Friday, November 26, 2021

LYRIK-Taschenkalender 2015 09. KW 22.11.2021

 



Michael Braun hat den LYRIK-Taschenkalender 2015 herausgegeben und zusammen mit Henning Ziebritzki alle am Taschenkalender beteiligten Autoren und Kommentatoren mit je einem Gedicht vorgestellt. Er ist mir jetzt wieder in die Hände gefallen. Auch dieser Kalender lädt ein zum Annotieren und Assoziieren, zum Erstellen von GegenEntwürfen. Vielleicht so auch ein wenig wie Daniel Spoerris: An Anecdoted Topography of Chance (1966 Something Else Press, New York / Cologne). Diese Annotationen stammen aus den Jahren 2014/2015 und 2020/2021.


09. KW
Georg Trakl: An den Knaben Elis

Sterne
    silbern
Sterben
Die Sterne
Und
GeRinnen
Zu
Schmerz
Schweigen
    Kratzt
An Fenstern

Unser Schweigen sammelt beGierig Blut (jeder Skandal in den Nachrichten), und verMag nicht, laut Nein! zu schreien, selbst wenn die Amsel ruft.

Wer die Amsel stört

Staub
    der letzte
Staub
Der
Sterne
Möge
Sich
Ballen
Um
alles
Leben
EinZusauen
Nur um
    Weiter
Zu leben

Schwarzer Tau und schwarze Milch.


09. KW
Kommentar: Hendrik Rost


„Aus einer Laune heraus … Tu's nicht.“ -: sehr schön, aber nun geht es hoffentlich wieder.

Schwärmerische Begeisterung -: das Problem ist, sie während der Reifung nicht zu verLieren. Das AbSinken in die Normalität (andere nennen das Reifung) wird zu leicht mit dem Verlust der BegeisterungsFähigkeit erKauft.

Tu's nicht -: man fährt auch nicht gut auf Schnee, der schon wegGeschmolzen ist.

Trakl hat Momente von schaurig schönem Elend in glitzernde Kristalle verWandelt.

UnterGang -: denn alles muss unterGehen: Reiche, Menschen, die Sonne.




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FreitagsGedichte / #KurzLyrik 26.11.2021

 



綠螘新醅酒,紅泥小火爐。
晚來天欲雪,能飲一杯無。
問劉十九
白居易
Lass uns den frischen, ungefilterten Wein mit dem grünen Schaum
auf dem irdenen Stövchen wärmen.
Der Abend kommt und es riecht nach Schnee,
da können wir einen Becher trinken, oder?
Liu Shijiu einladen
von Bo Jüyi (Bai Juyi)


Zukunft
    du kannst
An
Die
Zukunft
Glauben
Oder
Den
ZukunftsDeutern
Beides
ZuGleich aber
    Wird
Nicht gehen

Mauer
    die Mauer
Sollte
Uns
Einst
Schützen
Nun aber
Ist
Sie
Über uns
    Zusammen-
GeStürzt

Hippokratisch
    manchMal ver-
Wechselt
Hippokratisch
Mit
Hypokritisch
Vielleicht
Doch
Nicht
So
Falsch der
    Mangel
An Mogel

Blüte
    der Blüte
Kann
Man
Den
AbGeschnittenen
Stängel
Wieder
AnKleben
Aber
Nicht
Sie zum
    Leben
ErWecken

GegenWart
    die Gegen-
Wart
Wartet
Was
Die
VerGangenheit
Produziert
Und
Produziert
Doch selbst
    Nur
VerGangenheit

Stufen
    die Stufen
Der
Nacht
Sind
Sanft
Und
Gerade
DesHalb
Werden
Sie jeden
    Fallenden
AufFangen

Kreuz
    das Kreuz
Von
Jesus
Von
Nazareth
GeHört
In
Die
Wüste
Sonst
Wäre
Das Holz
    Längst
VerFault

