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Wednesday, March 27, 2024

WIN [1] Curcuma


Was ist Curcuma? Zunächst ein Gewürz, das meist in Curry verwendet wird.  Curcumin ist der orange bis gelbe Farbstoff, der im indischen Gelbwurz vorkommt. Curcuma (auch Kurkuma im Deutschen), Gelbwurz oder Turmeric kann man sich im Lebensmittelhandel besorgen; dummerweise ist der Name Gelbwurz doppelt vergeben, es gibt noch ein Hahnenfußgewächs, das aber mit dem indischen Gelbwurz nichts zu tun hat. Gelbwurz weist auf das Rhizom hin. Gelbwurz gehört zur Familie der Ingwergewächse. Curcuma wurde in Deutschland lange Zeit fast ausschließlich als Pulver verkauft, ist aber mittlerweile auch in Supermärkten wie Ingwer frisch erhältlich.

Über Curcuma habe ich schon mehrfach berichtet [2] und jetzt kam eine alarmierende Nachricht, so daß ich mich entschlossen habe, nochmals etwas zu Curcuma zusammenzustellen und mich erneut zur Lage der wissenschaftlichen Studien zu informieren.

Curcumin ist ein Polyphenol, das entzündungshemmende Wirkungen durch Herabregulation von entzündlichen Transkriptionsfaktoren (wie NF-kappa B), Enzymen (wie Cyclo- und Lipoxygenasen) und Zytokinen (wie Tumornekrosefaktor, Interleukin 1 und Interleukin 6) vermittelt. Zusammenfassend hat Curcumin in-vitro („im Reagenzglas“) krebshemmende, antioxidative und entzündungshemmende Wirkungen gezeigt und ist dmit interessant für die Humanmedizin. Ein wesentliches Problem besteht allerdings  in der geringen Aufnahme über den Magen-Darm-Trakt [3]. Anscheinend kann man aber doch die Aufnahme steigern (z.B. durch Piperin). Aber ich schrieb bereits vor 6-7 Jahren: „Curcuma ist in der indischen Kultur etabliert, und in Anwendungen als Gewürz und ayurvedisches Heilmittel kann man von Sicherheit ausgehen. Kann man das aber auch für die verbesserte Bioverfügbarkeit sagen? Kann man ausschließen, dass Nanopartikel aus Curcumin sich in Zellen anhäufen? Ich weiß das nicht. Aber diese Bedenken sollten durch wissenschaftliche Untersuchungen zerstreut werden, bevor man Curcumin als Medikament einsetzt.“

Nun wird aber bereits Curcumin als Nahrungsergänzungsmittel gegen Schmerzen eingesetzt. Der Artikel, der mir vorgelegt wurde, berichtet über eine 36jährige Frau, die wegen Kniegelenkschmerzen sechs Monate lang 2g Curcumin (zulässige Menge) täglich eingenommen hatte [4]. Sie stellte sich in der Klinik vor und zeigte das Bild einer hepatozellulären Schädigung mit Gelbsucht (Ikterus); die Laborwerte waren so hoch, wie man sie bei einer akuten Hepatitis findet. Die sogenannten Transaminasen (Laborwerte) lagen sechs Wochen nach Absetzen von Curcumin wieder im Normbereich. Das Bilirubin lag aber noch über sechs Monate lang über der Norm.

Ich forschte dann weiter und fand den Artikel einer italienischen Gruppe, die sieben Erkrankungen in der Toskana beobachtet hatten [5]. Für mich erschreckend war besonders der Fall einer 61jährigen Frau, die lediglich zwei Wochen lang 250mg eingenommen hatte. Ihre Laborwerte sahen genauso katastrophal aus.
In der Übersichtsarbeit von Zrinka Djukić Koroljević und Kollegen [6] heißt es: „Die am besten untersuchten Tagesdosen für die Curcumin-Einnahme liegen bei 1000–2000 mg/Tag, was auch den Dosen entspricht, die die meisten Autoren empfehlen. Weitere Forschung ist erforderlich, um die präventive Rolle von Curcumin bei der Pathogenese von Arthrose, die Auswirkungen der Langzeitanwendung von Curcumin zu präventiven Zwecken und zur Behandlung von Arthrose zu bestimmen sowie optimale therapeutische Dosierungen zu bestimmen.“ Mir fehlt dabei der Hinweis auf Studiendesigns, die auch die Sicherheit im Auge behalten.

