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Monday, December 28, 2020

Abzocke mit Rubaxx Cannabis Öl, erneut


Wieder einmal sehe ich eine Anzeige, die mich aufregt – die Anzeige von Rubaxx Cannabis Öl. „Dieses Cannabis Öl begeistert“ schreit es mir entgegen. Wen begeistert es denn? Mich bestimmt nicht. Vielleicht den Vertrieb. Mich regt es auf, weil Unwissenheit und Vermutung zum Kauf eines Produktes führen, dass man wg. des exorbitanten Preises sonst nicht gekauft hätte. Ich hatte bereits im Oktober darüber berichtet [1].

Hier sind die beiden Anzeigen aus dem Wochenspiegel, wie ich sie bekommen habe. Die obere ist vom 21.10.2020 und die untere vom 23.12.2020:




„Wissenschaftlern ist es nun gelungen, aus den Samen einer speziellen Cannabispflanze ein wertvolles Öl zu gewinnen. Das Geniale: Cannabissamen haben keine berauschende Wirkung.“ Wenn Sie meinen Blog verfolgt haben, dann wissen Sie, dass „genial“ ein Wort ist, das zur Vorsicht mahnt. Hanföl darf keine berauschende Wirkung haben, sonst könnte man es nicht zum Verzehr wie Olivenöl, Leinöl oder Salatöl verkaufen. Aber auch hier steckt der Teufel im Detail [2]. „Die Tetrahydrocannabinolgehalte sind in vielen hanfhaltigen Lebensmitteln zu hoch – gesundheitliche Beeinträchtigungen sind möglich“ berichtet das Bundesinstitut für Risikobewertung. Die Verbraucherzentrale schreibt: „Hanfsamen enthalten natürlicherweise kein THC. Allerdings können sie bei der Ernte mit THC-reichen Pflanzenteilen (Blüten, Blätter oder Stängel) in Berührung kommen. Dadurch kann sich THC durchaus in messbaren Mengen in kommerziell erhältlichen Hanfsamen und daraus hergestellten Lebensmitteln finden.“ Inwieweit das auch beim Hanföl von Rubaxx der Fall ist, müsste erst geprüft werden. Das würde ich einem funktionierenden Verbraucherschutz abverlangen.

In beiden Anzeigen sieht man Cannabispflanzen – wie hier auf meinem Blog auch! Das ist verlockend, aber auch fehl leitend. Denn das Öl soll ja gerade nicht aus den ganzen Pflanze sondern nur aus den Samen gewonnen werden. Und wie sehen Petrischalen. Was haben Petrischalen mit der Gewinnung eines Speiseöls zu tun? Und was soll die Pipette? Dosieren Sie ihr Olivenöl für den Salat mit einer Pipette? Petrischale und Pipette dienen dazu, einen Bezug zur Pharmazie herzustellen – wie auch die  PZN (Pharmazentralnummer).  Petrischale, Pipette, Pharmazentralnummer und Pharmazie beginnen auch noch alle mit P. Warum wird Rubaxx Cannabis Öl in der Apotheke mit einer PZN (Pharmazentralnummer) verkauft? Weil es nicht verboten ist, für ein Hanföl oder ein Salatöl eine PZN zu beantragen und weil man so ein Öl in einer Apotheke viel teurer verkaufen kann.

Ich lese, dass Rubaxx Cannabis Öl für den täglichen Verzehr geeignet ist. Also genau so wie Salatöl, Olivenöl, Distelöl, Maiskeimöl usw.
 
Cannabis ist der lateinische Ausdruck für Hanf. Und ob man es Hanflöl oder Cannibisöl nennt, es bleibt ein Speiseöl. In der Anzeige wird dieses Öl als Superfood bezeichnet. Leinöl enthält doppelt so viel omega-3-Fettsäuren wie Hanföl und hat nicht den Nachteil möglicher Rückstände.

