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Wednesday, July 16, 2025

100 Jahre Tee – eine Buchbesprechung

 


Ich habe gerade ein Buch mit dem Titel 100 Jahre Tee von Robert Scheibler [1] bekommen. Und obwohl es vor fast 55 Jahren herausgekommen ist, möchte ich es dennoch besprechen. Der Name Scheibler [2] ist hier im Raum über den Tuchhandel in Monschau bekannt, denn Johann Heinrich Scheibler war ein bekannter Samt- und Seidenfabrikant in Krefeld wie auch in Monschau [2]. Krefeld als Seidenstadt lag direkt bei meinem Arbeitsplatz in Meerbusch. Der Sohn von Herrn Johann Heinrich Scheibler, Johann Friedrich Scheibler [3], hatte durch den beruflichen Kontakt nach China 1834 ein Unternehmen für Teehandel mit Sitz in Hamburg aufgebaut, das auch heute noch existiert [4].  

Das Archiv des Teehauses hat gleich zweimal nennenswerten Schaden erlitten: einmal durch Bombeneinwirkung im 2. Weltkrieg und noch einmal durch den Bau einer U-Bahn; ja, ganz so ähnlich wie in Köln, als das Stadtarchiv durch den Bau einer U-Bahn-Strecke einstürzte, wobei zwei Menschen getötet und überdies wertvolle Dokumente zerstört worden sind. Robert Scheibler konnte allerdings auf einige Bilder zurückgreifen, wodurch das Buch interesant wird.



Das Lesezeichen zeigt eine Besuchskarte. Scheibler wird darauf 西佰樂 (Xi bo le) transskribiert. Xi ist nicht korrekt vom Laut her, das ist ein Laut zwischen ß und ch, den wir so im Deutschen nicht kennen. Aber das Mandarin hat den Sch-Laut und der Pass aus dem Jahr 1923 hat als Transskribierung 帥佰樂 (Shuai bo le), vor dem Namen steht: 福州德商 Deutsches Geschäft in Fuzhou. Der Pass gilt für: Fujian (Fukien) [福建], Guangdong [廣東], Zhejiang [浙江], Jiangxi [江西], Anhui [安徽], Jiangsu (Kiangsu) [江蘇].

Interessant fand ich auch das Taufzeugnis des Vaters von Robert Scheibler (Johann Friedrich Scheibler), der am 17.05.1871 auf der SMS Hertha in Shanghai geboren worden ist. Gestochen scharfe Kurrentschrift! Rechts darunter findet sich ein Bild des Kindes mit seiner Amah [
阿媽], das ist eine ältere Berufsbezeichnung für junge Frauen in Südostoasien, die für die Kinder sorgen; vielleicht aus dem Portugiesischen ama (Amme). Man nimmt an, daß diese Photographie 1873 in London entstanden ist.

Über Tee erfährt man eher wenig auf den 32 Seiten, aber die Bilder lohnen sich wirklich. 




Links und Anmerkungen:
[1] Robert Scheibler: 100 Jahre Tee. West-östliches Bilderbuch zum 75jährigen Bestehen Firma J. Fr. Scheibler & Co. Hamburg [1971]. Das Buch wurde bei Booklooker angeboten.
[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Scheibler_(Unternehmerfamilie)  
[3] „Johann Heinrich Scheibler (* 11. November 1777 in Monschau; † 20. Januar 1837 in Krefeld) war ein Samt- und Seidenfabrikant in Krefeld.“ https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Heinrich_Scheibler_(Textilfabrikant,_1777) 
[4] J. Fr. Scheibler GmbH & Co.https://www.jfstea.com/de/home.html  
Zur Geschichte des Handelshauses:  https://www.jfstea.com/de/unternehmen/historie.html  

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Friday, September 6, 2024

The Grand Tour – Peking, Große Chinesische Mauer

 



Harry Seidler [1] führt uns in seinem Buch [2] auf acht Seiten in die Architektur China ein. Die Große Chinesische Mauer (萬里長城) haben er und ich bei Peking (heutiger Gebrauch Beijing 北京) besucht. Er schreibt dazu: „Mit dem Bau der Großen Mauer, einer Verteidigungsanlage gegen Überfälle aus dem Norden wurde in der Zeit zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert vor Christus begonnen. Verschiedene chinesische Kaiser ließen sie ausbauen und erweitern, bis sie eine durchschnittliche Höhe und Breite von etwa 7 Metern erreichte. Das monumentale Bauwerk, ein Erdwall auf steinernem Fundament mit Außenmauern aus Ziegeln zieht sich über 6000 Kilometer durch gebirgige Landschaften – eine einzigartige Leistung der Festungsarchitektur.“ Auf einer Doppelseite zeigt Seidler eine sehr schöne Fotografie, ein Stück der Chinesischen Mauer ohne Menschen, was nicht so einfach, jedenfalls schon 1991, in dem Jahr als ich meinen Besuch abstattete. Von damals stammen auch die Bilder, die qualitativ nicht so gut sind.


Es ist nicht falsch, was Harry Seidler zur Großen Chinesischen Mauer schrieb, aber ein wenig genauer möchte ich es doch wissen. Der chinesische Begriff 萬里長城 bedeutet 10.000 Li lange Mauer [3], wobei lang bedeutet, aber nicht nur Mauer sondern auch im Sinne von Stadt gebraucht werden kann, so in 紫禁城 (Verbotene Stadt) oder 城市 (Stadt). Meist wird  萬里長城 zu 長城 verkürzt, was im Englischen zu Great Wall und im Deutschen bisweilen als Große Mauer auftaucht; ich meine aber, daß Chinesische Mauer der geläufigere Begriff ist. Den Teil, den wir heute in der Regel sehen, ist die Anlage, die in der Ming-Zeit (1368-1644) gebaut worden ist.


Es stimmt schon, daß zwischen dem 7. und 5. Jahrhundert v. Chr. Schutzwälle gebaut worden sind. Besonders aktiv wurde man unter Qin Shihuangdi (秦始皇帝) ab 214 v. Chr., denn es galt die Xiongnu (匈奴) abzuwehren. Unter Xiongnu [4] verstand man in China einen Stammesverband aus Reiternomaden, die in Zentralasien beheimatet waren. Sie griffen China wiederholt an. In Europa wurde der Begriff teilweise für die Hunnen benutzt, dies ist aber eine veraltete Ansicht; wobei man gestehn muss, daß die Ethnizität der Xiongnu nicht geklärt ist.


In der weiteren Geschichte sind immer wieder Schutzwälle oder Mauer errichtet worden, abr es stimmt nicht, daß schon vor Christi Geburt dieses Werk begonnen und im Laufe der nächsten zwei Jahrtausende fotgeführt wurde. Die Ming-Dynastie folgte der Yuan-Dynastie (元朝) [5] und die war nach der mongolischen Invasion entstanden. Es handelte sich um die erste Fremddynastie in China; China wurde Teil des größten Reiches. Die Dynastie dauerte etwa 89 Jahre an, so daß sich die Ming-Dynastie (明朝) [6] vor weiteren Angriffen schützen wollte. Nach 276 Jahren Mauerbau [7] und Herstellung von Ming-Vasen wurde die Ming-Dynastie von einer weiteren Fremddynastie abgelöst, die Mandschuren hatten China aus dem Norden angegriffen und die Qing-Dynastie (清朝) [8] unter Nurhaci etabliert.


Naben der reinen Mauer besteht das riesige Bauwerk auch aus Türmen. Teilweise wurde dem Mörtel Klebereis begmischt und so die Haltbarkeit verbessert. Durch Rauchsignale zwischen den Türmen konnte man mit einer Art optischen Telegraphiesystems Befehle schneller übermitteln. Das chinesische Amt für Kulturerbe hat im Juni 2012 die Gesamtlänge aller Mauerteile mit 21.196 km angegeben. Die Länge der Mauer, die in Ming-Zeit entstanden ist, ist mit 6260 km benannt worden.

Meine Fotos sind nun etwas über 30 Jahre alt und sie sind damit auch historisch, denn Anfang der 1990er Jahre begann der chineische Inlandstourismus erst zaghaft und hat doch schon für größere Menschenmengen gesorgt.