Im Jahr 2022 veröffentlichten Liuteng Zeng und Kollegen eine Metaanalyse [7], die zu dem Ergebnis kam: „Curcumin und Curcuma longa-Extrakt können die Symptome und das Entzündungsniveau bei Menschen mit Arthritis verbessern. Aufgrund der geringen Qualität und geringen Anzahl der RCTs müssen die Schlussfolgerungen jedoch sorgfältig interpretiert werden.“ Einschränkend muss gesagt werden, daß die Autoren Studien zu sehr heterogenen Erkrankungen in die Analyse einbezogen haben, nämlich: Ankylosierende Spondylitis (AS), rheumatoide Arthritis (RA), Osteoarthritis (OA) [Polyarthrose], juvenile idiopathische Arthritis (JIA) und Gicht/Hyperurikämie. Und auch hier fehlt die Sicherheitsanalyse.

Ich halte Curcuma weiterhin für ein Supergewürz, auf das Sie nicht verzichten sollten. Mischen Sie Ihr eigenes Curry (das macht die indische Hausfrau sowieso). Bei gleichzeitigem Gebrauch von schwarzem Pfeffer könnte sich die Aufnahme verbessern. Ich esse fast täglich ein Currygericht. Aber als Medikament sollten Sie es nicht ansehen. Und bis Studien zur Sicherheit vorliegen, sollten Sie die frei verkäuflichen Präparate meiden, denn der Hersteller eines Nahrungsergänzungsmittels haftet nicht nach dem Arzneimittelgesetz.


Links und Anmerkungen:
[1] WIN bedeutet „What is new“ und wird gerne bei Kongressen benutzt, um die Vortragsreihen zu kennzeichnen, bei denen neue Entwicklungen gezeigt werden. Hier will ich unter WIN Themen aufgreifen, die ich früher einmal bearbeitet hatte und nun auf neue Erkenntnisse hin untersuchen möchte.
[2] http://rheumatologe.blogspot.com/2017/02/superfood-curcuma.html und http://rheumatologe.blogspot.com/2017/05/curcuma-als-medikament.html  
[3] In einer Bachelorarbeit schreibt Sunita Chhatwal [3a]: „Als allererstes fällt auf, dass durch die Einnahme von dem Gewürz Curcuma, in dem nur 2–5% Curcumin enthalten ist, keine medizinischen Heilwirkungen erzielt werden können. Die geringe Konzentration verbunden mit der niedrigen Bioverfügbarkeit wird keinen Effekt auf den Körper ausüben. Laien, die in Zeitschriften auf die Wirksamkeit von Curcuma aufmerksam gemacht und durch den täglichen Verzehr in den Glauben versetzt werden, etwas Gutes für ihre Gesundheit getan zu haben, werden getäuscht.“ Zitiert aus [3b].
[3a] http://edoc.sub.uni-hamburg.de/haw/volltexte/2015/2852/pdf/Sunita_Chhatwal_BA.pdf ist leider nicht mehr aufrufbar.
[3b] https://rheumatologe.blogspot.com/2018/11/dph-weihrauch-spezial-3000.html
[4] Nadia Smati, Crystal Xue, Manasa Vallabhaneni, et al. A Case of Turmeric-Induced Liver Injury. AIM Clinical Cases.2023;2:e230090. [Epub 21 November 2023]. https://doi.org/10.7326/aimcc.2023.0090   
[5] Lombardi N, Crescioli G, Maggini V, et al. Acute liver injury following turmeric use in Tuscany: An analysis of the Italian Phytovigilance database and systematic review of case reports. Br J Clin Pharmacol. 2021; 87: 741–753. https://doi.org/10.1111/bcp.14460  
[6] Originatext: „The most researched daily doses of curcumin intake are 1000-2000 mg/day, which would also be the doses that most of the authors recommend. Further research is needed to determine the preventive role of curcumin in the pathogenesis of OA, the effects of long-term usage of curcumin in preventive purposes and treatment of osteoarthritis, as well as to determine optimal therapeutic dosages.“
Koroljević ZD, Jordan K, Ivković J, Bender DV, Perić P. Curcuma as an anti-inflammatory component in treating osteoarthritis. Rheumatol Int. 2023 Apr;43(4):589-616. doi: 10.1007/s00296-022-05244-8. Epub 2022 Nov 17. PMID: 36394597. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36394597/
[7] Original: „Curcumin and Curcuma longa Extract may improve symptoms and inflammation levels in people with arthritis. However, due to the low quality and small quantity of RCTs, the conclusions need to be interpreted carefully.“
Zeng L, Yang T, Yang K, Yu G, Li J, Xiang W, Chen H. Efficacy and Safety of Curcumin and Curcuma longa Extract in the Treatment of Arthritis: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trial. Front Immunol. 2022 Jul 22;13:891822. doi: 10.3389/fimmu.2022.891822. PMID: 35935936; PMCID: PMC9353077.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35935936/  