RubaXX® Cannabis Öl wird als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben und dann gehört auch  Verzehrsempfehlung und Warnungen dazu. Die Empfehlung des Herstellers ist aber 3x5 Tropfen pro Tag. Und der Hersteller warnt: „RubaXX® Cannabis Öl darf nicht geraucht, vaporisiert, in der E-Zigarette verdampft oder inhaliert werden.“ Weshalb sollte man das tun, wenn es doch keine berauschende Wirkung hat? Oder kennen Sie jemanden, der Olivenöl raucht, vaporisiert oder verdampft und inhaliert? Na gut,  Menschen machen dumme Sachen. Wozu dies also? Ich meine, dass der Leser der Anzeige denken soll, es handele sich um ein pharmazeutisch wirksames Cannabisöl, aber ohne Nebenwirkungen. Dafür spricht auch die Empfehlung, das „Öl mit der Pipette unter die Zunge tropfen, für ein paar Sekunden unter der Zunge bzw. im Mund behalten und im Anschluss schlucken“. Wozu denn das? Um Magie zu erzeugen. Es handelt sich um eine magische Handlung. Das Öl wird nicht im Mund aufgenommen. Das Öl wird nicht von der alpha-Amylase der Speicheldrüsen verdaut, denn die kann nur bestimmte Glykosid-Bindungen bei Kohlenhydraten spalten.

Für 10 ml Rubaxx Cannabis Öl fand ich eine UVP von 32,95€ - das entspricht 3.295€ pro Liter. Für das Bio Hanföl von Steinberger zahlen Sie 16,95€ - allerdings für 750 ml, d.h. mit Versand zahlen Sie 27,50€ pro Liter. Sie würden also etwa das 120fache für
Rubaxx Cannabis Öl bezahlen. Deshalb ist Rubaxx Cannabis Öl in meinen Augen Abzocke. So gut kann ein Hanföl nicht sein, dass es 3.295 pro Liter kosten muss.

Rubaxx Cannabis Öl hat nichts mit dem zu tun, was Sie mit dem Wort Cannabis assoziieren. Rubaxx Cannabis Öl ist ein Hanföl, wie Sie es auch im Lebensmittelhandel bekommen können. Passen Sie auf, dass Ihnen die Magie des Wortes Cannabis nicht das Geld aus der Tasche zaubert.


Links und Literaturangaben:
[1] https://rheumatologe.blogspot.com/2020/10/abzocke-mit-rubaxx-cannabis-ol.html
[2] https://www.bfr.bund.de/cm/343/tetrahydrocannabinolgehalte-sind-in-vielen-hanfhaltigen-lebensmitteln-zu-hoch-gesundheitliche-beeintraechtigungen-sind-moeglich.pdf und
https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/lebensmittel/kennzeichnung-und-inhaltsstoffe/hanfsamen-hanfoel-hanftee-wie-steht-es-mit-der-sicherheit-12881

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Friday, June 30, 2017

Mega-Rot Krill-Omega-3 und Mega-Rot arthro N von Dr. Hittich




Ich bekam wieder einmal eine E-Mail von Dr. Hittich, in der mir versprochen wird, „dass Mega-Rot Krill-Omega-3 und Mega-Rot arthro N wahre Gesundheit entfesseln.“ Wahre Gesundheit? Manchmal ist in Werbung für Kunstgewerbe von wahren Kunstwerken gesprochen, die Gegenstände im Kunstgewerbe nun einmal nicht sind.
„Bestes Omega-3 fürs Herz, denn EPA und DHA tragen zu einer normalen Herzfunktion bei. Der gesundheitliche Nutzen wird durch einen täglichen Verzehr erreicht. Und das beste Super Omega-3 für die Gelenke bilden die beste Grundversorgung für Menschen über 50.“

Natürlich soll man sich ganz rasch entscheiden, denn dann bekommt man nocht etwas geschenkt. Das ist Abzocke in Reinkultur. Die Verlockung mit Rabatt unter Zeitdruck führt zu einer Bestellung, die man vielleicht sonst – unter Einschaltung des gesunden Menschenverstandes – nicht getätigt hätte.