 
Links und Anmerkungen:
[1] Wikipedia: "Harry Seidler (* 25. Juni 1923 in Wien; † 9. März 2006 in Sydney) war ein in Österreich geborener australischer Architekt." https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Seidler
[2] Auftakt und Buchbesprechung hier: https://rheumatologe.blogspot.com/2022/06/the-grand-tour-buchbesprechung-und.html
Harry Seidler: The Grand Tour - Reise um die Welt mit dem Blick des Architekten. Taschen GmbH, Köln 2004. ISBN: 3-8228-3871-6. Für die Große Chinesische Mauer: Bild S. 166/167, Text S. 165.
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Chinesische_Mauer
[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Xiongnu
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Yuan-Dynastie  
[6] https://de.wikipedia.org/wiki/Ming-Dynastie  
[7]„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ entglitt es 1961 Walter Ulbricht, aber wie damals in China und wie 1961 in der DDR wollte man eine Mauer errichten.
[8] Die Qing-Dynastie wurde bereits 1616 ausgerufen, aber erst 1644 löste sie die Ming-Dynastie ab. https://de.wikipedia.org/wiki/Qing-Dynastie
 
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Friday, June 14, 2024

Fahrräder, Blumen, Blumengestecke

 



Ich hatte heute einen Tweet von Martin Weiss @martinoweiss gesehen mit Bildern von Ai Weiwei (艾未未), wie er zum ersten Mal im Leben Kaffee trinkt [1]. Ich wollte schon Ai Weiwei (@aiww) etwas schreiben wie: ”我很难想象有人在西方呆了这么久而不喝咖啡。我不想质疑这个,这让我感到惊讶。“ Und habe das gerade auch gemacht [2]. Ich zögerte, weil dieser Anstupser doch viel mehr bedeutet, jedenfalls für mich.

Ich denke 10 Jahre zurück, denn da legte Ai Weiwei jeden Tag einen Blumenstrauß in den Korb und stellte ein Foto davon auf Twitter [3]. Die Redaktion Onetz bezeichnete es „auch irgendwie ein Kunstwerk“ [4]. Christiane Peitz zu roten Lampions, die Ai Weiwei damals aufgehängt hatte: „Das ist die Methode Ai Weiwei, der sich gern auf Marcel Duchamp beruft.“ [5] Das hätte ich, mit dem heutigen Wissen einige Zeilen später gesetzt, nämlich nach: „Vor dem breiten Tor steht auch das Fahrrad mit den Blumen im Korb: noch eine Protestnote, noch eine Performance, die einzige Ausstellung des Konzeptkünstlers, die China zur Zeit duldet.“ Hierin stecken zwei Versäumnisse, die dem ansonsten lesenswerten Artikel gut getan hätte. Einerseits der Hinweis auf das Roue de Bicyclette von Marcel Duchamp (2013) [6]. Aber ich will mich nicht schlauer hinstellen als Frau Peitz, denn 2017 schrieb ich: „Im städtischen Kern des Dorfes Lank sieht man ein Fahrrad mit einem Korb voll Blumen. Das erinnert an die Aktion von Ai Weiwei, der jeden Tag, den er das Land nicht verlassen darf, auf Twitter ein Foto von einem Rad mit einem Blumenstrauß postet.“ [7] Ich hatte erst vorige Woche auf Fahrrad als spontanes Kunstwerk in Köln-Holweide [8] hingewiesen: „Der Müll gehört dazu, wie die Pflanzen, die das Rad wie die Schlagen der Laokoon-Gruppe umschlingen und natürlich auch der Rost. Zum KunstWerk wird es durch das Foto.“

Ich meine, daß Frau Peitz auch auf die Hundert-Blumen-Bewegung (
百花运动) hinweisen sollen, denn ich glaube kaum, daß damals dieses Ereignis im Vorfeld des „Großen Sprungs nach vorn“ der Volksrepublik China von Ai Weiwei hätte erwähnt werden können. Die Blumen sollten verschiedene Denkschulen symbolisieren, aber schließlich wurde die Bewegung gestoppt, da sie außer Kontrolle zu geraten schien [9], wie dies dann vollens bei der Großen Proletarischen Kulturrevolution (无产阶级文化大革命) geschah.

Ich hatte mich 2017 von Ai Weiwei inspirieren lassen, für Blogposts zu Gottesdiensten das Altargesteck als Aufhänger zu benutzen. Auch Altargestecke können Kunstwerke sein. Die Welt ist voller Kunst, wenn man nur genau hinschaut.



Links und Anmerkungen:

[1] „This is a historic photo-documentary: you can see Ai Weiwei (@aiww
- who earlier today gave an 'artist talk' @SalzburgGlobal) tasting the first (!) cup of coffee of his life. His reaction? "This tastes wonderful".We could have told him earlier 😎 ☕“ https://x.com/martinoweiss/status/1801352132274122966
[2] Es bedeutet etwa: „Ich kann mir nur schwer vorstellen, daß man so lange im Westen sich aufhält, ohne Kaffee getrunken zu haben. Ich will dies nicht in Frage stellen, es wundert mich nur.“
https://x.com/Rheumatologe/status/1801677281263571264 Dazu noch:[10] ansehen.
[3] https://www.sueddeutsche.de/kultur/kunst-ai-weiwei-und-das-fahrrad-willkuer-und-unrecht-in-china-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-140404-99-03976  
[4] https://www.onetz.de/deutschland-und-die-welt-r/vermischtes-de-welt/blumen-im-fahrradkorb-d1642127.html
[5] https://www.tagesspiegel.de/kultur/blumen-oder-ich-bin-ja-noch-da-5161462.html
[6] https://gesellschaft-museum-ludwig.de/initiativen-und-preise/erwerbungen/erwerbung/1398/roue-de-bicyclette Das Original von 2012 ist auf dem Müll gelandet, die Replik in Köln stammt aus dem Jahr 1964.  https://de.wikipedia.org/wiki/Fahrrad-Rad Wer eine ältere Replik sehen will, muss nach New York reisen, denn „The Sidney and Harriet Janis Collection,
Museum of Modern Art“ hat die Replik aus dem Jahr 1951, die sogar als die älteste gilt.  
[7] https://rheumatologe.blogspot.com/2017/05/meerbusch-lank-oder-meerbusch-albanien.html Mit Bild des FahrRades in Meerbusch.
[8] Sammelsurium (256) 08.06.2024 https://rheumatologe.blogspot.com/2024/06/sammelsurium-256-08062024.html Mit Bild des FahrRades in Köln-Holweide.
[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Hundert-Blumen-Bewegung
[10] Gerade schrieb ich vorhin. Und da schellte das Telefon, denn Bruder und Schwägerin saßen in Mechernich fest, da der SEV (Schienen Ersatz Verkehr) zusammengebrochen war. Abenteuer Deutschland – die Fahrt mit der DB.


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Thursday, April 18, 2024

Das WinzHaus – Ein Abstecher nach Ostasien



Kapitel 11 – Ein Abstecher nach Ostasien

Wer eine Hütte baut, fängt nicht mit dem Strohdach an. [2]



China
Ich hatte 1991 die Gelegenheit, die DichterKlause des Tang-Dichters Tu Fu (
杜甫) in Chengdu (成都市) zu besuchen [3]; die chinesische Bezeichnung 杜甫草堂 bedeutet Strohhütte von Du Fu [4]. Die Fotos von damals sind schlecht. Aber viel schwerwiegender ist mein geringfügiges Interesse an Du Fu damals gewesen. Ich war einfach mehr an Dichtern wie Li Bo (李白), Han Shan (寒山), Wang Wei (王維) oder Meng Haoran (孟浩然) interessiert. Immerhin gehörte aber dieses Erlebnis auch zu den Bruchstücken, die jetzt zum Projekt WinzHaus geführt haben. Fast alle Dichter der Tang-Zeit waren auch kaiserliche Verwaltungsbeamte. Bei dieser Art von Bildung mußte man viele Prüfungen durchlaufen und wurde dann mit einem Posten belohnt. Vielleicht haben verschiedene dieser Dichter auch Rückzugsorte gebraucht, um ihre dichterische Kreativität zu fördern oder Abstand vom Alltagsgeschäft zu bekommen, aber es wäre falsch anzunehmen, daß nun jeder Dichter so eine Strohhütte gehabt hätte. Oftmals findet man aber in späteren Jahrhunderten noch, daß eine Studierstube mit dem Namen Bambushütte oder ähnlich belegt wird. Die strohgedeckte Hütte von Du Fu lag etwas außerhalb von Chengdu, denn die Stadt war damals zwar schon Großstadt mit schätzungsweise 100-200.000 Einwohnern, aber das ist mit den etwa 8 Mill. Einwohnern heute kaum zu vergleichen. ür die damaligen Städter lag es aber schon in der Wildnis, aber doch nicht so abgeschieden, daß man ihn nicht hätte besuchen können. Ich stelle es mir so ähnlich wie das Holzhaus von Henry David Thoreau am Walden Pond [5]. Das war nicht so fürchterlich weit weg, aber es bedurfte eines Angangs des Besuchers, dorthin zu kommen. Du Fu  lebte die letzten vier Jahre seines Lebens dort und er war eine sehr kreative, denn etwa 240 Gedichte werden dieser Zeit zugeschrieben. Hier möchte ich einen Auszug aus dem dritten Teil der neun Vierzeiler zitieren und übersetzen, die Du Fu im zweiten Jahr dort geschrieben hat [6]:
熟知茅齋絕低小,
江上燕子故來頻。
Ich weiß, meine strohgedeckte Hütte ist klein und niedrig,
Aber die Schwalben vom Fluß besuchen sie von alters her.