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Thursday, March 21, 2024

WIN [1] Foot Patches oder Fuß-Pflaster

 



Foot Patches oder Fuß-Pflaster sind selbstklebende Pflaster, die abends an den Fußsohlen aufgeklebt werden sollen, um über Nacht Giftstoffe aus dem Körper herauszuziehen. Sie haben viele Namen wie „Vitalpflaster, Chi Pads, Detox Pads, Detox Patches oder Detox-Pflaster“ [2] oder Super-Turmalin-Entgiftungspflaster, wie das erste Pflaster hieß, mit dem ich konfrontiert wurde und zu dem ich meinen ersten Blogpost zum Thema Ende 2012geschrieben hatte [3]. Der Begriff „Detox“ ist die Abkürzung für Detoxifikation, also Entgiftung, und wird auch bei anderen Produkten und Methoden verwendet. In diesem Zusammenhang tritt regelmäßig der Begriff „Schlacken“ auf, der aber nicht weiter definiert wird. „Dabei soll es sich um Ablagerungen aus Schad- und Giftstoffen handeln, die über ungesunde Ernährung und Umwelteinflüsse in unseren Körper gelangen.“ [4]

In den Pflastern sind z.B. Tee, Essig, Bambus, Ginseng, zermahlene Heilsteine wie Amethyst oder Turmalin und andere mehr – wahrscheinlich sind die Unterschiede auf Gründen der Unterscheidung zu anderen Produkten oder aus Werbegründen vorhanden. Man will mit dieser Behandlung insbesondere chronische Erkrankungen oder Schmerzen behandeln – es soll sich auf Dauer ja auch lohnen.

2012 /2013 interessierte mich besonders für Werbung und Werbeversprechen. Die Werbung nutzt chinesische oder japanische Schriftzeichen, die allerdings nur eines deutlich machten, man wußte nicht, was sie bedeuteten. Die Ausleitung von Giftstoffen oder Schwermetallen ist wissenschaftlich gesehen unsinnig, da die menschliche Haut eine natürliche Schutzhülle für den Körper gegenüber der Umwelt bildet. Ich hörte einmal von Magnesium Öl [5], das auf die Haut aufgetragen, unter der Haut im Körper Schmerzen lindern sollte, aber weder handelte es sich um Öl noch dringt es über die Haut ein, denn sonst könnte man nicht im Toten Meer baden [6]. Man badet auf dem Rücken liegend, damit man kein Wasser in die Augen, Nase oder Mund bekommt. Die Hälfte der gelösten Salze im Toten Meer ist Magnesiumchlorid. Wer also behauptet. er könne Stoffe über die Haut ausleiten, der sollte erst einmal den Nachweis für seine unsinnige Behauptung erbringen.

Ich lese: „Die Schwarzfärbung der Detox Pflaster ist ein Beweis dafür, dass die natürlichen Inhaltsstoffe des Entgiftungspflasters mit der Fußhaut reagiert haben. // Es wird empfohlen, die Foot Pads öfters anzuwenden, bis die Verfärbung immer mehr abnimmt.“ [7] Das ist natürlich kein Beweis. Ich habe früher einmal zwei Versuche durchgeführt, über die ich hier noch einmal berichten möchte [8]: Ich hatte 2013 ein Pflaster als Gratisprobe bekommen erhalten und zwei Versuche durchgeführt.
Versuch 1:
Ich habe das Pflaster der Verpackung entnommen und mit drei Tropfen Wasser befeuchtet und danach auf der wasserdichten Verpackung aufgeklebt und 10 Stunden liegen gelassen. Hier ist das Ergebnis:



Nach der Theorie des Vertreibers soll dies nun der Beweis sein, daß etwas dem Körper entzogen worden ist. Allerdings klebte dieses Pflaster auf einer wasserdichten Folie und nicht auf einem Menschen (ich führe doch keine unerlaubten Menschenversuche durch!).
Versuch 2:
Die Versuchsanordnung 2 ist sehr viel einfacher:



Links ein unbenutzter und rechts ein benutzter Teebeutel. Das ist das Prinzip des Foot Patches. Der Tee im Pflaster (oder andere Bestandteile) färbt bei Kontakt mit Schweiß das Pflaster.
Fazit: warum sich nicht gleich Teebeutel unter die Füße kleben, das ist zwar genauso unsinnig wie die Foot Patches, aber ungleich preiswerter.