Bei der weiteren Recherche kam ich zu einem „Advertorial“ in der Abendzeitung München [1]. Was ist ein Advertorial? Ein Advertorial „ist die redaktionelle Aufmachung einer Werbeanzeige, die den Anschein eines redaktionellen Beitrages erwecken soll. … Advertorials nehmen häufig Züge von Schleichwerbung an.“ [2] Ich gehe davon aus, dass hier gegen das Presserecht verstoßen wird. Aber was wird denn nun gesagt? „Schon seit Jahrhunderten schwören Menschen auf die gesundheitsfördernde Wirkung von Omega-3.“ Glauben Sie so einem Schwur? Schön dumm! Was Omega-3-Fettsäuren sind, weiß man erst seit den 1930iger Jahren, und richtig zur Kenntnis genommen hat man sie seit den 1980iger Jahren. „Das Immunsystem wird gestärkt, das Risiko einer Herzattacke reduziert und Gelenkschmerzen gelindert.“ Das verstößt ziemlich sicher der Health Claims Verordnung der EU.

Udo Pollmer berichtete [3]: „Stiftung Warentest widerlegt: Fischöl bringt nichts für die Gesundheit“. Pollmer beschreibt, wie das National Institute of Health, also der obersten Gesundheitsbehörde in den USA Fischöl einschätzt: "Omega-3-Supplemente haben keinen Schutz vor Herzkrankheiten gezeigt." „Grund für dieses vernichtende Urteil sind nicht etwa neue Studien, die alte Studien widerlegen, sondern einfach nur eine saubere Auswertung aller vorhandenen Daten nach den in der Forschung gültigen Regeln. Und da kam - zum wiederholten Male - heraus: Das Zeug nützt nix.“
„Es bleibt abzuwarten, ob eine kürzlich veröffentlichte Prozeßsequenzanalyse, die keine Wirksamkeit von ω-3-FAs bei der sekundären Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen nachweist, die Verwendung der Ergänzungen verändert.“ Berichten Andrew Grey und Mark Bolland in der Zeitschrift der amerikanischen Ärzte (JAMA) [4].

Ich habe mich schon häufiger zu Omega-3-Fettsäuren geäußert, über 50 Blogpost hier auf diesem Blog; vielleicht hier noch ein Link zu Krill Omega Red Oil [5]. Auf den Unsinn von Hyaluronsäure bin ich auch schon mehrfach eingegangen, z.B. bei Finitro Forte Plus [6].

Zusammenfassend können Sie getrost auf Mega-Rot Krill-Omega-3 und Mega-Rot arthro N verzichten.


Links:

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Wednesday, March 15, 2017

Superfood Chia Samen




Chia Samen stammen von einer Salbeiart, die in Mexiko gefunden wurde. Mittlerweile wird die Pflanze nicht nur in Mittel- und Südamerika, sondern auch in Australien angebaut. Trotzdem ist sie für Europa exotisch zu nennen. Und was aus Mexiko kommt, wird auch den Maya und Azteken zugeschrieben.

Was ist drin in Chia Samen?
Ca. 40% Fette und Kohlenhydrate und ca. 20% Proteine, außerdem Vitamine, Mineralien und Ballaststoffe. Die alpha-Linolensäure (omega-3-Fettsäure) hat mit 55% einen hohen Anteil. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum Chia Samen rasch in die Gruppe der Superfoods aufgenommen worden ist. Ist das etwas Besonderes? Ja und Nein. Im Bereich der Pflanzen gibt es nur wenig Quellen für omega-3-Fettsäuren. Vergleicht man Chia Samen mit Leinsamen, dann kommt man wieder zurück auf den Boden der Tatsachen. Die Haltbarkeit von Chia Samen ist etwas besser als die von Leinsamen. Dafür sind diese aber nicht um die halbe Welt gereist. Und die Haltbarkeit ist bei der ganzjährigen Verfügbarkeit nicht so wichtig.

Wozu eignen sich Chia Samen?
Man kann sie im Müsli verwenden. Kann man sie als Gebäck genießen (das hat schon Eingang in das Sortiment von Discountern gefunden)? Da wird es schon problematisch, denn omega-3-Fettsäuren vertragen keine Hitze.

Wie steht es mit gesundheitlichen Vorteilen?
Der Konsum von Chia Samen kann Entzündungsmarker wie IL-6 oder IgE erhöhen (1). Außerdem sind die Samen, ähnlich wie Leinsamen, sehr reich an Ballaststoffen, so dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit eine Empfehlung aus gesprochen hat, den täglichen Verzehr auf 15 g zu beschränken (2). Chia Samen können blutverdünnend wirken, so dass dies bei chirurgischen Eingriffen problematisch sein könnte. Sie können den Blutdruck senken, was man bedenken sollte, wenn man schon an niedrigem Blutdruck leidet.