Die taiwanesische Pop-Sängerin Su Rui (蘇芮) hatte schon zu Beginn ihrer Karriere die Großstadt mit den bedrohlichen Hochhäusern thematisiert; beispielsweise in dem Lied 一样的月光 [7]. Später veröffentlichte sie eine Interpretation des Liedes Schneckenhaus (蝸牛的家) von Zheng Zhihua (鄭智化). In dem Lied wünscht sie sich ein Schneckenhaus:
給我一個小小的家蝸牛的家
Gebt mir ein winziges Heim, ein Schneckenhaus [8]
In diesem Lied ist von dichtgedrängten Hochhäusern, überfüllten Straßen und Immobilienpreisen wie auch von Ängsten und Schutzbedürfnissen die Rede. Das soll ein Schneckenhaus / Apartment lösen, es „muß nicht groß sein“.



Korea
Zu Korea kann ich nicht viel sagen, obwohl ich 2011 Nord-Korea für etwas über zwei Wochen besucht habe. Da war allerdings die sozialistische Megalomanie einer der Besichtigungsschwerpunkte. Kleine Hütten waren nicht vorgesehen. Doch halt, ich komme noch drauf! Die vielen kleinen Tempel etwa fielen dem sozialistischen Ikonoklasmus zum Opfer und Korea hat eine wesentliche buddhistische Tradition. Das mag man in Japan vielleicht nicht gerne hören, aber ohne Korea wäre der Zen-Buddhismus erheblich in seiner Entwicklung gestört worden. Kim Il Sung hatte selbst eingreifen müssen, damit noch Reste des buddhistischen Erbes physisch überleben konnten [9]. Interessanterweise ist es nun das Geburtshaus von Kim Il Sung, das uns in den einzelnen Teilen strohgedeckte Dächer zeigt.



Japan
Kisho Kurokawa hatte mich mit seinem Buch [10] zum Nachdenken über Rikyus Teehaus angeregt. Aufmerksame Leser könnten das Fehlen von Atikeln zur japanischen Teezeremonie (cha no yu –
茶の湯) auf diesem Blog bemerkt haben. Das hat den einfachen Grund, daß ich früher Seminare von  Franziska Ehmcke besucht hatte, die ein sehr schönes Buch mit dem Titel „Der japanische Tee-Weg“ veröffentlich hat. Da kann ich nun gut drauf verweisen. Rikyu bzw. Sen no Rikyu (千利休) [12] ist eine der wesentlichen Figuren in der Geschichte des Tee-Weges (茶道) [13]. Er hatte das ästhetische Konzept der Einfachheit, des Wabisabi (侘寂) geprägt. „Der bemooste Fels, das grasbewachsene Strohdach, die knorrige Kiefer, der leicht berostete Teekessel, das und Ähnliches sind die Symbole dieses Schönheitsideals.“ [14] Der Teeraum Rikyus ist in den Büchern von Kisho Kurokawa und Franziska Ehmcke beschrieben, etwas großformatiger bei Kurokawa.
Ich habe selbst nur die Teehäuser von Shogunen in Tokyo fotografiert. Die haben dann bereits die Größe einer Villa, trotzdem sind sie sehr viel bescheidener als die Paläste und gehören somit hierher.




1973 besuchte ich Japan zum ersten Mal und bin bei einem deutschen Freund untergekommen, da sein chinesischer Untermieter und seine Freundin gerade nicht da waren. Es gab in dieser Wohngeminschaft ein Küche/Eßzimmer mit Dusche und Toilette. Er bewohnte einen Raum mit drei Tatami (畳/たたみ) und der Untermieter den Raum mit zwei Tatami; eine Tatami mißt etwa 180x90 cm. Es war schon damals schwierig eine größere Wohnung in Tokyo zu bekommen und auch eine kleine Wohnung war teuer. Über das Fromat Schneckenhaus (蝸牛的家) hatte ich damals noch nicht nachgedacht.

20 Jahre später fiel mir ein Kapselhotel in Tokyo auf. Mittlerweile nennt man sie  in Deutschland auch als Schließfach- oder Wabenhotels, so jedenfall der Hotelführer für Kapselhotels in Japan [15].
Die Tür dazu kann man übrigens nicht verriegeln. Als Größe darf man sich Höhe und Breite mit jeweils 1 m und Tiefe mit 2 m vorstellen. Bisweilen ist Fernsehen vorhanden. Gepäck bewahrt man in einem wirklichen Schließfach auf. Übrigens reisen Japaner im Land anders. Sie reisen in der Regel für eine kürzere Dauer und damit auch mit weniger Gepäck. Es gibt neben der Kapsel noch  Aufenthaltsräume, Duschen, Toiletten, Waschräume, so daß die Kapsel nur zum Schlafen oder Rückzug gedacht ist.

Ist das noch zu toppen? Aber sicher! Die 8 m² Wohnung in Tokyo. Allerdings ist die Wohnung sehr hoch, so daß ein Bett oberhalb der Wohn-, Küchen- und Badbereiche auf einer Plattform eingerichtet wurde – ich kenne so etwas noch als Hängeboden in Altbauwohnungen in Berlin. Dem Bericht nach beträgt die Miete 600 $ [16]. Autsch!

Zusammenfassend bringt uns Ostasien interessante Aspekte zu Miniaturisierung, Schlichtheit, Wünschen, Nutzungsmöglichkeiten von Wohn-, Arbeits- und Kreativräumen. Der meditative Aspekt wird auch noch zu sondieren sein.



Links und Anmerkungen:
[1] Hinweise auf das Projekt finden sich in der Einleitung: https://rheumatologe.blogspot.com/2024/01/das-winzhaus-einleitung.html
[2] Sprichwort https://www.gutzitiert.de/
[3] Du Fu Thatched Cottage https://en.wikipedia.org/wiki/Du_Fu_Thatched_Cottage – Thatched Cottage läßt mich an die Isle of Wight denken oder an Käse.
[4] Man könnte sie auch Reetdachkate nennen, aber das führt jetzt ins Norddeutsche; ich werde auf die Reetdachkate später noch eingehen.
[5] Das WinzHaus – Zen und Walden https://rheumatologe.blogspot.com/2024/02/das-winzhaus-zen-und-walden.html  
[6]
絕句漫興九首、其三 aus der Kompilation Sämtliche Tang-Gedichte (全唐詩), zitiert nach: https://baike.baidu.hk/item/%E7%B5%95%E5%8F%A5%E6%BC%AB%E8%88%88%E4%B9%9D%E9%A6%96/10748869  [7] Derselbe Mond 一样的月光 / #百萬點閱金曲 #蘇芮
1983年,電影《搭錯車》主題曲
https://www.youtube.com/watch?v=ufAtOoMazjw  
[8] Schneckenhaus 
蝸牛的家 / 蘇芮《東方快車謀殺案》專輯 / 1989年 - https://www.youtube.com/watch?v=2XJuKiXqXJU  
[9] Buddhist Temples https://rheumatologe.blogspot.com/2011/10/buddhist-temples.html
[10] Kisho Kurokawa: Intercultural Architecture. The Philosophy of Symbiosis. Academy Editions, London 1991. ISBN: 185490-036-6.
Das WinzHaus – Einleitung https://rheumatologe.blogspot.com/2024/01/das-winzhaus-einleitung.html
Das WinzHaus – Architektur – erste Annäherung
https://rheumatologe.blogspot.com/2024/01/das-winzhaus-ruckzugsorte_31.html
[11] Franziska Ehmcke: Der japanische Tee-Weg. Bewusstseinsschulung und Gesamtkunstwerk. Dumont, Köln 1991. ISBN 3-7701-2290-9.
Franziska Ehmcke (geb. 1947 in Hamburg) ist eine deutsche Japanologin, die Leiterin der Abteilung Japanologie am Ostasiatischen Seminar in Köln gewesen ist. Sie ist mittlerweile emeritiert. https://de.wikipedia.org/wiki/Franziska_Ehmcke
[12] Sen no Rikyū (
千利休https://de.wikipedia.org/wiki/Sen_no_Riky%C5%AB
[13] Die japanische Aussprache von
茶道 – sado – erzeugt im Westen eine falsche Assoziation.
[14] Wabi-Sabi (
侘寂) https://de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi  
[15] https://www.gotokyo.org/de/story/guide/a-guide-to-capsule-hotels-in-japan/index.html
[16] https://www.youtube.com/watch?v=_945t_YIAcU Anfang der 5. Minute geht es los, aber die anderen Tiny Houses sind auch interessant.
[17] Da die Mieterin Ausstralierin ist, könnte es sich auch um A$ handeln.