Ich habe heute PubMed auf Studien zu Foot Patches untersuchtet und erwartungsgemäß keine gefunden. Ich schaute auch noch einmal auf der Seite Quackwatch nach, die aber den Artikel von 2010 nicht erweitert hatte hat [9]. Immerhin erwähnt er, daß in den USA jemand auf 14.5 Millionen US$ Strafe verurteilt worden war wegen falscher Werbeaussagen. Außerdem hatte der Gatte einer Reporterin so ein Pflaster über Nacht getragen und sie ließ dieses Pflaster und ein unbenutztes auf Schwermetalle untersuchen und der Gehalt war gleich, also war nichts aus dem Körper entfernt worden. Das ist zwar keine Studie, aber mehr kommt auch bei einer Studie nicht heraus.

Beim Googeln fand ich Vergleiche auf einer Seite „WELT“, die das Logo der Springer-Zeitung „Die Welt“ trägt, aber einen eigenen handelsrechtlichen Eintrag besitzt [10]. Dort fand ich: „... kleine Wellness-Behandlung? Belebende Detox-Fußpflaster können wohltuend und vitalisierend wirken und zielen auf eine entschlackende Wirkung ab. ..., dass für eine nachhaltige und wirksame Entgiftung keine Garantien gegeben sind.“ [11] Ich fand keine schlechte Bewertung, aber die Seite sieht so seriös aus wie die von TEST oder Öko-TEST. Was der wenig geübte Leser erfährt ist, daß Produkte als „sehr gut“ bewertet werden, aber er liest nicht, daß sich dies etwa auf das Kleben des Pflasters aber nicht dessen Wirkung bezieht.

Der MDR hatte auch recherchiert, daß die Wirksamkeit von Entgiftungspflastern nicht mit Studien belegt werden kann. Verfahren wegen  unerlaubter gesundheitsbezogener Angaben sind erfolgreich gewesen [12]. Werbeverstöße verjähren allerdings schnell und eher geringen Strafen werden durch den enormen Verdienst gedeckt. Manchmal muss ein Prokukt vom Markt genommen werden, dann kommt eben ein neuer Anbieter mit den umverpackten Detox-Fuß-Pflaster. Ein solches Phänomen gibt es in der griechischen Mythologie – die Hydra, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn einer abgeschlagen wird.

Zum hinter die Ohren schreiben: Ausleiten von Giftstoffen über Fußpflaster ist unsinnig. Egal wie günstig diese Produkte zu sein scheinen, es handelt sich um Abzocke.



Links und Anmerkungen:
[1] WIN bedeutet „What is new“ und wird gerne bei Kongressen benutzt, um die Vortragsreihen zu kennzeichnen, bei denen neue Entwicklungen gezeigt werden. Hier will ich unter WIN Themen aufgreifen, die ich früher einmal bearbeitet hatte und nun auf neue Erkenntnisse hin untersuchen möchte.
[2] https://www.onmeda.de/gesundheit/alltagstipps/entgiftungspflaster-id203161/  
[3] https://rheumatologe.blogspot.com/2012/12/super-turmalin-entgiftungspflaster.html  
[4] https://www.onmeda.de/gesundheit/alltagstipps/entgiftungspflaster-id203161/  
[5] Transdermales Magnesium https://rheumatologe.blogspot.com/2017/09/transdermales-magnesium.html  
[6] Über diesen Teil einer Reise wollte ich schon längst berichtet haben.
[7] https://summerfoot.de/blogs/news/detox-pflaster-foot-pads  
[8] Super-Turmalin-Entgiftungspflaster - die Zweite https://rheumatologe.blogspot.com/2012/12/super-turmalin-entgiftungspflaster-die.html   
[9] Stephen Barrett, M.D.: The Detox Foot Pad Scam. Revised November 12, 2010. https://quackwatch.org/device/reports/kinoki/
[10] „VGL Publishing AG / Oranienstraße 6 / D-10997 Berlin // Amtsgericht Charlottenburg / Handelsregisternummer: HRB 243307 B / USt-ID: DE296826903“ Zitat aus dem Impressum, wie [11].
[11] https://www.welt.de/vergleich/detox-fusspflaster/  
[12] https://www.mdr.de/ratgeber/lifestyle/entgiftung-pflaster-fuss-detox-nutriform100.html  