Anfänge
    bis zum
Ende
Hin
Sorgt
Das
Leben
Immer
Wieder
Für
Anfänge
Und
Schert
Sich nicht
    Um Voll-
Endung





Bo Juyi (白居易) oder Bai Juyi (das u in ju wird ü ausgesprochen) lebte von 772-846. In der Kompilation 300 Gedichte der Tang-Zeit sind sechs seiner Gedichte enthalten, wobei man wissen muss, daß über 2800 Gedichte von ihm erhalten geblieben sind – von keinem anderen Dichter dieser Zeit haben so viele überdauert. Das bekannteste ist sehr lang und berichtet über Yang Guifei und den Kaiser Xuanzong – das Lied des immer währenden Kummers (長恨歌).
綠螘 – der grüne Schaum auf dem frischen Wein, aber auch der Name eines solchen Weines. Es gibt heute einen gelb-grünlichen Reiswein (bei 38% Alkohol besser Schnaps zu nennen) mit Namen 竹葉青酒 (Grüner Bambusblatt Wein).


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Drinking Coffee and Tea in Jordan

 


You might have coffee or tea like you are used to in you home country or you choose to try the local way of preparing coffee and tea.

Coffee
Coffee (Al Qahwa) is prepared very much like Turkish coffee. It goes back to bedouin traditions. Usually it is boiled with cadamom seeds and the sugar is added afterwards but before pouring the coffee into cups. You will also find coffee boiled without sugar at touristic spots (ask for saddah - no sugar) [1]. Don't add milk – actually you won't be tempted in Jordan. And coffee to go is a no go in Jordan. It's something you do to relax, talk to others and therefore you drink it from small cups to be refilled.
Honoré de Balzac is an author well known for consuming lots of coffee. My contact in literature to the Turkish way of brewing coffee comes from reading Heimito von Doderer, an Austrian author [2]. When I've read „Die Strudlhofstiege“ I also used to brew coffee in this style; easy as in Cologne all you need you find in one of the Turkish supermarkets (my parents looked across the garden to the back part of one). In Vienna I specifiacally went to the Strudlhofstiege, but that's another story. So the coffee in Jordan evoked nice memories in literature. But I admit you can drink the coffee and be happy without any literary connotations.

Tea
Tea is boiled in the pot with sugar and herbs. There is sometimes mint added or thyme [3]. You might know the tea, which is brewed in the Maghreb region (Marocco, Algeria etc.), where they use green tea and mint and brew these together. In Jordan only black tea is used. In the traditional way it's served in glasses. To my surprise I found thyme in tea bags as an infusion like camomille, verbena or others.
But I liked best the tea, which had been prepared with a range of spices. Black tea and sugar are boiled and then cardamom, cinnamon (sticks) and sage are added. We sometimes drink sage as an infusion. This form of black tea was very tasty especially in the Wadi Rum after a sunrise in a hefty wind, much like depicted in the movie „The Martian“.

Take home messages
    * try to brew coffee or tea as mentioned
    * if you have the chance, visit Jordan (COVID won't last forever)


Links:
[1] https://wonderstourism.com/blog/coffee-in-jordan-art-and-culture/
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Heimito_von_Doderer
[3] https://theculturetrip.com/middle-east/jordan/articles/a-guide-to-ammans-tea-and-coffee-culture/

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Wednesday, November 24, 2021

Jiao Gu Lan Tee und langes Leben


Lesen bildet – besonders, wenn man nachschaut, was denn da geschrieben wurde. Ich las in dem Buch „Tees aus aller Welt“ [1], eher ein Buch über Tee im weiten Sinn und nicht über Tee im engeren Sinn, wie Grüntee oder Schwarztee, obwohl auch die sich im Buch finden lassen. Ich las also den Absatz über „Der Tee der hundertjährigen Chinesen“: „Im Barmagebiet, im Süden Chinas, gibt es sehr viele Hundertjährige. […] - der Jia-Gu-Lan-Tee, eine spezielle Grünteeart, wird dort täglich getrunken.“ [2] Eine Grünteeart von ich bislang nichts gehört hatte. Hatte Jia-gu vielleicht etwas mit Jia gu wen (甲骨文), also den Orakelknochen, die früher als Medizin zerrieben wurden, zu tun? Natürlich nicht!