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Saturday, December 30, 2023

Ein Versuch zur Klassifizierung von chinesischen Teesorten

 



Kapitel 3: Vorläufige Klassifizierung

Ich habe mich bereits längere Zeit mit der Klassifizierung chinesischer Tees beschäftigt und bin immer noch nicht zu einem Abschluß gekommen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß die reine Farb-Klassifizierung die am besten handzuhabende ist. Deshalb stelle ich dieses Zwischenergebnis auf meinen Blog.

Charakteristica

Charakteristica nach Herstellungsverfahren [1] in der Farb-Klassifizierung, wobei die frischen grünen Blätter bereits sortiert und gesäubert sind:
1.Weißer Tee
Bisweilen Welken, Dämpfen, Trocknen, bisweilen vorsichtigen Rollen, weiteres Trocknen.
2. Gelber Tee
Kein Welken, trockene Hitze, feuchte Hitze, Rollen, Trocknen.
3. Grüner Tee
Eher kein Welken, feuchte oder trockene Hitze, Rollen, Trocknen.
4. Schwarzer oder dunkler Tee (kein “Schwarztee“) [2]
Zunächst wie grüner Tee, Lagern, mit Mikroben versetzen, Reifen / Fermentieren.
5. Oolong
Welken, in Körben schütteln, partielle Oxidation abwarten, trockene Hitze, Rollen / Formen, vollständiges Trocknen, u.U. über Rauch.
6. Roter Tee (Schwarztee) [2]
Welken, Quetschen und Oxidation (eher Blatttees), oder CTC (eher Broken, Fannings oder Dust), Rollen, Trocknen ggf. bei starker Hitze (Rösten).


Klassifikation chinesischer Teesorten nach dem Farbsystem
Kommen nur zur exemplarischen Klassifikation chinesischer Teesorten nach dem Farbsystem, wobei sich hier noch Fragen auftun, ob Unterklassifikationen sinnvoll sind, wahrscheinlich ja (siehe Oolong), und wie umfangreich eine solche Klassifikation sein sollte, um nicht vor lauten Zuordnen durch die Menge den Überblick zu verlieren.

1.
白茶 Weißer Tee
1.1
白毫银针 Baihao Yinzhen Silver Needle tea
1.2 Bai Mudan (white peony)
白牡丹
1.3 Shou Mei tea
壽眉

2.
黃茶 Gelber Tee
2.1 Junshan Yinzhen (
君山銀針) Silver Needle yellow tea.
2.2 Meng Ding Huangya (
蒙頂黃芽)
2.3 Mogan Huangya (
莫干黃芽)
2.4 Beigang Maojian (
北港毛尖) also known by the Tang Dynasty-era name Yōnghúchá (邕湖茶)
2.5 Weishan Maojian (
溈山毛尖):
2.6 Haimagong Cha (
海馬宮茶)
2.7 Da Ye Qing (
大葉青)
2.8 Pingyang Huangtang (
平陽黃湯)
2.9 Yuan'an Luyuan (
遠安鹿苑)

3.
綠茶 Grüner Tee
3.1
西湖龙井 Longjing tea
3.2
洞庭碧螺春 Biluochun tea
3.3
黄山毛峰 Huangshan Maofeng tea
3.4
六安瓜片 Lu'an Melon Seed tea
3.5 Chun Mee (
珍眉)
3.6 Gunpowder tea (
珠茶)
3.7 Taiping Houkui (
太平猴魁)

4.
烏龍茶 Oolong Tee
4.1 Fujian
4.1.1
安溪铁观音 Anxi Tieguanyin tea
4.1.2
武夷岩茶-大红袍 Wuyi tea, e.g., Da hong pao
4.2 Taiwan
4.2.1 Dong Ding
4.2.2 Dongfang meiren – Die Teepflanzen werden vor dem Pflücken vom Jassid oder Blatthüpfer angegriffen.
4.2.3 Alishan oolong
4.2.4 Lishan (
梨山) Oolong
4.2.5 Baozhong – Der am wenigsten oxidierte Oolong Tee Taiwans)
4.2.6 Ruan zhi
4.2.7 Jin Xuan
4.2.8 Schwarzer Oolong – Röstaromen ähnlich Kaffee.
4.2.9 Gaoshan
4.2.10 Tieguanyin – aus Muzhya in der Nähe von Taipei.

5.
紅茶 Roter Tee / Schwarztee
5.1
祁门红茶 Keemun Schwarztee
5.2 Tǎnyáng-gōngfu (
坦洋工夫)
5.3 Zhènghé-gōngfu (
政和工夫)
5.4 Báilín-gōngfu (
白琳工夫)
5.5 Zhèngshān-xiǎozhǒng (
正山小中種)
5.6 Yínjùnméi (
銀駿眉)
5.7 Jīnjùnméi (
金駿眉)
5.8 Yúnnán-hóngchá (
雲南紅茶)
5.9 Yīngdé-hóngchá (
英德紅茶)
5.10 Jiǔqǔ-hóngméi (
九曲紅梅)
5.11 Rìyuè-tán-hóngchá (
日月潭紅茶)

6.
黑茶 Schwarzer Tee / Fermentiert
6.1
云南普洱 Yunnan Pu'er
6.2 Liu an lan cha (
安徽六安籃茶)
6.3 Liu bao cha (
廣西六堡茶)
6.4 Qing zhuan cha (
湖北青砖茶)
6.5 Fu zhuan cha (
湖南茯磚茶 / 黑茶)
6.6 Lu bian cha (
四川路边茶)
6.7 Zang cha (
藏茶)
Ziegeltee für Tibet.
6.8 Pu'er cha (
雲南普洱茶)

7. Interessante Punkte – oder was noch übrig bleibt
7.1 Vor der Ming-Dynastie mehr Ziegeltee als Blatttee.
7.2 Die Schreibweise von Varietäten spiegelt häufig den englischen Sprachgebrauch und die historische oder südchinesische Aussprache wider und nicht das offizielle moderne Pinyin, zum Beispiel: Bohea (
武伊茶 wǔyí chá), Congou (公夫 gōngfu), Hyson (西春茶 xīchūn chá), Souchong (拉普山小種 Pushan souchong (lāpǔshān xiǎozhǒng), Chunmee (珍眉 zhēnméi), Sowmee (秀眉  xiùméi), Pekoe (白毫 Báiháo), Keemun (祁門紅茶 Qímén Hóngchá).
7.3 Nicht aufgenommen werden
7.3.1 Chrysanthemen Tee
7.3.2 Jasmine tea (
茉莉花茶,香片) – obwohl auch bei uns bekannt.
7.3.3 Kuding tea (
苦丁茶) – ein bitterer Kräutertee, den ich von fliegenden Händlern im Winter auf der Straße (Taipei) angeboten kenne.
7.3.4. Medizinische Tees

Halten wir fest:

  • dies ist ein work in progress
  • die einzelnen Teesorten unterhalb der Farb-Klassifikation müßten untersucht werden
  • weitere Teesorten könnten dazukommen
  • welche Teesorten sind erhältlich – egal wie schwierig?
  • sind weitere Untergruppieren sinnvoll?



Links und Anmerkungen:

[1] Die Verfahren der einzelnen Teesorten können abweichen. Dies ist nur eine Übersicht, die einige Kanten hat glätten müssen.
[2] Hier gilt die chinesische Einteilung in rote Tees, die bei uns Schwarztees benannt werden, und schwarze Tees, die bei uns nicht zusammengefaßt werden und wirklich fermentiert sind. Schwarztee wird leider im Westen häufig als fermentiert angesehen, aber das ist sachlich falsch, es findet eine Oxydation statt.
Die folgenden Artikel, fast alle Wikipedia, habe ich für die Recherchen genutzt:
https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_tea   
https://en.wikipedia.org/wiki/Treatise_on_Tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Yellow_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/White_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Baimudan_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Shoumei_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Baihao_Yinzhen  
https://en.wikipedia.org/wiki/Green_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Fermented_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Oolong  
https://www.puercn.com/czs/cybk/21412.html  
https://en.wikipedia.org/wiki/Black_tea
https://de.wikipedia.org/wiki/Keemun
https://en.wikipedia.org/wiki/Pu%27er_tea  
https://en.wikipedia.org/wiki/Compressed_tea
https://de.wikipedia.org/wiki/Kuding-Tee
Außerdem noch das Buch:
Jane Pettigrew: Tee. Das Handbuch für Genießer. Benedikt Taschen Verlag GmbH, Köln 1998. ISBN: 3-8228-7595-3.