Superfood oder nicht?
Ja. Aber auch nicht besser als heimische Produkte. Wer etwas Abwechslung zum Leinsamen möchte, kann sich die doppelt so teuren Chia Samen besorgen.


Links:



Weitere Bewertungen von Superfoods unter dem Stichwort "Superfoods" hier auf diesem Blog.

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Tuesday, February 21, 2017

Superfood Leinsamen




Leinsamen findet man im Müsli oder man fügt sie  geschrotet bei. Das Öl ist reich an omega-3-Fettsäuren. Gerade geschroteter Leinsamen ist bei Menschen mit Verdauungsbeschwerden beliebt. Es gibt verschiedene Sorten von Leinsamen, z.B. mit gelber oder mit dunkelbrauner Schale.

Gehen wir einmal einige der verschiedenen Inhaltsstoffe durch.

Alpha-Linolensäure
Der Körper benötigt zwei essentielle Fettsäuren: die Linolsäure (eine omega-6-Fettsäure) und die alpha-Linolensäure (omega-3-Fettsäure). Aus der Linolsäure entstehen Botenstoffe, die mit Schmerz und Entzündung zusammenhängen. Aus der alpha-Linolensäure stellt der Körper Gegenspieler, also Entzündung und Schmerz hemmende Stoffe, her. In der Nahrung sind meistens mehr omega-6- als omega-3-Fettsäuren enthalten. Insbesondere haben Menschen, die viel Fleisch essen über die Arachidonsäure, und interessanterweise Veganer (1, 2, 3) zu viel an omega-6-Fettsäuren. Leinsamen liegt einsam an der Spitze, wenn es um die alpha-Linolensäure geht, denn kein anderer Samen oder Pflanzenöl enthält so viel davon.

Linamarin und Plastochromanol-8
Sie haben noch nicht von Linamarin und Plastochromanol-8 gehört? Ich auch nicht, obwohl ich wusste, dass in Maniok Blausäure enthalten ist. Linamarin wird im Verdauungstrakt zu Blausäure zersetzt (4). Akute Vergiftungen sind bei Leinsamen allerdings nicht nachgewiesen worden, da die Blausäure auch gut ausgeschieden wird. Plastochromal-8 ist ein Antioxidans, das in hohen Mengen in Leinsamen nachgewiesen wurde, ist allerdings noch weitgehend unerforscht (5).

Vitamine
Leinsamen enthalten die Vitamine B1, B2, Nikotinsäure, Panthotensäure, B6, Folsäure und E. Allerdings sind diese bei der niedrigen Verzehrsmenge nicht nennenswert an der Versorgung mit Vitaminen beteiligt. Ausnahme vielleicht Vitamin E, denn bei Verzehr von 15 g nimmt man 20% der empfohlenen Tagesmenge auf (6).

Schleimstoffe
Schleimstoffe können Wasser aufnehmen. Wegen dieser Fähigkeit wird Leinsamen gegen Verstopfung/Obstipation eingesetzt. Die Kotmasse wird vermehrt und der Kot wird weicher, so dass er dann besser abgeführt werden kann. Übrigens sollten Leinsamen geschrotet werden, da die Schale sonst den Verdauungsversuchen standhält.

Lignane
Lignane sind Phytoöstrogene, die antioxidative Wirkung haben (7). Sie wirken auch schlaffördernd (Baldrianwurzel). Man vermutet einen Wirksamkeit gegen Herz-Kreislauf-erkrankungen. Außerdem wurde 2014 eine Studie bei Brustkrebs veröffentlicht (8). S.E. McCann und Kollegen veröffentlichten: „A pilot study comparing the effect of flaxseed, aromatase inhibitor, and the combination on breast tumor biomarkers.” Sie folgerten: “Our results do not support strong effects of FS [flaxseed] on AI [aromatase inhibitors] activity for selected breast tumor characteristics or serum steroid hormone levels but suggest AI therapy might reduce the production of circulating mammalian lignans from FS.” D.h. in der Therapie hat Leinsamen nach dieser Studie keinen Nutzen, wobei da das letzte Wort noch nicht gesprochen ist. Das Zentrum der Gesundheit hat noch weitere Studien gefunden (9). In einer Meta-Analyse zeigte sich ein geringeres Risiko für Brustkrebs bei höherer Aufnahme an Ballaststoffen (10). In einer anderen Meta-Analyse wurde ein geringeres Sterberisiko (40%) für Brustkrebspatientinnen mit hohem Blutspiegel an Phytooestrogenen nachgewiesen (11).

