Monday, January 19, 2026

Tao – Die Weisheit des Flusses – mehr als eine BuchBesprechung

 


Ich stand kürzlich vor einem öffentlichen BücherSchrank und hatte plötzlich ein Buch in der Hand [1]. In RiesenBuchstaben stand da -: OSHO; 3 cm oder ca. 85 pt. Und groß, aber schon deutlich kleiner -: Tao; 14 mm oder 40 pt. Der Untertitel ist „Die Weisheit des Flusses“ und ein weiterer Untertitel lautet „Juwelen des Bewusstseins“. Das ist so ein Begriff, der ist genauso schön wie „Sultans of Swing“ [2]. Ich fragte einmal, was soll das denn bedeuten und bekam die Übersetzung: Sultane des Swing; damals gab es noch keine Handys, so daß mein GesichtsAusdruck nicht dokumentiert ist. An diesem Punkt war schon klar, daß ich dieses Buch nicht genießen würde. Aber ich wollte es trotzdem lesen, weil ich von diesem Osho [3] überhaupt noch nichts gelesen hatte [4]. Nur es war natürlich gefährlich, ein Buch zu nehmen, das ein chinesischen Hintergrund hat, da ich mir vorstelle, daß ich einiges selber darüber weiß. „Die Weisheit des Flusses“ -: des Rheins, der Themse, des Ganges, des Mississippi? Nein, es ist etwas anderes gemeint, nämlich ein zentraler Begriff des Daoismus; man benutzt heute Dao (); Tao ist eine veraltete Form. Der Klappentext erleuchtet uns dann: „Laotse nannte seinen Weg den »Lauf des Wassers«“. Nein, gewiß nicht, wenn auch Wasser ein zentrales Thema in der Schrift Daodejing (道德經) ist. Der Daoismus ist entgegen vieler Ideen im Westen nicht das, was wir als Religion auffassen. Laozi (老子) war auch nicht der Gründer des Daoismus, es ist sogar fraglich, ob es sich um eine historische Person handelt, aber ihm wird der etwa 5000 Zeichen umfassende Text Daodejing zugeschrieben. Schon dieser Text verleitet zu immer wieder neuen Übersetzungen. „Und ich weiß nicht, wie viel Hunderte Übersetzungen es gibt“ schrieb ich in meinem Manuskript; die Schätzungen gehen von 250 bis über 1000 [5]. Jede Übersetzung ist eine Interpretation. Gibt es ein zentrales Werk, einen Kanon des Daoismus? Jein, es gibt einen offenen Kanon, der im 15. Jahrhundert entstanden ist und Daozang (道藏) genannt wird [6]. Der deutsche Wikipedia Artikel berichtet über fast 1500 Bände. Der chinesische Artikel berichtet auch über die moderne Ausgabe, die nach der Revision aller Schriften durch die China Taoist Association (中国道教协会) editiert wurde. Die Ausgabe umfaßt 5.600 Bände, die in dieser Ausgabe 220mal gedruckt und über den Globus verteilt wurde. Man schätzt den Umfang auf über 70 Millionen Schriftzeichen [7]. Dieser Kanon enthält Schriften über Alchemie, die Suche nach den Inseln der Unsterblichen, Philosophie, GeheimGesellschaften, Wahrsagerei, Amulette, Übungen zur Verlängerung des LebensZeit und vieles mehr. Der Lauf des Wassers ist ein Begriff, den die deutsche Übersetzung eines Buches von Alan Watts [8] benutzt hat. Ich halte die deutsche Übersetzung des Titels für interessanter. 