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Wednesday, October 25, 2023

Otto Rheinwalds Reise in die Innere Mongolei von 1931 - eine Buchbesprechung

 


Da ich bereits zweimal die Mongolei besuchen konnte und ich sowieso gerne alte Reiseberichte lese, hat mich die Lektüre von Otto Rheinwalds Reise in die Mongolei im Sommer 1931 [1] besonders interessiert.

Otto Rheinwald lebte von 1902 bis 1941. Er starb in Stuttgart an einer Sepsis. Eine umfangreiche Biographie befindet sich im Buch. Er lehrte Deutsch, Geschichte und Englisch, promovierte 1926 zum Dr. phil. und war ab 1929 in Shanghai tätig. Er sprach 1931 ein wenig Chinesisch, und wenn ich das Buch als Grundlage nehme, lag es auf dem Einsteiger-Niveau [2]. Andererseits sind Chinesen noch heute fasziniert, wenn ein westlicher Ausländer nur ein wenig Chinesisch spricht.

Was hat Rheinwald in den etwa 13 Wochen besucht? Einen Großteil der Reise war er in nordchinesischen Provinzen unterwegs. Die Innere Mongolei (
內蒙古/內蒙古) ist ein chinesischer Begriff, denn vom mongolischen Kerngebiet aus gesehen ist sie das östliche Randgebiet. Allerdings ist die Innere Mongolei mit 1,2 Mill. km² über dreimal so groß wie das heutige Deutschland. In diesem Gebiet war er etwa vier Wochen unterwegs. Je weiter weg Beijing oder Kalgan er kam, desto beschwerlicher wurde die Reise und auch die Planung, da man damals solche Reisen nicht buchen konnte. Gerade durch diese Erfahrungen wird das Buch besonders wertvoll. Wir sind es heute gewohnt, daß alles klappt und wenn die deutsche Bahn eine Stunde Verspätung hat, dann glüht das Internet. Damals mußte man warten können, bis sich wieder eine Transportgelegenheit ergab.

Die Strecke von Otto Rheinwald und seinem Mitreisenden Wilhelm Sacklowski ist mir nicht klar, aber ich muss zugeben, daß ich auch bei eigenen Reisen nicht immer die genaue Strecke festgehalten habe. Immer hin werden z.B
. Dolonor (多伦淖尔镇/多倫淖爾鎮) und Taibusü wird wahrscheinlich heute Taibus-Banner (Taibus Qi / 太仆寺旗) [3] sein. Damit kann man ungefähr die Region abstecken, in der sich die beiden Reisenden befanden. Es handelte sich um eine Studienreise, nicht um eine Forschungsreise. Trotzdem kann der historisch interessierte Leser viel aus den reichhaltigen Fußnoten mitnehmen. Es geht dabei eben nicht um Kartographie, Geologie, Zoologie, Botanik und Ethnographie sonder um Beziehungen, um Menschen, die getroffen wurde.

Otto Rheinwald hat sich mit seinem Reisebericht an die Chinadeutschen in China oder auch in Deutschland gewendet, aber ich meine, sie sind auch für ein größeres Publikum lesenswert. Schade nur, daß es keine Bilder zum Bericht gibt [4].


Links und Anmerkungen:
[1] Otto Rheinwald: Reise in die Mongolei (Sommer 1931) [sowie nach Peking, Kalgan, Yüngan, Peitaho, Jehol und auf den Taischan vom 27. Juni bis zum 18. September 1931]; in: Studien, Quellen und Perspektiven zum Leben der Deutschen in Ostasien Bd.6, Hg. Studienwerk Deutsches Leben in Ostasien (StuDeO), bearbeitet von Dr. Rainer Falkenberg. München 2023. https://studeo-ostasiendeutsche.de/
[2] Über seinen Reisebegleiter Sacklowski schreibt Rheinwald: „... spricht gut chinesisch ...“; a.a.O. S. 9; außerdem war Sacklowski bereits mehrfach in der Inneren Mongolei.
[3] Banner ist eine Verwaltungseinheit.
[4] „Da Rheinwald ein begeisterter Photograph war, hinterließ er auch unzählige Photos. Leider standen mir diese Photos nicht zur Verfügung, so daß eine Aufnahme in seine Reiseberichte nicht erfolgen konnte.“ Dr. Rainer Falkenberg, a.a.O., S. 7.
Das Bild ist in der Republik Mongolei aufgenommen worden und ich wurde von S. 57 inspiriert. Aber ich weiß nicht, ob die Innere Mongolei so aussieht. Da werden Leser wie auch ich doch einmal hinreisen müssen.

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Tuesday, March 7, 2023

The Grand Tour – Peking Himmelstempel, 1420


Harry Seidler [1] zeigt in seinem Buch auf einer Seite den Himmelstempel und schreibt dazu: „Bunt bemaltes Schnitzwerk an den Deckenbalken des runden Tempels.“ Das Bild ist durch einem Torbogen von der Seite aufgenommen. Es sieht ganz anders aus als das Bild, das ich hier voran gestellt habe. Der Grund liegt darin, daß Seidel die Halle des Himmelsgewölbes zeigt und das Bild von mir ist eine Ansicht der Halle der Ernteopfer. Wenn man die beiden Bilder hier am Schluß hinzuzieht, sieht man, daß auch vor 30 Jahren schon viele Menschen diesen Ort besichtigt haben.

Der Himmelstempel (Tiantan 天壇) liegt in Beijing (北京市) [2] etwas südlich von der verbotenen Stadt. Die Anlage weist Quadrat und Kreis als architektonische Elemente auf, die einen symbolischen Charakter. Der Kreis bezieht sich auf den Himmel und das Quadrat auf die Erde. Die  Tempelanlage wurde während der Ming Dynastie (明代) zwischen 1406 bis 1420 errichtet. 1998 wurde das Bauwerk in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO aufgenommen. liegt. Zweimal im Jahr zog der Kaiser mit seinem Gefolge dorthin. Sie alle verzichteten auf Fleisch und trugen während dieser Zeit spezielle Roben. Der Kaiser brachte ein Opfer dar, das eine gute Ernte garantieren sollte. Gewöhnliche Chinesen durften diese Zeremonie noch nicht einmal sehen. Der kleinste Fehler konnte ein schlechtes Omen nach sich ziehen. Man nahm an, daß bei der Zeremonie zur Wintersonnenwende der Fehler sich auf das gesamte kommende Jahr auswirken würde.

Seidel zeigt die kreisrunde „Halle des Himmelsgewölbes“ (皇穹宇), wobei er eine interessante Ansicht durch einen Torbogen gefunden hat. Dir Halle ist von einer kreisförmigen Mauer umgeben, die durch die Form Schallwellen an der Mauer entlanggeführt, so daß sie überall an der Mauer wahrgenommen werden können. Wir kennen dies im Westen als Flüstergewölbe; ein gutes Beispiel ist die Flüstergalerie in der St Paul‘s Cathedral in London.

Das für die Zeremonie wichtigere Gebäude ist die „Halle der Ernteopfer“ (祈年殿) bzw. „Halle des Erntegebets“ (大祈殿). Der imposante Rundbau (36x38m) steht auf einer dreistufigen Marmorterrasse. Das alte Gebäude brannte 1889 ab und wurde 1890 neu errichtet. Dieser Tempelbereich diente besonders für die Opfer im Frühjahr (Ernte).

Ich zeige hier Bilder aus dem Jahr 1991. Ein weiteres Bild ist vor dem eigentlichen Eingang aufgenommen worden. Fast hätte ich es, so romantisierend wie Seidel, nicht gezeigt.





