ararat“.
[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Mount_Judi  
[8] Der Abenteuerroman „Durchs wilde Kurdistan“ von Karl May wurde 
1892 veröffentlicht und spielte in der Gegend; ein Gegner war der Pascha von Mossul.
[9] https://www.bibleserver.com/LUT/Psalm139 Ps 139,9
[10] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/2CO.3 2. Kor 3,3–6(7–9) 
[11] Leider habe ich das Buch [11a] von Hans Frör bislang nicht gelesen, da es fiktive Briefe an Paulus beinhaltet, aber er hat auch ein Kapitel „Zur Teilung der Paulusbriefe beigefügt (S. 170-173).
[11a] Hans Frör: Ach Ihr Korinther. Der Briefwechsel der Gemeinde in Korinth mit Paulus. Chr. Kaiser / Güterloher Verlagshaus, Güterloh 1994. ISBN: 3-579-02283-0.
[12] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MRK.10 Mk 10,2–9(10–12)13–16 
[13] https://www.die-bibel.de/bibel/LU17/MRK.2 Mk 2,23–28 
[14] Die betreffen Stellen sind bei Mt 12,1-8 und Lk 6,1-5 zu finden.
[15] https://www.bibleserver.com/LUT/1.Samuel21 
[16] 5. Mose 23,25



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