Ist Leinsamen ein Superfood? Ja.


Links:


Weitere Bewertungen von Superfoods unter dem Stichwort "Superfoods" hier auf diesem Blog.

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Wednesday, January 25, 2017

Kann Arthritis geheilt werden?




Ich habe wieder einmal gelesen (1). Da wird behauptet: „Arthritis: Heilung ist möglich“. Ist das so? Jein. Es gibt Formen der Arthritis, die ausheilen und nie wieder kommen. Es gibt solche, die eine Weile bestehen, durch Medikamente in die Remission (mit Remission bezeichnet man in der Medizin ein zeitlich begrenztes oder dauerhaftes Nachlassen von Krankheitssymptomen) gebracht werden, und dann auch Jahre oder Jahrzehnte wegbleiben. Und es gibt Formen der Arthritis, die dauerhaft bestehen und auch dauerhaft behandelt werden müssen. Da gibt es auch keine Heilung.

„Man kennt weder die tatsächliche Ursache der rheumatischen Erkrankung noch eine nebenwirkungsfreie Therapie.“ Das stimmt! Es ist so wie beim Big Bang – wenn entzündlich-rheumatische Erkrankungen einmal angefangen haben, wissen wir sehr gut, was geschieht, aber wir wissen nicht, warum es überhaupt einen Anfang gegeben hat. Wir kennen Faktoren, die den Beginn dieser Erkrankungen begünstigen, aber über den Beginn gibt es nur unbewiesene Hypothesen.
Wer meint, dass es nebenwirkungsfreie Therapien gäbe, der könnte genauso gut an den Weihnachtsmann glauben. Die sogenannte Wirkung ist eine von vielen, die von uns erwünschte, die Nebenwirkungen sind nur von uns nicht erwünschten. Medikamente werden so ausgewählt, dass sie ein hohes Maß an Wirkung und ein niedriges Maß an Nebenwirkungen haben.

Ich lese weiter: „Betroffene werden mit zweifelhaften Schmerzmitteln, Entzündungshemmern und sogar Chemotherapeutika ruhig gestellt.“ Wieso zweifelhaft? Und ruhig stellen schon gar nicht. Die Verminderung von Schmerzen und Entzündung macht erst wieder Bewegung möglich. Und gerade die ist in der Therapie entzündlich-rheumatischer Erkrankungen erwünscht. Gelenke werden über die Gelenkschmiere (Synovialflüssigkeit) ernährt. Die Gelenkschmiere muss vom Knorpel zur Gelenkkapsel und wieder zurück transportiert werden, um Abbauprodukte des Stoffwechsels aus dem Gelenk zu schaffen und Nährstoffe und Sauerstoff zum Knorpel hin zu schaffen, was aber durch die Bewegung geschieht.

„Arthritis-Diagnose auch ohne Arthritis möglich“. Natürlich nicht. Was der Autor dieses Satzes meint sind Laborwerte wie Rheumafaktor oder CCP-Antikörper, die schon Jahre (oder sogar Jahrzehnte) nachweisbar sein können, bevor die Erkrankung überhaupt ausgebrochen ist. Und keiner weiß, ob sie überhaupt ausbrechen wird. Hier müsste man erst einmal fragen, warum denn diese Werte überhaupt bestimmt wurden. Das frage ich mich häufiger, wenn Personen mit positivem Rheumafaktor ohne Gelenkbeschwerden mit der Frage nach „Rheuma“ zu mir geschickt werden. Dann können wir Rheumatologen aber auch Entwarnung geben. Hier wäre aber Platz für eine verantwortungsbewusste Präventivmedizin – z.B. die Ernährung umstellen, auf Rauchen verzichten, für Bewegung sorgen.