Links und Anmerkungen:
[1] Auftakt und Buchbesprechung hier: https://rheumatologe.blogspot.com/2022/06/the-grand-tour-buchbesprechung-und.html
Harry Seidler: The Grand Tour - Reise um die Welt mit dem Blick des Architekten. Taschen GmbH, Köln 2004. ISBN: 3-8228-3871-6
[2] https://en.wikipedia.org/wiki/Temple_of_Heaven und https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelstempel


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Thursday, February 23, 2023

Ein Versuch zur Klassifizierung von chinesischen Teesorten


Kapitel 2.2.: Geologische oder klimatologische Besonderheiten


Bei den Recherchen zur Klassifizierung kam ich über den Longjing Tee (龍井茶) dazu, über geologische oder klimatologische Besonderheiten nachzudenken. Im englischen Wikipedia Artikel zu chinesischem Tee [1] kann man lesen: „... due to the weather in their growing regions. Because the cold season comes earlier to the mountains, there is abundant snow in the winter, hence the tea plants germinate later.“ Daher kommt die Idee, sich mit diesen Besonderheiten  zu beschäftigen. Mir war schnell klar, daß die wesentlichen Faktor für Teesorten in den Unterschieden der Teeverarbeitung nach der Ernte der Teeblätter liegen.
Die einzelnen Landschaften und ihr Klima beeinflussen den Tee, aber es weniger wichtig, ob später ein halbfermentierter oder vollfermentierter Tee daraus wird. Auch gibt es keine Teesorten, die z.B. als Schnee-Tee quer durch die Landschaften gehen würden.

Ich ging dann der Frage nach, in wie weit wild wachsende Teesträucher bzw. Teebäume eine Rolle spielen könnten. Die wissenschaftliche Grundlage ist spärlich. Immerhin wird auch Tee von Teesträuchern, die in der Wildnis wachsen gesammelt. M. Chowaniak und Kollegen haben solche Wildtees mit Kulturtees verglichen [2]. Sie schreiben in ihrem Abstract: „Wild tea was characterized by higher micronutrient concentration.“ Das klingt so ert einmal gut, aber dahinter verbergen sich höhere Gehalte an Aluminium und Nickel. Nickel ist als Schwermetall in der Ernährung kritisch zu bewerten, aber wahrscheinlich in Spuren notwendig, aber zusätzlich benötigen wir es nicht. Aluminium läßt sich als dritthäufigstes Element der Erdkruste überhaupt nicht vermeiden. Aluminium steht besonders als Auslöser von Demenz in der Diskussion. Das spricht jetzt nicht gegen den Genuss von Wildtees, aber es kann auch kein Argument für Wildtees sein. Der Abstract endet mit: „The analyzed cultivated tea was a better source of antioxidants with a higher concentration of caffeine. There were no indications of health risks for wild or cultivated teas.“ Die Arbeit hatte übrigens nicht den Gehalt von Pestiziden untersucht; ob allerdings ein Unterschied zwischen Bio-Kulturtee und Wildtee besteht, sei dahingestellt. Aber nach diesen Abschweifungen ist auch das Kriterium Wildnis ungeeignet für den Zweck einer Klassifikation.

Geologische oder klimatologische Besonderheiten können für eine Teesorte wichtig sein, aber sie eignen sich nicht zur Klassifizierung.



Links und Anmerkungen:
[1] „... aufgrund des Wetters in ihren Anbaugebieten. Da die kalte Jahreszeit früher in die Berge kommt, gibt es im Winter reichlich Schnee, daher keimen die Teepflanzen später.“ https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_tea  
[2] Chowaniak M, Niemiec M, Zhu Z, Rashidov N, Gródek-Szostak Z, Szeląg-Sikora A, Sikora J, Kuboń M, Fayzullo SA, Mahmadyorzoda UM, Józefowska A, Lepiarczyk A, Gambuś F. Quality Assessment of Wild and Cultivated Green Tea from Different Regions of China. Molecules. 2021 Jun 13;26(12):3620. doi: 10.3390/molecules26123620. PMID: 34199199; PMCID: PMC8231865. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34199199/ Die Arbeit steht auch als Volltext zur Verfügung.


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Friday, January 27, 2023

Ein Versuch zur Klassifizierung von chinesischen Teesorten

 



Kapitel 2.1: Boden und Dünger


Bei den Recherchen zur Klassifizierung kam ich über den Lu'an Tee (六安茶), der auch Lu'an Melonensamen Tee (六安瓜片茶) genannt wird, dazu, über Boden und Dünger nachzudenken. Im englischen Wikipedia Artikel zu chinesischem Tee [1] kann man lesen: „The Lu'an tea from the Bat Cave of Jinzhai County is considered of superior quality, as thousand of bats in the cave can provide an ideal fertilizer for the tea plants.“ Daher kommt die Idee,  sich mit Dünger zu beschäftigen.

Bleiben wir zunächst beim Lu'an Tee. Der kommt natürlich auch im Traum der Roten Kammer vor, wie der Baidu Artikel erwähnt [2]; ich auch schon einmal über Teewasser im Roman Der Traum der Roten Kammer geschrieben [3]. Wie ich aus dem Baidu Artikel und einem weiteren aus Taiwan [4] entnehmen kann, ist der Fledermaus-Kot-Dünger nur eine Vignette, die sich aber überhaupt nicht als Unterscheidungsmerkmal eignet. Vielmehr ist es die komplizierte Art, wie der Tee verarbeitet wird, wobei eine bestimmte, sehr kurze Röstung in der Pfanne eine Rolle spielt, die manuelles Geschick der beteiligten Handwerker erfordert. Und dann spielen noch Verpackung und Ablagerung eine Rolle, so daß der Lu'an Tee sich dann ähnlich dem Pu'er Tee (普洱茶) verändert. Dementsprechend schlägt man im Artikel aus Taiwan auch vor, ihn den schwarzen Tees (黑茶) wie den Pu-er Tee zuzuordnen. Traditionell wurde er gerne gegen Magenbeschwerden getrunken.

Ich habe in PubMed gesucht und 44 Artikel über Tee und Dünger (fertilizers) gefunden. Die stammen nicht nur aus China, sondern auch aus Indien oder dem Iran sowie weiteren Ländern waren Artikel dabei. Die meisten sind von der Verbesserung des Anbaus motiviert.

Ein iranischer Artikel hatte u.a. die Zugabe von Harnstoff untersucht [5]. Man fand mehr Tannin im Tee. Ein chinesische Forschergruppe fand heraus, daß Harnstoff die Verfügbarkeit von Fluor aus dem Boden erhöht (Übersetzung: „Am wichtigsten ist, dass mit CO(NH2)2-Zugabe [Harnstoff] der Gehalt an F im Tee von der ersten bis zur fünften Knospe im Vergleich zu denen ohne CO(NH2)2 signifikant anstieg, ...“ [6]. Das ist allerdings nicht wünschenswert wegen der Gefahr einer Fluorose (Zahn- und Skelettfluorosen, z.B. Wirbelkanalverengungen). In einem weiteren Artikel wurde wild wachsender und kultivierter Tee verglichen [7]. Man fand heraus (Übersetzung): „Der analysierte kultivierte Tee war eine bessere Quelle für Antioxidantien mit einer höheren Konzentration an Koffein.“ Da muss ich gestehen, daß ich genau das Gegenteil erwartet hätte. Ein weiterer Artikel untersuchte die Veränderung der Mikroflora des Bodens [7] (Übersetzung): „Die Verwendung von organischem [Bio-] Dünger erhöhte die relative Häufigkeit von Burkholderiales, Myxococcales, Streptomycetales, Nitrospirales, Ktedonobacterales, Acidobacteriales, Gemmatimonadales und Solibacterales signifikant und verringerte die Häufigkeit von Pseudonocardiales, Frankiales, Rhizobiales und Xanthomonadales.“ Geben Sie es ruhig zu, bei Gemmatimonadales haben Sie an Guiliano Gemma gedacht [8].

Der Dünger kann vielleicht helfen, zwischen Bio-Tees und Tees aus nicht biologischem Anbau zu  unterscheiden, aber das war es auch schon. Ansonsten völlig ungeeignet zur Unterscheidung von chinesischen Teesorten.