Bei Hundertjährigen werde ich schon kribbelig, weil danach irgendwelche kaum hinterfragten Behauptungen kommen, die sich auf ein Wundermittel beziehen, das diesen Menschen die Langlebigkeit verleiht und die wir deshalb sofort kaufen müssen. Wo leben diese hundertjährigen Chinesen? Im „Barmagebiet“. Es gibt Parma in Italien, bekannt durch den Schinken, aber Barma? Nein. Sicherlich ist Bama gemeint.

Bama (巴马镇) liegt in der Provinz Guangxi (广西) [3] und hat 87.000 Einwohner. Dort leben hauptsächlich die Zhuang (壮族), Angehörige einer nationalen Minderheit. Zhuang wurde früher chinesisch mit dem Radikal Hund geschrieben, man sagt wegen der Rolle von Hundefleisch in der Ernährung, aber 1949 tauschte man das Radikal aus und schreibt nun , also mit dem Radikal Mensch [4]. Viel gewonnen ist nicht, denn bedeutet in der Aussprache tong Hausbursche. Zhuang ist eine Ton-Sprache mit sechs Tönen [5]. Seit 2007 gibt es als Touristenattraktion ein Langlebigkeitsmuseum (长寿博物馆) [6]. Da kommen wir jetzt den „hundertjährigen Chinesen im Barmagebiet“ schon näher. Man erläutert im Museum, wie Topographie (zwei Berge und eine Mulde) und Langlebigkeit zusammenhängen könnten. Außerdem werden Funde (z.B. Keramiken) gezeigt, die man beim Bau des Stausees entdeckt hatte. Ich fand keine demografischen Angaben zu den Menschen in Bama und Umgebung. Und auch in China ist die Gegend abgelegen, von Kunming (昆明) fährt man 680 km und von Guilin (桂林) 450 km bis Bama. Da läßt sich manches äußern und die Chance, daß doch einmal jemand kommt, ist gering.

Ein chinesischer Artikel beschäftigt sich mit dem Gebiet und der Langlebigkeit um Bama herum [7]. Als Gründe für die Langlebigkeit werden u.a. angeführt: hohe Wasser- und Luftqualität, späte Heirat, ein geregeltes Leben, fröhliche Persönlichkeit, Gastfreundschaft, gute nachbarschaftliche Beziehungen. weniger Fleisch, dafür Reis, Katzenbohnen, Süßkartoffelblätter, bitteres Gemüse, Hanfsuppe, Polenta, Bambussprossen, Shiitake und andere Pilze, Süßkartoffeln, Yamswurzel, Sojabohnen, Pfirsiche, Pflaumen und wilde Trauben. Die Menschen im Bama-Gebiet sind fast Vegetarier und essen nur während der Feiertage Fleisch. Sie essen frische, unverarbeitete NAhrungsmittel aus dem dort vorwiegend ökologischem Anbau. Der Salzkonsum beträgt lediglich 3 g pro Tag. Ein Tee wird nicht erwähnt!
Aber ich habe noch ein andere Quelle aufgetan; es gibt einen Artikel auf Deutsch [8]: „Südchina: Bama – das Dorf der Langlebigkeit“. Der Artikel erwähnt den Tee, den ich angesichts des hier veranstalteten ethnologischen Overkills nicht vergessen habe, ebenfalls nicht. Aber der Artikel liest sich gut, wenn man Informationen zu Bama und Langlebigkeit nicht gerade auf Chinesisch sucht.