In dem Buch von Osho stehen die SeitenZahlen oben und unten, wo man häufig Seitenzahlen hinsetzt, ist immer das Zeichen Dao (
); es ist eine ansprechende Kalligraphie. Dao ist das zentrale Zeichen des Daodejing und namensbildend für den Daoismus. Aber schon die ersten Zeichen des Daodejing zeigen die Problematik des Begriffs auf denn im Daodejing steht: „Der Weg, den man benennen kann, ist nicht der wahre Weg; Namen (Begriffe), die man geben kann, sind keine wahre Namen“ [道可道,非常道。名可名,非常名。]. Der Text schließt mit: 聖人之道为而不爭。Der Weg des Weisen wirkt ohne Konkurrenz (Wettstreit). Im 25 Kapitel heißt es: 吾不知其名,字之曰道,强为之名曰大。Das versuche ich so zu übersetzen: „Ich kenne seinen Namen nicht und nenne es daher Dao. Und wenn ich mich weiter um einen Namen bemühe, nenne ich es das Große.“ Dazu kann man in einer lesenswerten Magisterarbeit schmökern [9].

Auf den Seiten 6 bis 14 findet man Aussagen wie: „sie reden überhaupt nicht vom Ziel“, „der Pfad ist ein pfadloser Pfad“, „Tao bedeutet Transzendenz“, „Tao ist eine Rebellion“. Damit wird wahrscheinlich die Esoterik bedient. Und ich könnte mir vorstellen, daß dahinter der Satz steht: „Der Weg ist das Ziel“.  
Konfuzius [
孔子] (etwa 551-479 v. Chr.) schrieb in den Analekten [论语]: 子曰:「志於道,據於德,依於仁,游於藝。」Der Meister sagte: "Lasset den Willen auf den Pfad [der Pflicht] gestellt sein. Lasset jedes Erzielen in dem, was gut ist, festgehalten sein. Lasset der vollkommenen Tugend günstige Bedingungen zuteilwerden. Lasset Ruhe und Genuss in den höflichen Künsten [die Riten, Musik, Bogenschießen, Wagenfahren, Sprache und Mathematik] gefunden werden." [10] Dies ist wahrscheinlich der Ursprung von: Der Weg ist das Ziel.

Auf Seite 16 lese ich dann, Maria hieße auf Hebräisch Mariam und das bedeute Rebellion. Durch Ungehorsam kam Adam Zufall und durch Rebellion erhob sich Jesus. Ja, was ist denn das für ein Blödsinn. Mariam ist nicht hebräisch, hebräisch ist Mirjam. Mariam ist Griechisch und Maria ist zunächst einmal Lateinisch und später eben auch Deutsch. Die möglichen Bedeutungen sind vielschichtig. Eigentlich muß man sagen, daß die Herleitung des Namens zu unsicher ist. So, wie jeder es gerade gebrauchen kann. Bitterkeit, Widerspenstigkeit oder Auflehnung sind möglich, aber auch Wunschkind oder geliebtes Kind oder Geliebte des Amun.

Wenn ich etwas von Patrick Jane [11] und den VerschwörungsTheoretikern ebenso gelernt habe, dann ist es, daß eine guter TrickBetrüger alle Elemente, die willkürlich auftauchen, und auch gegensätzlicher Natur sein können, in ihren TrickKonstrukt problemlos einbauen können. Das aber muß man Bhagwan bzw. Osho lassen -: das hat er voll drauf. 

Auf Seite 26 lese ich, es gäbe nur wenige taoistische Tempel. Ja, wenn man die Volksrepublik China nimmt, da gibt es nicht nur wenige daoistische Tempel, sondern gibt es wenige Tempel überhaupt, letztlich gibt es aber doch tausende von ihnen. Wenn ich aber nach Taiwan schaue, dann ist auf dieser kleinen Insel die Zahl der daoistischen Tempel nicht gering, denn dort schätzt man die Zahl der daoistischen Tempel auf ca. 9000, um eine Zahl zu nennen. 

Es fällt auf, daß alle möglichen Religionen in diesen Taoteig hinein gemengt werden. Auf Seite 41 wird ein Text eingeleitet mit -: „einmal geschah es, dass ein Sufimystiker ...“ und dann kommt natürlich auch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ auf Seite 42. Jesus, Zarathustra und, „daß Tao ein anderer Name für Gott ist“ kann man ebenfalls dort lesen. Das Tao nichts von Wundern hält, sondern mehr von wissenschaftlichen Methoden.  Was soll dabei heraus kommen? Es soll dabei etwas heraus kommen, was im Westen die Klientel anspricht, dieses Bhagwan-Konglomerat aus östlicher Religion und westlicher  Psychotherapie. Es war erfolgreich!   