Links und Anmerkungen:
[1] https://en.wikipedia.org/wiki/Chinese_tea Übersetzung „Der Lu'an-Tee aus der Fledermaushöhle im Bezirk Jinzhai gilt als von höchster Qualität, da Tausende von Fledermäusen in der Höhle einen idealen Dünger für die Teepflanzen darstellen können.“
[2] https://baike.baidu.com/item/%E5%85%AD%E5%AE%89%E8%8C%B6/3505692  Die entscheidende Stelle lautete: 贾母道:“我不吃六安茶。”妙玉笑说:“知道.这是老君眉。” Übersetzung: „Mutter Jia sagte: „Ich trinke keinen Lu'an Tee.“ Miao Yu erwiderte lachend: „Weiß ich. Das ist Lao Jun Mei [Tee].“
[3] https://rheumatologe.blogspot.com/2021/09/teewasser-im-roman-der-traum-der-roten.html
[4] https://core.ac.uk/download/pdf/249335396.pdf Dieser Artikel ist sehr gut bebildert, so daß er auch für Nicht-Sinologen interessant ist.
[5] Shahram Sedaghathoor, Ali Mohammadi Torkashvand, Davood Hashemabadi and Behzad
Kaviani: Yield and quality response of tea plant to fertilizers. In: African Journal of Agricultural Research Vol. 4 (6), pp. 568-570, June, 2009.  https://academicjournals.org/journal/AJAR/article-full-text-pdf/530485F34006
[6] Long H, Jiang Y, Li C, Liao S, Shi S, Huang C, Zhao S, Li X, Liao Y. Effect of urea feeding on transforming and migrating soil fluorine in a tea garden of hilly region. Environ Geochem Health. 2021 Dec;43(12):5087-5098. doi: 10.1007/s10653-021-00949-4. Epub 2021 Apr 28. PMID: 33913082. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33913082/  
[7] Chowaniak M, Niemiec M, Zhu Z, Rashidov N, Gródek-Szostak Z, Szeląg-Sikora A, Sikora J, Kuboń M, Fayzullo SA, Mahmadyorzoda UM, Józefowska A, Lepiarczyk A, Gambuś F. Quality Assessment of Wild and Cultivated Green Tea from Different Regions of China. Molecules. 2021 Jun 13;26(12):3620. doi: 10.3390/molecules26123620. PMID: 34199199; PMCID: PMC8231865.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34199199/   
[8] Lin W, Lin M, Zhou H, Wu H, Li Z, Lin W. The effects of chemical and organic fertilizer usage on rhizosphere soil in tea orchards. PLoS One. 2019 May 28;14(5):e0217018. doi:  10.1371/journal.pone.0217018. PMID: 31136614; PMCID: PMC6538140.  https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31136614/
[9] Giuliano Gemma, italienischer Schauspieler, 1938-2013. Filme, wie z.B. Auch die Engel mögen’s heiß (Anche gli angeli tirano di destro) bleiben mir in Erinnerung.  https://de.wikipedia.org/wiki/Giuliano_Gemma


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Wednesday, January 18, 2023

Mehr zur Etymologie des Wortes Tee

 



Ich war wieder einmal dabei, im Internet zum Wort Tee zu recherchieren. Davor hatte ich bereits einige Ergebnisse hier veröffentlicht:
- Tee und einige Aspekte aus Sinologie und Linguistik [1]
- Archäologische Funde zum Tee [2]
Aktuell suchte ich die korrekte Transliteration des taiwanesischen [3] Wortes für Tee, da sich das Hokkien Lehrbuch, in dem ich nachschlagen wollte, in Köln und nicht in der Eifel befindet. Ich wurde im Internet nicht sofort fündig, aber ich kam zu einem Artikel zur Etymologie des Wortes Tee und darüber werde ich hier berichten. Ich fand aber auch weiter heraus, daß der Maryknoll-Missionsorden sehr engagiert bei der Übersetzung der Bibel ist und war, denn das Alte Testament ist noch nicht vollständig [4]. Selbstverständlich hat das nichts mit Tee zu, denn zu biblischen Zeiten trank man in Palästina und Europa noch keinen Tee, sondern es führte mich ganz woanders hin, nämlich zu einer amerikanischen Freundin, die damals auch in Taiwan studiert hatte, und später von Maryknoll nach Japan geschickt wurde [5]. Übrigens hatte ich vorgestern keine überzeugende Stelle gefunden, was den Tee angeht und dachte, wahrscheinlich mache ich mir viel zu viele Gedanken und auf Hokkien heißt es einfach tê. Und so ist es auch, denn ich fand ein offiziellen Online-Wörterbuch [6].

Kommen wir nun zu den Wikipedia-Artikeln zur Etymologie von Tee. Der Artikel auf Chinesisch  [7] listet die alten Zeichen und das neue Zeichen auf (hier auch Bopomofo), und dann auch den Text aus dem Chajing [8]:
    chá/ㄔㄚˊ, allgemeine Bezeichnung und Bezeichnung des Tees der ersten (frühen Pflückung)
    tú/ㄊㄨˊ, die alte Bezeichnung
    míng/ㄇㄧㄥˊ, letzte Pflückung
    jiǎ/ㄐㄧㄚˇ
    shè/ㄕㄜˋ
    chuǎn/ㄔㄨㄢˇ, alte Teeblätter.
Interessant finde ich den Hinweis, daß heute noch ming () und cha () benutzt werden und auch die Zusammensetzung als cha ming (茗茶) nachweisbar ist [9].

Der Artikel auf Deutsch [10] bringt nicht viel Neues und unterscheidet sich nur wenig vom Artikel auf Englisch [11]. Aber sie bieten eine Vielzahl von Informationen, von denen ich einige hervorheben will. Den längeren Text kann man in den Originalen nachlesen.

Die botanischen Heimat der Teepflanze liegt in Gebiet Südwestchina (Yunnan/ 雲南) und das angrenyende Burma – in diesen Bergregionen leben sehr viele, sehr unterschiedliche Ethnien, die austro-asiatische, tibeto-burmesische und Thai-Sprachen sprechen. Die Bergregion ist dort zerklüftet und immer noch schwer bereisbar; jedenfalls erlebte ich da so vor 25 Jahren. Das chinesische Wort für Tee könnte von einem austro-asiatischen Wurzelwort *la (Blatt) abgeleitet worden sein. Lamet bedeutet im Burmesischen fermentierte Teeblätter. Miang ist das Pendant in Thai; und es taucht auch in Lan Na auf. Erst  während der Tang-Dynastie wurde aus tu () cha () und dieses Zeichen bezieht sich ausschließlich auf Tee. Es kann sein, daß diese Unterscheidung notwendig wurde, da tu () bereits die Lautung cha (bzw. ähnlich) in der gesprochenen Sprache hatte; damit hatte man man eine Unterscheidung zwischen Tee () und bitterem Gemüse, was tu () ebenso bedeutet konnte [12]. In der Neuzeit hat sich das Wort über die Welt verbreitet und man könnte darüber eine Kultur- aber auch eine Kolonialgeschichte schreiben. Über die Seidenstraße (Landweg) verbreitete sich der Wurzellaut cha und über den Seeweg der Wurzellaut te.

Ich habe hier die Bezeichnungen für Tee in verschiedenen Sprachen, die ich früher zusammengetragen habe [1], ergänzt:
Abchasisch: achaj (ачаи)
Afrikaans: tee
Albanisch: çaj
Amharisch: shai (ሻይ)
Arabisch: schai
Aramäisch / Neo-Aramäisch: chai
Armenisch: t'ey (թեյ)
Assamesisch: sah (চাহ)

Asturisch: té
Aymara: pulu
Baskisch: te  
Bengalisch: châ / cā (চা)
Birmanisch: laathpaatrai
Bhutanesisch (Dzongkha): ja
Bislama: ti und lifti
Bosnisch: čaj
Bretonisch: te