„Schulmedizin noch in der Lernphase“. Nein, nicht noch. Die Schulmedizin lernt immer dazu, während die Alternativmedizin sich wenig bewegt. Welche Entwicklung hat es z.B. in der Homöopathie gegeben? Hat man das bizarre Lehrgebäude dem menschlichen Wissenszuwachs angepasst?

Wohin geht die Reise therapeutisch? Natürlich ganzheitlich. Die wenigsten Menschen wissen, dass die Nazis im 3. Reich die ganzheitliche Medizin verinnerlichten (2) – „Diese Tendenz wurde von der nationalsozialistischen Gesundheitspolitik bereitwillig in ihrer Kritik an der Schulmedizin aufgenommen, die als „jüdisch-marxistisch“ durchsetzt und zu stark sozialmedizinisch orientiert angesehen wurde. Mit Begriffen wie dem „großen Ganzen“, dem „Naturganzen“ oder dem „Volksganzen“ wurden Konzepte einer „biologischen Medizin“ mit Ärzten als „Gesundheitsführern der Nation“ formuliert.“ Aber was bietet man nun an? Andere Hypothesen, die auf eine Bestätigung warten. Ganzheitlichkeit kann allerdings nicht bedeuten, dass man den Nachweis für seine Hypothesen nicht erbringt.

„Man schätzt, dass eine solche Nahrungsmittelunverträglichkeit bei bis zu 10 Prozent der Betroffenen an der Ausprägung der Arthritis mitbeteiligt sein kann.“ Ach, man muss nur schätzen, und dann ist das so. Bitte genaue Zahlen liefern.

Dann geht es weiter mit übersäuertem Bindegewebe, aber dafür steht auch kein Nachweis bereit. Außerdem könnte man sich einmal mit der Physiologie des Menschen beschäftigen. Übersäuerung wird nämlich viel leichter über die Atmung ausgeglichen als durch basische Ernährung. Anderseits führt die Auswahl basischer Nahrungsmittel (nicht etwa von Pülverchen) zu einer gesünderen Ernährung; und dann ist es auch sinnvoll, diese Ernährungsform zu verbreiten.

„Ein für die Entstehung von Arthritis ebenfalls bedeutendes Problem könnte das sog.Leaky-Gut-Syndrom (zu Deutsch "Durchlässiger-Darm-Syndrom") darstellen“. Könnte sein, könnte aber auch nicht sein. Gibt es das Leaky-Gut.Syndrome eigentlich (3)? “Leaky gut syndrome is a hypothetical, medically unrecognized condition.” Nein, es handelt sich um eine Hypothese, die erst zu beweisen wäre.

Zucker aus der Ernährung halten. Gerne! Aber dass die Arthritis dann verschwindet, das ist nicht nachgewiesen.

Ja, es werden zu hohe Mengen an Omega-6-Fettsäuren und wenig Omega-3-Fettsäuren verzehrt. Die als gesund geltenden mehrfach ungesättigten Fettsäuren sind fast immer Omega-6-Fettsäuren aus Sonnenblumenöl, Distelöl und weiteren. Die entzündungshemmenden Omega-3-Fettsäuren sind über Leinsaat oder Leinöl gut verfügbar (geringer Anteil auch in Walnüssen, Hanfsaat und Raps).

„Antioxidantien-Mangel in der Ernährung“. Ja, die moderne Ernährung kann zu einem Mangel führen. Dann ist auch richtig, diesen durch gesündere Ernährung auszugleichen. Unklar aber ist, ob dies auch Grund für die Entwicklung entzündlich-rheumatischer Erkrankungen ist.

„Immer wieder zeigen Studien, dass Vitamine, Spurenelemente, Enzyme, spezielle Fettsäuren und sekundäre Pflanzenstoffe zu einer Linderung der Arthritis bzw. zu deren Vorbeugung beitragen können.“ Bitte diese Studien vorlegen. Insbesondere für die Vorbeugung. Ich habe nichts gefunden.