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Tuesday, March 19, 2024

WIN [1] Spermidin als Antiaging und gegen Demenz




Was ist Spermidin? Es handelt sich um eine Substanz, die man erstmalig bei Spermien entdeckt hat und die deshalb diesen Namen trägt. Es handelt sich also um eine natürliche Substanz, die in allen lebenden Organismen vorkommt. Sie ist ein biogenes Amin oder Polyamin [2] als Zwischenprodukt bei der Bildung von Spermin aus Putrescin und decarboxyliertem S-Adenosylmethionin – nur zur Vollständigkeit. Darmbakterien können Spermidin herstellen. Der größte Teil wird durch Nahrung aufgenommen, weshalb man auf den Gedanken kommen könnte, Nahrungsergänzungsmittel einzunehmen. Andererseits stellt unser Körper Spermidin selbst. Spermidin, wie auch andere biogene Amine, helfen bei der Steuerung der Autophagie, womit man den Prozess beschreibt, der für den Abbau von alten Zellen oder verbrauchten Zellbestandteilen notwendig ist. Im Alter findet man weniger Spermidin in den Zellen. Würmer und Fliegen scheinen durch Spermidin länger zu leben. Ob das auch beim Menschen  funktioniert, ist nicht abschließend erforscht.

2013 kam ich erstmals mit Spermidin als Antiaging-Konzept bzw. als Heilmittel gegen Altersdemenz in Kontakt und da schrieb ich: „Spermidin gehört zu den Polyaminen wie auch Putrescin und Cadaverin. Die Namen dieser Substanzen sind schon Programm, denn diese Substanzen entstehen bei Fäulnis und wurden früher auch als Leichengift bezeichnet.“ [3]
2017 konnte ich mehrere Studien einsehen und beendete den Blogpost mit [Übersetzung]: „Wenn Sie beispielsweise Weizenkeimlinge oder Natto (ein japanisches Produkt aus fermentierten Sojabohnen) wie ich mögen, sollte Sie nur eine Unverträglichkeit vom Verzehr dieser Lebensmittel abhalten. Denken Sie nur nicht, daß es Demenz oder Alzheimer vorbeugt. Nehmen Sie Spermidin enthaltende Nahrungsergänzungsmittel erst dann ein, wenn ihre Wirksamkeit nachgewiesen ist.“ [4]
2023 schrieb ich über Abzocke, denn ich fand einen immensen Preisunterschied zwischen einem Nahrungsergänzungsmittel aus Weizenkeimen und Weizenkeimen als Nahrungsmittel. Das sah die Verbraucherzentrale ähnlich. [5]

Bleiben wir einen kurzen Moment bei Nahrungsergänzungsmitteln (NEM). Man hat las Höchstmenge 6 mg Spermidin festgelegt. Mittlerweile gibt es NEMs aus Sojabohnen, die ebenso als Histaminliberator sind wie die NEMs aus Weizenkeimen. Bei den letzteren ist jedoch auch noch eine mögliche Glutenunverträglichkeit zu beachten.

Kommen wir zu neuen Studien.
Virologen der Charité Berlin, von denen der Allgemeinheit vielleicht Christian Drosten und Marcel Müller bekannt sind, konnten zeigen, daß man durch die Gabe von Spermidin bei SARS-Covid-2 infizierten humanen Lungenzellen die Viruslast vermindern konnte [6]. Zellstudien kann man nicht direkt auf Menschen übertragen, denn das Spermidin muss zur Zelle gelangen und das geht so einfach nicht.