Bulgarisch: chai (чай)
Bunun: savil (austronesische Sprache auf Taiwan, ähnlich wie Thao)
Burmesisch: lapet
Buruschaschki: chai
Cebuanisch: tsá
Chinesisch: chá ()
Dänisch: te
Deutsch: Tee
Elbisch: im Elbischen gibt es keinen Tee, aber tê bedeutet Linie, Weg
Englisch: tea
Esperanto: teo
Estnisch: Tee
Faröisch: te
Fiji: ti
Finnisch: tee
Französisch: thé
Gälisch (Irisch): té
Gälisch (Schottisch): tì
Galizisch: té
Georgisch: ti (ჩაი)
Griechisch: tsai (τσάι)
Gujaratisch: chā (ચા)
Hakka: chhà ()
Hausa: shayi
Hawaiianisch: ki
Hebräisch: te (תה)
Hindi: chai (चाय)
Hmong: tshuaj yej
Hokkien (泉漳片/閩南語): tê ()
Ido: teo
Indonesisch: teh
Isländisch: te
Italienisch: tè
Japanisch: cha (茶, ちゃ)
Javanisch: teh
Jiddisch: tey
Judaeo-Spanisch: chai (צ'יי )
Kambodschanisch: dtik-dtae
Kapampangan: cha (austronesische Sprache auf der philippinischen Insel Luzon)
Kannada:  ṭīsoppu (ಟೀಸೊಪ್ಪು)
Kasachisch: shay
Kaschubisch: arbata
Katalanisch: te
Khasi: sha (Gruppe der Mon-Khmer-Sprachen)
Khmer: tae (តែ)
Kinyarwanda (Ruandisch): icyayi
Kirgisisch: chay
Klingonisch: dargh
Kohistani: chai
Koreanisch: ti () und cha ()
Kroatisch: čaj
Kurdisch Kurmanji: çay
Ladakhi: cha
Laotisch: namsah auch ຊາ /saː˦˥/  [13]
Lateinisch: thea
Leonesisch: té
Lettisch: Tēja
Limburgisch: tiè
Lingwa de Planeta: chay – Chay kommt aus Hindi; chayguan (Teeraum oder Teehaus) hat guan (bzw. chaguan 茶馆) aus dem Chinesischen. [6]
Litauisch: arbata
Madagassisch: dite
Malaiisch: teh
Malayalam: caya (ചായ) und tēyila (തേയില)
Maltesische: tè
Maori: ti
Marathi: chahā (चहा)
Mazedonisch: čaj (чај)
Mongolisch: tsai (цай)
Marokkanisch(es Arabisch): shay für schwarzen Tee und atay für grünen Tee
Nepalesisch:  ciyā (चिया)
Neuguinea-Pidjin: ti
Niederländisch: thee
Norwegisch: te
Oḍiā: cha'a (ଚା’)
Okzitanisch: tè
Palaung: miang
Paschto: chay
Persisch: chai
Plattdeutsch: Tee [tʰɛˑɪ] und Tei [tʰaˑɪ]
Polnisch: herbata (aus dem Niederländischen herba theeu)
Portugiesisch: chá
Punjabi: cha (ਚਾਅ )
Rarotonganisch: ti
Romani: drab
Rumänisch: ceai
Russisch: tschai (чай)
Sacha: чей (саха тыла / jakutische Sprache)
Samoanisch: ti
Schemaitisch: erbeta
Schwedisch: te
Serbisch: čaj (чај)
Shina: chai
Shona: tii
Sindhi: chahen
Singhalesisch: tē (තේ)
Sizilianisch: tè 
Slowakisch: čaj
Slowenisch: čáj
Somalisch: shaah
Spanisch: té
Suaheli: chai
Sundanesisch: entèh
Tadschikisch: choy (чой)
Tagalog: tsa
Tahitianisch: ti
Tamilisch: tēnīr (தேநீர்)
Tartarisch: çäy (чәй)
Taschkurganisch: choy
Telugu: tēnīr (తేనీరు)
Thailändisch: chaa (ชา), wobei in Lan Na (Nordthailand) mîaŋ (เมี่ยง) benutzt wird
Thao / Sao /  邵語:  puschawil (austronesische Sprache, fast extinkt, auf Taiwan; siehe auch Bunun)
Tibetisch: cha (ཇ)
Tlingit: cháayu (die Tlingit sind ein indigenes Volk Nordamerikas)
Tonganisch: ti
Tschechisch: čaj
Türkisch: çay
Turkmenisch: chay
Uigurisch: chay
Ukrainisch: chay (чай)
Ungarisch: tea
Urdu: chai  
Usbekisch: choy
Vietnamesisch: trà und chà
Volapük: tied
Võro: tii (könnte man auch als Dialekt des Estnischen auffassen)
Wakhi: choi
Walisisch: te
Weißrussisch: harbata (гарбата) und cay (чай)
Westfrisisch: tee
Wolof: senegalesischer Tee: àttaya, normaler Tee: lipton
Xhosa: yeti
Yoruba: tíì
Zulu: itiye
(von intial ca. 106  auf etwa 150 erweitert)
Ich bin gespannt, ob sie einmal vollständig wird.


Links und Anmerkunge
[1] https://rheumatologe.blogspot.com/2022/04/tee-und-einige-aspekte-aus-sinologie.html
[2] https://rheumatologe.blogspot.com/2022/12/archaologische-funde-zum-tee.html
[3] Taiwanesisch (臺灣閩南語) ist besser als südlicher Dialekt der sino-tibetischen Sprache oder des chinesischen Min-Dialektes (閩南語) aufzufassen, der in Taiwan anders gesprochen wird als auf dem Festland. Muttersprachler nennen ihre Sprache Hokkien. Ganz genau steht es bei Wikipedia [3a] Der englische Artikel ist übrigens detaillierter und man erfährt einige interessante linguistische Einzelheiten über die acht Töne und das schwierige System des Sandhi [3b]. Es gibt nicht nur Transkriptionen in Buchstaben sondern auch in japanische Katakana und das chinesische Bopomofo System oder korrekt dem Zhuyin Fuhao (注音符號), das zu den Taiwanese Phonetic Symbols (臺語方音符號) ergänzt werden mußte [3c].  
[3a] https://de.wikipedia.org/wiki/Taiwanische_Sprache
[3b] https://en.wikipedia.org/wiki/Taiwanese_Hokkien
[3c] https://en.wikipedia.org/wiki/Taiwanese_Phonetic_Symbols
[4] „Der Maryknoll-Missionsorden (Latein: Societas de Maryknoll pro missionibus exteris, Englisch: Catholic Foreign Mission Society of America, Ordenskürzel: MM) ist eine Gesellschaft des apostolischen Lebens in der römisch-katholischen Kirche.“  https://de.wikipedia.org/wiki/Maryknoll-Missionsorden  
[5] Die Abschweifung geht dann hier weiter. Ich erinnerte mich deshalb an diese Freundin. Dann erledigte ich meine Einkäufe, und als ich zurückkehrte, fand ich einen Bried von ihr im Briefkasten, übrigens wg. Schneeregens völlig durchnäßt. Während der Brief auf der Heizung trocknete, fuhr ich den PC hoch und siehe da -: Microsoft ändert jeden Tag den Startbildschirm und da war ein Bild von Hawaii. Die ungeduldigen Leser wird anmerken: Na und?! Den geneigten Lesern sei gesagt, daß die besagte Freundin dort seit über 20 jahren wohnt. Abends sortierte ich Foto-Dateien, die ich von APS-Filmen hatte digitalisieren lassen. Und bei den Fotos von Boston 1998 war auch ein Foto von ihr. Ungeduldige und geneigte Leser unisono: Boston??? Boston ist eine Rockband aus Massachusetts – More than a Feeling [5a]. Halt, ich besuchte dort einen Kongress und sie lebte damals dort. So hatte ich vier völlig unverbundene Ereignisse, die meine Erinnerung auf eine Person lenkten. „Faszinierend“, würde Mr. Spock sagen, aber hier endet die Abschweifung. Andererseit hat Hildegunst von ...
[5a] https://www.youtube.com/watch?v=t4QK8RxCAwo (für Gänsehaut)
[6] https://web.archive.org/web/20200301132454/https://twblg.dict.edu.tw/holodict_new/  
[7] https://zh.wikipedia.org/wiki/%E8%8C%B6%E5%9C%A8%E5%90%84%E7%A8%AE%E8%AA%9E%E8%A8%80%E4%B8%AD%E7%9A%84%E7%A8%B1%E5%91%BC  
[8]《茶經》云:一曰茶,二曰檟,三曰蔎,四曰茗,五曰荈。早採曰茶,次曰槚,又其次曰蔎,晚曰茗,至荈則老葉矣。蓋以早為貴也。六經中无茶,蓋荼即茶也

„Im Tee-Klassiker heißt es: erstens cha, zweitens tu, drittens she, viertens ming und das fünfte [Zeichen] heißt chuan. Für das erste Pflücken benutzt man cha, das nächste heißt jia, das nächste heißt she und die letzte Pflückung nennt man ming, und bei chuan sind die Blätter alt. Wahrscheinlich ist die erste Pflückung am teuersten. In den sechs Klassikern wird Tee nicht erwähnt. Sicherlich steht tu für das Zeichen cha.“ 
[9] 現今還在廣泛使用的,是“茶”、“茗”這兩個稱呼。近年來,又有“茗茶”一謂。
[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Etymologie_des_Begriffs_Tee   
[11] https://en.wikipedia.org/wiki/Etymology_of_tea
[12] Es gibt im Chinesischen Zeichen, die mehrere Aussprachemöglichkeiten haben, sie werden 破音字 oder 多音字 genannt. https://zh.wikipedia.org/wiki/%E5%A4%9A%E9%9F%B3%E5%AD%97
[13] https://lo.wiktionary.org/wiki/%E0%BA%8A%E0%BA%B2 Eine Liste auf Laotisch - habe ich auch ausgewertet. ພາສາໄອມາຣາ: pulu und ພາສາເບຣຕົງ: te wurden z.B. aufgenommen.

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