Kommen wir zurück zum Tee. Uns wurde von „Jia-Gu-Lan-Tee, eine speziellen Grünteeart“ berichtet. Das ist Kokolores. Ersten ist Jia-Gu-Lan-Tee falsch geschrieben und zweitens ist es kein Grüntee. Es gibt Jiaogulan (絞股藍) und das ist Gynostemma pentaphyllum [9]. Im Ben Cao Gang Mu (本草綱目) wird es nicht erwähnt. Allerdings wird die Pflanze im Jiuhuang bencao (救荒本草) (1406) [10] von Zhu Xiao (朱橚) [11] erwähnt. Es wurden Saponine gefunden, von denen acht bestimmten Ginsenosiden entsprechen, die auch in Ginseng (人參) / Panax ginseng zu finden sind. Das Besondere an diesem Nachweis ist, daß diese Ginsenoside auch in einer anderen Pflanzengattung vorkommen. Wenn Sie an Ginseng glauben, könnten Sie sich auch an Jiagulan erfreuen. Doch Halt! Die Pflanze hat in Europa keine medizinische Zulassung und ist nach der Novel Food Verordnung als Nahrungsergänzungsmittel nicht zugelassen. Wird trotzdem verkauft. Ich hoffe es ist klar geworden, daß es sich nicht um Tee der Teepflanze (Camellia sinensis) handelt.

Was lehrt uns das? Immer genau hinschauen, besonders wenn es sich um ein Buch über Tee handelt.




Links, Anmerkungen und so Sachen:
[1] Sylvia Schneider: Tees aus aller Welt (Der Schutzumschlag trägt diesen Titel, innen ist der Titel:  Tees zum Wohlfühlen. Magische Kräuter aus aller Welt), Rezepte aus China, Tibet, Indien und Japan. Exotische Rezepturen der Schamanen und Indios. Geheimnisvolle Kräuter aus 1001 Nacht.
Verlag: Mosaik Verlag, München 1998. ISBN: 3-576-11028-3
[2] S. Schneider, a.a.O. S 22
[3] https://en.wikipedia.org/wiki/Bama_Town,_Guangxi  
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Zhuang
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Zhuang_(Sprache)
[6] https://baike.baidu.com/item/%E9%95%BF%E5%AF%BF%E5%8D%9A%E7%89%A9%E9%A6%86/4913947
[7] https://baike.baidu.com/item/%E5%B7%B4%E9%A9%AC%E9%95%BF%E5%AF%BF%E4%B9%8B%E4%B9%A1/3331778
[8] https://www.china-entdecken.com/news/2013/20130131.html
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Gynostemma_pentaphyllum
[10] https://zh.wikipedia.org/wiki/%E6%95%91%E8%8D%92%E6%9C%AC%E8%8D%89
[11] Zhu Xiao (朱橚), auch Zhu Su gelesen, lebte von 1361-1425.  https://zh.wikipedia.org/wiki/%E6%9C%B1%E6%A9%9A ist ein selten benutztes Zeichen, das die Lesungen sù, qiū und xiāo hat. https://baike.baidu.hk/item/%E6%A9%9A/5288858 Das Wörterbuch, das ich häufig benutze und 7331 Zeichen listet, führt dieses Zeichen nicht auf; Liang Shih-chiu, Chu Liang-chen, David Shao, Jeffrey C. Tung, Lu-scheng Chong: A New Practical Chinese-English Dictionary (最新實用漢英辭典). The Far East Book Co. Taipei 1973.


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Tuesday, November 23, 2021

Sammelsurium (203) 14.11.2021

 




Fiat
Ich lese: „Es hat auch kein anderer das Recht, mein Fiat zu blockieren.“ [1] Mein Fiat nicht meinen Fiat!