„Bei chronischen Schmerzbeschwerden wie die Arthritis zeigte sich beispielsweise, dass Menschen, die optimale Vitamin-D-Werte aufwiesen, deutlich weniger Schmerzmittel brauchen.“ Auch ich kümmere mich um die unzureichende Versorgung mit Vitamin D3. Anders als in den USA wird bei uns die Milch nicht mit Vitamin D3 angereichert (auch noch ein Erbe aus der Nazi-Zeit!). Außerdem muss in den USA jedes Getränk, dass so aussieht wie Milch, also Soja-, Mandel-, Hafer-, Reis-„Milch“ auch mit Vitamin D3 angereichert sein. Die USA haben den Vorteil, dass sie südlicher liegen, also Washington auf etwa gleichem Breitengrad wie Madrid oder Rom. Da ist die Versorgung mit Vitamin D3 über Sonnenlicht weitaus besser. Der Rückschluss, dass der Ausgleich eines Vitamin D3 Mangels auch vorbeugend wirksam wäre, ist nicht statthaft. Es wäre eine ernst zu nehmende Hypothese. Aber dann muss man das auch nachweisen.

„Auch Vitamin C gilt als schützender Faktor gegen rheumatoide Arthritis.“ Ich habe mir einmal diese Studie angesehen (4). Die Autoren fanden heraus, dass Patienten sich mit Polyarthritis weniger Früchten und Vitamin C ernährt hatten. Sie regten weitere Studien an. Conclusion: “Patients with IP (cases) consumed less fruit and vitamin C than matched controls, which appeared to increase their risk of developing IP. The mechanism for this effect is uncertain. Thus similar studies are necessary to confirm these results.”

„Das Enzym Bromelain aus der Ananas ist für seine entzündungs­hemmende Wirkung bekannt …“ wird hinausposaunt. Aber entfaltet sich diese Wirkung auch am Gelenk? Da ist wenig geforscht worden. Es wird bei Arthrosen eingesetzt. Aber die letzte Studie (5) kam zu dem Ergebnis, dass Bromelain nicht effektiv ist [„This study suggests that bromelain is not efficacious as an adjunctive treatment of moderate to severe OA, …“].

Das Enyzm Superoxid-Dismutase (SOD) wird angeführt, aber die Quelleangabe liefert keine Studie. Ich habe dann aber doch eine Studie gefunden, die der Frage nach geht (6). Die hat zum Ergebnis, dass die SOD in roten Blutkörperchen von Patienten mit rheumatoider Arthritis verändert sind, aber dass andere nicht verändert sind und Kontroversen zu Ergebnissen mit anderen Studien bestehen. “There are some reports on erythrocyte SOD, CAT and GSH-Px activities in patients with RA, but the results are controversial.” Die isolierte Betrachtung eines Enzymsystems kann nicht zu einer Therapieempfehlung führen. Außerdem liegen für die SOD auch keine Befunde einer Besserung der rheumatoiden Arthritis vor.
Dauerstress und emotionale Belastungen mindern halte ich auch für eine gute Idee. Für Einflüsse auf eine rheumatoide Arthritis liegen genügend Befunde bzw. Studien vor.

Das hormonelle Ungleichgewicht bei Frauen in der Menopause wird angeführt, allerdings wird nur der Abfall von Progesteron und nicht der von Östrogen erwähnt. „Des Weiteren gilt eine Hormon-Ersatz-Therapie als Risikofaktor für die Entstehung einer Arthritis.“ Das wird Herrn Kollegen Klareskog wundern, denn er hatte mit anderen Forschern zusammen das gerade nicht gefunden (7). „No association between PMH use and ACPA-negative RA was found. PMH use might reduce the risk of ACPA-positive RA in post-menopausal women over 50 years of age, but not of ACPA-negative RA.” Die Hormonersatztherapie könnte sogar in CCP-Antikörper positive Frauen über 50 Jahre das Risiko mindern. Aber das nachzuweisen, war nicht Aufgabe der Studie, so dass deshalb der Konjunktiv gewählt wurde.