Claudia Schwarz und Kollegen untersuchten die Auswirkungen einer Spermidin-Supplementierung auf Kognition und Biomarker bei älteren Erwachsenen mit subjektivem kognitiven Rückgang in einer randomisierten klinischen Studie [7].
Sie kamen zu dem Ergebnis [Übersetzung]: „In dieser randomisierten klinischen Studie führte eine längerfristige Spermidin-Supplementierung bei Teilnehmern mit subjektivem kognitiven Rückgang im Vergleich zu Placebo nicht zu einer Veränderung des Gedächtnisses und der Biomarker.“

In einer Studie von Thomas Pekar und Kollegen zeigte sich eine Korrelation zwischen Spermidinaufnahme und kognitiver Leistung [8], mehr aber auch nicht.

Wie schon oben angesprochen, muss das Spermidin erst einmal dort ankommen, wo es wirken soll. Prof. Dr. Martin Smollich von der Universitätsklinik Lübeck hat das zusammen mit Kollegen in einer Studie untersucht [9]. Diese Studie kommt zu dem ernüchternden Ergebnis [Übersetzung]: „Eine hochdosierte Spermidin-Supplementierung erhöht nicht den Spermidinspiegel im Blutplasma und Speichel gesunder Menschen“. Prof. Dr. Martin Smollich im in der MDR-Sendung Wissen: „Man kann zwar Spermidin einnehmen, aber es kommt gar nicht im Körper an.“ [10]
   
Spermidin findet sich reichlich in: Weizenkeimen, Haferflocken, grüner
Paprika, gereiftem Käse (wie Parmesan und Cheddar) sowie Sojaprodukten wie Natto. Noch nennenswert in: Vollkornbrot, Hülsenfrüchten, Kürbiskernen, Pilzen, Äpfeln, Nüssen und Salat. Bei gesunder Kost sollte es keinen Mangel an Spermidin in der Nahrung geben

Wie steht es bei Nahrungsergänzungsmitteln? 6 mg Spermidin eines beliebig ausgesuchten Präparates kosteten 3,00 €; 6 mg über Weizenkeime aus dem Supermarkt kosten nur etwa 0,10 €. Tja, ich nenne das Abzocke.

Ich würde mich auch nicht zu sehr mit Spermidin aufhalten, gesunde Ernährung erhält genug und wirkt ziemlich sicher auch über Spermidin hinaus. Fazit: es gibt neue Studien, aber die Notwendigkeit einer Spermidin-Supplementation konnte nicht gezeigt werden.



Links und Anmerkungen:
[1] WIN bedeutet „What is new“ und wird gerne bei Kongressen benutzt, um die Vortragsreihen zu kennzeichnen, bei denen neue Entwicklungen gezeigt werden. Hier will ich unter WIN Themen aufgreifen, die ich früher einmal bearbeitet hatte und nun auf neue Erkenntnisse hin untersuchen möchte.
[2] Biogene Amine https://de.wikipedia.org/wiki/Biogene_Amine und Polyamine https://de.wikipedia.org/wiki/Polyamine
[3] Spermidin / Polyamine als Heilmittel gegen Altersdemenz? http://rheumatologe.blogspot.com/2013/09/spermidin-polyamine-als-heilmittel.html
[4] Spermidine in Alzheimer's https://rheumatologe.blogspot.com/2017/01/spermidine-in-alzheimers.html 
[5] Spermidin oder Weizenkeime? https://rheumatologe.blogspot.com/2023/02/spermidin-oder-weizenkeime.html
[6] Nils C. Gassen, Jan Papies, Thomas Bajaj, Frederik Dethloff, Jackson Emanuel, Katja Weckmann, Daniel E. Heinz, Nicolas Heinemann, Martina Lennarz, Anja Richter, Daniela Niemeyer, Victor M. Corman, Patrick Giavalisco, Christian Drosten, Marcel A. Müller: Analysis of SARS-CoV-2-controlled autophagy reveals spermidine, MK-2206, and niclosamide as putative antiviral therapeutics. bioRxiv 2020.04.15.997254; doi: https://doi.org/10.1101/2020.04.15.997254  
https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.04.15.997254v1
[7] Schwarz C, Benson GS, Horn N, Wurdack K, Grittner U, Schilling R, Märschenz S, Köbe T, Hofer SJ, Magnes C, Stekovic S, Eisenberg T, Sigrist SJ, Schmitz D, Wirth M, Madeo F, Flöel A.: Effects of Spermidine Supplementation on Cognition and Biomarkers in Older Adults With Subjective Cognitive Decline: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open. 2022 May 2;5(5):e2213875. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2022.13875. PMID: 35616942; PMCID: PMC9136623. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35616942/  
[8] Pekar T, Bruckner K, Pauschenwein-Frantsich S, Gschaider A, Oppliger M, Willesberger J, Ungersbäck P, Wendzel A, Kremer A, Flak W, Wantke F, Jarisch R.: The positive effect of spermidine in older adults suffering from dementia : First results of a 3-month trial. Wien Klin Wochenschr. 2021 May;133(9-10):484-491. doi: 10.1007/s00508-020-01758-y. Epub 2020 Nov 19. PMID: 33211152; PMCID: PMC8116233. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33211152/
[9] Senekowitsch S, Wietkamp E, Grimm M, Schmelter F, Schick P, Kordowski A, Sina C, Otzen H, Weitschies W, Smollich M. High-Dose Spermidine Supplementation Does Not Increase Spermidine Levels in Blood Plasma and Saliva of Healthy Adults: A Randomized Placebo-Controlled Pharmacokinetic and Metabolomic Study. Nutrients. 2023; 15(8):1852. https://doi.org/10.3390/nu15081852  https://www.mdpi.com/2072-6643/15/8/1852  
[10] https://www.mdr.de/wissen/spermidin-altern-anti-aging-wirkung-studie-ergebnis100.html  