TunnelDunkel
Im Dunkel eines Tunnels denke ich an "Ein Mord, den jeder begeht" von Heimito von Doderer. Das war ein guter Einstieg in gute Literatur. Ich hatte letzens bereits überlegt, ihn nochmals zu lesen, also insbesondere die Strudlhofstiege, die ich einmal speziell wg. des Buches besucht hatte, als ich im Rahmen eines Kongresses in Wien gewesen war.

ReiseUnterbrechungen
Die Halte in Montabaur und Limburg zerstückeln und verlangsamen die Strecke. Und dabei denke ich an das Gedicht von Bertold Brecht: Radwechsel. Ich habe alle Zeit der Welt und das bringt mich zu Depeche Mode, die ich im FlugHafen wieder hören werde, denn ich habe den MP3-Player gestern noch aufgeladen, damit das auch möglich ist.

Frankfurt / FRA
Danach ging ich ich mir Pizza holen und Wasser und setzte mich zum Brunch zwischen ParkHaus und BusStation/BahnHof auf die groben Steine, die dort ein Künstler hinGeordnet hat. Sie werden von quaderFörmig geschnittenen immerGrünen Gewächsen begrenzt, jedenfalls zum BusBahnhof hin. Wenn ich mich jetzt beim Schreiben daran erInnere, dann kommt mir doch eine Art krude NachAhmung von Ryoan-ji in den Sinn. Während ich so aß, fuhr ein Bus ohne Passagiere vorbei. Stand da nun: LehrFahrt - bitte nicht einsteigen oder LeerFahrt - bitte nicht einsteigen? Die Leere schauend und so.

SicherheitsVorführung
Wenn man im Fluggzeug sitzt und die SicherheitsVorführung über sich ergehen läßt (Ach, so kann man den SicherheitsGurt schließen und öffnen!), dann weiß man, daß es jetzt aber bald losgeht. Große Verspätung scheinen wir nicht zu haben.

Bleierne Müdigkeit
Kurz nach dem Start überFällt mich eine bleierne Müdigkeit. Ob das Flugzeug dadurch schwerer wird? Oder läßt es sich mindestens schwerer fliegen? Und natürlich erinnere ich mich an -: Die Nacht aus Blei von Hans Henny Jahnn. Ich hatte noch kürzlich die Bücher von ihm in der Hand, aber keines wollte aus dem Schuber, so daß ich die Lektüre verschoben hatte. Aber fast hätte ich eines seiner Bücher in die Hände genommen und vielleicht schon ein wenig darin geschmökert.

„da, da, da“
Später Arno Schmidt, Paul Celan und Georg Trakl gelesen. „da, da, da“ stammt aus dem Gedicht Tekiah von Paul Celan (Die Niemandsrose) und nicht von der Gruppe Trio, auch wenn wir das im Kopf hatten, als der Radiologe in der Vorlesung etwas zeigte und es kommentierte mit:„da, da, da“ und nicht verstand, warum alle lachten.

Der nonkonformistische Konfirmand
Ich sah mir die großformatigen Fotos unserer Konfirmanden an der Wand der Kirche an und da erkannte ich den nonkonformistischen Konfirmanden. Und der überraschte mich mit diesem Statement: „Mir liegt amHerzen, daß die Corona-Krise vorbei geht. Dafür halte ich mich an die Regeln.“

Zeit für sich
Seit die alte Frau verstorben war, verließ sie nur noch selten das Haus. Sie mußte ja auch nicht mehr einkaufen. Da sie schon früher als verschroben galt, kam auch kein Besuch. Das freute sie sehr, da sie so Zeit für sich und ihre Gedanken hatte

DAB
Arno Schmidt notierte etwas auf Zettel [2], die sonst Kellner für Rechnungen benutzen, der Dortmunder Actien Brauerei [mit C, damit es älter/seriöser wirkt]. Oben steht der Slogan „Mann ist dab ein Bier“. Und ich erinnere mich an den Slogan „Knapp DAB“ [3] oder die Karikatur in der ein Kenner die Brille auf die Nase geschoben hat, eine Flasche betrachtet und sagt: „Ah, Dortmunder Union. Ein edles Tröpfchen!“ [4].