Das Buch ist reich bebildert. Aber viele der Bilder sind auch multipliziert worden, indem dasselbe Bild mehrfach, auch in verschiedenen Größen, erscheint. Oder einmal in einer bearbeiteten Formen und einmal in einer weniger bearbeiteten Form. So daß die Gesamtzahl der Bilder wieder herabgesetzt wird. Aber warum hat man das gemacht? Wahrscheinlich ist die Idee, daß es meditativer oder esoterischer wirken soll. Na, ich bin da eher skeptisch. Wo ich nicht skeptisch bin, ist in einer Empfehlung. Nein, das Buch braucht man nicht. Aber es war für mich eine gute Entschuldigung, wieder einmal in ein paar alten Büchern zu stöbern und zu lesen. 


Links und Anmerkungen:
[1] OSHO: Tao. Die Weisheit des Flusses. Königsfurt-Urania Verlag, Krummwisch 2011. ISBN: 978-3-86826-113-4.
[2] „Sultans of Swing“ ist ein Song der britischen Gruppe Dire Straits, den ich immer noch gerne höre.
[3] Osho (和尚) heißt nichts weiter als Mönch; das kannte ich aus dem Chinesischen unter der Aussprache heshang. Geboren wurde er als Chandra Mohan Jain (चन्द्र मोहन जैन) und war eine Weile als Bhagwan Shree Rajneesh bekannt. Er lebte von 1931 bis 1990.
https://de.wikipedia.org/wiki/Osho 
[4] Auch nicht, nachdem Hans Conrad Zander über einen Besuch in Pune („Poona“) berichtet hatte und wir uns über seine Reise unterhalten hatten. Das muss 1978 gewesen sein. Wenn ich mich recht erinnere, hatte er damals Bhagwan gefragt, ob er ihm einen seiner 93 (?) Rolls-Royce schenken würde.
[5] Das flüsterte mir die Google KI ein.
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Daozang und natürlich:
https://zh.wikipedia.org/wiki/%E9%81%93%E8%97%8F 
[7] Wenn man das Daodejing mit 5000 Zeichen in zwei Stunden liest und in dieser Geschwindigkeit jeden Tag 12 Stunden liest, dann hätte man Lesestoff für 6 ½ Jahre. Viel Spaß!
[8] Alan Watts [8a]: Der Lauf des Wassers. Eine Einführung in den Taoismus. Uter Mitarbeit von Al Chung-liang Huang [8b]. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983/1985. ISBN: 3-518-37378-1. Der Originaltitel lautet: Tao: The Watercourse Way [8c].
[8a] Alan Watts (1915-1973) war ein britischer Religionsphilosoph, spiritueller Lehrer und Autor.
https://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Watts 
[8b] Chungliang „Al“ Huang (黃忠良) ist ein taiwanesischer Philosoph, Tänzer, darstellender Künstler, Tai-Chi-Meister und Pädagoge. Er wurde in den 1930er Jahren in Shanghai geboren.
https://en.wikipedia.org/wiki/Chungliang_Al_Huang 
Grokipedia nennt 1937 als Geburtsjahr. Es handelt sich um einen sehr umfangreichen Artikel.
https://grokipedia.com/page/Chungliang_Al_Huang 
Eine der Quellen von Grokipedia ist:
https://livingtao.org/about/chungliang-al-huang/ 
[8c] https://en.wikipedia.org/wiki/Tao:_The_Watercourse_Way  
[9] Clemenz Znobb: Jenseits vom Tun. Daoistische Klassiker im Philosophieunterricht an der AHS. Masterarbeit der Karl-Franzens-Universität Graz.
https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/10601090  S.20 
[10] http://ctext.org/analects/shu-er
[11] Patrick Jane oder „The Mentalist“ ist eine fiktive Gestalt, gespielt von Simon Baker. „The Mentalist ist eine US-amerikanische Krimiserie von Bruno Heller, die von 2008 bis 2015 … „
https://de.wikipedia.org/wiki/The_Mentalist 
 

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