Ein Jodüberschuss durch jodierte Speisen wird als Ursache für Arthritis von den Autoren der betreffenden Internet-Seite vermutet. Nun ist es aber so, dass in Deutschland immer noch Menschen mit Jod unterversorgt sind. Im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft wurde eine Studie durchgeführt, die das zum Ergebnis hatte (8): „In der aktuellen DEGS-Studie liegt die geschätzte Jodzufuhr bei Männern im Median (25. bzw. 75. Perzentile) bei 125,9 Mikrogramm/ Tag (84,5; 184,0) und bei Frauen bei 125,3 Mikrogramm/Tag (81,8; 192,6). Demnach erreichen im Mittel 70 Prozent den geschätzten mittleren Jodbedarf (EAR).“

Magnesiummangel ist weit verbreitet. Aber für die Wirksamkeit einer Nahrungsmittelergänzung auf die Entwicklung oder den Verlauf einer rheumatoiden Arthritis liegen keine belastbaren Befunde vor.

„Schwermetalle (z.B. Quecksilber aus Zahnfüllungen) können sich in den Gelenken ablagern und dort zu einer Arthritis führen.“ Es gibt sehr viele Arbeiten zu Schwermetallen, aber nur wenige, die sich mit der Arthritis beschäftigen. Ich habe eine gefunden (9), die sich aber mit der Schwermetallaufnahme über Zigarettenrauch und der Aufnahme von Schwermetallen sowie der Auswirkung auf Arthritis beschäftigt. Ausleitungsverfahren haben bislang keine Nachweis erbracht. Aber ich meine, dass die Schwermetallexposition zu reduzieren ist und insbesondere das Rauchen eingestellt werden sollte.

Eine Parodontitis (chronische Zahnfleischentzündung) wird als Risikofaktor für die Entstehung von Arthritis beschrieben. Das stimmt auch so, denn man hat vermehrt Porphyromonas gingivalis Antikörper bei Patienten mit rheumatoider Arthritis nachgewiesen. Allerdings besteht auch eine Assoziation zum Rauchen. Trotzdem: Zahnhygiene ist eine gute Idee.

„Die Toxine von Pilzen lagern sich gerne in wenig durchbluteten Körperbereichen (wie z.B. den Gelenken) ab.“ Schauen Sie einmal mit folgender Suchanfrage bei PubMed nach: ("Mycotoxins"[Mesh]) AND "Arthritis, Rheumatoid"[Mesh].

„Parasitenbefall in ganz anderen Organen (Milz, Leber etc.) kann sich irritierend auf das Immunsystem auswirken und so zu dessen Fehlleitung mit Arthritisfolge führen.“ Andereseits ist eine Hypothese, dass unsere Vorfahren durch Parasitenbefall einen gewissen Schutz vor Arthritiden hatten. Da läuft die Forschung gerade, nämlich mit den Eiern des Schweine Peitschenwurms (Trichiuris suis) (10). Die TSORA Studie wurde abgebrochen, die vorhandenen Daten werden aber aktuell ausgewertet, so dass wir für dieses Jahr eine Vorstellung der Ergebnisse erwarten.

„Für wen ist die ganzheitliche Arthritis-Therapie geeignet?“ Da fallen dann schon sehr viele durchs Sieb. Ein befreundeter irischer Rheumatologe schilderte mir einmal die Schwierigkeiten, die er bei einer sehr einfachen Diätstudie in den 90iger Jahren hatte (11). Die Schwierigkeit bestand darin, genügend Interessenten zu finden, die auch bereits waren die Ernährung lange genug zu verändern. Also könnte es durchaus sein, dass die Ideen einer ganzheitlichen Arthritis-Therapie nicht alle falsch zu sein brauchen, aber sie in der Praxis gar nicht durchführbar ist.
Ich stimme mit Teilen überein, würde darin aber nicht mehr als eine Unterstützung einer bestehenden Therapie sehen. Das wären z.B.:
·         Sinnvolle Ernährung (mehr omega-3-Fettsäuren, mehr Vitamin D3, mehr Antioxidantien, weniger Arachidonsäure, weniger omega-6-Fettsäuren überhaupt, weniger Fleisch – am besten ganz drauf verzichten)
·         Rauchen aufgeben
·         Bessere Zahnhygiene
·         Mehr Bewegung
·         Keine Nahrungsergänzungsmittel mit Ausnahme bei nachgewiesenem Mangel gezielt


Links:

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