Wie herum?
Mudo y nudo / nackt und stumm. Aber weder nudo y mudo noch stumm und nackt.

Traum
Die schrillsten Träume sollen das Chaos der Erinnerungen geordnet haben.




Links, etc.:
[1] Mutter Marie Therese: Worte der Hoffnung. Hrsg. Manfred Lang. Würzburg 2021, Echter Verlag GmbH. ISBN 978-3-429-05594-3 / daraus 18-seitiger Auszug: S.13
[2] Bargfelder Bote Lfg. 467-469 / September 2021. Jochen Hengst: »Penetranter Gedanke – keck, aber göttlich.« Arno Schmidts Vorarbeiten zu einem Essay über Gustav Schilling und die Zitierung von dessen Schriften in »Abend mit Goldrand«. S. 12
[3] https://www.spiegel.de/politik/der-deutschen-liebster-saft-a-4a8e4175-0002-0001-0000-000045950194
[4] Aus dem Gedächtnis zitiert; ich habe die Karikatur im Internet nicht gefunden.


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Der Pullover und die Lebensfreude

 



Ich hatte mir im Spätsommer einen leichten Pullover gekauft, aber er trug nicht zur Lebensfreude bei, denn obwohl er sich angenehm anfühlte, waren doch seine Ärmel zu lang. Ich versuchte es mit Umkrempeln, aber das hielt nie lange vor und ich mußte erneut umkrempeln. Das nervt! Jedenfalls mich.

Ich überlegte, ich könnte beim nächsten Mal in Köln zur Schneiderin. Die hatte mir kürzlich ein Jacket wiederhergestellt. Nun vom Supermarkt sind es sechs Minuten hin, 3 Minuten Warten, Erklären und Zahlen, und sechs Minuten zurück. Und dann das ganze noch einmal → macht eine halbe Stunde. Und dann kostet es 8,80€. Das könnte ich mir leisten, aber der Pullover hat nur 6,99€ gekostet. Summa summarum: wegen des unverhältnismäßigen Einsatzes von Zeit und Geld habe ich mich gegen die beste Schneiderin Kölns entschieden.

Ich beschloß, die Ärmel selbst zu kürzen und nicht umzunähen. Mit der Schere klappte es nicht so gut. Da habe ich mein Gartenmesser genommen. Mein Großvater zog auch schon mal bei Tisch das Gartenmesser hervor, wenn sich das Fleisch nicht richtig schneiden ließ. Na ja, er schärfte das Messer von Großmutters gutem Besteck auch schon mal an der Unterseite des Tellers. Ich kam, sah und schnitt.

Der Pullover hat nun einen hervorragenden Tragekomfort. Die Lebensfreude ist wieder da. Zwar sind die Ärmel nicht ganz gleich lang, aber zeige mir jemanden mit gleich langen Armen! Die Schnittkanten sind asymmetrisch, aber das gerade gefällt mir.

Bin ich nun ein Trendsetter?


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Morgen in Diefenbach, Shangri-la

 




出郭曠清曙。
東郊
韋應物
Beim ersten Morgengrauen wandere ich aus der Stadt, um den Geist zu beruhigen Östlich aus der Stadt heraus
Wei Yingwu [1]


Gestern war es naß, kalt (3° C plus), neblig. Heute dagegen war der Morgen freundlich, kalt (-2° C) und die Sonne baded die Wolken in Töne von Orange [2]. Nachdem dieses Schauspiel in sehr kurzer Zeit vorbeigezogen war, ging mein Blick in Richtung Steinfeld [3]. Kloster und Basilika waren noch in Rosa getaucht und die kahlen Bäume stehen auf der bereiften Wiese. Und wenn man genau hinschaut bzw. zoomt, dann kann man auch den Sperber entdecken.