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Wednesday, February 17, 2016

WIN Olokizumab


I’ve just noticed that people have been interested in my article from 2013 “Olokizumab – any new developments?” I therefore adopted the WIN (=what is new?) from the ACR meeting sessions.

To tell the story in short, let me begin a little bit earlier than at “what is new?”. As nothing on olokizumab appeared at the EULAR meeting in Madrid in June 2013, I wondered: “Nothing! / Very strange as olokizumab targets interleukin-6 (IL-6). … Postponed or abandoned?” In July 2013 there had been an announcement by UCB: “UCB out-licenses RA drug olokizumab to Russia's R-Pharm”.
In 2014 I thought that olokizumab had been abandoned as nothing had been published at the EULAR 2014 Meeting in Paris.

MC Genovese and colleagues published: “Efficacy and safety of olokizumab in patients with rheumatoid arthritis with an inadequate response to TNF inhibitor therapy: outcomes of a randomised Phase IIb study” in Annals of the Rheumatic Diseases (2014).
MC Genovese and colleagues (other group of researchers) published at the ACR 2015 Meeting in San Francisco: “Long-Term Safety and Efficacy of Olokizumab in Patients with Moderate-to-Severe Rheumatoid Arthritis Who Have Previously Failed Anti-TNF Treatment“. The researchers looked at data from Western and Asian patients. Conclusion: “OKZ [OLOKIZUMAB] was well-tolerated, with an expected safety profile for this class of agent. Reductions in disease activity were sustained to Wk48. These results support the development of OKZ for the treatment of moderate-to-severe RA in Western and Asian pts.”

These recent studies aren’t so interesting in the results, but still there is a story being told. UCB still hasn’t given up and keeps a low fire burning. I doubt that olokizumab will be approved as a drug against rheumatoid arthritis.


References:
Olokizumab – any new developments?

UCB out-licenses RA drug olokizumab to Russia's R-Pharm

Newer Biologics at the EULAR 2014 Meeting in Paris

Genovese MC, Fleischmann R, Furst D , Janssen N , Carter J, Dasgupta B , Bryson J , Duncan B, Zhu W, Pitzalis C, Durez P, Kretsos K. Efficacy and safety of olokizumab in patients with rheumatoid arthritis with an inadequate response to TNF inhibitor therapy: outcomes of a randomised Phase IIb study. Ann Rheum Dis. 2014 Sep;73(9):1607-15. doi: 10.1136/annrheumdis-2013-204760. Epub 2014 Mar 18. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24641941

Genovese MC, Fleischmann R, Tanaka Y, Furst DE, Yamanaka H, Joshi R, Zhu W, Shao J, Mashimo H, Takeuchi T. Long-Term Safety and Efficacy of Olokizumab in Patients with Moderate-to-Severe Rheumatoid Arthritis Who Have Previously Failed Anti-TNF Treatment [abstract]. Arthritis Rheumatol. 2015; 67 (suppl 10). http://acrabstracts.org/abstract/long-term-safety-and-efficacy-of-olokizumab-in-patients-with-moderate-to-severe-rheumatoid-arthritis-who-have-previously-failed-anti-tnf-treatment/. Accessed February 17, 2016.

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