Ich denke oft, daß Diefenbach etwas von Shangri-la hat, natürlich dem fiktionalen Shangri-la [4]  und nicht der post-fiktionalen, Wirklichkeit gewordenen Großstadt in Yünnan [5] – obwohl im Bereich des Klosters gibt es auch den Hauch des Unwirklichen. Auf jeden Fall findet sich etwas von dem Lied der Kinks hier [6], auch wenn dort die Welt der kleinen Reihenhäuser der Arbeiter besungen wurde. Ich besuche häufig Köln, aber jedesmal, wenn ich zwischen Diefenbach/Gillesberg und Wahlen in Richtung Steinfeld unterwegs bin, frage ich mich, ob ich wirklich in den Asphalt-Dschungel von Köln will. Ja, das will ich in der Regel, aber es freut mich auch, nach Shangri-la zurückzukehren; die zwei Kehren der Straße von Urft nach Steinfeld hochfahren ...

Horizont
    dieser
Horizont
Hinter
Dem
Es
WeiterGehen
Soll
Und WoHin
Ich
Nicht
Will
Denn
Das GeStade
    DaVor
Liebe ich


 


Links, Anmerkungen etc.:
[1] Wei Yingwu (韋應物) lebte von ca. 737 bis ca. 792), von dem 12 Gedichte in die  Anthologie 300 Gedichte der Tang-Zeit aufgenommen wurden.
[2] Bei der Farbe denke ich sofort an den Film „Sommer in Orange“ von 2011, in dem Berliner Bhagwan-Anhänger in die oberbayerische Provinz einfallen. https://de.wikipedia.org/wiki/Sommer_in_Orange
[3] https://rheumatologe.blogspot.com/2019/06/erhebung-der-gebeine-des-heiligen.html Es gibt noch mehr über das Kloster hier auf dem Blog. Hier wird allerdings der Unterschied zwischen der Entbeinung des heiligen Hermann Josef und der Erhebung der Gebeine klar.
[4] Shangri-la ist fiktional und stammt aus dem 1933 erschienenen Buch „Lost Horizon“ von James Hilton, deutscher Titel „Der verlorene Horizont“. Die Menschen leben in einer Utopie im Himalaya, altern kaum, jedenfalls, wennsie den Ort nicht verlassen. https://de.wikipedia.org/wiki/Der_verlorene_Horizont
[5] Man kam, ziemlich sicher von chineischer, offizieller Seite, auf die Idee, die eigentlich tibetische Stadt rgyal thang rdzong (oder in offizieller Transkription Gyaitang Zong) in Shangri-la (香格里拉市 Xianggelila Shi – lautliche Adaptation ins Han-Chinesische / Mandarin) umzubenennen. https://de.wikipedia.org/wiki/Shangri-La_(D%C3%AAq%C3%AAn)
Shangri-la in der Rheinischen Post – hier kann man Großstadt und Kloster sehen
http://rheumatologe.blogspot.com/2012/08/shangri-la-in-der-rheinischen-post-die.html
Ganden Sumtsenling Monastery in Shangri-la – auch hier kann man Großstadt und Kloster sehen, aber nicht identisch
https://rheumatologe.blogspot.com/2018/08/ganden-sumtsenling-monastery-in-shangri.html
Tibet and Railways – für die Weiten des tibetischen Hochlandes, wenn wir schon dabei sind
https://rheumatologe.blogspot.com/2018/09/tibet-and-railways.html
[6] The Kinks: Shangri-La https://l-hit.com/en/72616
Ein gesellschaftskritisches Lied. „Sit back in your old rocking-chair / You need not worry, you need not care“ - so weit muss man es ja nicht kommen lassen.
Letztlich dachte ich auch an das Lied, als ich diesen Text schrieb: Das Shangri-la im Schrebergarten
https://rheumatologe.blogspot.com/2013/04/das-shangri-la-im-schrebergarten.html

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